Hormonelle Umstellung: Kein Untergang

Die hormonelle Umstellung während der Wechseljahre ist ein natürlicher Prozess, der nicht das ganze Leben auf den Kopf stellen muss. Kein Grund also, Angst zu haben.

Frauen über 50 können heute schön und schlank, klug und erfolgreich zugleich sein: Hillary Clinton, Meryl Streep, Madonna, Hannelore Hoger leben uns das in den Medien vor. Aber könnten unsere neuen Role-Models auch öffentlich über die Wechseljahre beziehungsweise die hormonelle Umstellung und Wechseljahresbeschwerden? Über schlaflose Nächte und plötzliche Hitzewallungen? So locker und unverkrampft, wie sie ihren Körper der Öffentlichkeit zeigen? Wohl kaum. "Heute erklären Ihnen zehnjährige Mädchen ohne Weiteres, dass sie gerade in die Pubertät kommen", beobachtet die Hamburger Gynäkologin und Hormon-Expertin Dr. Katrin Schaudig, "während es gesellschaftlich viel weniger akzeptiert ist, wenn eine erwachsene Frau über ihre Wechseljahre spricht."

Selten hatten wir so große Schwierigkeiten, Frauen zu finden, die bereit waren, öffentlich über ihre Erfahrungen zu sprechen, wie bei diesem Thema. Anscheinend sitzen wir einmal mehr in der Falle: Je besser es uns gelingt, möglichst lange jung und fit zu wirken, desto weniger können wir damit umgehen, dass die biologische Uhr dennoch weitertickt.

Tabu Wechseljahre - eigentlich nicht nötig!

Eigentlich ist die hormonelle Umstellung ein ganz natürlicher Vorgang. Irgendwann, meist im Alter zwischen Mitte 40 und Mitte 50, geht im Körper einer Frau jener Vorrat an Eizellen zur Neige, der schon im weiblichen Säugling angelegt war. Dieser Zeitpunkt ist weder durch Hormone noch durch eine gesunde Lebensweise zu beeinflussen, er ist eines Tages einfach da: Die Eierstöcke hören auf, regelmäßig ein Ei reifen zu lassen, und mehr oder weniger kontinuierlich sinkt damit auch die Hormonproduktion. Manche Frauen erleben massive körperliche und seelische Begleiterscheinungen, andere merken nur wenig davon.

Ethnologen haben mit vergleichenden Studien in Georgien, Griechenland, Japan oder bei den Maya herausgefunden: Frauen, denen nach Ende der Gebärfähigkeit neue Machtbefugnisse, soziale oder spirituelle Aufgaben zuwachsen, empfinden die hormonelle Umstellung als viel weniger belastend. In manchen Kulturen gibt es kein Wort für "Wechseljahre" oder "Hitzewallungen". Und auch die Berliner Medizinpsychologin Dr. Beate Schultz-Zehden fand in mehreren repräsentativen Studien über das weibliche Lebensgefühl im und nach den Wechseljahren heraus: Frauen, die im Beruf ausgefüllt sind, haben im Durchschnitt weniger und weniger starke Wechseljahresbeschwerden. Schultz-Zehden ist überzeugt, dass das auch für Frauen gilt, die mit heranwachsenden Kindern mitten in der Familienphase stecken.

Ausnahmen bestätigen die Regel. Denn natürlich gibt es sie in allen Lebenslagen: Frauen, denen die hormonelle Umstellung richtig zu schaffen macht. Die unter Herzrasen oder Gelenkschmerzen, Schweißausbrüchen oder Konzentrationsstörungen leiden, wenn eigentlich gerade Höchstleistungen von ihnen verlangt werden.

Wir haben mehr Möglichkeiten, aber auch weniger Sicherheiten.

Frauen in der Lebensmitte sind heute vielfältig gefordert. Wir haben zwar viel mehr Möglichkeiten als früher, aber auch weniger Sicherheiten. Wer als Managerin, Politikerin oder Wissenschaftlerin Karriere macht, befindet sich zwischen 40 und 50 vielleicht gerade mal auf der Erfolgsleiter nach oben - Absturzgefahr inklusive. Andere werden in diesem Alter zum ersten Mal oder noch einmal Mutter. Auch für diejenigen, die nach einer Familienphase beruflich wieder eingestiegen sind, ist an Kürzertreten und Ruhestand noch lange nicht zu denken. Und wer um seinen Job bangt, muss vielleicht noch einmal ganz neu anfangen. Sich selbständig machen, den Einstieg in ein anderes Berufsfeld wagen oder auch die Lebenskunst entwickeln, mit wenig Geld und umso mehr Zeit etwas Sinnvolles anzufangen.

Im Privatleben ist die Lage oft ebenso anspruchsvoll: Wenn Kinder eigene Wege suchen, Eltern alt und pflegebedürftig werden, Partnerschaften kriseln und Freundschaften jetzt erst recht gepflegt werden wollen. Und ganz nebenbei auch noch das Klimakterium?

Die Angst davor haben Pharma-Industrie und Gynäkologen jahrzehntelang geschürt. Ab den 60er Jahren bekam das Klimakterium den Krankheitsstempel aufgedrückt: Hitzewallungen, Depressionen oder Heulkrämpfe wurden allein mit einem Mangel an Hormonen erklärt. Die Frau jenseits der Gebärfähigkeit, so erklärten Experten der Deutsche Menopause Gesellschaft immer wieder, sei biologisch nicht vorgesehen und könne deshalb nur mit Hilfe pharmazeutischer Produkte halbwegs gesund bleiben. Selbst schuld, wer diese Defizite nicht per Östrogentablette oder -pflaster ausglich und stattdessen die "Krankheit" durchlitt! Am anfälligsten für die Versprechungen der Hormonlobby, so zeigten Studien übrigens, waren nicht die Frauen, die tatsächlich unter Depressionen oder Hitzewallungen litten, sondern jene, die sich besonders vor Falten und Figurveränderungen fürchteten.

Die Angst vor dem Klimakterium geht um

Den Ärzten bescherte die Angst vor dem Klimakterium einen steten Zustrom gesunder Patientinnen und der Pharma-Industrie satte Umsätze. Inzwischen ist die Hormon-Euphorie vorbei. Weil herauskam, dass die Hormonersatztherapie ernste Risiken birgt. Geblieben sind Fragen und Ängste, die auch unter besten Freundinnen zu heftigen Zerwürfnissen führen können. "Zu mir kommen Patientinnen mit schlimmen Beschwerden, die sich dennoch nicht trauen, Hormone zu nehmen", erzählt Dr. Katrin Schaudig aus ihrer Hormonsprechstunde. "Und andere, denen es blendend geht, werden von den Freundinnen zum Arzt geschickt, um sich endlich etwas verschreiben zu lassen."

Vielleicht müssen wir das Klimakterium für uns noch mal neu erfinden. Nicht mehr als Anfang vom Ende. Sondern als Anfang von etwas ganz Neuem. Als Übergang in eine Lebensphase, in der wir uns ebenso gesund und wohl fühlen können wie als gebärfähige 30-Jährige. Und manchmal sogar besser. "Je älter die Frauen werden, desto besser fühlen sie sich psychisch", weiß Beate Schultz-Zehden über die Lebensphase zwischen 50 und 65, "weil sie ihre Lebenssituation gelassener bewerten." Wenn wir darauf vertrauen, können wir vielleicht auch über Hormonpräparate - für eine begrenzte Zeit - so entspannt entscheiden wie in anderen Lebensphasen über die Antibabypille.

"Die hormonellen Veränderungen sind nur ein Teil des Klimakterium. Wir dürfen sie nicht vom Tisch wischen, sollten sie aber auch nicht überbewerten", sagt Dr. Beate Schultz-Zehden. Also cool bleiben, wenn die nächste Hitzewallung kommt. Das Älterwerden nicht verdrängen, die Veränderungen unseres Körpers nicht einfach ignorieren. "Frauen sollten diese biologische Zäsur nutzen", meint Dr. Beate Schultz-Zehden. "In dieser Lebensphase stecken echte Chancen für Veränderungen."

Am Anfang stehen vielleicht ein paar neue Gewohnheiten im Alltag: Ein bisschen weniger Kaffee zum Beispiel und ein regelmäßiger Gang in die Sauna. Das hilft gegen Hitzewallungen. Früher aufstehen oder später ins Bett gehen, statt sich genervt darin herumzuwälzen. Die gewonnene Zeit lässt sich nutzen - zum Beispiel, um uns selbst und unsere Wünsche und bisher unerfüllten Träume besser kennen zu lernen.

Es steckt immenses Potenzial in diesem Lebensabschnitt. Und das gilt sogar für die Sexualität: Die Berliner Studien haben auch gezeigt, dass die Lust der Frauen über 50 durchaus nicht nachlässt - insbesondere dann, wenn sie eine neue Partnerschaft beginnen. Endlich nicht mehr verhüten. Keine Regelbeschwerden mehr. Und nicht mehr diese Stimmungsschwankungen alle vier Wochen. Das sind die offensichtlichsten Vorzüge eines Lebens nach dem Klimakterium. Sicher, es gibt Frauen, die der Abfall der Östrogene nervös und reizbar macht. Ein bisschen mehr Aggression und ein bisschen weniger Sentimentalität: Andere können solchen neuen Seelenzuständen durchaus etwas Gutes abgewinnen.

Dass Hormonpräparate die Zeit aufhalten, uns jahrzehntelang die Biochemie einer 40-Jährigen bescheren könnten, war schon immer eine Illusion. Inzwischen ist uns diese "Lösung" auch aus gesundheitlichen Gründen genommen worden. Und das hat auch sein Gutes. So bleibt uns nichts anderes übrig, als zur Vorbeugung von Osteoporose Sport zu treiben - und damit zugleich etwas für unsere Stimmung, das Herz-Kreislauf-System und die Figur zu tun. In Georgien übrigens, stellten die Ethnologen fest, war das Krankheitsbild Osteoporose lange Zeit unbekannt. Weil die Frauen viel Fisch, Quark, Joghurt, Gemüse und Getreide aßen und sich bei der landwirtschaftlichen Arbeit viel bewegten.

Das Klimakteriumsind ist eine Chance. Wenn wir sie zur Stunde der Wahrheit machen. Wenn wir aufhören, ihre Symptome verschämt zu verschweigen. Wenn wir uns mutig auf den Weg machen in eine Zukunft, die noch viele Überraschungen bereithalten kann. Wird Zeit, dass wir darüber reden.

Text: Irene Stratenwerth, Monika Murphy-WittFoto: Getty Images

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Irene Stratenwerth Monika Murphy-Witt
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