Was taugen Nahrungsergänzungsmittel wirklich?

Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente: Das Angebot ist riesig, versprochen wird viel. Aber brauchen wir Nahrungsergänzungsmittel wirklich?

Gesund, fit, leistungsstark - wer möchte das nicht sein? Da wundert es kaum, dass die verlockenden Werbebotschaften für Nahrungsergänzungsmittel auf offene Ohren stoßen. Jede dritte Frau und jeder vierte Mann nehmen in Deutschland laut Nationaler Verzehrsstudie II solche Präparate ein, rund 650 Millionen Euro wurden 2008 dafür ausgegeben. Für viele gehören sie dazu wie das tägliche Brot. Am beliebtesten sind die Mittel bei Menschen zwischen 35 und 50 Jahren. Wohlbefinden und Vitalität sollen sie steigern, Stress und Alterungsprozesse mildern, Krankheiten vorbeugen oder diese sogar lindern. Aber was können sie wirklich? Wir haben mit Experten gesprochen und geben Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was sind Nahrungsergänzungsmittel?

Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente, einzeln oder in jeder erdenklichen Kombination, Pflanzenextrakte von Acerola bis Weißdorn, Aminosäure- und Fettverbindungen, Präparate für Augen, Knochen, Gedächtnis oder Immunabwehr, gegen Stress, Wechseljahresbeschwerden oder Vitalitätsverlust - die Fülle an Dosierungen, Inhaltsstoffen und versprochenen Wirkungen ist für Verbraucherinnen kaum zu überblicken, geschweige denn zu überprüfen. Mehrere tausend Präparate füllen die Regale in Apotheken, Drogerien, Supermärkten und Reformhäusern, das Internet bietet zusätzlich vieles, was in Deutschland nicht erhältlich ist. Die Kapseln, Tabletten oder Tropfen sehen aus wie Medikamente. Rechtlich sind Nahrungsergänzungsmittel (NEM) aber Lebensmittel, sie müssen kein Zulassungsverfahren durchlaufen. Die Hersteller müssen weder die Wirksamkeit durch Studien nachweisen, noch wird untersucht, ob das, was verkauft wird, Nebenwirkungen hat. Der Käufer kann folglich nicht sicher sein, ob es sich um ein "sinn- oder wertvolles Lebensmittel" handelt, betont das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): "Nahrungsergänzungsmittel können auch dann auf dem Markt angeboten werden, wenn ihr ernährungsphysiologischer Wert fraglich ist."

Warum sollten wir unsere Nahrung überhaupt ergänzen?

"13 Vitamine, 15 Mineralstoffe, acht Aminosäuren und verschiedene Fettsäuren müssen lebenslang mit der Nahrung zugeführt werden, dazu kommen einige tausend Pflanzeninhaltsstoffe, die wichtige Funktionen im Stoffwechsel übernehmen", sagt Professor Karlheinz Schmidt, Mediziner und Chemiker an der Universität Tübingen. Um ausreichend mit all diesen Vitalstoffen versorgt zu sein, ist eine gesunde und ausgewogene Ernährung notwendig. Diese sei in unserem modernen Alltag jedoch häufig nicht möglich, geben Befürworter von Nahrungsergänzungsmitteln zu bedenken. Bei Fertiggerichten, Fastfood und Diäten bekomme der Körper nicht alles, was er brauche. Durch lange Lagerung und den hohen Verarbeitungsgrad von Lebensmitteln könnten außerdem Vitalstoffe verloren gehen. Oft wird auch behauptet, die Böden seien so ausgelaugt, dass Nahrungsmittel heute weniger Vitamine und Mineralstoffe enthielten. Das konnte eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), in der Daten aus den Jahren 1954 bis 2000 verglichen wurden, jedoch nicht bestätigen.

Können Pillen eine gesunde Ernährung ersetzen?

Fünf Portionen Obst und Gemüse täglich empfiehlt die DGE. Außerdem gehören Vollkornprodukte, Milch und Milchprodukte mit niedrigem Fettgehalt, wenig mageres Fleisch und Wurstwaren, mindestens einmal wöchentlich Seefisch und eine ausreichende Menge Flüssigkeit zu einer gesunden Mischkost. Das lässt sich nicht durch ein paar Kapseln oder Tabletten ersetzen. Wer sich dauerhaft einseitig und unausgewogen ernährt, kann dies nicht durch die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln ausgleichen, sagen die Verbraucherschützer vom BfR. Ernährungswissenschaftler Professor Hans Konrad Biesalski von der Universität Hohenheim bestätigt dies: "Wir stellen immer wieder fest: Man kann Nahrungsmittel wie Tomaten oder Äpfel nicht auf zwei oder drei Inhaltsstoffe reduzieren." Tatsächlich enthalten alle Obst- und Gemüsesorten, wie Möhren, Paprika, Kohlrabi, Orangen, Kirschen und Ananas, unzählige Substanzen, von denen man oft noch gar nicht weiß, was sie - auch im Zusammenspiel miteinander - bewirken. Deshalb rät die DGE ebenfalls von Extrakten zum Beispiel aus Weintrauben oder Knoblauch in Kapselform ab. Denn: "Nur bei direktem Verzehr wird wirklich das ganze Spektrum an essenziellen und bioaktiven Substanzen aufgenommen. Dies gilt besonders für die Ballaststoffe."

Für wen können Nahrungsergänzungsmittel dennoch sinnvoll sein?

Neben Schwangeren und stillenden Frauen sind das vor allem Menschen mit chronischen Krankheiten wie Darm-, Nieren-, Leber- oder Krebserkrankungen, die die Aufnahme von Nährstoffen beeinträchtigen (z. B. Eisen bei Veränderungen im Magen- Darm-Trakt). Ältere Menschen, die Probleme mit der Nahrungsaufnahme haben oder bettlägerig sind, brauchen ebenfalls ergänzende Mittel. Bei bestimmten Krankheiten ist der Bedarf an einzelnen Nährstoffen außerdem so erhöht, dass er sich nur schwer mit der Nahrung allein decken lässt. Betroffene sollten mit ihrem Arzt besprechen, was ergänzend sinnvoll ist. Das gilt auch für alle, die häufig oder regelmäßig Medikamente einnehmen.

Schwierig kann es sein, sich so kalziumreich zu ernähren, dass Osteoporose vorgebeugt wird. Wer es nicht schafft, täglich die dafür notwendigen 1000 bis 1200 Milligramm dieses Mineralstoffes aufzunehmen (überprüfen lässt sich das mit dem Kalziumrechner), kann ergänzend Präparate nehmen (maximal 500 Milligramm pro Tag). Bildet der Magen jedoch zu wenig Säure, altersbedingt oder weil gleichzeitig Säureblocker gegen Sodbrennen geschluckt werden, kann der Körper das Kalziumkarbonat aus diesen Mitteln nicht aufnehmen. In den Fällen wird Kalziumglukonat besser verwertet. Damit das Kalzium nicht gleich wieder mit dem Urin ausgeschieden wird, ist zudem ausreichend Kalium nötig.

Laut Nationaler Verzehrsstudie sind viele Frauen und Männer in Deutschland nur unzureichend mit Folsäure und Vitamin D versorgt. Ob es Sinn macht, diese Stoffe zu ergänzen, ist nicht erwiesen. Um Jodmangel vorzubeugen, empfehlen Experten jedoch allen, jodiertes Speisesalz zu verwenden. Das Lieblingssupplement der Deutschen, das Vitamin C, bringt dagegen nicht viel: Studien zeigen, dass es Erkältungen nicht vorbeugt. Möglicherweise verkürzt es die Erkrankungsdauer um knapp einen halben Tag.

Bei welchen Krankheiten sind Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll?

Bei einigen Erkrankungen gelten andere Empfehlungen als für gesunde Menschen. So raten die kardiologischen Gesellschaften Patienten mit einer koronaren Herzerkrankung, bei denen bestimmte Blutfette (so genannte Trigylceride) erhöht sind, zu einer Behandlung mit Omega-3- fettsäurehaltigen Fischölkapseln, die als Arzneimittel zugelassen sind - allerdings nur unter ärztlicher Kontrolle. Auch bei Rheuma, Osteoporose, Makuladegeneration und Krebserkrankungen können Vitalstoffe als zusätzliche Therapie vom Arzt verordnet werden - dann allerdings oft in Form von Arzneimitteln mit einer höheren Dosierung, als sie in Nahrungsergänzungsmitteln enthalten ist.

Können Vitaminpräparate Krankheiten vorbeugen?

Das ist fraglich. An der Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs sollen freie Sauerstoffradikale beteiligt sein. Antioxidanzien wie den Vitaminen C und E, die Radikale unschädlich machen, wurde deshalb vorbeugendes Potenzial zugeschrieben. Jetzt hat sich jedoch herausgestellt, dass die beiden Vitamine unter Umständen mehr schaden als nützen. Neue Forschung deutet darauf hin, dass unser Körper freie Radikale, wie sie zum Beispiel beim Sport entstehen, braucht, um für einen Ernstfall zu üben. "Man kann sich das wie eine Impfung vorstellen", sagt Professorin Regina Brigelius-Flohé vom deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIFE) in Potsdam. "Kleine Mengen von reaktiven Sauerstoffspezies sorgen dafür, dass der Körper gegen größere Mengen besser gewappnet ist." Antioxidanzien verhindern dies.

Das könnte erklären, warum die Einnahme von Präparaten mit Betacarotin, Vitamin A und Vitamin E laut Studien möglicherweise die Lebenserwartung verkürzt. Eine vitaminreiche Ernährung, die diese Substanzen in verträglicher Dosis und in Kombination mit anderen Stoffen enthält, tut das nicht.

Und wie sieht es bei Krebs aus?

Bisher brachten Studien keinen Beweis dafür, dass Nahrungsergänzungsmittel die Entstehung von Tumoren verhindern. Die Vermutung, Betacarotin könnte Raucher vor Lungenkrebs schützen, bestätigte sich nicht. Auch Multivitaminpräparate, Vitamin C und Folsäure erwiesen sich als wirkungslos, Vitamin E erhöhte möglicherweise das Lungenkrebs- Risiko. Menschen, die mit der Nahrung viel Folsäure oder Folat zu sich nehmen, erkranken zwar seltener an Darmkrebs - die Einnahme von synthetischer Folsäure scheint das Wachstum von Tumoren im Darm jedoch eher zu fördern. Eventuell hängen Nutzen oder Schaden eines Vitamins von der Dosis ab oder davon, ob im Körper bereits Zellen entartet sind. Die Weltkrebsforschungsstiftung empfi ehlt Nahrungsergänzungsmittel jedenfalls nicht für die Krebsprävention.

Was kann auf einen Mangel an Vitalstoffen hindeuten?

Müdigkeit, Nervosität, Konzentrationsschwäche, Reizbarkeit, eine erhöhte Anfälligkeit für Infekte, Haarausfall und Störungen im Magen-Darm-Trakt können auf eine Unterversorgung mit bestimmten Vitalstoffen hinweisen. Ob dies tatsächlich die Ursache für die Beschwerden ist, kann aber nur ein Arzt beurteilen.

Können Nahrungsergänzungsmittel Nebenwirkungen haben?

Durchaus. Zum einen können Vitamine und Mineralstoffe überdosiert werden. Zum anderen sind sie auch sonst nicht immer harmlos. In den USA haben Forscher entdeckt, dass Diabetiker einen höheren Selenspiegel im Blut haben als andere Menschen. Sie empfehlen deshalb, dass Amerikaner keine Supplemente einnehmen sollen, die Selen enthalten. Grundsätzlich raten Experten, sich bei der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln an die empfohlene tägliche Höchstmenge zu halten. In die Bilanz sollten auch Lebensmittel, die mit Vitaminen und Mineralstoffen angereichert sind, einbezogen werden. Bei einzelnen Substanzen enthalten Präparate nicht selten ein Vielfaches des Tagesbedarfs. Außerdem warnt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) vor möglichen Wechselwirkungen mit Arzneimitteln. Deshalb sollte der Arzt über eine Einnahme informiert werden.

Muss man um seine Gesundheit fürchten, wenn man nicht täglich fünf Portionen Obst und Gemüse isst?

Der durchschnittliche Deutsche erreicht für die meisten Vitamine die Referenzwerte der DGE oder übertrifft sie sogar. Gelingt das nicht immer, ist das kein Grund zur Panik. Die Werte sind so hoch angesetzt, dass es eine Sicherheitsmarge gibt. Wer von einem Vitamin oder Mineralstoff weniger zu sich nimmt, ist nicht automatisch unterversorgt. Sich auf einzelne Substanzen zu fi xieren bringt ohnehin nicht viel, wie die Forschung zeigt. Und die Fünfam- Tag-Regel? Ernährungsmediziner Hans Konrad Biesalski sieht das weniger eng: "Das ist im Prinzip ein guter Ansatz. Aber drei oder vier Portionen Obst und Gemüse pro Tag tun's auch. Am besten variiert man bei Auswahl und Zubereitung, verzehrt Gemüse zum Beispiel mal roh, mal gekocht, mal als Saft." Letztendlich macht es die richtige Mischung verschiedener Substanzen. Und die kann kein Chemiker so passgenau herstellen wie die Natur.

Text: Ingrid Glomp Foto: Fotolia, Teaserbild: ouh_desire/istockphoto

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