Diese Anzeichen deuten auf einen Eisenmangel hin

Den ganzen Tag erschöpft, Schlaf bringt keine Erholung mehr, die Haare fallen aus: Viele Frauen leiden unter diesen Anzeichen für Eisenmangel, doch nur wenige Ärzte stellen auf Anhieb die richtige Diagnose.

Die Müdigkeit kam schleichend, von Tag zu Tag wurde Isabell Arend (Name geändert) schlapper. Mit Mühe erledigte sie ihre Arbeit im Büro, abends zu Hause fühlte sie sich völlig erschöpft. "Alles strengte mich an", sagt die 48-Jährige, die ihre beiden Kinder allein erzieht. Sie vermutete eine Unterfunktion der Schilddrüse und ging zum Hausarzt. Da ihre Werte tatsächlich leicht vom Normbereich abwichen, bekam sie Schilddrüsenhormone verschrieben. Sie war etwas weniger müde, eine deutliche Besserung aber spürte sie nicht.

Als Isabell Arend eine Diät begann, wurde alles noch schlimmer. Ihre Haut war trocken wie lange nicht; wenn sie sich kämmte, war danach der weiße Badezimmerboden übersät von ihrem braunen Haar - und wie zuvor fühlte sie sich ständig überanstrengt. Sie sagte Verabredungen ab, verbrachte das halbe Wochenende im Bett oder auf dem Sofa und merkte: Es machte überhaupt keinen Unterschied. "Ich war so kraftlos, dass ich mein Leben kaum bewältigen konnte." Da sie ein angeborenes Problem mit der Schilddrüse hat, erhöhte ihr Arzt beim zweiten Besuch die Dosis der Hormone, ohne sie noch einmal zu untersuchen. Es half nichts.

Oft betroffen: Heranwachsende, Schwangere und Frauen mit starken Monatsblutungen

Isabell Arend wurde immer deprimierter, sie befürchtete, in einen Burn-out hineinzurutschen. Nach über einem Jahr der Schwäche brachte schließlich ein Zeitungsartikel die Lösung. Isabell Arend las darin über Eisenmangel. "Ich erkannte alle Symptome wieder", sagt sie. Erneut ging sie zu ihrem Arzt. Tatsächlich waren ihre Werte völlig im Keller. Sie bekam Eisentabletten, bereits nach kurzer Zeit begannen sich Haut und Haare zu regenerieren, und Isabell Arend merkte plötzlich, dass Schlaf ihr wieder Erholung brachte.

Eisenmangel ist der weltweit häufigste Nährstoffmangel. Neben Heranwachsenden und Schwangeren betrifft er vor allem Frauen mit ausgeprägten Monatsblutungen. Ein Problem, das häufig zu Beginn der Wechseljahre auftritt, dann ist die Menstruation oft besonders stark - wie es auch bei Isabell Arend der Fall war. "Verantwortlich dafür sind in dieser Zeit meist die hormonellen Veränderungen oder Myome in der Gebärmutter", sagt die Hamburger Gynäkologin Dr. Katrin Schaudig.

In den Industrienationen sollen bis zu 20 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter nicht genug Eisen im Körper haben. Das ist fatal. Denn Eisen ist für uns lebenswichtig, der Körper braucht den Nährstoff, um den roten Blutfarbstoff Hämoglobin zu bilden, Sauerstoff zu transportieren, Energie zu gewinnen und Infektionen abzuwehren. Deswegen verfügt er über ein ausgetüfteltes Versorgungssystem: Ist der Eisenspiegel niedrig, wird mehr Eisen im Darm aufgenommen. Außerdem gibt es eine Reserve für Notzeiten; dafür speichert der Organismus Eisen, das so genannte Ferritin.

Eisenmangel macht sich daher erst verzögert bemerkbar, über die Zeit kann er aber zu einer Anämie, einer Blutarmut, führen. Gerade am Anfang werden die diffusen Beschwerden wie Müdigkeit, spröde Nägel, trockene Haut und die Anfälligkeit für Infekte jedoch leicht übersehen. "Wenn sich der Eisenverlust sehr langsam entwickelt, gewöhnt man sich oft an diesen Zustand", sagt die Professorin Elisabeth Märker-Hermann, stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Sie hält es deswegen gerade bei Frauen um die Menopause herum für sinnvoll, einmal im Jahr die Eisenwerte zu kontrollieren.

Mit einer Blutuntersuchung kann leicht bestimmt werden, ob Eisen fehlt. Als Standard wird der Hämoglobin-Wert (Hb) erhoben. Aber auch andere Blutwerte (MCH, MCV und MCHC) weisen auf eine mangelhafte Versorgung mit dem Nährstoff hin. Viele Ärzte halten diese Parameter allerdings für nicht aussagekräftig genug. "Bei Patientinnen mit starken Monatsblutungen und Haarausfall messe ich immer auch das Speichereisen, den Ferritin-Wert", sagt Gynäkologin Schaudig. Er kann einen Mangel signalisieren, selbst wenn der Hb-Wert noch im Normbereich liegt.

Ausgeschlossen werden sollte bei einer Blutuntersuchung auch eine Unterfunktion der Schilddrüse, die ganz ähnliche Symptome wie Eisenmangel verursachen kann. Neben einer starken Menstruation gibt es aber noch andere Gründe, warum der Eisenspiegel zu niedrig ist. "Frauen, die viel Sport treiben, haben ein größeres Risiko für Eisenmangel, da sie generell mehr Nährstoffe brauchen", sagt Anke Richter, Hausärztin und Internistin in Bad Oeynhausen. "Außerdem können bei Läuferinnen durch die mechanische Belastung Mikroblutungen im Darm entstehen, was ebenfalls den Bedarf an Eisen erhöht."

Eine wichtige Rolle spielt die Ernährung, über die der Körper normalerweise mit diesem Nährstoff versorgt wird. Ein bis drei Milligramm Eisen verlieren Frauen am Tag durch Ausscheidungen und die ständige Erneuerung der Darmschleimhaut - diese Menge muss ersetzt werden. Allerdings nimmt der Körper nur zehn bis 15 Prozent des Spurenelements aus der Nahrung auf. Dabei kann es aus tierischen Lebensmitteln besser verwertet werden als aus Obst und Gemüse.

Pflanzliches Eisen muss erst chemisch umgewandelt werden, bevor es über einen anderen Mechanismus als tierisches ins Blut gelangt. Studien zeigen jedoch, dass Vegetarier bei einer ausgewogenen Ernährung nicht häufiger von Eisenmangel betroffen sind als der Durchschnitt der Bevölkerung. Kommen zum Fleischverzicht aber noch andere Risikofaktoren wie einseitige Diäten, viel Sport oder starke Blutungen hinzu, erhöht sich die Gefahr deutlich.

Daneben können niedrige Eisenwerte auch auf Krankheiten hinweisen. Eine Ursache kann zum Beispiel ein langsamer, versteckter Blutverlust über Stuhl oder Urin sein, der von Darm- oder Blasenerkrankungen herrührt. Bei Zöliakie, einer Unverträglichkeit von Gluten, werden Nährstoffe vom Darm nur schlecht aufgenommen. Und Entzündungen im Körper führen zu einem erniedrigten Hb-, aber einem hohen Ferritin-Wert: Die Aufnahme von Eisen im Darm ist dann erschwert, die Eisenspeicher können nicht verwertet werden - eine sinnvolle Schutzreaktion des Körpers, da Eisen Entzündungen fördert und auch Bakterien diesen Nährstoff brauchen.

Vorsorglich sollten Eisenpräparate nicht geschluckt werden

Stellt der Arzt einen Eisenmangel fest, muss er deshalb zuerst die Ursache dafür finden und möglichst beheben. Eisenpräparate sollen den Speicher wieder auffüllen; allerdings verursachen sie häufig Magenschmerzen, Verstopfung und manchmal sogar Durchfall. Es gibt Dragees, die sich im Magen auflösen, aber auch magensaftresistente Kapseln, die erst im Zwölffingerdarm ihre Wirkung entfalten. Andere Produkte enthalten Rizinusöl, das die Verdauung fördern soll.

Sie alle müssen meist über drei bis sechs Monate genommen werden, am besten eine halbe Stunde vor dem Essen und - das ist wichtig - "mit zeitlichem Abstand zu Schilddrüsenhormonen", sagt die Gynäkologin Schaudig, "denn die Präparate behindern sich in ihrer Wirkung gegenseitig". Frauen, die diese Mittel absolut nicht vertragen, erhalten Eiseninfusionen; sie reizen allerdings die Venen.

Vorsorglich, ohne erkennbaren Mangel, sollten Eisenpräparate aber nicht geschluckt werden. Denn abgesehen von Blutungen hat der Körper kaum Möglichkeiten, den Nährstoff wieder abzubauen, und speichert ihn dann unter anderem in der Leber. Ein Zuviel davon kann die Gefäße schädigen und das Risiko für Herz- und Krebserkrankungen, Diabetes und Knochenschwund erhöhen.

Verbraucherschützer warnen aber auch vor Zusätzen von Eisen in Lebensmitteln wie in Frühstückszerealien und Säften, die sich bei Menschen, die gut mit dem Nährstoff versorgt sind, negativ auswirken können. Multivitaminpräparate enthalten oft ebenfalls Eisen. Eine amerikanische Untersuchung unter 1000 älteren Menschen ergab bei nur drei Prozent der Teilnehmer zu wenig Eisen im Blut, bei 13 Prozent hingegen zu viel.

Eine Auswertung der "Iowa Women's Health Study" zeigte sogar, dass die häufige vorsorgliche Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit Eisen bei Frauen nach der Menopause die Lebenserwartung reduziert. "Frauen sollten nur Eisentabletten einnehmen, wenn tatsächlich ein Mangel nachgewiesen wurde", sagt die Hausärztin Anke Richter. Dann jedoch können sie damit ihr Wohlbefinden deutlich verbessern.

Text: Natalie RösnerBRIGITTE woman 05/2014

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