Juli Zeh und ihr neuer Roman "Neujahr"

Juli Zeh ist eine der wichtigsten deutschen Intellektuellen. Jetzt hat sie mit "Neujahr" einen Roman über die Zumutungen
 des Familienlebens vorgelegt - und gibt dabei einiges von sich preis. Ein Besuch bei der Autorin.

Und plötzlich geht Juli Zeh voll in die Eisen, mitten im Wald, mitten auf diesem menschenleeren Plattenwirtschaftsweg im sehr ländlichen Brandenburg. Der alte Landrover kommt ächzend zum Stehen. "Gibt’s doch gar nicht!", ruft sie, steigt aus, geht in die Knie und hebt einen zitternden Vogel auf. "Ein Kuckuck. Ich weiß, soll man eigentlich nicht anfassen, aber ..." Sie setzt das benommene Tier auf einen abgesägten Baumstamm am Wegesrand. Ein letzter Blick, die Hände wischt sie an der Jeans ab. Wieder rein in den Wagen. Und weiter geht die wilde Fahrt durchs rotbraune Gehölz.

Von der Stadt aufs Land - Juli Zeh hat sich schnell daran gewöhnt

Wer Juli Zeh besuchen will, muss in Spandau eine Regionalbahn Richtung Rathenow besteigen und aussteigen, wo man nicht unbedingt mit einem Bahnhof rechnet. Da wird sie warten, klein, drahtig, mit wachen Augen, womöglich in ihrer schwarzen Lederjacke, trotz 25 Grad im Schatten.

Vor zwölf Jahren ist Juli Zeh hierhergezogen mit ihrem Mann, der damals noch ihr Freund war. In Leipzig hatten sie gewohnt und was in Berlin gesucht. Geworden ist es dann ein Dorf, 60 Kilometer vom Alexanderplatz entfernt, weil sie sich beide in eine Immobilie mit ordentlich Sanierungsbedarf verknallt hatten.

Juli Zeh hatte davor immer in Städten gelebt. Sie kommt aus Bonn, wo ihr Juristen-­Vater politisch gearbeitet hat. Sie hat in Passau, Krakau, Leipzig studiert, in New York ein Praktikum bei der UNO gemacht. Ihre Beziehung zum Dorf an sich basierte lange auf dem gespaltenen Verhältnis zum schwäbischen Heimatkaff ihres Vaters.

Aber jetzt ist sie hier im Havelland, "und ich habe etwa eine Woche gebraucht, um mich an das Landleben zu gewöhnen", sagt sie. Sie sind sofort aufgenommen worden, die beiden Künstler, auch ihr Mann David Finck ist Autor. Die Gegend hat viel an Wechsel erlebt, die unterschiedlichsten Typen haben sich über die Jahre hier niedergelassen, in etwa so, wie Juli Zeh es so großartig in ihrem Bestseller "Unterleuten" beschrieben hat. Da zählt weniger das, was einer macht, sondern, wie hart er feiern kann. "Und wir haben sehr hart gefeiert am Anfang", sagt sie und schaltet kaum weniger hart in den nächsten Gang. "Heute sind wir alle älter, haben Kinder und treffen uns eher auf einen Kaffee."

"Ich habe Jahre gebraucht, um in der Mutterrolle zu Hause zu sein"

Ihr neuer Roman heißt "Neujahr" und spielt auf Lanzarote, wo an einem 1. Januar ein Mann auf sein Fahrrad steigt. Die beiden Kinder schlafen noch, seine Frau auch, und jetzt tut er mal was für sich, eine Tour in die Berge, mal wieder den eigenen Körper, die eigenen Grenzen spüren. "Henning ist ein Vertreter einer Massensituation", sagt Juli Zeh. Heißt: Er versucht, seine Rolle zu finden zwischen Job, Familie, Ehe, Selbstfürsorge und dem, was es sonst noch zu optimieren gilt. Er will alles richtig machen, perfekt sein. Und muss feststellen, dass er in allem nur so halb gut ist, als Vater, als Ehemann, in seinem Job. Mit anderen Worten: Er ist wie wir alle.

"Ja, oder?", sagt Juli Zeh. "Ich hatte das gleiche Problem wie Henning, als ich Mutter geworden bin - ich habe einfach meine Rolle nicht gefunden." Sie ist niemand, der Babys von Haus aus süß findet, sie hat auch einigermaßen ratlos auf ihres geschaut, als es mal da war, und darauf gewartet, dass sich diese überwältigenden Gefühle einstellen, die von ihr erwartetet wurden. Kamen aber nicht. "Ich habe Jahre gebraucht, um in dieser Mutterrolle zu Hause zu sein, viel länger als mein Mann in seiner Vaterrolle", sagt sie. "Aber dieser Kampf, dieses Ringen um den eigenen Weg, der führt bei Henning dazu, dass sein System irgendwann zusammenbricht und er krank wird, Panikattacken wie aus dem Nichts."

Sie sitzt inzwischen auf der Terrasse eines Gartenlokals in Groß Behnitz, trinkt Ingwerlimonade und schaut den Schmetterlingen zu, die über dem Lavendel neben dem Tisch flattern. "Und so ähnlich war es bei mir auch", fährt sie fort. "Ich habe psychosomatische Symptome entwickelt. Da habe ich gemerkt: Ich muss umdenken."

Juli Zeh hat "Neujahr" rauschhaft geschrieben

Hennings Geschichte hat Juli Zeh überfallen, als sie mit dem Rad auf Lanzarote unterwegs war. Die Insel war lange ihr Zweitwohnsitz, bis ihr Sohn neulich eingeschult wurde. Sie sah plötzlich auf einer Anhöhe zwei Kinder stehen, "da war die Geschichte da. Ich habe alles andere liegen gelassen und die erste Fassung in zwei Monaten rauschhaft runtergeschrieben".

Die Geschichte besteht aus zwei Teilen: dem ringenden Henning aus der Jetztzeit und dem vor 30 Jahren, der am selben Ort ein Trauma erleidet, das er sein Leben lang mitschleppt - das mit Verlassensein zu tun hat, der Angst vor Verlust und mit zu viel Verantwortung in einem Alter, in dem man gar keine haben sollte.

Das Schreiben hat sie fertiggemacht, erzählt Juli Zeh, sie konnte die Vorstellung zweier Kinder, die versuchen, ohne ihre Eltern ein paar Tage zu überleben, selbst kaum ertragen. Das Lesen ist übrigens auch schwer auszuhalten, es sind 190 intensive, fordernde Seiten. Ging auch ihrem Mann David so, ihrem Erstleser und Ratgeber. "Der fühlte sich wie nach einem doppelten Marathon, als er durch war. Das hat ihn durchgewühlt", sagt sie.

Zeh stellt die großen Fragen, die niemand beantworten kann

2001 erschien Juli Zehs Debüt "Adler und Engel". Es wurde in 31 Sprachen übersetzt und verkaufte sich wie geschnitten Graubrot. Heute ist sie die Ernährerin in der Familie, als Schriftstellerin. Damit hatte sie selbst nicht gerechnet. "Ich war ja Juristin, ich dachte: Meine Brötchen werde ich als Richterin verdienen", sagt sie. "Als ich angefangen habe, waren Schriftsteller alt, männlich, tot, kaputt oder Ausländer. Junge deutsche Frauen, die mit einem Roman Geld verdienen - das Modell gab es ja vor Judith Hermann gar nicht."

Sie tut sich immer noch schwer, das Schreiben als Beruf zu sehen. Sie hat erst spät die Juristerei bleiben lassen, hat beide Staatsexamen gemacht und promoviert. "Ich wollte das Schreiben nicht belasten mit dieser Erwerbsverpflichtung. Das ist ja auch eine totale Zumutung an den Schreibprozess - du musst entweder ein verdammt harter Knochen sein oder irre viel Glück haben, um damit Geld zu verdienen. Bei mir war es Letzteres." Na ja. Nicht nur. Es waren auch Fleiß und Talent und ein Füllhorn an Metaphern, aus dem sie sich bedienen kann. Und eine Energie, die selten ist.

Juli Zehs Bücher machen nicht wirklich Spaß, aber sie sind in ihrer Intensität, in ihrer erzählerischen Dichte großes Kino. Sie hat eine Haltung, das provoziert und macht angreifbar. Und sie stellt große Fragen, die sie selbst nicht beantworten kann, weil in Wirklichkeit niemand dazu in der Lage ist.

In "Neujahr" zum Beispiel geht es darum:"Was prägt uns zentral? Wie wichtig sind die Traumata der Vergangenheit? Ist man dem eigenen Schicksal schutzlos ausgeliefert? Oder haben wir die Chance darauf, selbst zu entscheiden, ob wir glücklich oder unglücklich sind?" Sie sagt, sie möchte gern Letzteres glauben, schließlich sei sie Optimistin.

Sie ist 44, das ist in etwa die Mitte von allem, "ich wäre jedenfalls froh, wenn ich noch mal 44 Jahre bekomme". Aber andererseits ist sie auch noch am Anfang, drei und sechs sind ihre Kinder, das fühlt sich neu an und unverbraucht. "So ’n Midlife-­Crisis­-Gefühl kriege ich gar nicht hin. Mutterwerden war ja auch für mich eine Art von Wiedergeburt. Obwohl ich abgerockt bin ohne Ende, rein körperlich."

Früher hat sie alles auf einer Hochenergiebasis betrieben. Aus Druck, aus Leidenschaft, aus Pflichtbewusstsein, aus Perfektionismus - sie kennt die ganze Palette an Motivationen. "Ich neige immer noch dazu, mich euphorisch in alles reinzuwerfen. Ich muss mich bremsen."

Eine wie Juli zeh wird gebraucht

Letztes Jahr ist sie in die SPD eingetreten, eine Mischung aus Schulz­-Hype, Reaktion auf Politikverdrossenheit und Aggressionen von rechts gegen demokratische Institutionen. "Die Volksparteien sind derart im Niedergang, dass ich dachte, ich müsste dem was entgegensetzen. Die Ratten sollen das Schiff nicht verlassen, sondern bitte schön alle raufkommen." Da ist sie wieder, ihre Haltung, ihr Engagement.

Es ist zwar schwer für sie, ihre Bücher in die Welt zu geben. Deshalb sitzt sie wie die Henne auf dem Ei auf ihnen, sie möchte das schützen, was nur mit ihr zu tun hat. Aber sie schweigt nicht, wenn ihr Ge­sellschaftliches wichtig ist, und die Demokratie, die immer so selbstverständlich zu sein schien und es nun nicht mehr ist - sie ist wichtig. 

Auf dem Weg zum Bahnhof muss sie mit dem Landrover wieder durch ihr Dorf. Eine Frau auf einem Fahrrad kommt ihr entgegen. "Morgen früh um neun auf der Koppel", brüllt Juli Zeh ihr zu und bekommt ein freundliches Nicken zur Antwort. "Die hat ein Pferd, mit dem sie nicht klarkommt. Das will ich für sie zähmen." Eine wie Juli Zeh wird gebraucht. Auf die ein oder andere Weise.

Ein Porträt aus BRIGITTE Woman

Brigitte WOMAN 10/2018

Wer hier schreibt:

Stephan Bartels
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