Zwangsstörung - Wenn Putzen zur Sucht wird

Mehr als eine Million Frauen und Männer in Deutschland haben eine Zwangsstörung und leiden darunter. Gezielte Therapien können helfen.

Sie führt einen langen Kampf gegen Ekel und Angst. Und sie gewinnt ihn

Schuhe abklopfen, ausziehen, Sohlen bürsten, wischen, auf einen Lappen stellen. Sabine Köhler* stand unter Stress, wenn sie am Feierabend ihre Wohnungstür hinter sich zumachte. Den ganzen Tag im Büro hatte sie Listen erstellt, was zusätzlich zum üblichen allabendlichen Putzprogramm zu Hause anstand. Zweimal in der Woche waren die Küchenfenster dran und das Treppenhaus. Sofapolster, Regale, Fensterbretter und Fernseher wurden täglich abgestaubt, die Bettumrandungen wurden feucht gewischt und nachgewischt, die Badewanne wurde gescheuert, gespült, gescheuert und wieder gespült. Alles in der richtigen Reihenfolge und zum Schluss noch einmal, es konnte ja sein, dass sie eine Ecke vergessen hatte. Immer die gleiche Prozedur, jeder Vorgang wurde auf der Liste abgehakt. Bevor ihr Lebensgefährte heimkam, hatte Sabine die ganze Wohnung gesaugt, viele Quadratmeter sogar zwei- oder dreimal.

Klar war das unsinnig, manche lachten und sagten: "Du mit deinem Putzfimmel!" Auch Sabine lacht ein wenig trotzig: "Ich hasse putzen!" und hebt abwehrend ihre Hände über den Kopf. Wenn sie bloß anders gekonnt hätte! Aber sie leidet an einer Zwangserkrankung. Seit 30 Jahren. Gerade hat die 45-jährige Frau mit dem hübschen blonden Pagenkopf, dezent geschminkt, eine verhaltenstherapeutische Behandlung in der Münsteraner Christoph-Dornier-Klinik abgeschlossen und hofft: dass sie ihre Zwänge im Griff hat, nicht mehr tut, was sie nicht tun will.

Zwangsstörung - Die Dunkelziffer ist hoch

Mehr als eine Million Frauen und Männer in Deutschland tun zwanghaft Dinge und leiden darunter. Das kann Putzen sein, Händewaschen oder Duschen aus panischer Angst vor Keimen, Schimmel oder Dreck. Andere kontrollieren in Endlosschleifen, ob der Herd abgeschaltet ist, das Licht aus, wieder andere fühlen sich gezwungen zu zählen, Treppenstufen oder Fenster, zu sammeln und Dinge zu wiederholen. Bei Frauen überwiegt der Putzzwang, bei Männern der Kontrollzwang. Dr. Schide Nedjat, ärztliche Leiterin der Dornier- Klinik, berichtet von Patienten, die zwar Auto fahren, aber ständig denken, sie würden jemanden anfahren. Gegen jede Vernunft kehren sie um und suchen die Strecke immer wieder nach dem vermeintlich Verletzten ab. Die Dunkelziffer der Betroffenen ist hoch, die meisten schämen sich für ihre Zwänge, können sich aber nicht dagegen wehren. Im Gegensatz zu Angsterkrankten machen Zwangspatienten keinen Bogen um unangenehme Gefühle - sie verdrängen sie aktiv durch unsinnige oder übertriebene Rituale, Ordnungen und Regeln, Ersatzhandlungen. "Verrückt bei klarem Verstand", beschreiben sie ihre Krankheit, bei der Wahrnehmung, Gedanken und Handlungen nicht mehr zusammenpassen.

*Namen wurden von der Redaktion geändert

Sabine ist aufgekratzt, als sie erzählt. Tagsüber in ihrem Job als Verwaltungsangestellte kam sie gut zurecht, abgesehen von ihren Putzlisten. Doch sobald sie abends ihre eigenen vier Wände betrat, begann die Hölle. Jahrzehntelang konnte sie an nichts anderes denken als an Schmutz, der weggeputzt werden musste. Jeden Abend die gleichen Rituale. Angefangen hat Sabines Zwangsstörung in der Pubertät. "Schleichend", sagt sie, an einen Auslöser kann sie sich nicht erinnern. Der Druck in der Schule vielleicht, sie war keine gute Matheschülerin, dafür blendend in Deutsch. "Ich wollte es immer allen recht machen", mit einem "gesunden" Selbstbewusstsein war sie nicht gesegnet. Auch eine eigene Meinung traute sie sich nicht zu, dafür war sie ordentlich, korrekt, pünktlich, unauffällig - zu sehr, irgendwann übertrieben. Schon mit 15, erinnert sie sich, habe sie täglich abgestaubt, Bad und Klo geputzt und ihren Eltern verboten, es hinterher zu benutzen. Dass etwas an ihrem Verhalten nicht stimmte, spürte sie. Denn anstatt für ihren Putzeifer gelobt zu werden, wurde sie gerügt. Und während andere Mütter über die Unordentlichkeit ihrer Kinder schimpften, beklagte sich ihre über den Putzfimmel der Tochter.

Die Grenze zwischen "normal" putzen und zwanghaft ist eine Gratwanderung

"Putzfimmel" klingt harmlos. Doch die Grenze zwischen "normal" putzen und zwanghaft ist eine Gratwanderung. "Wenn die Umgebung anfängt, sich über einen zu ärgern, obwohl man doch nur alles richtig machen möchte", definiert Sabine die Alarmzeichen einer Zwangserkrankung. Oft beginnt eine solche Störung im jugendlichen Alter. Unbemerkt, manche Zwänge verschwinden wieder; bei anderen können Depressionen oder eine Magersucht hinzukommen. "Wenn junge Menschen in schwierigen Lebensphasen emotional und psychisch überfordert sind, können sich Zwangsstörungen entwickeln", sagt Schide Nedjat. Die Jugendlichen geraten unter Druck, sprechen aber nicht über ihre Gefühle. Sie halten durch, unausgesprochene Ängste werden durch Zwangsgedanken und rituelle Handlungen gebändigt. Manifestiert sich dieses Verhalten, bindet der Betroffene schnell seine nächste Umgebung mit ein, oft mit unerbittlicher Strenge. Eltern und Geschwister werden veranlasst, auf Waschorgien einzugehen; Freunde sollen mitkontrollieren, ob Türen richtig verschlossen sind, oder sie müssen warten, bis Stufen gezählt und bestimmte Muster auf einem Gehweg gegangen sind. Spätestens dann ist der Zwang nicht mehr zu übersehen, professionelle Hilfe wäre notwendig, sagt Schide Nedjat. Andere sollten auf keinen Fall darauf eingehen, sondern gegensteuern, auch wenn das zu heftigen Auseinandersetzungen führt. Zu Anfang ihrer Erkrankung ist Betroffenen noch bewusst, dass ihr Verhalten "unnormal" ist. Doch während nicht zwanghafte Menschen ihren "Putzfimmel" überdenken würden, beharren Menschen mit Zwangsstörungen steif und fest darauf.

Wenn ihre Freunde ins Kino gingen, schrubbte sie den Hausflur.

"Entweder du oder wir", hieß es, als Sabine 21 war. Ihre Familie hielt es nicht mehr mit ihr aus und suchte ihr eine Wohnung. Hier wäre wohl der passende Zeitpunkt gewesen, einen Psychologen aufzusuchen. Aber Sabine fühlte sich verstoßen, "unfreiwillig", sagt sie, sei sie ausgezogen. Ihren Putzzwang aufgeben wollte, konnte sie nicht, "und irgendwann dachte ich, dass das Putzen einfach zu mir gehört". Zwar lebte Sabine immer in Beziehungen, zurückgezogen hat sie sich trotzdem, sich häuslich in ihrem Sauberkeitswahn eingerichtet. Wenn ihre Freunde ins Kino gingen, schrubbte sie den Hausflur, wenn ihr Lebensgefährte Fußball spielte, polierte sie die Armaturen im Bad. Blieb er zu Hause und wollte mit ihr fernsehen, lehnte sie höchstens mit dem Putzlappen an der Tür. Schweißgebadet, aus Angst, ihr Programm nicht zu schaffen.

Kochen ging gar nicht, denn "Kochen macht ja Dreck". Gegessen wurde nebenbei. Wollte ihr Freund abends ein warmes Essen zubereiten, gab es Streit. "Sobald er einen Teller aus dem Schrank holte, wurde ich aggressiv." Genauso, wenn er duschte, sich rasierte, Zähne putzte. "Sex bitte nur an Orten, die hinterher gründlich sauber gemacht werden konnten." Vorzugsweise im Badezimmer, wo sie sowieso mehrmals täglich die Fliesen abwischte. Schlief man doch einmal im Bett miteinander, dann wie auf heißen Kohlen, bis es neu bezogen werden konnte. "Am Anfang dachten wir noch, dass wir das schon zusammen hinkriegen, wenn wir uns nur genügend lieben." Doch bald ging ihr Freund schon an die Decke, wenn er nur das "Pffft" der Putzmittelflasche hörte.

Menschen, die lange in Zwängen leben, vereinsamen. Keine Disco nach Feierabend, nie konnte Sabine spontan übers Wochenende wegfahren, das hätte ihr Putzprogramm durcheinandergebracht. Auch Freunde oder Familie einladen kam nicht infrage. Einmal hat Sabine sich überwunden und einen Sonntagsbrunch veranstaltet. Doch jeder Brotkrümel, den sie nicht umgehend wegkehren konnte, versetzte sie in Panik und schlechte Laune. Der folgende Tag war selbstverständlich fürs Putzen reserviert. "Je länger man die Zwänge hat, desto mehr weiten sie sich aus", sagt Schide Nedjat. Bei vielen ihrer Patienten sind 80 bis 90 Prozent der Tageszeit von Zwangsgedanken besetzt. Das hat neurobiologische Veränderungen im Gehirn zur Folge. Zur Erst-Therapie werden deshalb inzwischen auch Medikamente, so genannte Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, eingesetzt. Doch bis eine Behandlung begonnen wird, dauert es oft lange. Im Schnitt vergehen sieben bis 14 Jahre. Zu groß ist die Scham, sich eigenen unsinnigen Verhaltensmustern zu stellen.

Sabine war 30, als sie zum ersten Mal eine Heilpraktikerin aufsuchte. In den folgenden Gruppen- und Einzeltherapien lernte sie über ihre Zwänge zu sprechen, verschwunden sind sie deshalb nicht. Aber bewusster geworden: "Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass mich die Putzerei vom Leben abhält." Ihre Partnerschaft drohte daran zu scheitern. "Wir leben zwar zusammen, aber ich bin trotzdem allein", beklagte sich ihr Lebensgefährte. Das ging unter die Haut, Sabine wollte ihren Partner nicht länger belasten und suchte sich eine Klinik zur stationären Therapie. Es dauerte einige Monate und kostete sie viel Überwindungskraft, bis sie sich ihrem Arbeitgeber anvertrauen konnte und die Papierkrieghürden für die Krankenkasse genommen hatte. "Aber am allerschlimmsten war es", sagt sie, "den Gedanken auszuhalten, dass während meiner Abwesenheit zu Hause viel Dreck liegen bleiben würde." Doch sie hat es geschafft, vier Wochen lang.

Fast ein wenig stolz erzählt sie, wie sie bei über 80 verhaltenstherapeutischen Einzelübungen gelernt hat, ihre Handtasche auf nassen Straßen abzustellen und sie trotz Ekelgefühlen ungesäubert wieder über die Schulter zu hängen. Und wie sie mit der Therapeutin auf der Münsteraner Promenade durch den Matsch gewatet sei. Eine Spaziergängerin habe sich gefreut und "wie die Kinder" gerufen. Sabine selbst war gar nicht erfreut, sondern angespannt bis zu den Haarspitzen. Der Puls hämmerte, die Hände kribbelten, Schweiß stand auf der Stirn. Auch bei sich zu Hause hat sie mit der Therapeutin geübt: Fenster öffnen, Bett zerwühlen, in Töpfen und Pfannen kochen, im Bad baden. Die Konfrontationsübungen, wie die Psychotherapie dazu sagt, waren hart, aber Sabine überwand Angst und Ekel, immer wieder und immer leichter.

Nach der Entlassung aus der Klinik wurde Sabine noch sechs Wochen lang von ihrer Therapeutin telefonisch betreut. Inzwischen läuft es gut, bis auf kleine Rückfälle. Einen "Putzplan" hat sie immer noch, aber er ist deutlich geschrumpft. Daneben gibt es jetzt einen "Freizeitplan", auf dem steht auch ein leckeres selbst gekochtes Abendessen.

Mehr Informationen zum Thema Zwangsstörung

Deutsche Gesellschaft für Zwangserkrankungen e. V., Postfach 70 23 34, 22023 Hamburg, www.zwaenge.de

Christoph-Dornier-Stiftung für Klinische Psychologie, Salzstr. 52, 48143 Münster, www.christoph-dornier-stiftung.de

Christoph-Dornier-Klinik GmbH, Tibusstraße 7-11, 48143 Münster, www.c-d-k.de

Text: Marianne Mösle Foto: iStockphoto
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