Brunonia Barry: Die verhexte Stadt

Das amerikanische Salem ist ein mythenumwobener Ort. Seit Brunonia Barry ihren Roman "Die Mondschwimmerin" dort spielen ließ, ist es um einige Legenden reicher.

Brunonia Barry: "Die Mondschwimmerin" (Ü: Elke Link, 480 S., 19,95 Euro, btb)

Seltsame Dinge geschehen seit einigen Monaten in Salem, der Stadt der Hexen. Autos fahren mehrmals im Kreis, immer um das Denkmal des Stadtgründers Roger Conant herum. Menschen wollen, dass man ihnen aus Spitzendeckchen die Zukunft liest. Und die Frau, die an alldem schuld ist, steht vor einer großen grauen Halle aus Wellblech und erzählt von Teufelsaustreibungen: "Hier konnte man die Mädchen schreien hören." Es ist die Autorin Brunonia Barry, eine kleine Frau mit schulterlangem rotem Haar und hellgrünen, von Lachlinien gerahmten Augen, die uns durch ihr Salem führt. Und als sie so redet, horchen wir gegen den Küstenwind. Sind das wirklich nur die Möwen, die hier schreien? Fiktion und Realität verschwimmen oft hier in Salem, seit die Autorin ihren ersten Roman "Die Mondschwimmerin" veröffentlicht und darin der Stadt einiges angedichtet hat: dass der Stock in der Hand der bronzenen Stadtgründerskulptur aus einer bestimmten Perspektive aussieht wie ein erigierter Penis - den die Autofahrer nun zu erkennen versuchen, Runde um Runde. Dass hier seit Generationen aus Spitzendeckchen geweissagt wird. Und dass ein ultrareligiöser Prediger in der Wellblechhalle jungen Mädchen den Teufel austreibt.

Brunonia Barry: Zurück in Salem

Ihr Buch ist voller dunkler Geheimnisse, es erzählt die Geschichte der jungen Frau Towner Whitney, deren geliebte Großtante Eva eines Abends plötzlich verschwindet. Um bei der Suche zu helfen, kehrt Towner nach vielen Jahren aus Kalifornien zurück in ihre Heimat Neuengland und trifft ihre Familie wieder, einen Haufen Sonderlinge, zu dem sie lange Abstand gehalten hat. Alte Ängste kommen hoch, widerstreitende Gefühle werden wach. Towner muss sich ihrer eigenen Traumwelt und einer verdrängten Vergangenheit stellen.

"Manchmal muss man zurückgehen, um vorwärtszukommen", sagt die 59-jährige Autorin und blinzelt in die tief stehende Sonne von Massachussetts. Sie lächelt hintergründig, sie weiß, dass dieser Satz sowohl auf ihre Heldin zutrifft als auch auf sie selbst. Auch sie kam vor 14 Jahren aus Kalifornien zurück hierher an die Ostküste, "wo das Licht die Farben viel stärker leuchten lässt als im Westen". Auch sie hatte viele Jahre wie Towner vor allem mit Drehbüchern ihr Geld verdient. Wie viel Brunonia nun aber genau in der Buchfigur steckt und wie viel echtes Salem im Buch-Salem, das vermag die Autorin nicht mehr ganz zu entwirren.

Vor 317 Jahren wurden hier 20 Menschen der Hexerei angeklagt und gehängt.

Sie steht an der Mole, an die der Atlantik plätschert, zeigt auf die Stelle, wo die Fähren aus Boston anlegen, und sagt: "Hier kam Towner an, hier ging sie von Bord." Sie fährt mit uns durch die Stadt, um deren Hafen und grob gepflasterten Kern sich farbenfrohe Holzhäuser reihen. An einer Straßenecke bremst sie ihren Wagen ab: "Etwa hier müsste das Haus ihrer Großtante Eva stehen. Aber die Fassade, die ich im Kopf hatte, steht da drüben", sie zeigt auf die andere Seite des Stadtparks. "Und Evas Garten ist wieder woanders." Eva habe viel von ihrer eigenen Mutter, "vor allem ihre Wärme". Eins zu eins übernommen hat sie aber nur eine lebende Figur: Byzantium, ihren Golden Retriever. Er heißt auch im Buch so und ist Towners Beschützer. Als Brunonia Barry begann, das Buch zu schreiben, war er noch ein Welpe. Jetzt ist er ein alter Herr, der uns nicht begleiten kann, weil er sich von einer Operation erholt. Sie hat viele Jahre an dem Buch geschrieben, hat 50 Seiten an Verlage geschickt, Absagen bekommen und dann unbeirrt, Jahr um Jahr, Krimi, Familiendrama und Liebesgeschichte miteinander verstrickt. Herausgekommen ist ein spannender, vielschichtiger Schmöker.

Den Hexen hat Brunonia Barry den sympathischeren Part gegeben.

Salem: eine ganz normale amerikanische Stadt - wirklich?

Vor Brunonia Barry haben schon andere Autoren Salem in Szene gesetzt. Auch Nathaniel Hawthornes "Haus mit den sieben Giebeln" und Arthur Millers " Hexenjagd" spielen hier. Das Haus gibt es wirklich, es ist heute ein Museum, und die Hexenjagd fand wirklich statt: Vor 317 Jahren wurden hier 20 Menschen der Hexerei angeklagt und gehängt. Salem verdient viel Geld mit diesem Erbe: Es gibt zwei Hexenmuseen. Und zig Frauen, die sich stolz Hexen nennen und Läden voller Krimskrams betreiben.

Als wir an den Schaufenstern voller Hexenbesen, Kräutern und Gewändern vorbeigehen, erzählt Brunonia Barry, wie einmal an Halloween Religiöse demonstrierten und den Hexen prophezeiten: "Ihr kommt in die Hölle." Diese Begebenheit wird in der "Mondschwimmerin" zur bedrohlichen Konfrontation - in der Barry den Hexen eindeutig den sympathischeren Part gegeben hat. "Viele von ihnen haben einen sehr guten Humor", sagt sie.

Auf Englisch heißt das Buch "The Lace Reader", wörtlich übersetzt "Die Spitzenleserin", weil in Towners Familie aus handgeklöppelten Spitzendeckchen die Zukunft gelesen wird. Es ist eine Tradition, die es nicht gibt. Brunonia Barry erzählt gern, wie sie auf diese Idee kam: Sie und ihr Mann Gary waren gerade heimgekehrt, ihr Haus war noch eine Baustelle. Nur ein Spitzendeckchen, das ihre Großmutter ihr einst geschenkt hatte, lag neben ihrem Bett. Im Traum hielt sie es ans Fenster und sah durch das Lochmuster eine Wiese voller Pferde. Ein schönes Bild, aber nicht für Brunonia Barry, die allergisch gegen Pferdehaar ist. Am Tag nach dem Traum sollte eine letzte Wand im Haus eingerissen werden, ein Bauarbeiter setzte an, seufzte laut und sagte: "Ich hasse diesen Mörtel mit Rosshaar."

In Towners Familie wird aus Spitzendeckchen die Zukunft gelesen.

Die beiden nahmen den Traum als Warnung, ließen die Wand stehen - und Brunonia Barry machte sich auf die Suche. Wie ihre Millionen Leser es heute sind, war sie überzeugt, dass ihr Kopf sich das nicht zusammengesponnen hat, dass es Spitzenleser wirklich gibt. "Ich habe aber keinen Hinweis darauf gefunden - bis heute nicht", sagt sie. Aus der Traumidee wurde erst eine Kurzgeschichte über Dinge, die man in anderen Dingen sehen kann. Die Hauptrolle habe eigentlich May, Towners Mutter, gehabt, "dann übernahm Towner die Handlung". Und die Kurzgeschichte wuchs zum Buch. Als Barry sich seinem Ende näherte, rief sie plötzlich laut: "O nein!", und ihr Mann kam angerannt und fragte besorgt, was los sei. "Das Ende ist nicht so, wie ich dachte", sagte sie. Die Geschichte hatte einen Salto gedreht, sie wusste auf einmal, dass "Die Mondschwimmerin" am Ende eine überraschende Wendung nehmen musste.

Und als das Buch dann wirklich fertig war, war das zweite überraschende Ende nicht mehr weit: Brunonia und Gary Barry beschlossen, es selbst herauszugeben. "Wir dachten, wir könnten ihm einen besseren Start ermöglichen als ein Verlag, der nicht richtig dahintersteht", sagt sie. Sie hatten bereits eine gemeinsame Firma namens Smart Games, sie vertreiben Software für Gehirntraining-Spiele, die sie sich gemeinsam ausdenken. Und sie dachten: Wir sind ja schon Unternehmer und irgendwie auch Verleger, wir kriegen das hin. Sie druckten 2000 Exemplare und starteten ihre eigene kleine Kampagne in lokalen Buchläden. Über die ging die Empfehlung weiter an Buchclubs, verbreitete sich über die Grenzen von Massachusetts hinaus, bis schließlich das Buchmagazin "Publishers Weekly" mit einer hymnischen Besprechung die Initialzündung gab für den ganz großen Erfolg. Die ersten Agenten wollten gleich die Filmrechte, was nicht weiter überrascht - das Buch ist ein einziger innerer Film aus sehr anschaulich beschriebenen Bildern.

In einem der Krimskramsläden möchte sie uns eine Hexe vorstellen.

Doch schließlich ging es in einer Auktion an den Verlag Harper-Collins, der für zwei Millionen Dollar die Rechte für die englische Ausgabe des Romans kaufte - und für seinen Nachfolger gleich mit. Wieder ein Salto, aber diesmal im ganz realen Leben von Brunonia Barry. Sie hat sich ihren Traum erfüllt, ist jetzt nur noch Autorin ihrer eigenen Geschichten. Und eine Attraktion: Viele Besucher, die im Sommer den Hafen, die Museen und die Fußgängerzone von Salem fluten, begeben sich auf Towner Whitneys Spuren und wollen ihre Erfinderin treffen. Schon bieten die großen Hotels "Lace Reader"-Pakete an und die Tourismusagentur Touren zu den Schauplätzen des Buches.

Brunonia Barry scheut die Aufmerksamkeit nicht. "Hier saß ich letzten Sommer oft und schrieb an meinem zweiten Buch", erzählt sie, als wir durch den meistbesuchten Garten der Stadt spazieren, der zu Nathaniel Hawthornes "Haus mit den sieben Giebeln" gehört.

Durch einen Zauber ist die Fiktion von Brunonia Barry Wirklichkeit geworden.

Brunonia Barry mit einem der Vorbilder ihrer Buchfiguren: ihr Hund Byzantium.

"Und hier gegenüber spielt meine nächste Geschichte", sagt die Autorin und zeigt auf ein schlichtes weißes Holzhaus. "Es wird ein Wiedersehen mit Figuren aus dem ersten Buch geben." Towners Freundin Ann Chase etwa, eine der Hexen aus der "Mondschwimmerin", wird wieder dabei sein. "Sie ist mir die liebste, irgendwie ist sie die pragmatischste der Hexen." Brunonia Barry öffnet die Tür zu einem der Krimskramsläden, sie möchte uns noch eine Hexe vorstellen: Terry, die ebenso schulterlanges rotes Haar hat wie die berühmte Autorin. "Viele halten mich für das reale Vorbild von Ann Chase", erzählt die voller Stolz. Brunonia Barry schweigt dazu. "Ich kann auch die Zukunft voraussagen. Auch aus einem Stück Spitze." Brunonia Barry schmunzelt. Eine andere Hexe habe sie gerade eingeladen, erzählt sie, als wir wieder auf der Straße stehen, zu einem Vortrag über die Geschichte des Spitzenlesens. "Das wird sicher interessant, ich werde es mir auf jeden Fall anhören." Durch einen Zauber ist ihre Fiktion Wirklichkeit geworden.

Text: Tinka Dippel Fotos: Michale Christopher Brown
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