Anti-Aging-Test: Die Vermessung des Körpers

Gen-Analysen, Anti-Aging-Tests, Hormonuntersuchungen. Das Angebot an Gesundheits-Checks wächst. Wollen wir wirklich alles so genau wissen?

Ich bin ein wenig dünn, habe aber zu viele Fettzellen. Meine Muskeln könnten kräftiger sein. Dafür lässt sich mein Ruhepuls mit dem von Schwimmolympiasiegerin Britta Steffen messen. Die Merkfähigkeit meiner Hirnzellen ist vergleichbar mit der eines durchschnittlichen Altersheimbewohners. Meine Knochendichte scheint in Ordnung zu sein. Und biologisch bin ich fünf Jahre jünger als die 47 Jahre, die mein Pass ausweist.

Seitdem ich in einem Allgäuer Kurort einen Anti-Aging-Test habe machen lassen, weiß ich vieles über mich, was mir sonst entgangen wäre. Im großzügigen hellen Behandlungszimmer stieg ich auf eine Waage, ließ per Infrarot meinen Fettanteil im Körper bestimmen, wurde mit Ultraschall durchleuchtet und von einem Computerprogramm von Kopf bis zu den Zehen durchgecheckt. Ich musste in ein Becherchen pinkeln und Blut abgeben. Das alles auf nüchternen Magen. Das Resultat kam vier Stunden später.

Dass mich das computerisierte Gedächtnisspiel ins Rentenalter katapultierte, erstaunte mich nicht. Morgens und ohne Frühstück bin ich ungefähr so reaktionsstark wie eine Seekuh in den Sümpfen Floridas. Blitzschnell per Knopfdruck auf rote Lichter zu kontern, ging deshalb gar nicht. Die Schmach versuchte ich beim Muskeltest wettzumachen. Statt mit einer Hand drückte ich, als keiner guckte, mit beiden Händen auf den Schwengel, der die Armkraft maß. So stark sind sonst nur 18-Jährige! Als der Arzt mir bei der Besprechung der Ergebnisse zu meinem jugendlichen Alter gratulierte, fühlte ich mich deshalb ein bisschen schlecht. Alles Schwindel - aber das weiß nur ich.

Doch während ich bisher mit meinem Bäuchlein gut leben konnte, fand ich mich plötzlich zu dick. Da half es wenig, dass der Arzt gegen meine fetten, untrainierten Zellen ein spezielles, nicht ganz billiges Eiweißpülverchen empfahl, das er zufällig exklusiv vertreibt. Seit dieser Erfahrung frage ich mich: Wie viel will ich überhaupt über mich selbst wissen? Wie ernst muss ich das Ganze nehmen? Und: Ab wann schaden mir Erkenntnisse über meinen Organismus vielleicht sogar - physisch und psychisch? Wenn ich wollte, könnte ich alles über mich erfahren.

Der Vermessung meines Körpers sind höchstens finanzielle Grenzen gesetzt.

Der Vermessung meines Körpers sind heute höchstens finanzielle Grenzen gesetzt. Unternehmen mit Namen wie 23andMe, Navigenics oder deCODEme versprechen, für ein paar hundert Euro oder Dollar im Schnellverfahren die Gene auf etwa hundert Krankheitsrisiken zu durchforsten. Mit etwas Spucke lässt sich ermitteln, ob meine Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs oder Parkinson zu erkranken, erhöht ist oder ob meine Sehfähigkeit später durch eine Makula-Degeneration getrübt werden könnte. Und das ist erst der Anfang. Forscher arbeiten bereits daran, die Entschlüsselung des gesamten Genoms preiswert anzubieten. Derzeit kostet das noch rund 100000 Dollar. In ein paar Jahren wird eine solche Analyse für weniger als 1000 Dollar zu haben sein. Dann könnte ich theoretisch jedes noch so winzige Risiko für eine Erkrankung, das ich in mir trage, erfahren. Und könnte wahrscheinlich sogar abschätzen, ob meine Gene eher lang- oder kurzlebig sind. Vielleicht eine aussagekräftige Ergänzung zum Allgäuer Anti-Aging-Test?

Der Blick in das eigene Genom ist zweifellos faszinierend. Aber er ist auch mit einem unglaublich hohen Risiko an bösen Überraschungen verbunden. Professor Wolfram Henn von der genetischen Beratungsstelle des Universitätsklinikums Saarland nennt ihn "den ultimativen Schritt der medizinischen Selbstentblößung". Für Menschen wie mich wären die Ergebnisse vermutlich kaum interpretierbar, auch wenn die Firma 23andMe auf ihrer Webseite verspricht, die Resultate seinen "easy to read", leicht zu verstehen. Experten wie Professor Stefan Schreiber, Direktor des Instituts für Klinische Molekularbiologie der Universität Kiel und einer der Sprecher des Nationalen Genomforschungsnetzes, warnen jedoch: "Die meisten kommerziellen Gentests, die derzeit außerhalb des ärztlichen Systems angeboten werden, sind Humbug, nicht aussagekräftiger als Horoskope."

Dieser Einschätzung trägt auch das Gendiagnostikgesetz Rechnung, das seit Anfang des Jahres gilt und strengere Regeln für Gentests vorsieht. Es will verhindern, dass brisante Daten von Versicherungen oder dem Arbeitgeber missbraucht werden. Das Gesetz schreibt außerdem vor, dass vor jedem Gentest eine Beratung stattfinden muss. Babys dürfen vor der Geburt genetisch nicht auf Geschlecht und mögliche Eigenschaften getestet werden, nur auf heil- oder abwendbare Krankheiten. Verboten sind zudem Untersuchungen auf Krankheiten, die erst im Erwachsenenalter ausbrechen könnten. Der Hintergrund für diese Rechtsprechung (die keinen Menschen davon abhalten wird, sich gegen Geld dennoch die nötigen Informationen zu besorgen): Mit genetischer Diagnostik lässt sich zwar derzeit teilweise erkennen, ob man an seltenen tödlichen Erbleiden wie etwa Chorea Huntington erkranken wird. Heilung gibt es jedoch (bisher) keine - nicht einmal eine exakte Prognose, ob überhaupt, wann oder in welcher Stärke manche Krankheiten ausbrechen. Unmöglich ist es gar, Volksleiden mittels Gentests aufzuspüren. Es gibt zwar Gene, die mit Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck zusammenhängen. Doch sie können bestenfalls auf ein Erkrankungsrisiko hinweisen. Ob Blutdruck oder Blutzuckerspiegel tatsächlich jemals gefährlich ansteigen, hängt von vielen anderen Faktoren ab: dem Lebensstil, der Ernährung - und schlichtweg dem Zufall.

Anti-Aging-Test: Die Deutschen als Vorsorge-Weltmeister?

Bin ich noch gesund, wenn ich weiß, dass ich ein Erkrankungsrisiko in mir trage?

Wirklich hilfreich sind Gentests also bisher kaum. Dagegen öffnet solche prophetische Medizin die Büchse der Pandora - und verändert dauerhaft unser Verhältnis zu unserem eigenen Körper. Sie lässt die Grenze zwischen Krankheit und Gesundheit, die sich seit Menschengedenken klar ziehen ließ, für immer verschwinden. Bin ich noch gesund, wenn ich weiß, dass ich ein Erkrankungsrisiko in mir trage? Oder bin ich einfach nur noch nicht krank? Früher stellte sich diese Frage nicht. Ebenso wenig wie eine andere: Handele ich unverantwortlich, wenn ich mich weigere, mich bis in den letzten Winkel meines Körpers vermessen und abchecken zu lassen?

Heute werden wir fast bei jedem Arztbesuch damit konfrontiert. Zur üblichen, von der Kasse finanzierten Vorsorge bieten viele Mediziner so genannte individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL): von Tests auf Blut im Darm bis hin zu Blutuntersuchungen auf Tumormarker, vom Ultraschall der Gebärmutter bis hin zur Knochendichtemessung oder zum Hormoncheck. Wir Deutschen scheinen Vorsorge- Weltmeister zu sein: Für freiwillige Untersuchungen beim Arzt gaben wir 2007 schätzungsweise eine Milliarde Euro aus.

Der Krebs-Check kann selbst zum Krebsauslöser werden.

Das Problem dabei: Die Tests fördern viele Auffälligkeiten und Zufallsbefunde zutage, deren Bedeutung zunächst unklar ist und die in weiteren, vielleicht sogar gefährlichen Untersuchungen zulasten der gesetzlichen Kassen abgeklärt werden müssen. Ob sich dadurch tatsächlich Krankheiten verhindern lassen, ist vielfach nicht eindeutig bewiesen. Zudem nährt die Präventionsmedizin die Ansicht, dass jede Krankheit im Keim erstickt werden könne - wenn sie nur früh genug erkannt würde.

Ein fataler Irrtum! Nicht alle Krankheiten lassen sich heilen, manches ist einfach unabänderlich. Und oft stellt sich auch heraus, dass sich unser Körper nicht nach Schema F vermessen lässt. Eine amerikanische Studie an der Mayo Klinik in Rochester/Minnesota zeigte, dass fast jedes fünfte Blutbild eine Abweichung von der Norm aufwies. In weniger als zwei Prozent der Fälle ließ sich die Abweichung einer Diagnose zuordnen. Auch Blutuntersuchungen auf Tumormarker gelten bei Experten als absolut unsinnig. Studien ergaben: Mehr als drei Viertel der Tumoren, die sich mit anderen Verfahren erkennen lassen, werden übersehen. Genauso schlecht kommen so genannte Ganzkörperscans weg, Computertomografie-Untersuchungen, die das Körperinnere auf Auffälligkeiten durchleuchten und die viele auf Anti-Aging-Medizin spezialisierte Ärzte für 400 Euro und mehr anbieten. Einen Bonus können Experten laut der Fachzeitschrift "Deutsche Medizinische Wochenschrift" dabei nicht erkennen. Im Gegenteil: Sie warnen vor Psychostress durch Fehlalarme und vor einem deutlich erhöhten Strahlungsrisiko. So könne ein "Krebs-Check" aufgrund der hohen Strahlenbelastung selbst zum Krebsauslöser werden.

Was macht also wirklich Sinn? Ganz klar: Zum Erkennen weniger Krankheiten, die tatsächlich klare genetische Ursachen haben, wie zum Beispiel erblicher Brust- oder Darmkrebs, kann ein vorhersagender Gentest unter Umständen sinnvoll sein. Gerade haben Wissenschaftler um Professor Alfons Meindl vom Klinikum rechts der Isar an der Technischen Universität München ein weiteres Gen gefunden, das erblichen Brust- und Eierstockkrebs auslöst. Wer also zum Beispiel eine Mutter hatte, die an einer dieser Erkrankungen gestorben ist, könnte sich untersuchen lassen. Denn das bietet, so Forscher Meindl, "die Möglichkeit, betroffene Frauen besonders engmaschig zu betreuen".

Wer alles über sich weiß, verliert irgendwann das gesunde Gefühl für sich selbst

Unbestritten machen auch die von den Krankenkassen bezahlten Vorsorgeuntersuchungen beim Arzt Sinn. Wenn ich weiß, dass ich zu hohen Blutdruck habe, kann ich mit Medikamenten und der richtigen Lebensführung gegensteuern. Aber bei vielen freiwilligen Gesundheitsleistungen rät Professor Jürgen Windeler, neuer Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), erst mal zu einer gesunden Portion Skepsis. Nicht gefährlich, aber sinnlos sind vermutlich die meisten Anti-Aging- Checks und so genannte Hormonanalysen; sie sagen wenig aus und bringen meist nichts. Natürlich könnten Frauen die Werte ihrer Sexualhormone Östradiol, des Follikel stimulierendes Hormons FSH und des luteinisierenden Hormons LH bestimmen lassen. Aber was wissen sie dann? Ob sie schon in den Wechseljahren sind oder nicht? Genauso gut könnten sie einfach darauf achten, ob sie noch jeden Monat bluten oder nachts zu schwitzen beginnen. Wer jedes noch so kleine Detail über sich weiß, verliert irgendwann das gesunde Gefühl für sich selbst und seinen Körper. Außerdem, da sind sich alle Experten einig: Den Hormonstatus nur einmal bestimmen zu lassen und daraus Rückschlüsse zu ziehen, ist wenig aussagekräftig. Dazu schwanken die Werte zu sehr.

Anti-Aging-Test? Ich verzichte!

Anti-Aging-Test, Ganzkörperscan, Genanalyse, Hormoncheck - ich habe für mich beschlossen, auf die umfassende Vermessung meines Körpers zu verzichten. Was nutzt es mir, seine letzten geheimen Werte und Maße zu kennen, aber dafür das Gefühl für ihn und seine Bedürfnisse zu verlieren? Statt ihn von oben bis unten checken zu lassen, höre ich lieber auf seine Signale. Er wird mir schon sagen, wenn es ihm nicht gutgeht. Würde ich plötzlich grundlos stark abnehmen, mich wochenlang schlapp fühlen, hohes Fieber oder Schmerzen haben, ginge ich natürlich zum Arzt. Ansonsten aber traue ich mir und meinem Organismus einen gesunden Selbsterhaltungstrieb zu.

Sogar meine Waage habe ich inzwischen abgeschafft. Weil ich keine Lust habe, mich Tag für Tag damit verrückt zu machen, ob ich zunehme oder nicht. Weil ich mich nicht ständig selbst vermessen will. Der Blick in den Spiegel sagt mir schon, wann ich vielleicht etwas auf mein Gewicht achten sollte. Dazu brauche ich keine Körperfettmessung. Nach Weihnachten, Ostern und den Ferien in Südfrankreich käme ich auch nicht auf den Gedanken, ausgerechnet jetzt meine Leber durchleuchten zu lassen. Da weiß ich so, was mich erwartet. Das nennt man gesunden Menschenverstand gepaart mit Selbstachtung. Wird Zeit, dass wir uns daran wieder erinnern!

Text: Anne-Bärbel Köhle Foto: Getty Images
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