Anthroposophische Medizin: 10 Fragen und Antworten

Interessieren Sie sich für anthroposophische Medizin? Wir haben die zehn wichtigsten Fragen für Sie beantwortet.

1. Welche Grundsätze hat die anthroposophische Medizin?

Die Anthroposophische Medizin (Anthroposophie = griechisch "Menschenweisheit") betrachtet sich selbst als spirituelle Erweiterung der modernen, naturwissenschaftlich begründeten Medizin, als Ganzheitsmedizin, die Naturheilkunde und Psychosomatik einbezieht. Dazu ergänzt sie schulmedizinische Diagnose- und Therapieverfahren mit ihren eigenen Methoden. Diese basieren auf der Lehre von Rudolf Steiner (1861-1925), die philosophisches und christliches Gedankengut mit Goethes Naturlehre verbindet. Im Mittelpunkt steht der Mensch als Ganzes mit seinen vier "Wesensgliedern":

  • 1. Physischer Leib = sichtbarer Körper, unterteilt in die drei Bereiche Stoffwechsel-Gliedmaßen-System, Sinnesorgan-Nerven-System und Herz-Kreislauf-Rhythmus-System
  • 2. Ätherleib = Lebenskräfte
  • 3. Astralleib = Empfinden/Gefühle/Selbstbild, seelische Tätigkeit
  • 4. Ich = Selbstbewusstsein/Persönlichkeit/
  • eigene Identität, geistige Tätigkeit.

Sind alle vier Wesensglieder harmonisch im Gleichgewicht, ist der Mensch gesund. Entsteht ein Ungleichgewicht, das der Körper selbst nicht mehr regulieren kann, kommt es zu Krankheiten. Je nachdem, welches Wesensglied zu stark oder zu schwach ist, treten unterschiedliche Beschwerden auf (Physischer Leib: skleroseartige Krankheiten, Ätherleib: geschwulstartige, Astralleib: entzündungsartige, Ich: lähmungsbedingte). Der Mensch ist jedoch nach Steiner lernfähig und in der Lage sich weiterzuentwickeln. Krankheit gilt als Widerstand im Leben, an dem jeder reifen kann. Die Anthroposophische Medizin soll ihm dabei helfen, diese Aufgabe zu bewältigen, ein neues inneres Gleichgewicht zu finden und seine Selbstheilungskräfte zu stärken. Dabei soll der Patient aktiv und mitverantwortlich mitarbeiten.

2. Anthroposophische Medizin - was sagt die Schulmedizin dazu?

Kritisiert wird oft die enge Verknüpfung der anthroposophischen Medizin mit einem weltanschaulichen System. Ohne Kenntnis der Anthroposophie sei diese Heilmethode kaum verständlich, sagen Schulmediziner. Die Wirkung vieler anthroposophischer Arzneimittel - vor allem von homöopathisch verdünnten und in rhythmisierten Verfahren hergestellten - lässt sich schwer mit schulmedizinischen Standards beweisen. Eine Ausnahme ist die Misteltherapie; sie wird auch von Schulmedizinern komplementär bei der Behandlung von Krebspatienten angewandt.

3. Wie arbeitet die anthroposophische Medizin?

Da alle anthroposophischen Ärzte auch eine schulmedizinische Ausbildung haben, kommen außer der Allgemeinmedizin ebenfalls alle anderen Fachrichtungen mit ihren Methoden zum Einsatz. Die anthroposophischen Methoden werden nicht alternativ, sondern ergänzend, komplementär zu schulmedizinischen Maßnahmen angewandt, um eine individuellere Therapie zu ermöglichen.

Im Einzelnen werden eingesetzt:

  • Diagnose mit schulmedizinischen Mitteln wie Laboruntersuchungen und apparativen Techniken sowie ausführlichen Gesprächen;
  • Anthroposophische Arzneimittel aus pflanzlichen, tierischen und mineralischen Stoffen, teils homöopathisch potenzierte Mittel, teils mit speziellen Verfahren (z.B. rhythmischen Prozessen, Aufschließung von Metallen durch Pflanzen = "vegetabilisierte Metalle") hergestellt (bekannteste Mittel: Mistelpräparate);
  • äußere Anwendungen (z.B. Metallsalben, rhythmische Einreibungen und Massagen, Bäder);
  • Heileurythmie (spezielle von Rudolf Steiner begründete Bewegungstherapie);
  • Kunsttherapien wie z.B. Plastisch-therapeutisches Gestalten, Maltherapie, Musiktherapie, therapeutische Sprachgestaltung;
  • Gesprächstherapie und Biografiearbeit.

Besondere Stärken der anthroposophischen Medizin:

  • die enge und vertrauensvolle Beziehung zwischen Arzt und Patient;
  • die intensive Zuwendung;
  • die individuelle, an den persönlichen Lebensbedingungen und der speziellen Situation des Patienten orientierte Therapie;
  • die Hilfe zur Selbsthilfe, um Krankheiten zu überwinden und vorzubeugen.

4. Wann wird die anthroposophische Medizin eingesetzt?

Indikationen sind alle akuten und chronischen Erkrankungen, vor allem auch in der Kinderheilkunde. Speziell bei rheumatischen Beschwerden, psychischen Erkrankungen, Hautleiden, Erkrankungen der Verdauungsorgane und als Begleitbehandlung in der Krebstherapie wird anthroposophische Medizin eingesetzt.

5. Wann darf anthroposophische Medizin nicht angewandt werden?

Es gibt keine Kontraindikationen. Ein Versuch lohnt sich immer.

6. Welche Nebenwirkungen können bei der anthroposophischen Medizin auftreten?

Keine besonderen. Nach Einnahme von anthropophischen Medikamenten kann es, ähnlich wie in der Homöopathie, zu einer Erstverschlimmerung kommen.

7. Welche Wechselwirkungen sind möglich?

Die anthroposophische Medizin wird in der Praxis fast immer mit schulmedizinischen Maßnahmen kombiniert. Probleme ergeben sich daraus nicht. Eine gleichzeitige Anwendung von anderen komplementären Methoden wie Homöopathie, Naturheilkunde, manuellen Therapien etc. ist ebenfalls möglich. Am besten entscheidet der behandelnde Arzt, was im speziellen Fall sinnvoll ist.

8. Für wen ist anthroposophische Medizin geeignet?

Wer sich anthroposophisch behandeln lassen möchte, sollte bereit sein, sich - zumindest ansatzweise - auf die ihr zugrunde liegende Weltanschauung Rudolf Steiners einzulassen. Wichtig ist es außerdem, dass Patienten im Rahmen der Therapie selbst aktiv mitarbeiten und Eigenverantwortung übernehmen. Sie sollten keine Scheu haben, ihre Gefühle und unangenehme Themen der eigenen Biografie mit dem Arzt zu besprechen und sich auf eine enge Beziehung mit ihm einzulassen. Alle, die sich darauf nicht einlassen möchten und weniger eigenes Engagement wünschen, sollten überdenken, ob die anthroposophische Medizin für sie richtig ist. Ein besonders Plus der anthroposophischen Ärzte ist auf jeden Fall ihre Bereitschaft, auch dann weiter zu behandeln, wenn wenig Aussicht auf Heilung besteht. Für sie ist allein entscheidend, dass der Patient Hilfe und Zuwendung braucht.

9. Wer trägt die Kosten für anthroposophische Medizin?

Die ärztliche Diagnose und Behandlung übernehmen die Kassen, wenn Arzt, Klinik oder Sanatorium eine Kassenzulassung haben. Nur aufwändige Erstanamnesen können eventuell in Rechnung gestellt werden. Allerdings bieten mittlerweile viele gesetzliche Krankenkassen ihren Versicherten die anthroposophische Medizin als "Integrierte Versorgung" an, d.h. die Kosten werden über die Chipkarte abgerechnet. Voraussetzung dafür ist, dass ein Behandlungsvertrag zwischen der Kasse und dem Arzt, Therapeuten, Krankenhaus besteht. Die Kassen können darüber Auskunft geben.

Anthroposophische Arzneimittel werden bei ärztlicher Verordnung zum großen Teil von den gesetzlichen und privaten Kassen bezahlt, wenn sie verschreibungspflichtig sind. Nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel müssen selbst bezahlt werden. Ausnahmen gibt es bei schwerwiegenden Krankheiten (bei Kasse nachfragen). Die Kosten für Heileurythmie und Kunsttherapien tragen die meisten gesetzlichen Kassen außerhalb einer "integrierten Versorgung" in der Regel nicht; trotzdem sollte man bei seiner Kasse nachfragen. Private Versicherungen übernehmen die Kosten je nach Tarif. Heileurythmie ca. 45 Euro, Kunsttherapie ca. 45 Euro.

10. Wo gibt es mehr Infos über anthroposophische Medizin?

Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland DAMiD, Chausseestr. 29, 10115 Berlin, Tel. 030/28877094, www.damid.de

Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland e.V., Roggenstr. 82, 70794 Filderstadt, Tel. 0711/7799711

Adressen von Ärzten und Kliniken: Tel. 01803/305055 (0,09 €/min.), www.anthroposophischeaerzte.de

Berufsverband Heileurythmie e.V., Roggenstr. 82, 70794 Filderstadt, www.berufsverband-heileurythmie.de

Berufsverband für Anthroposophische Kunsttherapie e.V., Am Hessenberg 34, 58313 Herdecke, www.anthroposophische-kunsttherapie.de

Anthroposophische Medizin: Zum Weiterlesen

"Anthroposophische Medizin besser verstehen" von Iris Hammelmann und Petra Heinze, 128 S., 14,95 Euro, Haug, 2008

"Blutdruck senken. Das 3-Typen-Konzept" von Annette Bopp und Thomas Breitkreuz, 128 S., 12,90 Euro, Gräfe und Unzer, 2009

"Anthroposophische Medizin" von Michaela Glöckler u.a., 311 S., 10,90 Euro, Verlag Freies Geistesleben 2004 (2.Aufl.)

"Quellen der Gesundheit" von Rudolf Steiner, 100 S., 12,90 Euro, Verlag Freies Geistesleben 2003

"Heilmittel für typische Krankheiten" von Rudolf Steiner, 49 S., 9,50 Euro, Verlag Freies Geistesleben 1996 (3. überarb. Aufl.)

"Rudolf Steiner: Leben und Lehre" von Heiner Ullrich, 266 S., 19,95 Euro, Beck 2010

Text: Monika Murphy-Witt Foto: Fotolia

Wer hier schreibt:

Monika Murphy-Witt
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