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Probleme mit dem Herzen - und was macht die Seele?

Probleme mit dem Herzen - und was macht die Seele?
© Jakub Krechowicz/Fotolia.com
Haben wir Probleme mit dem Herzen, ist daran oft auch die Psyche beteiligt - vor allem bei Frauen. Denn das Herz ist ein Seismograf unserer Seele.

Ein Kuss des Liebsten - das Herz hüpft vor Freude. Warten auf dem Zahnarztstuhl - das Herz pocht vor Angst. Streit mit dem Chef - das Herz hämmert wütend. Trennung nach 20 Jahren - das Herz stockt vor Schreck. Unser Herz ist mehr als die Pumpe, die unseren Körper mit Blut versorgt. Das Herz ist ein Seismograf unserer Seele. Kein Organ in unserem Körper reagiert so sensibel auf unsere Empfindungen.

Starke Emotionen können es völlig aus seinem Rhythmus bringen, Glücksgefühle ebenso wie Ärger, Trauer und Enttäuschung. Seelische Belastungen können ihm auf Dauer genauso schaden wie körperliche. Vor allem Frauenherzen sind anfällig dafür, wie die Ärzte wissen. Selbst wenn hinter den Herzbeschwerden organische Ursachen stecken, trägt die Psyche wesentlich dazu bei, ob das (Über-)Leben gelingt. Ein krankes Herz ist nie nur ein Problem des Körpers, die Seele hat immer ihren Anteil daran.

Herzstolpern

Unser Herz ist keine Rhythmusmaschine, die ständig in demselben Tempo schlägt. Es klopft mal schneller, mal langsamer, sein Rhythmus ist lebendig und variationsreich je nach Anforderung. "Herzfrequenz-Variabilität" nennen die Ärzte das, ein wichtiges Zeichen dafür, dass wir gesund sind, und nichts, worüber wir uns Sorgen machen müssten. Erst wenn die Arbeit des Herzens und die normale Schlagfolge beeinträchtigt sind, liegt eine Herzrhythmusstörung, eine Arrhythmie, vor. Das Herz stolpert, rast, klopft "bis in den Hals", setzt kurzzeitig aus, macht Extraschläge. Die Leistung des Herzens ist eingeschränkt, Schmerzen in der Brust, Luftnot, Schwindel, sogar Ohnmacht können die Folgen sein. Im schlimmsten Fall bleibt das Herz einfach stehen. Plötzlicher Herztod.

Schuld an diesen Störungen des Herzrhythmus können organische Ursachen wie zum Beispiel angeborene Herzfehler sein. Oft schwächen Bluthochdruck und gefährliche Ablagerungen in den Gefäßen den Herzmuskel und verringern die Dehnbarkeit und die Schwingungsfähigkeit des Herzens. Die "koronare Herzkrankheit" (KHK) kann zum Infarkt führen. Rund 25000 Frauen (und knapp 31000 Männer) sterben pro Jahr in Deutschland daran. Bei den Überlebenden ist die Leistung des Herzmuskels nachhaltig beeinträchtigt.

Herzschmerz

Das Herz kann aber auch aus anderen Gründen stolpern. "Für über die Hälfte aller Herzbeschwerden findet sich keine körperliche Ursache. Ein Großteil hiervon ist psychisch bedingt", sagt Professor Christoph Herrmann-Lingen, Psychokardiologe am Herzzentrum der Universität Göttingen. Stress im Job, in der Familie, in der Partnerschaft beeinflusst das vegetative Nervensystem, Blutdruck und Herzfrequenz steigen, Entzündungsaktivität und Gerinnungsfähigkeit des Blutes werden erhöht.

Ungelöste Konflikte, unerfüllte Wünsche, Ängste, Depressionen - starke emotionale Erregung kann, wie Kardiologen wissen, lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen auslösen. Eine Überflutung des Körpers mit Stresshormonen kann den Herzmuskel akut schwächen, das Herz "brechen", betroffen von diesem "Broken Heart Syndrom" (Stress-Kardiomyopathie) sind in neun von zehn Fällen Frauen. Auch chronische seelische Belastungen können das Herz organisch schädigen. "Psychosozialer Stress zählt weltweit zu den Hauptrisikofaktoren fürs Herz", sagt Christoph Herrmann-Lingen.

Herzangst

Sind erst einmal Beschwerden vorhanden, kommt Angst vor erneuten Attacken hinzu. Angst um das eigene Herz, nicht selten Todesangst. Herzangst. Ein Herzinfarkt kann als Trauma erlebt werden. "Das Herz ist unser Lebensmotor, ist es krank, betrifft es uns als ganzen Menschen", sagt Psychokardiologe Herrmann-Lingen. "Ein Herzinfarkt wurde deshalb auch als Ich-Infarkt bezeichnet." Jeder fünfte Patient entwickelt danach eine Depression. Fatal, denn diese negativen Emotionen lassen das Herz wiederum stolpern und schmerzen und fügen ihm erneut einen Schaden zu. Das kann auf Dauer sogar lebensgefährlich werden. Depressive Herzpatienten sterben früher.

So ist die "Herz-Hirn-Connection" - wie der bekannte Physiologie-Professor Johann Caspar Rüegg sie in seinem neuen Buch nennt - ein hochriskanter Teufelskreis. Er muss bei der Behandlung von Herzbeschwerden dringend von den Ärzten einbezogen und durchbrochen werden. Vor allem bei Frauen. Denn noch immer gelten Herzerkrankungen eher als Männerleiden. Wie Arzneimittelreports von Krankenkassen zeigen, bekommen Männer mehr als doppelt so viele Herz-Kreislauf-Mittel verordnet wie Frauen, während diese die Praxen zwei- bis dreimal so oft mit Rezepten für Psychopharmaka verlassen. Organische Probleme werden dabei häufig übersehen oder viel zu spät erkannt und behandelt. So ist das Risiko für Frauen unter 60 Jahren, einen Herzinfarkt zu erleiden, in den vergangenen Jahren weiter gestiegen, obwohl die Zahl der Herzinfarkte insgesamt in Deutschland deutlich gesunken ist.

So bleibt das Herz gesund

Seelisch bedingten Herzrhythmusstörungen kann man vorbeugen, sagt Dr. Despina Muth-Seidel. Die Klinische Neuropsychologin und Leiterin Forschung und Entwicklung der Novego AG empfiehlt drei Übungen.

Herzleid

Auch wenn Herzbeschwerden "nur" seelische Ursachen haben, reichen Medikamente - egal ob Psychopharmaka oder Herzmittel - allein nicht aus, um langfristige Schäden zu verhindern. Eine ganzheitliche Diagnostik und Therapie sind von Anfang an nötig. "Für einen Arzt muss bei der Behandlung von Herzerkrankungen immer sowohl die körperliche als auch die geistige und seelische Ebene eine Rolle spielen", sagt Dr. Andreas Fried, Internist und Leiter der Abteilung für Kardiologie am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin. Wichtig ist deshalb zunächst eine genaue Abklärung der Beschwerden.

Betroffene sollten dafür zuerst den Hausarzt aufsuchen; er sollte in einem ausführlichen Gespräch die genauen Symptome erfragen und andere mögliche Gründe, etwa einen eingeklemmten Nerv am Brustkorb, sowie die augenblickliche Stressbelastung und Lebenssituation abklären. Schlägt das Herz zum Beispiel allmählich immer schneller oder rast es nur in bestimmten Situationen wie beim Schlangestehen an der Supermarktkasse, stecken vermutlich seelische Gründe dahinter. Dagegen deuten ein sofortiger schneller Puls und Beschwerden bei körperlicher Belastung eher auf organische Ursachen hin. Ein EKG und ein Langzeit-EKG über ein bis drei Tage können wichtige Hinweise auf Störungen geben.

Herzecho

Besteht dann noch Unsicherheit, ist der Besuch beim Facharzt nötig. Ein Kardiologe kann per Ultraschall, Belastungstest und notfalls mit einer Herzkatheter-Untersuchung organische Probleme aufspüren und Therapien einleiten. "Wer ungeklärte Herzbschwerden hat, sollte auf keinen Fall Selbstdiagnostik betreiben", warnt Christoph Herrmann-Lingen. "Im schlimmsten Fall wird eine lebensbedrohliche Krankheit übersehen. Andererseits denkt man vielleicht jahrelang, herzkrank zu sein, obwohl man an einer Angststörung leidet."

Bei akuten Beschwerden sollte in jedem Fall sofort der Notarzt gerufen werden. Starke Schmerzen in der Brust, Todesangst, kalter Schweiß, Übelkeit und Erbrechen können Anzeichen für einen Herzinfarkt sein. Frauen spüren oft eher untypische Symptome, Erschöpfung und Schmerzen im ganzen Oberkörper, in Schultern, Rücken und Bauch. Trotzdem müssen sie so schnell wie möglich in ein Krankenhaus. Zu langes Abwarten kann tödlich sein. Rund ein Drittel aller Infarktpatienten sterben, bevor sie eine Klinik erreichen.

Herzenswünsche

Weit häufiger als solche drastischen Ereignisse und schwere organische Schäden sind jedoch Herzrhythmusstörungen, die in einer bestimmten Lebensphase auftreten. "Vor allem bei Frauen im Alter von Ende 30, Anfang 40 rast oft das Herz und offenbart so unerfüllte Herzenswünsche", sagt Psychologin Dr. Despina Muth-Seidel, die seit Jahren mit Herzpatienten arbeitet. Das kann ein lang gehegter Wunsch nach beruflicher Veränderung sein oder nach mehr liebevoller Anerkennung in der Familie oder Partnerschaft, ein Wunsch, der bisher verdrängt wurde.

Oft finden die Ärzte eine leichte, aber keinesfalls gefährliche organische Vorbelastung. Ein schwelendes Stresselement, ein Konflikt im Job, eine Beziehung, die mehr fordert, als sie gibt, Ängste können die Störung verstärken und zum Ausbruch bringen. Das Herz gerät aus dem Takt, lässt sich nicht mehr kontrollieren, die Angst wächst. "Das Gefühl des Kontrollverlustes ist typisch", sagt Despina Muth-Seidel. "Herzpatientinnen sind starke Frauen, die viel leisten und meistern, sich selbst dabei aber häufig aus den Augen verlieren."

Wichtig ist, der Frage auf den Grund zu gehen: Was belastet mich wirklich? Und wie kann ich durch kleine Schritte mein Leben so verändern, dass ich wieder Kontrolle darüber erlange? Hilfreich dabei ist psychokardiologische Beratung, die auf verhaltenstherapeutischen und systemischen Elementen basiert; sie kann die Sichtweise auf bestehende Probleme verändern. Meist bringen schon sechs, sieben Sitzungen eine deutliche Besserung. Auch ein Online-Unterstützungsprogramm, das Despina Muth-Seidel entwickelt hat, kann Beschwerden lindern, wie eine erste Studie zeigt. "Das Gefühl, dass ich wieder selbst über mein Leben entscheide, ist maßgeblich für den Gesundungsprozess", sagt die Klinische Neuropsychologin.

Bis es so weit ist, empfiehlt sie bei plötzlichem Herzrasen eine Zählübung: ein Buch irgendwo aufschlagen, die Wörter in der untersten Zeile von rechts nach links zählen, danach die Wörter der vorletzten Zeile zählen und hinzuaddieren, so fortfahren, bis 15 Minuten um sind. Aufkommende Angst lässt sich so wirksam drosseln, das Herz kann sich beruhigen.

Herzschule

Wer sich mit seinen Beschwerden nicht länger allein fühlen und zusammen mit anderen eine neue Balance im Leben finden möchte, kann sich einer Gruppe für Herzkranke anschließen. Ein Beispiel dafür sind die Herzschulen. Der Berliner Kardiologe Andreas Fried war der Erste, der 1996 mit seinem Team im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe dieses ganzheitliche Programm in Deutschland angeboten hat. Es kombiniert das bewährte Konzept des amerikanischen Herzspezialisten Dean Ornish mit Elementen aus der europäischen Schulmedizin und der anthroposophischen Medizin.

Inzwischen haben über 300 Patienten und Angehörige dort in Jahreskursen Verständnis und Ermutigung gefunden und viel über einen herzgesunden Lebensstil gelernt. Ernährung, Bewegung und Entspannungstraining gehören ebenso dazu wie Eurhythmie, Übungen zu Kreativität und Achtsamkeit, die Beschäftigung mit der eigenen Biografie und Ge-spräche, um sein Herz anderen Menschen zu öffnen. Ziel ist, die Selbstheilungskräfte zu aktivieren und das Herz zu stärken.

"Es ist gut, Akutmedizin zu machen, Feuerwehr zu spielen", sagt Andreas Fried. "Aber genauso wichtig ist die Gärtnerseite: das Hegen, Pflegen, Gießen, Pflanzen. Das geht langsamer, wirkt aber nachhaltiger. Die Quelle für diese Gärtnerseele liegt in uns selbst, sie gilt es zu finden." Die Herzschulen unterstützen dabei, Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen und dem Alltag einen gesunden Rhythmus zu geben, so dass sich auch der Herzrhythmus wieder normalisieren kann.

Wer auf sein Herz hört, kann krank machende Dysbalancen im eigenen Leben aufspüren und korrigieren. In diesem Sinne können Herzbeschwerden tatsächlich zum Wegweiser werden. Dann ist das Herz in der Tat der - wie Andreas Fried es nennt - der "Kompass für ein gelingendes Leben".

Gut zu wissen

Psychokardiologische Programme finden Infarktpatienten in Rehakliniken. Viele internistische Kliniken haben psychosomatische Angebote. Herzkranke auch ohne vorherigen Infarkt bekommen im Herzzentrum Göttingen eine stationäre psychokardiologische Behandlung.

Herzschulen gibt es in Berlin (www.herzschule.de), Hamburg (www.herzschule-hamburg.de und herzschule-mittelweg.de/), München (www.herzschule-muenchen.de) und Herdecke (www.gemeinschaftskrankenhaus.de).

Ein psychokardiologisches Online-Unterstützungsprogramm mit einer Laufzeit von zwölf Wochen bietet die Novego AG (Kosten je nach Leistungsumfang 59 bzw. 119 Euro pro Monat). Mehr Infos und Adressen von Selbsthilfegruppen bietet der Verein Deutsche Herzstiftung e.V. unter www.herzstiftung.de.

Zum Weiterlesen:"Das Herz stärken" von Annette Bopp, Thomas Breitkreuz, Andreas Fried und Jakob Gruber (128 S., Gräfe und Unzer, 2011) "Leben mit Herzrhythmusstörungen" von Despina Muth-Seidel, Klaus Langes, Anna Stretz und Christoph Herrmann-Lingen (192 S., Borgmann Media, 2013) "Die Havelhöher Herzschule" von Annette Bopp, Andreas Fried, Ursula Friedenstab (267 S., Freies Geistesleben, 2009) "Dein Herz: Eine andere Organgeschichte" von Dietrich Grönemeyer (384 S., Fischer, 2012) "Die Herz-Hirn-Connection" von Johann Caspar Rüegg (189 S., Schattauer, 2013) "Genussküche fürs Herz" von Annette Bopp, Corinna Handt und Susanne Reiner-Leiß (263 S., Freies Geistesleben, 2012)

Text: Monika Murphy-Witt Ein Artikel aus BRIGITTE WOMAN

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