Was die Nacht mit uns macht - fünf Frauen erzählen

Mysterium Nacht: Wenn der Tag geht, beginnt die Zeit der Geister und Dämonen, der Freiräume und Fantasie, der Melancholie und Magie. Die einen lieben sie, die anderen fürchten sie. Fünf Frauen erzählen über sich und die Dunkelheit.

"Ich freue mich auf meine Träume"

Ully Behrendt, 47, Inhaberin der Agentur fbi - Werbung für Essen und Trinken

Nachts ist bei mir im Traum oft eine Superparty, ohne Kater am nächsten Morgen. Ich schlafe gern ein, weil ich mich darauf freue. Als Kind habe ich immer gedacht, ich komme von einem anderen Planeten und wurde auf die Erde geschickt, um die Bewohner in unserem Dorf zu beobachten. So habe ich auch geträumt. Nachts war ich entweder in einem Raumschiff oder lag im Bett und habe im Traum alles erzählt, was mir tagsüber passiert war. Ich habe genau beschrieben, was ich beobachtet habe, fast wie eine Wissenschaftlerin. Das war für mich völlig selbstverständlich, ich bin davon ausgegangen, dass jeder so träumt.

Inzwischen habe ich ganz private Orte, an denen ich im Traum immer wieder bin. Es ist zwar Hamburg, aber im Riviera-Look und mit gutem Wetter. Es gibt eine richtige zweite Lebensebene im Traum, da sehe ich oft auch Tote wieder, und wir haben Spaß zusammen. Am nächsten Morgen kann ich die komplette Geschichte erzählen und habe den ganzen Tag über immer wieder kleine Momente, in denen ich ein schönes Gefühl habe: "War das cool!" Im Traum bin ich frei von Moral und allen Zwängen, bin nie arm oder reich, weil das da alles keine Rolle spielt. Da bin ich komplett im Frieden mit der Welt.

"Nachts habe ich Zeit für mich, aber ich brauche auch meinen Schlaf"

Karen Matthiesen, 31, Eventmanagerin in Elternzeit

Wenn die Kinder im Bett sind, komme ich endlich zu allem, was tagsüber nicht möglich ist: mit einer Freundin reden, ein Glas Wein trinken, mich an die Nähmaschine setzen, Hörbücher hören. Eigentlich bin ich eher ein Nachtmensch. Als ich noch keine Kinder hatte, habe ich oft nachts gearbeitet, war um zwei Uhr noch im Büro und habe spätabends Veranstaltungen betreut. Ich gehe sogar jetzt selten vor Mitternacht ins Bett. Es ist schön, dass man nachts seine Ruhe hat und von anderen Menschen nicht behelligt wird, aber man kann nachts auch niemanden anrufen. Da bin ich dankbar fürs Internet, damit kann ich spät noch Mails schreiben oder online einkaufen, was ich tagsüber vergessen habe.

Manchmal sind die Nächte jedoch einfach zu kurz, gerade, wenn ich sie ein bisschen zu sehr ausgereizt habe und genau dann todmüde bin, wenn das Baby aufwacht und Hunger hat. Meine Nächte sind oft sehr zerstückelt, da habe ich weniger Träume, an die ich mich später erinnern kann, und die Tiefschlafphasen sind zu kurz. Dann bleibt mir nicht genug Zeit, um alles zu verarbeiten, worüber ich tagsüber nicht nachdenken konnte. Früher habe ich sogar in Episoden geträumt, mit Fortsetzung. Heute kann ich manchmal nicht einmal einschlafen, grübele, knirsche mit den Zähnen und fühle mich am nächsten Tag wie von einem Lkw überfahren.

"Ich mag nicht ins Dunkle gucken"

Katrin Becker, 43

Der Gedanke, dass mich nachts in der Dunkelheit jemand sieht, den ich nicht sehe, gefällt mir gar nicht. Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, wir wohnten direkt neben dem Friedhof. Als Kinder war es für uns die größte Mutprobe, sich in der Nacht auf diesen Friedhof zu trauen. Die alten Leute hatten einen merkwürdigen Aberglauben: Wer nach seiner Mutter schlägt, dem wächst nachts die Hand aus dem Grab. Als Mädchen habe ich immer wieder gesucht, ob irgendwo Hände aus den Gräbern ragen. Und oft hörte ich gruselige Geräusche vom Friedhof nebenan. Nachts im Dunkeln konnten Dinge passieren, die bei Licht nicht möglich sind - so schien es mir als Kind. Seitdem kann ich nicht ohne Licht einschlafen. Und bis ich 25 war, bin ich schlafgewandelt.

Als Kind habe ich mal Jacken aus dem Keller geholt, obwohl ich nach Einbruch der Dunkelheit nie in den Keller gegangen wäre. Einmal bin ich auf der Kellertreppe aufgewacht und hatte ein Marmeladenbrot in der Hand, das hat mich furchtbar erschreckt. Als ich studiert habe, wachte ich manchmal morgens auf, meine Zimmertür im Studentenwohnheim stand offen, obwohl ich abgeschlossen hatte, und ich hatte schmutzige Füße. Heute spreche ich ab und an noch im Schlaf, aber unterwegs bin ich nachts zum Glück nicht mehr. Zur Sicherheit trage ich nach wie vor Schlafanzüge. So sehe ich ordentlich aus, falls es doch noch mal passieren sollte.

"Die Nacht verunsichert mich"

Jennifer Heinrich, 39, Autorin und Projektmanagerin

Tagsüber kann ich klar sagen, wer ich bin und was ich sehe. Der Tag hat etwas Beruhigendes, Pragmatisches, Wahres. Die Nacht ist für mich die Zeit der Zweifel, der Sorgen und der Ängste. Wenn ich nachts aus dem Fenster sehe, wird mir beim Anblick des Universums klar, wie zerbrechlich wir Menschen sind. Der Tag gaukelt Stabilität vor, da lässt sich die eigene Wahrnehmung überprüfen. Nachts kann man vor jedem Schatten Angst bekommen. Nachts bin ich ein anderer Mensch. Alles, was ich an Untiefen und Abgründen in mir spüre, verstärkt sich.

Das kann auch Gutes mit sich bringen. Aber wenn ich eine große Spinne sehe, muss ich sie fünf Stunden wie paralysiert anstarren. Am Tag könnte ich mir in dieser Situation viel eher helfen. Wenn ich morgens aufwache, beginnt etwas Neues, was ich gestalten kann. Am Ende des Tages ist diese neue Episode vorbei, ich muss mich der Nacht überlassen, und alles, was tagsüber stattfand, gehört der Vergangenheit an. Die Nacht löst den Tag ab wie der Tod das Leben. Wahrscheinlich ist sie mir deswegen heute noch unheimlich.

"Die Nacht ist viel aufregender als der Tag"

Tania Kibermanis, 40, Autorin

Seit ich mich erinnern kann, liebe ich die Nacht. Als ich Kind war, liefen nachts die spannendsten Filme im Fernsehen. Ich durfte sie nicht sehen, tat es aber trotzdem heimlich. Ich war einfach nicht müde. Nächtelang habe ich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke gemalt oder gelesen, und wenn alles dunkel und still war, wurden die Figuren so groß wie auf einer Kinoleinwand. Ich habe nie verstanden, warum man schlafen soll, wenn das Hirn gerade auf Touren kommt. Tagsüber muss man funktionieren, angezogen, gewaschen und erreichbar sein. Nachts muss man das alles nicht.

Die Nacht steht unter dem Stern der Unvernunft. Die Normalität tritt einen Schritt zurück. Nächtliche Gespräche sind nie oberflächlich und immer ein bisschen pathetisch. Man schämt sich weniger - es ist ja dunkel. Ich habe nachts die schönsten Liebeserklärungen bekommen und gemacht, die absurdesten Entscheidungen getroffen, die gerade deshalb richtig waren, weil die Vernunft dabei im Tiefschlaf lag. Früher bin ich nachts Taxi gefahren, inzwischen schreibe ich. Tagsüber gehen mir irgendwann die Worte aus. Mein Sprachzentrum ist nachtaktiv, mit Einbruch der Dunkelheit marodiert es und will spielen. Meinem Sohn geht es genauso. Scheint erblich zu sein, das Nachteulentum.

Text: Tania Kibermanis Fotos: Anatol Kotte Produktion: Bettina Lambrecht BRIGITTE woman 11/13 Fotoassistenz: Paula Holtz Haare-Make-up: Fee Romero/Kult
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