"Jeder muss es selbst schaffen, aber nicht allein"

Wer Probleme mit Alkohol hat, braucht dringend Unterstützung durch sein Umfeld. Welche Hilfe ist bei einer Alkoholsucht sinnvoll? Darüber haben wir mit dem Facharzt Dr. Peter Becker gesprochen.

BRIGITTE WOMAN: Wenn ich merke, dass eine Freundin zu viel trinkt, soll ich sie darauf ansprechen?

Peter Becker: Auf jeden Fall. Wer etwas merkt und nichts tut, ist co-abhängig. Jeder, der ein Alkoholproblem hat, ist auf sein Umfeld angewiesen, er braucht Zuwendung durch Hilfe und Begrenzung. Deshalb ist es wichtig, das Thema anzusprechen, um die Betroffenen zu motivieren, etwas zu tun.

Wie mache ich das am besten?

Konstruktiv und ohne Vorwürfe. Weicht diejenige aus, sollte das Thema bei der nächsten Gelegenheit erneut angesprochen werden. Man kann auch ein Ultimatum setzen: "Wenn du morgens schon Prosecco trinkst, treffe ich mich nicht mehr mit dir zum Frühstück."

Dr. Peter Becker, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Suchtmedizin aus Hamburg, bietet eine spezielle abstinenzorientierte Psychotherapie an.

Täuscht der Eindruck, oder haben tatsächlich immer mehr Frauen Probleme mit Alkohol?

Die Geschlechter gleichen sich an, sowohl bei den Lebensbedingungen als auch beim Suchtverhalten. Das ist die Schattenseite der Frauenquote. Meiner Erfahrung nach trinken Frauen eher aufgrund von Beziehungsproblemen, Männer wegen ihres Ego.

Wer ist besonders gefährdet?

Eine Alkoholpersönlichkeit oder ein Alkoholgen gibt es nicht. Der wichtigste Risikofaktor ist die Alkoholtoleranz, die individuelle Empfindlichkeit. Wer viel Alkohol verträgt, kann auch regelmäßig welchen trinken, er gewöhnt sich daran, und irgendwann rutscht er in die Abhängigkeit.

Was sind die ersten Anzeichen dafür, dass die Grenze überschritten ist?

Wer täglich Alkohol trinkt, vor allem aus Stress, Anspannung und emotionaler Belastung heraus, ist extrem gefährdet. Hat jemand das Gefühl, nicht mehr aufs Trinken verzichten zu können, ist das ein deutliches Warnsignal. Da ist auch ein Glas täglich schon zu viel.

Was empfehlen Sie dann?

Die Trinkmenge zu reduzieren und trinkfreie Tage einzuhalten. Gleichzeitig sollten Betroffene besser für sich selbst sorgen, Stress im Job abbauen, Beziehungsprobleme klären, sich Urlaub gönnen. Bringt das keinen Erfolg, müssen sie sich gezielt mit dem Thema Alkohol auseinandersetzen. Der Hausarzt und Suchtberatungsstellen können dabei unterstützen. Wer viel trinkt, ist nicht gleich alkoholkrank. Die Grauzone ist groß, aber irgendwann ist es Zeit, sich Hilfe zu suchen.

Wann ist jemand definitiv alkoholkrank?

Diejenigen, die sich ständig mit Alkohol beschäftigen, schwitzen und zittern, also körperlich abhängig sind, und schlechte Leberwerte haben, brauchen dringend Hilfe. Sie schaffen es nicht allein.

Welche Möglichkeiten gibt es?

Es ist individuell verschieden, welche Hilfe jemand braucht. Eine Therapie ist dann die richtige, wenn ein Betroffener mit ihr sein Alkoholproblem in den Griff bekommt. Das kann die Begleitung durch den Hausarzt sein, Entgiftung, Entwöhnung, eine Selbsthilfegruppe, Psychotherapie, Medikamente - oder alles zusammen. Wer wirklich abhängig ist, sollte abstinent leben. Eine Entgiftung allein bringt in der Regel nichts. Auch Medikamente helfen nur, wenn sie in ein therapeutisches Gesamtkonzept integriert sind. Wichtig ist eine intensive Nachsorge, vielleicht auch die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe nach der Entwöhnung. Sehr gute Erfolge erzielt eine abstinenzorientierte Psychotherapie, bei der ganz individuell die Gründe fürs Trinken bearbeitet werden. Letztendlich gilt das Motto: Jeder muss es selbst schaffen, aber nicht allein.

Zum Weiterlesen: "Lieber schlau als blau" von Johannes Lindermeyer (262 S., mit CD-ROM, 29,95 Euro, Beltz); "Kontrolliertes Trinken" von Joachim Körkel (112 S., 17,99 Euro, Trias)

Interview: Monika Murphy-Witt BRIGITTE woman 07/2014

Wer hier schreibt:

Monika Murphy-Witt
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