Frauen sprechen über Wechseljahre - endlich!

Die Babyboomer kommen in die Wechseljahre. Diese Frauen machen daraus kein Geheimnis mehr und wollen das Thema Wechseljahre ansprechen. Endlich.

"Du raubst mir den Schlaf seitdem ich dich traf - oder besser du mich es ist unbeschreiblich, was ich durch dich fühle allen will ich es erzählen"

So singt die Zürcher Musikerin Sibylle Aeberli in ihrem heimlichen Hit "Everlasting Menopause". Eine Musikerin, die eine Ode an die Wechseljahre schmettert? Darf sie das? Gehört sich das? Der Song ist jedenfalls bei jedem Auftritt der große Hit, und die Frauen singen vor Erleichterung viel zu laut mit: "Feel the heat!" "Endlich wird es mal gesagt! Endlich spricht es mal jemand aus!", ist die einhellige Meinung der Frauen.

Das Unaussprechliche. Wechseljahre, Wechseljahre, Wechseljahre!! Ätsch! Im sonst so puritanischen Amerika ist man uns weit voraus: "Menopause, the Musical", eine Art "Sex and the City" zum Seniorentarif, läuft seit Jahren vor ausverkauften Häusern. Die Handlung ist schnell erzählt: Vier ganz unterschiedliche und ziemlich klischeehafte Frauen-Typen (Managerin, Erdmutter usw.) treffen sich in einer Umkleidekabine, ärgern sich über zu enge Kleider und zu heiße Luft und schmettern lustige Parodien bekannter Songs, die alle auf ihr Thema, auf die Wechseljahre, umgeschrieben worden sind. Aus "Staying Alive" wird so "Staying Awake" und aus "My Guy" "My Thighs", meine Schenkel. Gewichtzunahme, Schlaflosigkeit und die berühmten Wallungen werden von den Frauen besungen, und der Höhepunkt ist natürlich "Ch-ch-ch-changes!".

The Change, die große Veränderung, ist auch so eine zart fühlende Umschreibung für das, was Frauen passiert, wenn sie ihre biologisch programmierte Funktion, die Fruchtbarkeit, hinter sich lassen. Was traditionell als Verlust gewertet wurde, bekommt plötzlich hoffnungsvolle Töne. Veränderung ist Energie. Energie, die frei wird.

Vielleicht liegt es daran, dass die politisch und wirtschaftlich starke und im besten Sinne des Wortes ichbezogene Babyboomer- Generation jetzt diese Lebensphase durchmacht. Jedenfalls ist es plötzlich "cool to have hot flashes", wie die "Times" schon vor vier Jahren kalauerte.

Realitätscheck: In einem Kurs mit angehenden Journalisten schrieb ich das Wort "perimenopausal" auf ein Kärtchen. Ein Wort, das auf mich zutrifft. Es bedeutet, sich im Vorfeld der Menopause zu befinden. Von den ersten Symptomen schon einen Vorgeschmack zu bekommen. Im Umbruch zu sein. Die Kärtchen wurden gemischt und neu verteilt, dann sollten wir aus den gezogenen Begriffen Figuren beschreiben.

Stell dir einfach vor, du hättest drei Jahre lang nonstop PMS!

"Was soll denn das heißen?" Mit anklagender Miene hielt eine junge Frau mein Kärtchen mit spitzen Fingern hoch. "Na?", fragte ich in die Runde, doch die jungen Menschen (angehende Journalistinnen und Journalisten, wie gesagt, eigentlich eine gut informierte Gruppe) schauten verständnislos. Also erklärte ich es ihnen. Sie schwiegen. Sie starrten. Fasziniert und etwas angewidert die jungen Herren, unangenehm berührt die jungen Damen. Letztere rutschten extrem unruhig auf ihren Stühlen herum, als könnten sie diesem Schicksal so entfliehen. "Aber wie um alles in der Welt soll ich das beschreiben?", jammerte die Studentin. "Stell dir einfach vor, du hättest drei Jahre lang nonstop PMS!", herrschte ich sie schließlich an. Betretenes Schweigen, und in den jungen Gesichtern war der deutliche Vorsatz zu lesen, nie "so" zu werden.

Warum darf in einer Zeit, in der man noch vor dem Frühstück und in voll besetzten Straßenbahnen schon exzentrische sexuelle Techniken diskutiert, nicht über diese unausweichliche Station im Leben einer Frau reden? Über diese Phase, die, im Gegensatz zu bestimmten Fesselritualen, alle Frauen früher oder später angeht? Immer noch haftet diesem Vorgang etwas Unheimliches, gleichzeitig Peinliches und Tragisches an. Die Menopause ist der erste Schritt ins Alter, und das Alter endet mit dem Tod. Da führt kein Weg drum herum. Auch wenn man sich mit 60 noch ein Baby einpflanzen lässt - darüber darf man dann wieder berichten und diskutieren. Komisch, nicht?

"Erst machst du mich heiß zurück bleibt kalter Schweiss von dir lass ich mich gerne quälen denn ich weiss nur du wirst Ruhe in mein Leben bringen"

Die Hormone. Ich habe einen heiligen Respekt vor ihrer Kraft. 30 Jahre PMS und zwei postnatale Depressionen, die sich gewaschen haben. Mit den Hormonen ist nicht zu spaßen. Aber genau diese Power ist es, die Sibylle Aeberli besingt. Lauren Hutton, das ehemalige Fotomodell mit der zweitschönsten Zahnlücke der Welt (die schönste hat Jane Birkin), ruft seit Jahren zur postmenopausalen Parteigründung auf.

Sie vertritt die vermutlich nicht ganz falsche Meinung, dass Frauen nach den Wechseljahren aus hormonellen Gründen am geeignetsten wären, die Geschicke der Welt zu leiten. Mit der Umsicht, die ihnen das Leben gelehrt hat. Mit dem Wissen um die Zwischentöne, das durch das Abflauen der hormonellen Programmiertheit erst möglich wird. Wem seine eigene Endlichkeit bewusst wird, der lässt sich nicht mehr von egozentrischen Motiven leiten. Das klingt doch ziemlich überzeugend, muss ich sagen: Die Welt gehört in die Hände postmenopausaler Frauen. Da ist sie am sichersten!

"Sicher?? Ich dachte, ich verliere den Verstand!" Simone rannte einmal in Flammen stehend aus einem Lokal, noch bevor ihre Vorspeisegekommen war."Es war,als hatte ich einen Flammenwerfer in mir. Ich hatte Angst, den Mund zu öffnen, Angst vor der Feuerwand, die da rauskommen könnte." Tatsächlich spuckte sie ihrem Mann, der ihr in aller Unschuld und Besorgnis nach draußen gefolgt war, eine flammende Tirade ins Gesicht ("keine Ahnung mehr, was genau er gesagt hatte!"). Im nächsten Moment brach sie in Tränen aus. Wollte sich vom nahen Brückengeländer stürzen. Dann sofort zurück ins Restaurant und alles aufessen, was auf dem Tisch stand, inklusive Blumendekoration. Heißhunger. Ferngesteuert fühlte sie sich. Überwältigt. Und heimlich auch beeindruckt. Sie sah sich zu und konnte sich doch nicht beherrschen. Und ein Teil von ihr dachte: "Altes Mädchen, jetzt bist du so weit. Jetzt hast du den Verstand verloren." "Wie lange wird das jetzt so gehen?", fragte ihr Mann mit leicht zitternder Stimme. "Vier Jahre", antwortete der Kellner, der elegant das Dessert servierte. "Geht aufs Haus!"

"Nie mehr Pickel nie mehr Neid nie mehr Putzwahn nie mehr Streit aus hormonellen Gründen endlich wahr empfinden"

"Bah, Humbug", sagt meine Mutter, die auf die Frage nach Wechseljahrsbeschwerden ebenso ungerührt die Schultern zuckte wie damals, als ich sie fragte, ob die Menstruation weh tue. "Alles kein Problem!" Allerdings verspricht sie mir seit Jahren, dass das Leben nach 50 erst richtig losgeht. "Alles wird anders. Perspektiven verschieben sich. Freiheit lässt sich wieder ahnen." Mit 60, verspricht sie weiter, erreiche man als Frau sozusagen den Höhepunkt der eigenen Persönlichkeitsentwicklung, sei man am radikalsten man selbst und folglich am glücklichsten.

Das erinnert mich an diese alte feministische Theorie, derzufolge die Phase der physischen Fruchtbarkeit die individuelle Entwicklung einer Frau unterdrücke - aus Rücksicht aufs biologische Programm. Folgerichtig sollen Frauen in den Wechseljahren zu ihrem wahren Ich zurückfinden, dem eigensinnigen, unbesiegbaren Wesen mit knochigen Knien, das sie irgendwann zwischen elf und zwölf Jahren aus den Augen verloren haben. Meine Mutter wäre ein gutes Beispiel dafür, wenn sie an die Kraft der Hormone glaubte. Ist es ein Wunder, dass ich keine Angst vor dem Alter habe? Ich persönlich kann die Menopause nicht erwarten.

Dazu muss man wissen - wage ich es zu gestehen? -, dass ich mich nie dazu durchringen konnte, meine Menstruation gebührend zu feiern, zu lieben, zu zelebrieren. Bei aller Weiblichkeit - das müsste von mir aus nicht sein. Seit ich 13 bin, schaffe ich es nie, das nötige Material in meiner Handtasche mitzuführen. Immer wieder lasse ich mich überraschen, als sei es das erste Mal. So lauschte ich besonders hingerissen dem Bericht meiner Freundin Maxi, die mit Ende 40 verkündete: "Eines Tages hat es einfach aufgehört. Schluss, aus, vorbei. Keine Mens mehr. Und das war's dann." "Das will ich auch!", rief ich sofort. "Und was hast du genommen?" "Nichts, Baby. Man nennt es die Wechseljahre!"

"Nie mehr Pickel nie mehr Neid nie mehr Putzwahn nie mehr Streit no more tampons no more fear and no more bloody underwear"

Tatsächlich blieb meine Menstruation dann auch bald aus. Einen Monat, zwei. "Das ist es, ich bin in den Wechseljahren!", beschloss ich. "Easy-peasy, kein Problem!" Kaufte eine Flasche Champagner und verkündete es stolz meinem Mann, der blass wurde und sich erst mal setzen musste. Für ihn verbanden sich die Worte "keine Mens" und "Champagner" immer noch zu einer Geburtsanzeige. Was soll ich sagen, er ist ein paar Jahre jünger als ich . . . Es war dann aber ein Fehlalarm. Ein halbes Jahr später kam "Tante Rosa wieder zu Besuch", wie einer dieser bescheuerten Euphemismen lautet.

Übrigens auch bei Maxi: Fehlalarm. Die Mens meldete sich wieder und mit ihr die Wallungen, Schlafstörungen, der Haarausfall und die trockene Haut. "Wenn ich denke, dass ich das beinahe verpasst hätte!", ruft sie und fächert sich Kühlung zu. Wir gehen zusammen einkaufen, ich greife nach einem Wollpullover, und sie lächelt herablassend: "Ach ja, du brauchst so was ja noch. Warte nur! Ich sage nur ein Wort: Viskose!" Und sie gibt zu: "Auf die meisten Symptome könnte ich verzichten, vor allem die Schlaflosigkeit, mal ehrlich, die macht mich fertig. Aber die Hitze! Die Wallungen! Wow! Mädchen, du weißt nicht, was Energie ist, bevor du nicht deine erste Wallung gehabt hast."

Wenn man ihr so zuhört, liegt der Schluss nahe, dass DAS die wahre Frauen-Power sei. "Die Change-Sisters sind die coolste Clique heutzutage", begeistert sich die "Times" weiter, "das ist der Club, zu dem man unbedingt dazugehören will. Dem der menopausalen Ladys!" Das ist umso beruhigender, als wir zu diesem Club alle früher oder später dazugehören werden. Endlich mal eine coole Clique, die uns nicht ausschließt!

Text: Milena MoserFoto: iStockphoto
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