Biofeedback: Technik statt Tabletten

Es müssen nicht immer Medikamente sein. Mit einem neuen Verfahren können Migränepatientinnen lernen, einen Anfall selbst zu verhindern: Biofeedback. Hilfe zur Selbsthilfe - ganz ohne Nebenwirkungen.

Wer unter Migräne leidet, weiß: Je schneller bei einer drohenden Attacke Tabletten eingenommen werden, desto besser. Doch es geht auch anders: mit Biofeedback. Dieses noch junge technische Verfahren mit dem komplizierten Namen macht Patientinnen ihre normalerweise unbewusst ablaufenden Körperfunktionen bewusst. Dazu werden Körpersignale (deshalb "Bio") wie Muskelspannung, Temperatur, Durchblutung oder das Erregungsniveau des Gehirns über Elektroden abgeleitet und per Computer mit speziellen Software-Programmen in optische oder akustische Signale übersetzt.

Betroffene können so unmittelbar auf dem Bildschirm sehen oder hören, wie angespannt sie zum Beispiel sind. Dank dieser Rückmeldung (deshalb "Feedback") lernen sie dann, die jeweilige krank machende Körperfunktion gezielt mental zu steuern, also sich zu entspannen. Dass das bei Bluthochdruck, Rückenschmerzen, Schlafstörungen, Asthma und Angststörungen funktioniert, haben Studien gezeigt. Jetzt hat die Deutsche Migräne- und Kopfschmerz-Gesellschaft diese alternative Methode auch in ihre neue Leitlinie zur Migränetherapie aufgenommen. Dr. Anke Pielsticker, Psychologische Psychotherapeutin aus München, die seit langem mit Migränepatientinnen arbeitet, hat bereits gute Erfahrungen mit Biofeedback gemacht.

Experten für Biofeedback

Qualifizierte Biofeedback-Therapeuten vermittelt die Deutsche Gesellschaft für Biofeedback e. V. unter www.dgbfb.de . Bei Migräne bitte nach Neurofeedback fragen. Eine Liste mit Kopfschmerz-Experten und Tipps zur Lebensführung gibt es bei der Deutschen Migräneund Kopfschmerz-Gesellschaft unter www.dmkg.de , Psychologische Schmerztherapeuten der Deutschen Gesellschaft für Psychologische Schmerztherapie und -forschung bei www.dgpsf.de . Eine CD mit einem Entspannungstraining zur Kopfschmerz-Prophylaxe haben die Neustädter Schmerztherapeutin Dr. Johanna Michel und die Diplompsychologin Jutta Schultis produziert (Valle Venia, ca. 15 Euro, im Fachhandel).

Interview: Gehirntraining baut Stress ab

BRIGITTE WOMAN: Wie hilft Biofeedback speziell bei Migräne?

DR. ANKE PIELSTICK: Neueste Theorien gehen davon aus, dass bei Migräne die Verarbeitung von Reizen gestört und dadurch die Gehirnaktivität ständig erhöht ist. Mit Biofeedback kann man gezielt lernen, sie durch mentales Training effektiv herunterzuschrauben. So lassen sich Anfälle verhindern.

BRIGITTE WOMAN: Wie läuft eine solche Sitzung ab?

DR. ANKE PIELSTICK: Die Patientin kann ihre Hirnströme auf einem Bildschirm beobachten. So sieht sie, ob sie sich aufregt oder entspannt ist. Bei Entspannung hört sie Musik oder ein angenehmes Geräusch. Auf diese Weise wird ihr Gehirn belohnt und damit positiv konditioniert. Außerdem sieht sie ihre Anspannung und kann durch gezieltes Training ihre Hirnaktivität drosseln. Sie kann sich gegen Migräne-Auslöser wie Stress und Reizüberflutung besser abschirmen.

BRIGITTE WOMAN: Für wen ist diese Methode geeignet?

DR. ANKE PIELSTICK: Für alle Migränepatientinnen, die Anspannung in ihrem Körper nicht so gut wahrnehmen oder Schwierigkeiten haben, ein Entspannungsverfahren zu lernen. Das Biofeedback führt ihnen deutlich vor Augen, wie wichtig Stressabbau ist, und vor allem, wie sie ihn selbst erreichen. Zehn Sitzungen genügen meist, um eine individuelle Methode zu erarbeiten. Danach können sie auch ohne Computerkontrolle jederzeit entspannen.

BRIGITTE WOMAN: Wo wird Biofeedback angewandt?

DR. ANKE PIELSTICK: Hauptsächlich in Kliniken mit Schwerpunkt Schmerztherapie und im Rahmen von Kurmaßnahmen. Ambulante Angebote sind noch rar. Ist das Biofeedback in eine Verhaltenstherapie eingebettet, tragen die Kassen die Kosten.

BRIGITTE WOMAN: Wie können Betroffene Migräneattacken noch vorbeugen?

DR. ANKE PIELSTICK: Mit einer ausgewogenen Lebensführung, gutem Stressmanagement im Alltag, zweimal pro Woche Ausdauersport und täglich 25 bis 30 Minuten Entspannungsübungen wie Progressiver Muskelrelaxation oder autogenem Training erreichen sie viel. Wichtig außerdem: eine Fünf-Minuten-Entspannung für besonders stressige Momente zu erlernen, um drohenden Attacken entgegenzuwirken. Wer Stress schlecht bewältigt, kann dies in einer Kurzzeit- Verhaltens- oder einer speziellen Schmerzpsychotherapie lernen.

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