Cholesterin zu hoch - was nun?

"Ihr Cholesterin ist zu hoch." Erst mal kein schöner Satz nach dem Check beim Hausarzt. Aber auch kein Grund zur Panik.

Arteriosklerose, Herzinfarkt, Schlaganfall - ein hoher Cholesterinwert gilt als gefährlich. Das macht Angst. Treffen kann es jede von uns: Besonders ab dem 45. Lebensjahr steigt das Risiko eines erhöhten Cholesterinspiegels bei Frauen deutlich an. Grund dafür ist die Umstellung der Hormone. Der sinkende Östrogenspiegel beeinflusst den Fettstoffwechsel ungünstig, und der gefäßschützende Effekt der weiblichen Hormone lässt mit Beginn der Wechseljahre nach. Die Gefahr von Herz-Gefäß-Erkrankungen nimmt sprunghaft zu. Das ist eine Tatsache.

Wenn das Cholesterin zu hoch ist, bedeutet das nicht gleich einen Infarkt

Dem Cholesterin pauschal die Schurkenrolle zuzuweisen ist in jedem Fall falsch.

Trotzdem bedeutet ein hoher Cholesterinspiegel beim Gesundheitscheck nicht automatisch gleich Infarktgefahr. Deshalb gilt erst einmal: Ruhe bewahren. Tatsache ist nämlich auch, dass der Cholesterinwert um bis zu zehn Prozent schwankt. Bei einer Kontrolle in ein paar Wochen ist er vielleicht schon wieder normal. Außerdem ist ein leicht erhöhter Wert manchmal sogar ein gutes Zeichen. Denn das Gesamtcholesterin besteht aus mehreren Untereinheiten, die sich nicht nur negativ, sondern auch positiv auf das Arteriosklerose-Risiko auswirken können. So sorgt das "gute" HDL (High Density Lipoprotein) dafür, dass überschüssiges Cholesterin aus den Blutgefäßen in die Leber transportiert und dort abgebaut wird. Nur das "schlechte" LDL (Low Density Lipoprotein) lagert sich an den Wänden der Gefäße ab und verengt sie.

"Bei einem Cholesterinwert von 250 werden die meisten unruhig", sagt der Ravensburger Laborarzt und Fettstoffwechsel-Experte Dr. Dietmar Plonné.

"Dabei liegt ein etwas erhöhter Wert bei Frauen oft daran, dass sie besonders viel 'gutes' HDL-Cholesterin haben. Gerade im Grenzbereich zwischen 200 und 250 sollte man sich zunächst nicht verrückt machen, sondern erst mal abwarten, was die genaueren Labortests ergeben. Allerdings: Noch stärker erhöhte Werte lassen sich damit nicht erklären, die sind auf jeden Fall im krankhaften Bereich." Und sollten dringend kontrolliert werden, vor allem nach der Menopause.

Ein Wert für das Gesamtcholesterin allein sagt jedoch nicht viel aus. Das betrifft auch die Cholesterintests zum Selbermachen aus der Apotheke, für die man 15 bis 20 Euro aus eigener Tasche bezahlen muss. Ist der Wert niedrig, ist zwar normalerweise alles in Ordnung. Doch bei zu hohen Werten müssen Blutuntersuchungen beim Arzt ein genaues "Lipidprofil" ermitteln. Dazu gehören standardmäßig die Werte für LDL- und HDL-Cholesterin. Außerdem wird die Menge an Triglyceriden, einem weiteren Fettstoff im Blut, gemessen.

Dem Cholesterin pauschal die Schurkenrolle zuzuweisen ist in jedem Fall falsch. Schließlich braucht unser Körper diesen Fettstoff sogar, um gesund zu bleiben. Er ist in jeder unserer Zellen vorhanden. Der Organismus stellt daraus wichtige Anteile des Nervensystems, Gallensäuren für die Verdauung und lebensnotwendige Hormone wie Cortisol, Testosteron und Östrogen her. Und nicht zuletzt ist Cholesterin eine Vorstufe von Vitamin D. Sehr niedrige Cholesterinspiegel gelten bei Frauen sogar als Risikofaktor für Depressionen und Gedächtnisstörungen.

Das meiste Cholesterin, das der Körper benötigt, stellt er in Leber und Darm selbst her. Nur ein kleiner Teil kommt direkt aus tierischen Lebensmitteln. Deshalb sollte man auch keine Wunder erwarten, wenn man beim Essen konsequent alle tierischen Fette weglässt und Eier vom Speiseplan streicht: Mit strenger Diät allein lässt sich der Cholesterinspiegel meistens nur um rund acht Prozent senken. Eigelb enthält zwar relativ viel Cholesterin, dennoch haben eine ganze Reihe von Studien in den letzten Jahren gezeigt, dass ein bis zwei Eier pro Tag sich nicht negativ auf den Cholesterinwert auswirken.

Überhaupt halten viele Experten den Cholesterinwert heute für überbewertet. Einen einzelnen Laborwert nach unten zu drücken, vielleicht sogar mit Medikamenten, macht nicht unbedingt Sinn. "Laborkosmetik" nennen kritische Ärzte das. Denn das Risiko, herzkrank zu werden, hängt von einer ganzen Reihe unterschiedlicher Faktoren ab. Und da ist das Cholesterin im Blut nur ein Mosaikstein. Außerdem wurde ein Risiko durch zu hohe Gesamtcholesterin- Werte nur bei jüngeren Männern eindeutig nachgewiesen. Bei Frauen - ob vor oder nach den Wechseljahren - lässt sich dieser Zusammenhang längst nicht so gut belegen.

Entscheidender als der Cholesterinspiegel ist der Lebensstil insgesamt

Fast die Hälfte aller Infarktopfer hat sogar völlig normale Cholesterinwerte. Viel entscheidender für die Herz- und Gefäßgesundheit ist der Lebensstil insgesamt. Sehr beeindruckend zeigte das eine große amerikanische Studie an fast 85000 Frauen. Nicht rauchen, mäßig Alkohol trinken (ca. ein kleines Glas pro Tag), ein Body Mass Index unter 25*, sich täglich eine halbe Stunde bewegen und gesund ernähren: Frauen, die dies beherzigten, senkten in der Studie ihr Risiko einer Verkalkung der Herzkranzgefäße um beeindruckende 75 Prozent.

Allein körperliche Aktivität kann das Risiko nachgewiesenermaßen um 20 Prozent verringern, wie Professor Martin Halle, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation von Herz-Kreislauf-Erkrankungen e.V. (DGPR), betont. "Gut sind Ausdauersportarten", so der Münchener Präventivmediziner. "Sie regen den Stoffwechsel an, senken den Blutdruck sowie den Cholesterin- und Blutzuckerspiegel und stärken das Immunsystem. Sport ist - neben der Ernährung - deshalb ein wichtiger Baustein, um länger zu leben." Mit einem solchen Lebensstil kann man auch einzelne Laborwerte, die (mal) aus der Reihe tanzen, mit der angemessenen Gelassenheit sehen.

Gefässgesunde Ernährung

• Weniger tierische Fette und gesättigte Fettsäuren: statt Butter, Wurst, Palmkernfett und Kakaobutter besser mageres Fleisch, Fisch, fettarme Milch und Milchprodukte • Weniger so genannte Transfettsäuren aus Fertiggerichten, Chips, abgepacktem Gebäck • Mehr pflanzliche Fette und ungesättigte Fettsäuren: z. B. Olivenöl, Getreidekeime, Margarine • Mehr mehrfach ungesättigte Fettsäuren: am besten Omega-6-Fettsäuren (in Sonnenblumenkernen, Distel- und Maiskeimöl, Fisch) und Omega-3-Fettsäuren (in Walnüssen, Raps- und Leinöl, Kaltwasserfischen) im Verhältnis 5:1 • Viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukte und andere ballaststoffreiche Nahrungsmittel • Bei erhöhtem LDL-Wert eventuell Lebensmittel, die mit Pflanzensterinen (Begleitstoffen pflanzlicher Fette) angereichert sind. Wichtig: maximal zwei bis drei Gramm dieser Pflanzenstoffe (das entspricht z. B. drei gestrichenen Esslöffeln Margarine) am Tag verzehren; Wechselwirkungen mit Cholesterin senkenden Medikamenten beachten

Ihr Cholesterin ist zu hoch? Welche Werte sind normal?

Der durchschnittliche Cholesterinspiegel ist von Land zu Land verschieden, außerdem ist er bei Männern und Frauen unterschiedlich und steigt mit dem Alter. In Deutschland liegt er bei 35- bis 65-Jährigen bei 236 mg/dl (Milligramm pro Deziliter) bzw. 6,1 mmol/l (Millimol pro Liter) - nach den herrschenden strengen Grenzwerten haben deshalb ziemlich viele Menschen "abnorme" Werte.

Als grobe Anhaltspunkte für Grenzwerte gelten:

• Gesamtcholesterin Gut: unter 200 mg/dl (5,2 mmol/l) Grenzwertig: bis 240 mg/dl (6,2 mmol/l) Zu hoch: über 240 mg/dl (6,2 mmol/l)

• LDL-Cholesterin Die Grenzwerte sind nach dem individuellen Risiko gestaffelt. Menschen mit vielen zusätzlichen Risikofaktoren (wie Diabetes, hoher Blutdruck, Rauchen, erbliche Belastung, Frauen nach den Wechseljahren, starkes Übergewicht, niedriges HDL-Cholesterin): unter 70 mg/dl (1,8 mmol/l) Menschen mit wenigen Risikofaktoren: unter 100 mg/dl (2,6 mmol/l) Menschen ohne Risikofaktoren: unter 130 mg/dl (3,4 mmol/l)

• HDL-Cholesterin Optimal: über 60 mg/dl (1,5 mmol/l) Entscheidender als die absoluten Werte ist allerdings das Verhältnis von HDL- zu LDL-Cholesterin. Optimal: LDL geteilt durch HDL = kleiner als drei

Bestimmen lassen kann man das Gesamtcholesterin ab dem 35. Lebensjahr alle zwei Jahre vom Hausarzt beim Check-up 35. Bei bekannt hohen Werten, oder wenn Risikofaktoren vorliegen, können häufigere Kontrollen nötig sein. Ist die Höhe des Gesamtcholesterins grenzwertig (200 bis 240 mg/dl), sollten zusätzlich HDL- und LDL-Cholesterin bestimmt werden. Nur so kann der Arzt den Wert richtig einschätzen. Mehr Infos: www.lipid-liga.de. Tests für das persönliche Risiko für Herzinfarkt oder Schlagfall auf Basis der langjährigen PROCAM-Studie unter www.assmann-Stiftung.de

* Body Mass Index (BMI; kg/m2) = Gewicht (kg)/Größe (m)2, zu berechnen mit dem BMI-Rechner von Brigitte.de

Text: Sabine Thor-Wiedemann Credit: Fotolia
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