Die Fünf Tibeter lernen: ein Erfahrungsbericht

Lange wagt sie sich nicht an Yoga heran. Dann entdeckt Dorothee Hansen die Fünf Tibeter. Und ihre Reise zu sich selbst beginnt. Ein Erfahrungsbericht.

Mein erster Yoga-Versuch auf dem Boden meines WG-Zimmers löste Panik aus. "In den Boden sinken lassen" lautete die Anweisung. Doch ich sank ins Nichts. Wenig später litt ich unter Angstzuständen, fürchtete fast, verrückt zu werden, und machte eine Therapie. Bei meinem zweiten Versuch knapp zehn Jahre später kam der Fluchtreflex beim Schulterstand. Die schreckliche Stille im Raum schien sich in die Ewigkeit auszudehnen. Obwohl ich den Kurs schon bezahlt hatte, ging ich nicht mehr hin. Es war wohl noch nicht an der Zeit, nach innen zu horchen.

Der dritte Anlauf kam vor eineinhalb Jahren völlig zufällig. Meine Kollegin plauderte über die Fünf Tibeter. Als ich neugierig nachfragte, legte sie mir einen Ausdruck mit Fotos von diesen Übungen hin. Ich probierte sie am nächsten Morgen aus. Bald folgten weitere Asanas. Seitdem ist kein Morgen vergangen, an dem ich nicht Yoga geübt habe.

In den Muskeln steckt Stress, aber auch Erinnerungen und Gefühle.

Yoga - wer denkt dabei heute schon noch an etwas Besonderes. Ist das nicht bloß eine Art Gymnastik, wie es sie in jedem Fitnesscenter gibt? Die man absolvieren kann wie Joggen oder Trimmen? Nein, sagt nicht nur meine Erfahrung. Auch Natascha Kampusch, acht Jahre lang Entführungsopfer, hat es mit Yoga versucht. Sie musste aufhören, berichtete sie, denn "zu viele schreckliche Dinge kamen mir hoch". Dinge, für die sie noch nicht bereit war. "Der Stress steckt in den Muskeln", sagt mein Yoga-Lehrer. Wenn man die Muskeln strecke und dehne, werde dieser Stress abgebaut.

Doch es steckt noch mehr in den Muskeln: Gefühle und Erinnerungen aus vielen Jahren Leben. Vom ersten Tag meiner Übungen an bemerke ich, dass mir Szenen in den Kopf kommen, die ich längst vergessen glaubte. Bei der Beckenbodenübung, einer Asana aus dem Hormon-Yoga, fällt mir viele Wochen lang immer wieder mein vorletzter Liebhaber ein, ein verheirateter Mann. Wie komme ich denn jetzt auf den, frage ich mich anfangs. Und jeden Tag wieder. Bis diese Gedanken eines Tages unmerklich abgelöst werden von anderen.

Nach diesen Szenen folgen Bilder von meiner verstorbenen Mutter. So wie ich mich zuvor regelrecht zurückversetzt gefühlt habe in die Gegenwart meines Ex-Liebhabers - er ist mir plötzlich so unheimlich nah, als stünde er hinter mir -, rieche ich mit einem Mal die Blumen auf dem Friedhof in unserem Dorf. Ich erlebe immer wieder die eine Szene, in der ich mit meiner Mutter das Grab meines Vaters besuche. In der sie die kleine quietschende Tür zum Friedhof öffnet und hineinwankt. In der ich mir Sorgen um sie mache, um ihren Seelenzustand. Der Friedhof, immer wieder der Friedhof. Dann an einem Morgen der Ex-Liebhaber, am nächsten der Friedhof.

Es sind kleine Bläschen, Seifenblasen, die kurz auftauchen und zerplatzen.

Nach solchen bildhaften Erinnerungen kommen Geruchsempfindungen. Sie sind sehr kurz, aber doch so lang, dass ich sie auf eine Weise "erkenne", allerdings nicht mit dem Kopf. Ich weiß im ersten Moment nicht, wohin sie gehören. Das intellektuelle Einordnen der Wahrnehmungen wird immer schwieriger, die Lücke zwischen puren Empfindungen und der Möglichkeit, Worte dafür zu finden, größer. Umso schöner ist es, sie zu erleben. Wie namenlose Partikel aus der Vergangenheit, die mich umschwirren, die ich einatme. Die Luft aus meinem Kinderzimmer vielleicht. Der Tannennadelduft von Weihnachten. Doch so lang sind sie nicht, dass sie zu einer Geschichte gehören. Es sind kleine Bläschen, Seifenblasen, die kurz auftauchen und zerplatzen. Doch sie waren da, und das ist wunderschön.

Auch die Gerüche wirken im Nachhinein oberflächlich. Denn sie werden nach einiger Zeit abgelöst von Zuständen. Anders kann man das nicht nennen, was über mich kommt, in was ich versinke, während ich die Brücke mache oder die Beinstreckung. Nein, das ist gelogen. Es kommt jetzt erst nach den Yoga-Übungen. Irgendwann, unverhofft. Da ist beispielsweise urplötzlich der Geruch meiner Schwester an einem Sommerabend. Nein, nicht Geruch. Es ist ein Gemälde aus Komponenten ohne Materie, jedoch genau der Komponenten, die kindliches Glücksgefühl ausmachen. Das prickelnde Gefühl zu meiner zehn Jahre älteren Schwester, die anregende Spannung, ihre Verheißung als Vorbild. Was sie kann, werde ich auch können. Ihre Liebe.

Eines Tages bin ich bereit für die Meditation. Ich buche fünf Tage in einem Yoga-Zentrum, jeden Morgen und Abend eine halbe Stunde stille Meditation. Die fünf Tage sind voller Angst. Ich habe gerade Streit mit meiner Tochter, und jedes Mal, wenn ich in mein Einzelzimmer komme, überfallen mich Urängste um ihr Leben. Ich male mir unzählige Dinge aus, die passieren könnten. Doch sie meldet sich nicht, sie ist sauer. Was in mir hochkommt, ist Todesangst. Ich bin so nah an Zerstörung, die in mich eindringen kann wie nichts. Erst später, nach diesem Urlaub, bemerke ich, dass ich jedes Mal nach einer Meditation Angst bekomme. Jedes Mal, wenn ich an einem Meditationsabend im Yoga-Zentrum teilnehme, überfällt mich kurz danach von einer Sekunde auf die andere dieses wortlos-diffuse Gefühl. Mal schon in dem Moment, in dem ich aus dem Yoga-Zentrum heraus auf die Straße trete. Mal erst am U-Bahn-Steig. Mal zu Hause. Mal am Waschbecken beim Zähneputzen.

Nach der Meditation bin ich stumm, kann nicht mehr sprechen oder will es nicht mehr, so sehr flutet mich etwas. Ich mag kaum mehr durch die Welt gehen, strebe nur noch in mein Bett und sinke in einen Schlaf voller Benommenheit. Angenehmer Benommenheit. Ein Kokon hat sich um mich gelegt, niemand soll ihn zerstören. Ich schalte mein Telefon und die Klingel aus. Ich bin für niemanden mehr da, nur für mich.

Ich kann nicht oft zur Meditation gehen. Es ist jedes Mal ein Riesenereignis. Wenn auch für andere unsichtbar. Aber in mir werden Berge abgetragen, Schluchten geöffnet, neuer Atem weht. Immer wieder vergesse ich die Angst. Sie überrascht mich jedes Mal aufs Neue. Doch irgendwann kenne ich sie. Ich erschrecke nicht mehr. Ich sage mir: Ach, die Angst! Und gehe schlafen. Irgendwann ist sie nicht mehr da.

Bei einem weiteren Yoga-Urlaub streift sie mich nur noch für einen Sekundenbruchteil, in dem Moment, in dem ich das Zentrum betrete. In dem eine Welle von Glücksversprechen auf mich einströmt. Und plötzlich hat die Angst mit Glück zu tun. Ich spüre beides im selben Moment. Ja, erst als ich offen für die Angst bin, spüre ich das Glück. Von da an ist auch nach, sogar während der Meditation nur noch Süße. Das Wunder der Stille so vieler Menschen in einer Halle. Die Sensation des ersten Tons, wenn die Mantren gesungen werden. Neue Seifenblasen tauchen auf, die Wahrnehmung des Wandels von Stille zu Gesang. Das bloße Hören, das Streicheln der Laute auf der Haut.

Seit ich Yoga übe, ist jeder Morgen spannend. Eine Stunde Asanas offenbart mir so viel Neues, das niemand sieht. Jeder Mensch verändert sich in jeder Sekunde. Auch jede Übung verändert mich. Ich bewege mich millimeterweise weiter in mich hinein. Yoga ist Tasten nach innen, sagt mein Yoga-Lehrer.

Ich spüre, ob ich heute fit bin oder nicht. Das ist oft entgegen jeder Logik. Ausgeschlafen und doch schwerfällig, müde und total energiegeladen. Die Botschaften meines Körpers nehme ich neugierig, ohne Wertung hin. Ich akzeptiere sie, ich mache mir keinen Leistungsdruck. Trotzdem bewege ich mich fort. Langsam. Ich möchte Kopfstand lernen, die Angst überwinden. Die ersten drei Male, an denen ich nur den Kopf auf den Boden lege, habe ich drei Tage lang Kopfschmerzen. Mein Körper ist in Aufruhr, spüre ich. Doch es gefällt mir, es geschieht etwas. Ich bin neugierig, wie weit ich mit ihm komme.

Ich mache weiter, jeden Morgen einen oder zwei Versuche. Die Kopfschmerzen verschwinden, mein Körper lernt das Umgekehrtsein kennen. Dann der Angstmoment des Füßehebens. Die Angst vor dem Umfallen. Wenn es nicht geht, nehme ich es hin. Heute nicht weiter. Es stimmt, was mein Yoga-Lehrer sagt: Andere Sportarten machen müde, Yoga gibt Energie. Manchmal steige ich aus dem Bett und fühle mich steif und kaputt. Doch schon mit der ersten Streckung rauscht Endorphin in meine Adern, und ich erwecke mich selbst wieder zum Leben. Den ganzen Tag spüre ich meine Glieder angenehm, jeden Tag anders und jeden Tag neu. Die Stunde mit mir macht mich so glücklich. Wie reich und voll ich bin. Warum habe ich immer außerhalb gesucht? Ich bin schon gespannt auf morgen früh.

Text: Dorothee Hansen BRIGITTE woman 04/2014
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