Läuft ?s rund?

Wenn Gesundheitsschuhe trendy werden: Seit Neuestem rennen selbst Hollywoodstars in den unförmigen Tretern der Firma MBT herum. Die versprechen ein Gehgefühl "wie barfuß auf Wüstensand" - vor allem aber Abhilfe bei Rückenschmerzen und Verspannungen.

Warum haben fast alle Frauen spätestens nach einer halben Stunde auf einem festlichen Stehempfang ein gequältes Lächeln im Gesicht? Nein, es ist nicht, weil der Smalltalk-Partner zum wiederholten Mal erzählt hat, wie gut die Geschäfte in China laufen. Sondern weil ihnen die Füße weh tun. Es ist schon paradox: Kein Körperteil wird stärker belastet, bei jedem Schritt muss der Fuß mindestens einen Zentner Gewicht oder noch mehr nach vorn bewegen. Und was machen wir zum Dank dafür? Stecken ihn in total unphysiologische, hochhackige, unbequeme Gefängnisse aus Leder, die wir abends zu Hause als Erstes von uns schleudern. These boots are made for walking? Schön wär's.

Jetzt schlägt allerdings die kleine Gegenbewegung der Gesundheitsschuhe wieder mal zurück: Nachdem bereits Birkenstock-Schuhe zum Lifestyle-Objekt erklärt wurden und bunte Crocs aus Gummi mindestens eine Saison lang auch außerhalb von Krankenhäusern getragen wurden, sieht man nun immer öfter erwachsene Menschen auf klobigen, turnschuhähnlichen Objekten - nun ja, nicht wirklich gehen, sondern eher entlangschaukeln.

Gesundheitsschuhe: Chapa, Kafala, Kisumu, Lami

MBTs heißen diese plateauartigen Turnschuhe, eine Abkürzung für "Massai Barfuß Technologie". Denn ungefähr so soll man sich darin fühlen: wie ein Massai, der barfuß im Wüstensand läuft - sanft abrollend anstatt grob aufstampfend, auf weichem Naturboden statt auf hartem Straßenasphalt. Möglich macht es im Wesentlichen eine Art weicher Stoßdämpfer im Fersenbereich und eine gebogene Sohle. Das Gehen darauf soll, so die Firma, gesund und ursprünglich sein. Denn der Massai mag zwar auch seine Probleme haben, aber Rückenschmerzen, Nackenverspannungen, Hüft- und Kniebeschwerden - die alltäglichen Leiden der Straßenschuh tragenden Industriestaatler - gehören wohl eher selten dazu.

Jennifer Aniston und Madonna tragen MBT-Schuhe

Mittlerweile finden sich die 200-Euro-Treter nicht mehr nur an den Füßen von Rekonvaleszenten, sondern auch an denen von, zum Beispiel, Jennifer Aniston, Madonna und Arnold Schwarzenegger. Wenn sich Menschen im Fokus der Öffentlichkeit damit auf die Straße trauen, dann können wir das schließlich auch. Oder nicht?

Einziges Problem: Die Schuhe sind, geradeheraus gesagt, hässlich. Da kann sich die Firma noch so sehr Mühe geben, das Ganze in poppiges Turnschuhdesign zu verpacken und unter fl otten Namen wie "Chapa GTX" anzubieten: Jede Kombination der klobigen Dinger mit halbwegs eleganten Hosen wirkt jämmerlich, mit Röcken geht es schon mal gar nicht. Zwar gibt es neuerdings auch etwas fl achere "Casual"-Modelle für den Straßenschick, aber das sieht erst recht aus wie gut gemeint und nur halbgut hingekriegt. Dann lieber offensive Hässlichkeit.

Das Gute dagegen: Man fühlt sich mit den Schuhen sofort zehn Zentimeter größer. Nicht nur wegen der dicken Sohle, sondern weil sich der ganze Körper tatsächlich spürbar aufrichtet - ein schlurfendschlaffer, vornübergebeugter Gang ist auf der runden Konstruktion einfach nicht mehr möglich, da man sonst droht umzufallen. So kommt man zwar einigermaßen flott voran, von einem befreiten Barfußlaufgefühl kann dennoch keine Rede sein: Schließlich hat man buchstäblich einen Klotz an jedem Bein. Von MBT-erfahrenen Bekannten bekommt man allerdings durchweg aufmunternde Durchhalteparolen zu hören: "Ich finde die Schuhe klasse, ich hab nach dem Skiunfall nichts anderes getragen, die haben richtig gegen die Schmerzen geholfen." Und da Gesundheit immer noch wichtiger ist als Eitelkeit: Tschüs, sexy Pumps und guter Stil, hallo, gesunde Schuhe für jeden Tag, schmerzfreie Füße und gestärkter Rücken?

MBT-Schuhe sind gut für den Rücken

Dr. Jürgen Eltze, Orthopäde aus Köln und Experte für orthopädisches Schuhwerk, sagt: "Am gesündesten ist es natürlich, barfuß auf Waldboden zu gehen. Die zweitbeste Lösung für gesunde Füße sind flache, festsitzende Schuhe mit fl exibler Sohle, zum Beispiel Turnschuhe ohne große Dämpfung." Die Ermahnungen von früher, Turnschuhe nicht ständig zu tragen, hatten also keinerlei gesundheitliche Gründe, sondern ausschließlich politisch-moralische.

Gesundheitsschuhe: Tataga, Habari, Changa, Barbara

MBT-Schuhe empfiehlt Dr. Eltze ebenfalls - aber mit Einschränkungen: "Die Schuhe können tatsächlich langfristig die Haltung verbessern, da man darin nicht stabil auf dem Boden steht, sondern ständig kleine Ausgleichsbewegungen machen muss und so die Stütz- und Haltemuskulatur gefordert wird. Aber wie bei jedem anderen Training auch ermüden die Muskeln nach einiger Zeit. Ermüdete Muskeln können die Gelenke nicht mehr ausreichend stützen, und ab da wird das Gehen in den Schuhen kontraproduktiv." Michael Richter, fachlicher Leiter der Abteilung Physiotherapie vom Hamburger "Rückenzentrum am Michel", ist derselben Meinung: "MBTSchuhe sind durchaus empfehlenswert, vor allem für Beschwerden im unteren Rückenbereich - aber wirklich nur, wenn man sie als Trainingsgerät ansieht und nicht ständig wie ein normales Paar Schuhe trägt." Er rät, MBTs nur ab und an gezielt zur Muskelkräftigung einzusetzen. Für den alltäglichen Gebrauch seien dagegen fl ache, gut sitzende Turnschuhe auch für Rückenpatienten die erste Wahl. Ansonsten tut Abwechslung gut: oft fl ache Schuhe, zwischendurch immer mal barfuß laufen, dann sind gelegentlich sogar Pumps erlaubt.

"Natürliches Gehgefühl" ist derzeit im Trend, und immer mehr Hersteller springen darauf auf: So se -hen die Schuhe der Firma Biodyn aus wie normale Straßenschuhe, haben aber eine Art "abgemilderte" MBT-Sohle für einen leichten Trainingseffekt im Alltag. Und konnten Laufschuhe früher gar nicht genug gedämpft und gepolstert sein, hat nun selbst hier eine Art Abrüsten stattgefunden: In extrem leichtgewichtigen Schuhen mit dünner und ganz flexibler Sohle, wie zum Beispiel den "Free"-Modellen von Nike, soll man sich auch beim Joggen gelegentlich so barfuß wie möglich fühlen.

Letztendlich aber, sagt Physiotherapeut Michael Richter, seien gute Schuhe zwar wichtig, aber längst nicht das A und O: "Die Hauptursache für die meisten Beschwerden ist nicht das Gehen in falschen Schuhen, sondern dass viele Leute sitzende Berufe haben und sich gar nicht mehr bewegen. Selbst wenn man 20 Kilometer in billigsten Espadrilles läuft, hat man weitaus mehr für seine Gesundheit getan als jemand, der gar nicht losgegangen ist." Ob nun wie ein Massai oder nicht: Hauptsache, laufen.

Text: Sonja Niemann Illustration: Daniel Egneus
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