Fibromyalgie: Die Schmerzen aus dem Nichts

Der ganze Körper tut weh: Fibromyalgie, was übersetzt so viel wie Muskelfaserschmerz bedeutet, ist eine rätselhafte Krankheit. Auch für viele Ärzte.

Was ist Fibromyalgie?

Fibromyalgie. Ein Wort so unverständlich wie die Krankheit selbst. Übersetzt heißt es so viel wie Muskelfaserschmerz. FMS, Fibromyalgiesyndrom, wie die Ärzte sagen. Schätzungsweise 1,6 Millionen Menschen sind davon betroffen, zwei Prozent der Bevölkerung in Deutschland, am häufigsten Frauen nach den Wechseljahren.

Chronische Schmerzen

Eine Krankheit an den Muskeln also, die gar nicht so selten ist. Typisch für Fibromyalgie ist ein starker Druckschmerz in 18 Punkten am ganzen Körper (mehr Fibromyalgie-Symptome findest du hier!). Solche Tender-Points liegen zum Beispiel im Nacken, am Gesäß und an den Knien. Nach sieben Jahren, so der Schnitt, werden die Schmerzen der Fibromyalgie, die meist ab 35 beginnen, chronisch. Doch der Schmerz ist beim Fibromyalgiesyndrom nicht das Schlimmste. "Viele Patienten leiden darunter, dass man sie nicht ernst nimmt", betont Dr. Michael Späth, Rheumatologe und Facharzt für Innere Medizin aus Gräfelfing bei München.

Bei Fibromyalgie dauert es lange bis zur Diagnose

So haben viele Betroffene eine lange Odyssee durch Arztpraxen hinter sich, bis sie endlich den Grund für ihre Beschwerden erfahren. Die Krankheit wird oft in der Diagnostik verkannt, weil manche Ärzte in der Schmerz-Forschung nicht auf dem Laufenden sind, sagt Späth. Einige Mediziner bestreiten sogar, dass Fibromyalgie existiere. Auch deshalb gibt es zur Diagnose jetzt eine neue Leitlinie, die über die Krankheit informiert – abgesegnet von wichtigen medizinischen Fachgesellschaften in Deutschland.

Symptome: Woran erkennt man Fibromyalgie?

Dennoch ist es selbst für Experten nicht einfach, die Beschwerden der Fibromyalgie von anderen entzündlichen Erkrankungen abzugrenzen. "Es ist ein vielschichtiges Krankheitsbild", erklärt Späth. Bei jedem Patienten ist der Schmerz etwas anders. Die meisten fühlen sich 

  • chronisch erschöpft, 
  • klagen über Rücken- und Unterbauchschmerzen,
  • leiden unter ständiger Müdigkeit
  • und unter Schlafstörungen

Macht ihnen vor allem der Ganzkörperschmerz zu schaffen, gehen die Ärzte davon aus, dass die Symptome zur Fibromyalgie gehören. Zur Orientierung veröffentlichten Experten der amerikanischen Rheumatologen-Gesellschaft erstmals 1990 folgende Kriterien: Schmerzen in der Muskulatur über mindestens drei Monate in mindestens drei Körperregionen, oberhalb und unterhalb der Taille, im Bereich der Wirbelsäule und in der linken oder rechten Körperhälfte.

Ursachen: Wie entsteht die Erkrankung?

Wie die Beschwerden entstehen, weiß niemand so genau. Bislang gibt es lediglich einzelne Erkenntnisse. Die Forschung geht heute davon aus, dass die Schmerzen selbst das Hauptproblem sind, genauer: die Prozesse der Schmerzverarbeitung. Vermutlich ist bei Fibromyalgie-Patienten auch die körpereigene Schmerzbremse im zentralen Nervensystem gestört. Die Schmerzverarbeitung ist ein komplizierter biologischer Mechanismus, der den Schmerz hemmt und verhindert, dass er sich auf Dauer ins Gedächtnis brennt. Eine Rolle spielen dabei wahrscheinlich körpereigene Substanzen, die Cannabis ähnlich sind.

Eine der möglichen Ursachen für Fibromyalgie: Serotoninmangel

Auch der Botenstoff Serotonin, ein Glückshormon, das Schmerzen lindert und das der Organismus produziert, scheint beteiligt zu sein. "Es gibt Hinweise, dass bei einigen Fibromyalgie-Patienten der Serotonin-Spiegel zu niedrig ist", sagt Späth. Für diese Annahme spricht, dass bei einem Teil der Patienten niedrig dosierte Antidepressiva gut wirken, obwohl sie nicht an Depressionen leiden. Der mögliche Grund: Manche Antidepressiva erhöhen die Serotonin-Konzentration. Doch Medikamente helfen nur begrenzt.

Kaum Erkenntnisse gibt es bisher auch darüber, warum manche Menschen anfälliger für Fibromyalgie sind als andere. Mehrere Faktoren kommen bei der Erkrankung wohl zusammen: 

  • Erbanlagen
  • Umwelteinflüsse
  • möglicherweise bestimmte hormonelle Prozesse

Immerhin sind 80 Prozent der von Fibromyalgie-Betroffenen Frauen. Warum? Auch hierzu gibt es vorerst nur Vermutungen. Ende 2008 haben Neurowissenschaftler im Gehirn von weiblichen Ratten festgestellt, dass sie im Vergleich zu männlichen Tieren weniger Andockstellen haben, an die sich körpereigene schmerzlindernde Botenstoffe anbinden können. Die Anzahl dieser so genannten Opioid-Rezeptoren war zudem vom Zyklus abhängig.

Sicher ist jedoch: Wenn sich ständige Belastungen am Arbeitsplatz oder in der Familie mit anderen Risiken mischen, wächst die Gefahr, an FMS zu erkranken. Anhaltender Stress oder traumatische Ereignisse haben oft Folgen für den Organismus: Hormonelle Regelkreise können bei Fibromyalgie-Kranken aus dem Takt geraten, besonders, wenn der Körper sich ständig im Alarmzustand befindet, ohne sich wieder zu erholen. Mit der Zeit schaukelt sich die innere Aufregung fast automatisch hoch, vermutlich schwächt sie das schmerzhemmende System. Bei Stress spannen Menschen zudem verstärkt ihre Muskeln an, ursprünglich zu dem Zweck, bei Gefahr kämpfen oder flüchten zu können. Anhaltende Schmerzen können die Folgen sein.

Dass Fibromyalgie eine ernste Krankheit ist, zeigen Umfragen unter Patienten: Ein Viertel ist nicht mehr arbeitsfähig oder in Frührente. Die meisten erleben, dass Dauer-Schmerzen ohne sichtbare Anzeichen wie Verbände oder Krücken verpönt sind. Sie leben wie Aussätzige unter Gesunden. Enttäuscht wenden sich viele Betroffene von der Schulmedizin ab, nachdem sie schon alles ausprobiert haben.

Therapie: Was hilft bei Fibromyalgie?

Viele der Betroffenen suchen Hilfe bei der alternativen Medizin, die einen ganzheitlichen Ansatz der Behandlung anbietet. "Die Patienten kommen mit körperlichen Beschwerden, die psychische Konflikte und soziale Probleme nach sich ziehen. Unsere Erfahrung zeigt: Nur ein mehrgleisiger Ansatz kann bei Fibromyalgie erfolgreich sein", betont Professor Michael Stimpel, Chefarzt der Deutschen Klinik für Naturheilkunde und Präventivmedizin (siehe Interview). Zur Therapie gehört vor allem ein Training, um mit dem Schmerz besser umzugehen. Dieses psychologische Programm wird in einigen Städten, zum Teil auch von den Krankenkassen, angeboten. Der Schmerz, den Fibromyalgie verursacht, kann damit gezähmt werden.

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Text: Susanne Rytina / sp
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