Männner und ihre Gesundheit

Eine Sommergrippe wirft Männer aus der Bahn. Doch wenn es drauf ankommt, gehen sie nicht zum Arzt - und riskieren ihre Gesundheit. Warum treiben sie Raubbau mit ihrem Körper?

Männer sind "Gesundheitsmuffel". Sie haben eher Angst vor Haarausfall als davor, krank zu werden. Für sie zählen Leistung und Stärke, und sie sind hart im Nehmen. Was ihrem Körper schaden könnte, darüber machen sie sich kaum Gedanken. Freiwillig zum Arzt gehen sie, wie Untersuchungen zeigen, ungern und möglichst selten. Höchstens im Notfall, wenn ein Bein gebrochen ist oder die Leber ihren Dienst versagt. Während Frauen die Warnsignale ihres Körpers beachten, ignorieren "echte Kerle" sie oft so lange, bis es zu spät ist. Trotzdem behaupten vier von fünf Männern, sie wären bei guter Gesundheit. Und natürlich sind sie der Meinung, genug dafür zu tun. Diskussion ausgeschlossen.

"Männer betrachten ihren Körper als Werkzeug", sagt Professor Frank Sommer, Experte für Männergesundheit am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf. Und dieses Werkzeug wird benutzt, bis es kaputt ist. Erst dann wird ein Monteur, sprich Arzt aufgesucht, damit ein paar notwendige Reparaturarbeiten gemacht werden können. "In sich hineinhören und notfalls ein bisschen kürzer treten, wie es für Frauen selbstverständlich ist – damit wollen Männer nichts zu tun haben", weiß der Androloge aus Erfahrung.

Viele Männer wollen echte Kerle sein - und ruinieren ihre Gesundheit

Dabei hätten sie allen Grund dazu. Die Lebenserwartung der Männer liegt mit 76 Jahren noch immer 5,6 Jahre unter der von Frauen. Bis zum 50. Lebensjahr leidet das vermeintlich starke Geschlecht doppelt so häufig unter Bluthochdruck wie Frauen, mögliche Folgen: Nierenschäden, Herzversagen und Schlaganfälle. Das Risiko, an einer Herz- Kreislauf-Erkrankung zu sterben, ist für Männer dreimal so hoch. Doch Indianer kennen keinen Schmerz. Das haben Männer von klein auf gelernt. Also beißen sie die Zähne zusammen und kämpfen sich weiter durch den Alltag. Hinzu kommt, dass sie offenbar eine höhere Schmerzschwelle haben als Frauen. Sie merken also erst sehr spät oder gar nicht, dass ihnen etwas weh tut. Und nicht selten, so Frank Sommer, sind sie so auf berufliche Ziele konzentriert, dass sie meinen, sich nicht mit "Zipperlein" abgeben oder gar Vorsorge betreiben zu können.

So lässt zum Beispiel, wie der DAK-Gesundheitsreport 2007 gezeigt hat, nur jeder vierte Mann die von den Krankenkassen bezahlte jährliche Untersuchung zur Krebsfrüherkennung machen, die für zwei von drei Frauen inzwischen selbstverständlich ist. "Männer bringen lieber ihr Auto zum TÜV, als sich selbst zur Vorsorge anzumelden", sagt DAKChef Herbert Rebscher. Sie haben ein anderes Körperbewusstsein als Frauen und andere Kriterien dafür, was "krank" und "gesund" ist.

Erstaunlich, dass trotzdem häufig schon eine kleine Sommergrippe reicht, um sie aus der Bahn zu werfen. Dann liegen sie, wir kennen es alle, jammernd im Bett und klagen eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung ein. Widerspricht das nicht dem Bild vom starken Mann? "Überhaupt nicht", meint der Androloge. "Natürlich sind wir Männer nicht immer stark. Aber weil wir es so schlecht ausdrücken können, ist ein Schnupfen manchmal die einzige Möglichkeit, Schwäche und Anlehnungsbedürfnis zu zeigen." Experten gehen inzwischen davon aus, dass Männer, genetisch bedingt, etwas anfälliger für Krankheiten sind als Frauen. Allerdings könnten sie ihre Gesundheit mit einer ausgewogenen Ernährung, weniger Belastungen und einer bewussteren Lebensweise entscheidend beeinflussen. Das bestätigen unter anderem Studien der Universität Rostock, die die Lebenserwartung in Klöstern untersucht haben.

Fernab von Alltagsstress, Alkohol und Nikotin leben Männer mehr als vier Jahre länger. Und zudem entspannter. Außerhalb von Klostermauern gelingt Männern kaum ein lebensverlängernder Lebensstil. Denn nach wie vor wird Männlichkeit in unserer Gesellschaft mit Stärke gleichgesetzt. Da heißt es, Gefühle zu verbergen und sich durchzuschlagen. Fatal, dass das eher Alkohol- und Nikotinkonsum begünstigt. 30 Prozent aller Männer zwischen 30 und 64 Jahren – das sind doppelt so viele wie Frauen – trinken laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts mehr, als ihnen guttut. 37 Prozent der über 18-jährigen rauchen regelmäßig, zu harten Drogen greifen Männer sogar zehnmal häufiger als Frauen. Und sie stürzen sich öfter exzessiv in ihre Arbeit. "Wer gefühlsmäßig nicht aus sich herausgehen kann, braucht die Sucht, um sich von seiner inneren Einsamkeit abzulenken", erklärt Dr. Mathias Jung, Paartherapeut aus Lahnstein.

Kein Wunder, dass auch bei Männern in den letzten Jahren seelische Erkrankungen sprunghaft angestiegen sind. Vor allem Depressionen sind verbreitet. Allerdings ist es oft schwierig, sie zu erkennen, weil Männern meist "untypische" Symptome zu schaffen machen. Während Frauen eher traurig und passiv sind, werden Männer aggressiv und wütend. Auch Kopf- und Rückenschmerzen können auf Depressionen hinweisen. Weil Männer jedoch nicht zugeben, unter einer vermeintlichen "Frauenkrankheit" zu leiden, und sich selten einem Arzt anvertrauen, bleibt die Erkrankung lange unerkannt. Nicht ungefährlich! Immerhin sind zwei Drittel aller Selbstmörder Männer.

Männer lassen sich inzwischen ihrer Gesundheit wegen auch mal untersuchen

Doch trotz aller negativen Zahlen gibt es auch einen Lichtblick. Professor Sommer hat die Erfahrung gemacht, dass langsam Bewegung in die Riege der Supermänner kommt: "Vor 20 Jahren gingen nur etwa 12 Prozent aller Männer regelmäßig alle zwei Jahre zum Check-up. Inzwischen sind es immerhin schon 20 Prozent. Da gibt es noch viel Entwicklungspotenzial, aber der Trend ist positiv." Dabei ist die Motivation, die Männer in die Praxis treibt, unterschiedlich. Partnerinnen, die sie drängen, etwas für ihre Gesundheit zu tun, erreichen allerdings kaum etwas. Männer müssen den Entschluss schon selbst fassen. "Viele wollen nicht so werden wie ihre Väter, andere möchten ihre Kinder aus zweiter oder dritter Ehe aufwachsen sehen", sagt Frank Sommer. Und wenn sie dann Tabellen und Diagramme ihrer Blutwerte und Körperfunktionen in der Hand haben, fällt es ihnen meist nicht mehr schwer, in einen täglichen Wettstreit mit ihrem Körper zu treten.

Buchtipp: Frank Sommer und Michael Schophaus: "Steh deinen Mann! Die besten Tipps für Gesundheit, Sex und Lebensglück", Kösel Verlag, 176 S., 17,95 Euro Mathias Jung: "Reine Männersache",Emu Verlag, 281 S., 15,80 Euro

Text: Ulrike Hilgenberg Foto: Getty Images
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