Warum werden eher Frauen depressiv?

Frauen erkranken doppelt so oft an einer Depression wie Männer - warum? Ein Gespräch über Hormone, die Doppelbelastung durch Job und Familie und die Chance auf Heilung.

BRIGITTE-woman.de: Neuere Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen Depressionen und mittlerem Lebensalter. Ist die Traurigkeit Ausdruck einer Midlife-Crisis?

Ulrich Hegerl: Depressionen als schwere Erkrankungen kommen in allen Lebensabschnitten etwa gleich häufig vor. Mag sein, dass gedrückte Stimmungen im höheren Lebensalter häufiger werden, wenn Menschen sich mit dem Altern auseinandersetzen - bei Frauen besonders dann, wenn die Kinder das Haus verlassen. Aber eine echte Depression im medizinischen Sinne ist das nicht. Jeder, der mal eine hatte, weiß das: Man leidet wie sonst nie in seinem Leben. Das ist etwas ganz anderes, als wenn die Stimmung mal im Keller ist.

BRIGITTE-woman.de: Rund vier Millionen Deutsche leiden an Depressionen. Frauen erkranken laut Statistik etwa doppelt so häufig wie Männer. Warum?

Ulrich Hegerl: Woran das liegt, lässt sich nicht so einfach sagen. Einen gewissen Einfluss scheinen die Hormone zu haben, vor allem die stärkeren Schwankungen der Hormonspiegel. Auch genetische und Umweltfaktoren können eine Rolle spielen. Hinzu kommt, dass Frauen eher bereit sind, über negative Gefühle zu sprechen und so depressive Erkrankungen häufiger erkannt werden.

BRIGITTE-woman.de: Kann es auch daran liegen, dass Frauen mit Kindern und Beruf doppelt belastet sind?

Ulrich Hegerl: Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Frauen mit Doppelbelastung häufiger an Depressionen erkranken. Generell ist der Zusammenhang zwischen Stress und Depression kompliziert. Oft treten Depressionen in Lebensphasen auf, in denen die äußeren Belastungen eher gering sind. In einer Depression werden allerdings auch kleinste Aufgaben bereits als großer Stress erlebt. Eine Depression verändert einen Menschen ganz massiv. Dahinter steckt ein starker Leidensdruck, verbunden mit Hoffnungslosigkeit und der Unfähigkeit, sich selbst zu spüren.

BRIGITTE-woman.de: Wie groß ist die Chance auf Heilung?

Ulrich Hegerl: Wir können den allermeisten Patienten helfen. Bei schweren Depressionen stehen Antidepressiva an erster Stelle. Zusätzlich ist oft eine Psychotherapie dringend zu empfehlen, z. B. eine so genannte kognitive Verhaltenstherapie. Die Antidepressiva müssen meist über sechs Monate und länger eingenommen werden. Dadurch kann das Risiko, wieder in eine neue Episode der Krankheit zu rutschen, deutlich gesenkt werden.

Professor Ulrich Hegerl arbeitet als Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie an der Univeristät Leipzig. Er ist Initiator des "Kompetenznetzes Depression" und Vorstand der "Stiftung Deutsche Depressionshilfe"

Interview: Anne-Bärbel Köhle Foto: Lullabby/Photocase.com
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