Was hilft bei Schwerhörigkeit?

Je lauter die Musik, desto größer der Spaß. Das gehört für viele zu den Regeln des Jungseins. Und das sorgt später oft für Schäden am Ohr. Wie Sie Schwerhörigkeit erkennen und was dagegen hilft - eine Orientierung.

Deep Purple und die Rolling Stones sind schuld. Sie machten Musik nahe der akustischen Schmerzgrenze. Wie keine Generation vor ihnen ließen die Babyboomer sich mit ohrenbetäubenden Lautstärken beschallen. Die Folgen spüren sie heute: Schwerhörigkeit betrifft auch Jüngere, schon viele 45-Jährige hören schlecht. Unsere Ohren sind extrem empfindlich. Jede Schallwelle, die die Ohrmuschel empfängt, lässt das Trommelfell vibrieren. Sogar nachts, wenn wir schlafen.

Über die Gehörknöchelchen gelangen die Schwingungen ins Innenohr zum eigentlichen Hörorgan, der nur erbsengroßen Gehörschnecke. Ihre 20.000 Haarzellen wandeln den Schall in Nervenimpulse um und leiten diese ans Gehirn weiter. Werden bestimmte Härchenareale durch hohe Lautstärken zu heftig gereizt, sterben die zugehörigen Hörzellen ab. Die entsprechenden Töne können wir dann nie mehr hören.

"Wie viel Lärm die Ohren aushalten, ist individuell verschieden", sagt Professorin Karin Schorn, ehemalige Leiterin der Abteilung Audiologie am Münchener Klinikum Großhadern und Spezialistin für Hörstörungen aus Starnberg. "Wer sich jedoch über Jahre hinweg ständig einem Lärmpegel von 85 Dezibel oder mehr - das entspricht einem vorbeirauschenden Lastwagen - aussetzt, schädigt in jedem Fall sein Gehör."

Ein geschädigtes Gehör ist die Ursache von Schwerhörigkeit

Rockkonzerte, bei denen Spitzenwerte um 130 Dezibel wie bei einem nahenden Düsenjet aus den Lautsprechern dröhnen, beschleunigen den Verlust des Hörvermögens. Schallenergie in dieser Intensität halten Ohren höchstens zwei Stunden pro Woche aus. Wer früher täglich bei "Smoke on the water" und "Satisfaction" die Stereoanlage voll aufdrehte, hat deshalb heute häufig Probleme, Gesprächen zu folgen.

Denn ein Gehör, das durch Lärm geschädigt wurde, nimmt zunächst hohe Töne mit Schwingungen von 4000 Hertz nicht mehr wahr. Konsonanten wie K, L und S, die in diesem Bereich liegen, werden nicht mehr gehört. "Das wirkt sich vor allem in Unterhaltungen mit mehreren Personen aus", sagt Karin Schorn. "Wenn im Hintergrund noch Musik läuft, der Ventilator surrt oder Kinder spielen, gehen die Sätze oft im Klangbrei unter."

Ständige Radioberieselung (50 Dezibel), der Verkehr vor der Haustür (70 Dezibel) und der MP3-Player (110 Dezibel) überfordern die Ohren zusätzlich. Mit den Jahren werden dann auch mittlere und tiefere Frequenzen immer schlechter wahrgenommen.

Eine individuell angepasste Hörhilfe schafft Besserung

Aus einem Lärmschaden entwickelt sich so eine handfeste Hörminderung. Ärzte sprechen von Schallempfindungs- oder Innenohrschwerhörigkeit. Bessern lässt sie sich nur mit einer individuell angepassten Hörhilfe. Und die sollte man sich möglichst früh verordnen lassen. Denn wer zu lange mit einem schlechten Gehör durchs Leben geht, vergisst, wie es klingt, wenn Grillen zirpen, Blätter im Wind rascheln und das Meer rauscht. "Die Nervenbahnen im Gehirn passen sich mit den Jahren dem lückenhaften Hören an und bilden sich zurück - wie ein Muskel, der nicht mehr trainiert wird", warnt Professorin Schorn.

Wer unsicher ist, ob er sich noch auf sein Gehör verlassen kann, sollte es deshalb prüfen lassen. Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, Ohrspezialisten (Otologen), aber auch der Hörgeräte-Akustiker um die Ecke erstellen dazu ein Audiogramm. Bei diesem Hörtest werden von jedem Ohr einzeln Töne und Geräusche in unterschiedlichen Tonhöhen und Lautstärken sowie Wörter abgefragt. Zusätzlich testet der Gehörspezialist, wie gut das Trommelfell noch schwingt.

Stehen Art und Grad der Schwerhörigkeit fest, hilft der Hörgeräte-Akustiker, ein passendes Hörsystem zu finden. Moderne Geräte arbeiten wie ein Minicomputer mit Mikrochips und digitaler Datenübertragung. Im-Ohr-Geräte, die im Gehörgang sitzen, kommen der natürlichen Schallaufnahme zwar am nächsten, sind aber bei starkem Hörverlust zu schwach und können sich unangenehm anfühlen. Beliebter sind deshalb inzwischen Hinter-dem-Ohr-Geräte, die kaum länger als zwei Zentimeter sind. Der Gehörgang bleibt frei, ins Ohr führt nur ein transparenter Mikroschlauch. Da muss niemand Angst haben, dass das Handicap sofort sichtbar wird. Wer weiß, was Mick Jagger vielleicht hinter den Ohren versteckt.

So können Sie sich vor Schwerhörigkeit schützen

  • Gönnen Sie Ihren Ohren nach einem lauten Konzert mindestens zehn Stunden Ruhe.
  • Wenn Sie Kopfhörer tragen, drehen Sie die Musik nur so laut, dass ein vorbeifahrendes Auto und ein Mensch, der in zwei Meter Entfernung spricht, noch zu hören sind.
  • Hören Sie pro Tag nicht mehr als zwei Stunden laut Musik über Kopfhörer.
  • Tragen Sie bei hoher Lärmbelastung, etwa im Fitnessstudio oder im Kino, Ohrstöpsel.
  • Erste Hinweise auf eine Hörminderung gibt ein Test unter www.earaction.de.
  • Individuelle Fragen zum Thema Hörprobleme und Hörhilfen beantworten Hörgeräte-Akustiker oder HNO-Ärzte). Auch das Deutsche Grüne Kreuz liefert Informationen.
Text: Ulrike Kleiner
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