Kurze Nächte und zu wenig Schlaf

Bekommen Sie zu wenig Schlaf? Prof. Jürgen Zulley, Schlafmediziner am Universitäts- und Bezirksklinikum Regensburg, erklärt, wann zu wenig Schlaf gefährlich werden kann.

BRIGITTE: Wie viel Schlaf brauche ich?

Prof. Jürgen Zulley: Ob Sie mit fünf Stunden auskommen oder mit neun, um sich gut zu fühlen - das müssen Sie selbst herausfinden. Aber eines steht fest: Sie brauchen höchstwahrscheinlich weniger, als Sie denken. Denn am Morgen lässt sich nicht beurteilen, ob man ausreichend geschlafen hat. Entscheidend ist, wie es sich tagsüber anfühlt. Die Zeit des Wachliegens wird nämlich dramatisch überschätzt. Zehn Minuten nehmen viele als eine Stunde wahr. Im Extremfall meinen Betroffene, seit Jahren nur zwei bis drei Stunden pro Nacht zu schlafen. Eine Patientin von uns zum Beispiel: Auch am Morgen nach der Labornacht war sie davon überzeugt. Die Aufzeichnung der Gehirnströme dagegen zeigte einen völlig normalen Schlaf von sieben Stunden.

BRIGITTE: Was passiert, wenn man zu wenig schläft?

Prof. Jürgen Zulley: Eine Drei-Stunden-Nacht kann der Körper locker verkraften. Viele fühlen sich am Tag danach sogar überraschend energiegeladen. Erst nach zwei oder drei Nächten mit zu wenig Tiefschlaf fängt man an, weniger leistungsfähig und gereizt zu sein. Und wer monatelang zu kurz schläft, kann Bluthochdruck, Magen-Darm- und massive psychische Probleme bekommen. So besteht zum Beispiel ein viermal größeres Risiko für eine Depression als bei guten Schläfern. Allerdings scheint es Phasen im Leben zu geben, in denen man besonders gut mit wenig Schlaf klarkommt. Zum Beispiel nach der Geburt eines Kindes. Junge Mütter und Väter haben nur selten unter solchen körperlichen Symptomen zu leiden.

BRIGITTE: Wann fängt die Schlafstörung an? Schon nach zwei oder drei miserablen Nächten?

Prof. Jürgen Zulley: Auch wenn unruhige Nächte für viele sehr schnell zur Belastung werden: Von einer Schlafstörung spricht man erst nach vier Wochen, in denen die Betroffenen jede Nacht schlecht geschlafen haben - und auch nur, wenn die Patienten tagsüber müde sind und sich wenig leistungsfähig fühlen.

BRIGITTE: Und wenn man nachts aufwacht und nicht wieder einschläft?

Prof. Jürgen Zulley: Dann gilt im Prinzip dasselbe: Man sollte alles tun, um sich wohl zu fühlen und entspannen zu können. Vielen hilft es zu wissen, dass das Aufwachen etwas völlig Normales ist. Meist kann man sich zwar nicht daran erinnern, aber wir alle wachen jede Nacht im Schnitt 28-mal auf. Man braucht sich deshalb also keine Sorgen zu machen. Denken Sie stattdessen an etwas Schönes, an den letzten Urlaub oder ein wunderbares Essen zum Beispiel, und sagen Sie sich: Wie angenehm, dass ich noch nicht aufstehen muss. Die positive Sichtweise ist entscheidend. Wenn sich die schlechten Gedanken allerdings nicht vertreiben lassen, kommt Unruhe auf - auch körperliche. Genau dann sollte man tatsächlich aufstehen und zum Beispiel eine Kleinigkeit essen, etwas trinken oder Geschirr abwaschen.

Zu wenig Schlaf? Lernen Sie, gelassener mit Ihren Problemen umzugehen

BRIGITTE: Gibt es eigentlich einen Trick, um morgens besser aus dem Bett zu kommen?

Prof. Jürgen Zulley: Ob wir uns nach dem Aufwachen fit oder zerschlagen fühlen, hängt davon ab, in welcher Schlafphase wir gerade waren. Wer aus dem Tiefschlaf gerüttelt wird, ist mies drauf, denn sein Körper bleibt auf Erholung programmiert. Im REM-Schlaf dagegen ist das Gehirn ohnehin aktiv. Wenn dann der Wecker klingelt, steht man sehr viel leichter auf. Weil der Schlaf nach einem regelmäßigen Schema abläuft, kennt man die REM-Phasen und kann den Wecker entsprechend stellen: nämlich so, dass man entweder fünfeinhalb, sieben oder achteinhalb Stunden schläft. Aber natürlich gibt es Abweichungen von diesem Schema. Deshalb sollte man auch experimentieren, also einfach mal eine viertel Stunde früher bzw. später aufstehen.

BRIGITTE: Was ist für Teilnehmer der Schlafschule die größte Hilfe?

Prof. Jürgen Zulley: Zu lernen, gelassener mit ihrem Problem umzugehen. Wenn man mehr über den Schlaf weiß, verlieren die Nächte etwas von ihrem Schrecken. Und weil man mit diesem Gefühl leichter gute Gedanken zulassen und entspannen kann, schlafen viele danach auch besser. Andere sind zumindest erleichtert zu erfahren, wer ihnen weiterhelfen kann.

BRIGITTE: Soll man mit Schlafproblemen zur Hausärztin gehen?

Prof. Jürgen Zulley: Auf jeden Fall dann, wenn Sie noch nicht genau wissen, warum Sie schlecht schlafen. Gut möglich, dass Sie gemeinsam die Ursache finden. Wenn der hausärztliche Rat keine Besserung bringt und die Probleme zwei bis drei Monate anhalten, ist es Zeit für eine fachärztliche Behandlung. Bei Ein- und Durchschlafstörungen sind Neurologen und Psychiater zuständig, bei Dauerschlappheit oder Schnarchen sind es Internisten, Pneumologen oder Hals-Nasen-Ohren-Ärzte. Falls auch die nicht helfen können, sollte man sich an ein Schlaflabor wenden, um mit einem Schlafmediziner oder einer Schlafmedizinerin zu sprechen.

Interview: Diana Helfrich Foto: Claudia Göpperl
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