Rückgrat zeigen: Was unsere Wirbelsäule alles kann

Eigentlich gebührt unserer Wirbelsäule ein Platz in der Liste der Weltwunder. Schade, dass wir ihre geniale Konstruktion erst bei Rückenschmerzen zu schätzen wissen.

Hinsetzen. Aufstehen. Losgehen. Stehen bleiben. Das kann doch jeder, oder? Normalerweise machen wir uns keine Gedanken über diese alltäglichen Bewegungen - und über den flexiblen Stab in unserem Rücken, der sie möglich macht. Mir ging

 es viele Jahre ähnlich. Solange meine Wirbelsäule brav ihren Job erledigt hat, war sie mir egal. Erst wenn ich Rückenschmerzen hatte, ein Hexenschuss mich bewegungsunfähig machte oder jedes Drehen des Kopfes zur Qual wurde, habe ich Notiz von ihr genommen. Wirbelsäule, das war für mich gleichbedeutend mit Rückenschmerzen.

Zahllose Arztbesuche und Wirbelsäulengymnastik-Termine später wollte ich dann doch mal mehr über sie wissen. Einfach so, ganz ohne Rückenschmerzen. Seitdem habe ich großen Respekt vor ihr. Und: Ich gehe auch respektvoller mit ihr um.

Warum sind Menschen klüger als Affen? Nicht nur das Gehirn, auch die Wirbelsäule macht den Unterschied: Sie ist es, die uns zu ganz besonderen Lebewesen macht. Die zweite S-Krümmung im Lendenbereich, eine mehr als bei den Primaten, ermöglicht es, dass der Mensch aufrecht durch die Welt gehen kann. So bleiben seine Hände für Wichtigeres frei, etwa Handwerksarbeiten, Lesen oder Schreiben. Und das war auch für die Gehirnentwicklung entscheidend.

Unsere Wirbelsäule vollführt einen ständigen Balanceakt

Doch die Anatomie allein macht noch keinen aufrechten Gang. Unsere Haltung ist nicht angeboren, wir müssen sie erlernen. Und die Wirbelsäule vollführt dabei einen ständigen Balanceakt. Damit wir in der Vertikalen bleiben und die Schwerkraft den Körper nicht herunterzieht, muss sie als tragende Körperachse und Schutzhülle des Rückenmarks zugleich flexibel und elastisch sein. Sie ist kein starrer Pfeiler, wie die mexikanische Künstlerin Frida Kahlo sie auf ihrem Bild "Die zerbrochene Säule" gemalt hat, eher eine geschmeidige Kette aus vielen einzelnen Gliedern, die durch das komplexe Zusammenspiel von Bändern, Sehnen, Muskeln und Nerven im Lot gehalten wird.

Jedes Kettenglied ist dabei unverzichtbar. 24 bewegliche Wirbel, verbunden und abgefedert durch 23 Bandscheiben, elastische Stoßdämpfer aus Knorpelgewebe, die immerhin ein Viertel ihrer gesamten Länge ausmachen. Dazu neun bis zehn starre Wirbel. Jedes Teil mit einer ganz besonderen Aufgabe. Und nur wenn das Zusammenspiel untereinander ebenso wie mit stützenden und steuernden Muskeln fehlerlos klappt, kann die Wirbelsäule ihre tragende Rolle perfekt spielen. Umgekehrt kann sich schon die kleinste Störung ihrer Funktion fatal auf unseren gesamten Organismus auswirken: Da an jedem Wirbel etliche Nerven enden, die unterschiedliche Organe und Körperbereiche steuern, können Schmerzen und Beschwerden auch in weiter Entfernung auftreten, wenn ein Wirbel blockiert ist.

C1, L3 – was soll das denn heißen? Ärzte benutzen solche merkwürdigen Kürzel für die einzelnen Wirbel. C1 zum Beispiel steht für den ersten Halswirbel (C = Cervix/Hals). Er hält den Kopf und wird auch Atlas genannt, nach dem Titanen aus der griechischen Mythologie, der den Himmel auf seinen Schultern trug. Doch nur weil der Atlas sich um den zweiten Halswirbel wie um eine Achse bewegt, können wir unseren Kopf auch drehen, anheben und senken. Ein eingespieltes Team, das allerdings extrem störungsanfällig ist! Denn genau hier wird per Nervenleitung die Blutzufuhr zum Gehirn geregelt. Schon eine kleine Reizung kann Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Schwindel und Bluthochdruck hervorrufen.

Die fünf restlichen Halswirbel sind weniger beweglich als die ersten beiden. Das muss so sein, sonst würden wir beim Umdrehen umkippen. Beim Stabilisieren des Halses helfen die Nackenmuskeln mit. Schwerstarbeit! Blockaden und Verspannungen in diesem Bereich sind nicht nur schmerzhaft. Sie haben manchmal auch ganz unerwartete Folgen, etwa Probleme mit den Augen, schlechteres Hören oder Reizungen der Nasennebenhöhlen, des Rachens und der Kehle.

Die zwölf Brustwirbel, abgekürzt Th1 bis Th12 (Th = Thorax/Brust), sind zwar jeweils mit einem Rippenpaar verbunden, aber trotzdem wahre Bewegungskünstler. Die Crux: Ist ihr Aktionsradius durch Blockaden oder einen Rundrücken eingeschränkt, ist schnell die ganze Wirbelsäule in Mitleidenschaft gezogen. Und dazu wichtige Organe wie Herz, Lunge, Bronchien und Magen, die von den Nervensträngen an den Brustwirbeln versorgt werden.

Die Lendenwirbel tragen unser Körpergewicht

Wahre Kraftprotze sind die fünf größeren Lendenwirbel (L1 bis L5): Sie müssen unser Körpergewicht tragen. Mit ihrer Hilfe beugen, strecken und neigen wir uns zur Seite. Nur weites Drehen ist nicht drin. Kommt es zu Blockaden, können Blasen- und Menstruationsbeschwerden, Verdauungsprobleme, Impotenz und Prostataleiden auftreten. Besonders heikel: der vierte Lendenwirbel. Dort entspringt der Ischiasnerv.

Der absolute Schwachpunkt der Wirbelsäule liegt jedoch im Kreuz. Genauer gesagt zwischen dem fünften Lendenwirbel und dem Kreuzbein. Das sind fünf zusammengewachsene Wirbel, an die sich vier bis fünf starre Steißbeinwirbel anschließen. Hier ist es vorbei mit der Beweglichkeit. Doch gerade in diesem Bereich ist die Wirbelsäule den größten Kräften ausgesetzt. Schon beim entspannten Sitzen drücken 50 Kilo auf die Bandscheiben. Beim Anheben einer vollen Mineralwasserkiste mit geradem Rücken müssen die Knorpel-Puffer gar 500 Kilo abfangen. Eine häufige Folge: Ihr Gallertkern quillt aus seiner Faserhülle und drückt aufs Rückenmark und die umliegenden Nerven. In 60 Prozent aller Bandscheibenvorfälle ist diese Problemzone betroffen.

Was haben Rückenschmerzen mit der Seele zu tun? Oft eine ganze Menge. Sätze wie "Wer dauernd Rückenschmerzen hat, ist seelisch überlastet" klingen nach Küchenpsychologie, aber etwas Wahres ist daran. Denn die Wirbelsäule hält nicht nur unseren Körper aufrecht. Auch im übertragenen Sinn richtet sie uns auf, trägt unsere Gefühle und Probleme mit. Und das hat Folgen: Wer sich ständig zu viel auflädt, spürt es irgendwann im Nacken. Und wer immer wieder "den Schwanz einzieht", statt seine Interessen zu vertreten, merkt es bestimmt im unteren Kreuz. Es lohnt sich, auf solche Signale zu achten, über Ursachen nachzudenken, ehrlich mit sich selbst zu sein. Manche richten sich dann innerlich auf, machen sich gerade, beweisen Rückgrat - und das tut auch der Wirbelsäule gut.

Wichtig für die Wirbelsäule ist ausreichend Bewegung

Sind Bandscheibenvorfälle Schicksal? Nein. Ebenso wenig wie lästige Rückenschmerzen. Sie entstehen gar nicht erst, wenn wir auf die Bedürfnisse unserer Wirbelsäule achten. Das Wichtigste: Bewegung. Bandscheiben wollen nicht geschont werden, sie brauchen den Wechsel von Be- und Entlastung. Denn da die Knorpelscheiben keine Blutgefäße haben, müssen sie durch Osmose Nährstoffe aufnehmen: Die Wirbel "drücken" sie aus, damit sie sich wie ein Schwamm mit neuer Nahrung voll saugen können. Druck ausüben können die Wirbel aber nur, wenn wir in Bewegung sind. Bewegungsmangel ist für die Bandscheiben deshalb wie eine Nulldiät. Sie hungern aus und werden brüchig. Erst dann kann es zum gefürchteten Vorfall kommen.

Die Wirbel selbst erneuern alle drei Jahre ihre Knochenmasse. Bewegen wir uns zu wenig, wird jedoch mehr ab- als aufgebaut. Hinzu kommt, dass dann auch die Muskeln schlappmachen, die der Wirbelsäule Halt geben und Bewegungen ausbalancieren. Die Folgen: unangenehme Verspannungen und Schmerzen.

Stundenlanges Stillsitzen war eben nicht vorgesehen, als der Mensch sich über den Affen erhob. Das Wunderwerk Wirbelsäule braucht Bewegung, um reibungslos zu funktionieren. Ich habe es irgendwann einfach probiert und festgestellt: schön, wenn schon seit Wochen der Rücken nicht mehr schmerzt. Noch schöner, wenn ich mich beim Yoga, beim Radfahren oder Walken entspannen und Stress "abarbeiten" kann. Und eine Studie aus Schweden zeigt: Ist der Rücken beweglich und schmerzfrei, kann der Kopf besser denken, Gedächtnis und Aufnahmefähigkeit bleiben länger frisch. Allein deshalb kümmere ich mich jetzt immer um meine Wirbelsäule - nicht erst, wenn sie weh tut.

Kurzinfo: Rückenschmerzen

Therapien für die Wirbelsäule

  • "Moving" ist ein Rückentraining, das leicht und schnell zu lernen ist. Sein Vorteil: Es besteht
  • aus vier einfachen Bewegungsabläufen. Jede Einheit dauert zehn bis 20 Sekunden, geübt wird zwischendurch, pro Stunde eine Minute. Die Rückenübungen sollen Muskelverspannungen lindern und die Beweglichkeit der Wirbelsäule fördern. Buchtipp: Roswitha Ram-Devrient, "Moving macht den Rücken fit!", Südwest Verlag; mit Trainings-CD und 30-Tage-Software-Programm zur Erinnerung am PC.
  • Schwachstellen entdecken und gezielt trainieren - das ermöglicht ganz individuell das Programm "Wirbelsäulen-Fitness" des Tübinger Physiotherapeuten Peter Fischer (Trias Verlag). Die Tests darin zeigen genau, welche Übungen jeweils für den eigenen Rücken wirklich wichtig sind.
  • Sanfte pulsierende Stoßwellen korrigieren Fehlstellungen des Atlas, z. B. nach Schleudertraumata oder Stürzen. Bei der "Khan Kinetic Therapy KKT" (nach ihrem Begründer Dr. Aslam H. Khan aus Vancouver) ermitteln zuerst spezielle Röntgenaufnahmen die exakte Position des ersten Halswirbels. Dann regen 80 individuell dosierte Impulse pro Behandlung ihn an, in seine ursprüngliche Position zurückzukehren. Gelingt dies, gewinnt der gesamte Körper nach etwa zehn Behandlungen sein statisches Gleichgewicht zurück, Becken-, Schulterschiefstand und Beinlängendifferenzen verschwinden. Chronische Schmerzen werden gelindert, wie eine kanadische Studie gezeigt hat. Die Kosten werden bisher nur von privaten Kassen getragen (Diagnostik und erste Behandlung 214 Euro, jede weitere Behandlung 68 Euro). Infos: INUS Medical Center
Text: Monika Murphy-Witt

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