Heilende Hände statt Skalpell

Es müssen nicht immer gleich starke Tabletten oder eine Operation sein. Eine osteopathische Behandlung kann manchmal Wunder wirken.

Die Schmerzen in Anna Pohls Hüfte kamen plötzlich. Nachts wusste die 54-Jährige nicht mehr, wie sie liegen sollte. Tags quälte sie sich beim Treppenlaufen und sie biss die Zähne zusammen, wenn sie ins Auto einstieg. Sie suchte Hilfe beim Orthopäden. Er machte ein Röntgenbild und sagte, ihre Schmerzen kämen von einer Entzündung im Hüftgelenk. Dagegen verschrieb er ihr Salben und Tabletten, aber sie halfen nicht. Da riet er ihr zu einem Besuch beim Osteopathen.

Die Osteopathie versteht sich als ganzheitliche Form der Medizin, bei der die Therapeuten vor allem mit ihren Händen arbeiten: Sie setzen darauf, krankmachende Blockierung im Körper erspüren zu können. Diese behandeln sie durch behutsames Drücken, Ziehen, Kneten und Streichen oder auch, indem sie die Gelenke des Patienten sanft bewegen. So lockern sie die Muskeln, stimulieren die Nerven und verbessern den Durchfluss in Blutgefäßen und Lymphbahnen. Das Ziel der Osteopathie ist es dabei, dem Körper seine ursprüngliche Beweglichkeit zurückzugeben, um so seine Selbstheilungskräfte anzukurbeln.

Eine osteopathische Behandlung stellt die Bewegungsfähigkeit wieder her

Denn Osteopathen gehen davon aus, dass man krank wird, wenn die Bewegungsfähigkeit im Körper blockiert ist: Wie Steine in einem Flussbett das Wasser zwingen, sich seinen Weg um sie herum zu suchen, können auch Blockierungen im Organismus die Kräfteverhältnisse ungünstig beeinflussen. So dachte jedenfalls der US-Amerikaner Andrew Taylor Still, der Ende des 19. Jahrhunderts die Osteopathie begründete. Er sagte: "Leben ist Bewegung." Und tatsächlich ist unser Körper alles andere als starr: Muskeln dehnen sich, Knochen bewegen sich in den Gelenken, Haare wachsen, Haut wird faltig, und bei jedem Atemzug bewegt sich beispielsweise die Niere um etwa drei Zentimeter auf und ab – das entspricht pro Tag einer Strecke von 600 Metern.

Für den Osteopathen spielt das Bindegewebe eine zentrale Rolle, das sich durch ganzen den Körper zieht. Wie eine Folie umhüllt es jedes Organ, jeden Knochen, jeden Muskel, jede Sehne, ja jede Zelle. "Weil das Bindegewebe alles miteinander verknüpft, ist es der Kommunikationsweg, über den Störungen von einem Körperteil zum anderen übertragen werden können. Aber ebenso kann man über das Bindegewebe mit speziellen Handgriffen auch Heilungsimpulse setzen", erklärt Professor Joachim Buchmann, Orthopäde und Osteopath in Rostock.

Wie alle Osteopathen behandelt er nie nur den Körperteil, der Beschwerden macht. Denn er geht davon aus, dass die Ursache für eine Störung in ganz anderen Körperbereichen liegen kann. Anna Pohl wunderte sich daher, als ihr Osteopath sie fragte, ob sie unter chronischer Verstopfung leide. Was zunächst absurd klingt, ist nachvollziehbar: Bei Verstopfung dehnt sich der Dickdarm aus und das kann die Durchblutung im kleinen Becken behindern. Weil dort auch Gefäße liegen, die den Hüftkopf versorgen, kann Verstopfung die Durchblutung im Knochen einschränken. Das wiederum verstärkt die Abnutzung des Knorpels, der schützend zwischen Hüftkopf und Hüftpfanne liegt. Im schlimmsten Fall entsteht so mit den Jahren eine Hüftarthrose: Wenn der Knorpel verschleißt, reiben Hüftkopf und Hüftpfanne aneinander.

Bei den meisten Menschen entsteht eine Hüftarthrose allerdings aus einem anderen Grund. Ihre Bein-, Bauch- und Rückenmuskeln, die für das Beugen und Strecken der Hüfte zuständig sind, arbeiten nicht ausgewogen zusammen. Dieses Problem steckte auch bei Anna Pohl hinter den Schmerzen. "Die Osteopathie kann in diesen Fällen sehr oft helfen, eine Arthrose aufzuhalten oder zu verzögern", sagt Professor Buchmann. Mit speziellen Handgriffen, bringen Osteopathen den Körper dabei wieder ins Lot, dass die Muskeln wieder harmonieren. Denn nur dann sind Hüftkopf und Hüftpfanne optimal verbunden.

Osteopathische Behandlung ist sanfte Berührung

Das ist wichtig, weil sonst ein bestimmter Muskel, der das Hüftgelenk in der Pfanne hält, zu angespannt ist. Diese Anspannung drückt auf den Hüftknochen und – wie bei der Verstopfung - verschlechtert sich dadurch die Durchblutung im Knorpel. Die erste Folge ist eine Entzündung der Gelenkkapsel. Bleibt der Druck bestehen, geht der Knorpel kaputt bis eine Arthrose entsteht. Bei Anna Pohl kam es zum Glück nicht so weit. Nach einigen osteopathischen Behandlungen verschwanden ihre Schmerzen als seien sie nie da gewesen. Sie kann das bis heute nicht so ganz fassen: "Osteopathie erinnert mich an Handauflegen, so sanft sind viele Berührungen. Ich hätte nie gedacht, dass das was hilft."

Am besten ist es, dreimal die Woche für eine halbe Stunde scharf zu gehen – etwa so, als möchten Sie ein Geschäft erreichen, das in zehn Minuten schließt. Das scharfe Gehen bewirkt, dass Sie Ihren Körper gezielt durch bewegen. Das lockert die Muskeln und fördert die Bewegungsfähigkeit. Am besten gehen Sie allein, denn wenn man sich dabei unterhält, bewegt man seinen Körper unwillkürlich asymmetrisch.

Text: Sabine Laerum
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