Ambulante OP

Ambulante OP, kein Klinikaufenthalt, das klingt verlockend. Gleich nach Hause, ein bisschen erholen - und schon ist alles überstanden. Wirklich?

Im Taxi nach Hause geht es schon halbwegs. Und auf dem Sofa mit Hühnersuppe und einem guten Buch ist die Operation in Vollnarkose vom Vormittag fast wieder vergessen. Leichte Schmerzen und ein bisschen Schwindel sind zwar noch da. Schlimmer als bei einer starken Erkältung ist es aber nicht. Und am nächsten Morgen sitzt man schon mal wieder am Schreibtisch, E-Mails checken, Post durchsehen, ein paar Telefonate erledigen. Erleichtert, dass das so schnell möglich ist.

Auch eine ambulante OP ist eine große Belastung für den Körper

Viele Patienten unterschätzen die körperliche Belastung. Und überfordern sich.

So wünschen wir uns das. Doch die vermeintlich zügige Genesung kommt oft wieder ins Stocken. "Viele ambulant Operierte fühlen sich Tage nach dem Eingriff erneut müde, klagen über Kreislaufprobleme oder Übelkeit", sagt Dr. Jörg Huhnholz, niedergelassener Unfall- und Handchirurg aus Hamburg. Die Ärzte sprechend dann gern von Nachwirkungen des Narkosemittels, aber damit hat der Rückschlag wenig zu tun. Eher mit dem Eingriff selbst. Denn der ist trotz der heute üblichen schonenden Methoden noch immer eine erhebliche Belastung für den ganzen Körper. Viele unterschätzen das. Und überfordern sich.

"Besonders Selbständige arbeiten oft sofort wieder", sagt Dr. Jörg Rüggeberg, Chirurg mit Praxis in Bremen. Auch er selbst ist wenige Tage nach einer ambulanten Operation wieder zur Arbeit gegangen. "Das war etwas zu schnell", gibt der Mediziner zu.

So wie dem Arzt geht es vielen seiner Patienten. Sie haben falsche Vorstellungen von der "Operation to go". Noch vor 20 Jahren wurden ambulant vor allem Warzen entfernt und Platzwunden genäht. Doch heute sind zahlreiche Eingriffe ohne Klinikaufenthalt möglich. Dazu gehören echte Mini-OPs, wie zum Beispiel die Entfernung von Schrauben nach Knochenbrüchen, von denen man schon ein paar Tage später wirklich kaum mehr etwas merkt. Aber auch viele chirurgische Maßnahmen, die früher mit einer Woche Aufenthalt im Krankenhaus verbunden waren, sind durch die endoskopischen Verfahren einfacher und schonender möglich, etwa kleinere gynäkologische Operationen wie die Entfernung einer Zyste am Eierstock oder auch Kniespiegelungen. Diese Eingriffe werden am ehesten unterschätzt, weil sie unter Umständen nur eine halbe Stunde dauern und heute zum Standardangebot ambulanter Operateure gehören. Da scheint es fast übertrieben, dass auch danach eine Woche Krankschreibung üblich ist.

Autowerkstatt, Wäsche, hungrige Kinder - sich schonen ist zu Hause schwer.

In den letzten Jahren ist die ambulante Chirurgie sogar noch einen Schritt weiter gegangen: Heute werden ganze Schultergelenke ambulant ausgetauscht, und in einer gynäkologischen Tagesklinik in Hamburg wird seit 2007 auch die Gebärmutter ambulant entfernt.

Solche mehrstündigen Operationen sind immer mit einer Arbeitsunfähigkeit verbunden - auch wenn sie in einer Praxis und nicht im Krankenhaus durchgeführt werden. Ambulant heißt in diesem Fall also nur, dass man zu Hause statt in der Klinik gesund werden darf. Das schätzen viele. Nach einer Erhebung des Bundesverbandes für Ambulantes Operieren (BAO) würden sich von 20 000 befragten Patienten fast alle wieder für den Eingriff ohne Klinikaufenthalt entscheiden.

Die Vorteile aus medizinischer Sicht: Zu Hause treten viel seltener Infektionen auf als im Krankenhaus. "Darüber hinaus sinkt bei ambulanten OPs das Thromboserisiko", erklärt Dr. Claus Peter Möller vom BAO. Weil die Patienten direkt vom Aufwachraum zu Fuß zum Auto gehen, zu Hause auch mal ein Glas Wasser oder das Telefon selbst holen. Denn nach der Schwester klingeln kann man dort nicht. "Trotzdem muss die ersten 24 Stunden nach dem Eingriff jemand da sein", sagt Chirurg Rüggeberg. Freunde, Verwandte. Oder jemand vom ambulanten Pflegedienst. Doch auch danach ist noch nicht alles ausgestanden: Die Wundheilung dauert zehn Tage, und in dieser Zeit sollte man sich körperlich schonen.

Ambulante OP: Vielleicht doch ein paar Tage im Krankenhaus bleiben?

Das ist in den eigenen vier Wänden aber oft schwer. Die Autowerkstatt ruft an, die Wäsche türmt sich, die Kinder kommen aus der Schule. Da schafft es kaum eine Frau, sich die Erholungszeit zu nehmen, die sie braucht. Also: Bei mittelgroßen ambulanten Eingriffen mit einer Krankschreibezeit von einer Woche und erst recht bei den ganz großen neuartigen ambulanten OPs sollten sich alle, die nur schwer ungestört die Füße hochlegen können, gut überlegen, ob sie nicht doch im Krankenhaus bleiben. Die Alternative heißt: gründlich planen. Verantwortung übernehmen, die man früher an der Krankenhauspforte abgegeben hat. Die Wohnung zum privaten Krankenzimmer umgestalten und Freunde, Verwandte und den Partner auch über die ersten zwei Tage hinaus als Pflegepersonal einteilen. Das Suppe kocht, die Waschmaschine füllt oder einfach nur vorbeischaut. Wenn das geregelt ist, lässt es sich im eigenen Bett gut gesund werden.

Klinikaufenthalt oder ambulante OP?

Bis jetzt hat man bei größeren Eingriffen noch die Wahl zwischen Praxis und Klinik. Die Krankenkassen sind verpflichtet, ihre Mitglieder zu beraten, empfehlen aber meist die ambulanten Operationen, weil die billiger sind. Deshalb ist es ratsam, sich vor einem anstehenden Eingriff auch anderswo zu informieren.

Ambulante OP: Welcher Chirurg ist der bessere?

Viele ambulante Operateure schneiden im wahrsten Wortsinn besser ab als ihre Krankenhauskollegen, weil sie sich spezialisiert haben und einen bestimmten Eingriff täglich durchführen, zum Teil seit Jahren. Generell gilt: den Operateur wählen, der Spezialist auf dem Gebiet ist und die meiste Routine hat. Und: Bei kleinen OPs (etwa drei bis fünf Tage Krankschreibung) empfiehlt sich in den meisten Fällen der ambulante Eingriff, weil das Infektionsrisiko viel geringer ist als im Krankenhaus.

Woran ist eine gute Praxis zu erkennen?

Zum Beispiel daran, dass min destens 24 Stunden vor dem Eingriff ein ausführliches Aufklärungsgespräch geführt wird. Darin sollte der Arzt über Risiken sowie die Vor- und Nachbereitung informieren und dem Patienten eine Telefonnummer für Fragen oder Notfälle aushändigen.

Ambulante OP: Wann ist es besser, ins Krankenhaus zu gehen?

Wer bereits einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall hatte, sollte sich besser ins Krankenhaus legen, Gleiches gilt bei Störungen der Blutgerinnung. Diabetiker bleiben zu Hause besser eingestellt und sollten sich deshalb möglichst ambulant operieren lassen.

Welche ambulanten Eingriffe sind umstritten?

Vor allem die ambulante Mandel-OP. Der Grund: Es gibt ein Nachblutungsrisiko. Diese Komplikation ist zwar sehr selten, aber gefährlich. Wird nicht sofort behandelt, kann der Patient verbluten.

Zu Hause oder im Krankenhaus: Wo erholt man sich schneller?

Studien belegen, dass die Arbeitsfähigkeit nach ambulanten OPs etwas schneller wiederhergestellt ist. Zur Arbeit sollte man aber erst wieder gehen, wenn die Frist der Krankschreibung abgelaufen ist oder ein Arzt eine "Gesundschreibung" ausgestellt hat. Man kann auch vorher "auf eigene Gefahr" arbeiten. Das heißt aber: Wenn bei der Arbeit ein Unfall passiert, kann es sein, dass der Arbeitgeber nicht dafür aufkommt. Und: Treten nachträglich Komplikationen auf oder verzögert sich die Heilung, hat man im Streitfall schlechtere Chancen, recht zu bekommen.

Schnell und unkompliziert - Diese ambulanten Eingriffe sind längst Routine

Augenheilkunde: z. B. grüner Star, grauer Star, Operation von Weit- und Kurzsichtigkeit Gynäkologie: z. B. Endometriose-Operation, Sterilisation, Entfernung von Zysten Herzchirurgie: z. B. Implantation von Herzschrittmachern HNO: z. B. Nasennebenhöhlen-OP, Eingriffe zur Verbesserung des Hörvermögens Orthopädie: z. B. Gelenkspiegelungen, Meniskus-OP, Tennisellbogen, Karpaltunnelsyndrom Chirurgie: z. B. Leistenbruch, Entfernung der Gallenblase, Krampfader-OP

Text: Anne Otto Foto: iStockphoto.com

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