Latin-Sound aus der Hippie-Hauptstadt

Bei den Engtanzfeten in Anke Kapels Partykeller war Carlos Santana lange Zeit ein gern gesehener Gast. Dann kam die Phase, in der sich der Musiker austoben musste. Inzwischen haben sich die BRIGITTE WOMAN-Autorin und der Mexikaner wieder versöhnt.

Lieber Carlos Santana,

Sie gehören zum Sommer wie der Salzrand ans Margarita-Glas. Da sind sich die Beachbars dieser Welt einig, aus deren Lautsprechern auch heute noch regelmäßig dudidudeldudelduuuuu schwappt. Genau, "Samba Pa Ti", Ihr Hit von 1970. Da habe ich sofort den Geruch von Patschuli und Räucherstäbchen wieder in der Nase, den Duft der frühen 70er. 13 war ich, als ich mir "Santana III" kaufte, meine allererste Langspielplatte. Sie lief den ganzen Tag und beschallte an den Wochenenden die Engtanzfeten in Papas Partykeller.

Ihren unverkennbaren Sound hatten Sie der Hippie-Hauptstadt San Francisco entlockt. 1961, mit 14 Jahren, waren Sie Ihren Eltern aus Mexiko nach San Francisco gefolgt. Statt sich dort wie Ihr Vater als Mariachi-Geiger zu verdingen, experimentierten Sie lieber auf der Gitarre und brauten zusammen mit Ihrer Band aus Blues, Rock, Salsa, Samba und afrokubanischen Melodien einen schwitzenden Mix: den Latin Rock. 1969 traten Sie damit beim legendären Woodstock-Festival auf. Dass Sie das Konzert im LSD-Rausch absolvierten, fiel nicht auf.

Zu viel Rauschgift, zu viel Exzess

Zwei Drittel der Zuschauer waren ja selbst auf irgendeinem Trip. Danach war jedenfalls Santana heiß wie Chili, verkaufte Millionen Platten. Damals lernten Sie auch Ihre Frau Deborah kennen (Respekt: Sie leben noch immer mit ihr zusammen und haben drei gut geratene Kinder). Eine glückliche Zeit? "Zu viel Rauschgift, zu viel Exzess", sagten Sie später.

Der indische Guru Sri Chinmoy, der in den USA eine Art Friede- Freude-Eierkuchen-Philosophie verbreitete, versprach Durchblick im Drogennebel, und Sie schlossen sich ihm begeistert an. Auf diesem Pfad mochte ich Ihnen nicht mehr folgen. Auch musikalisch hoben Sie ab. Und gniedelten mit verzücktem Lächeln immer jaulendere, endlos mäandernde Klangketten auf Ihrer Gitarre. Unsere Wege trennten sich. In irgendeiner muffigen Hippie-Disco ließ ich Santana hinter mir zurück. Dass Sie weiter auf Tournee gingen und mäßig erfolgreiche Platten herausbrachten, entging mir. Wiederentdeckt habe ich Sie erst 1999, als Sie das Album "Supernatural" herausbrachten.

Hippies haben die Fähigkeit, Hass und Angst umzuwandeln.

Über 20 Millionen Mal verkaufte sich die CD bisher und kassierte sagenhafte neun Grammys. Das Geheimnis Ihres einzigartigen Comebacks? Nach dem Prinzip "Ich nehme mir von allem das Beste" verpassten Sie dem Santana- Sound mit Hilfe von prominenten Gastmusikern wie Wyclef Jean und Eric Clapton eine Frischzellenkur. Auch wenn es nur ein Marketing-Trick war, um mehr Käufer zu gewinnen, mir gefällt der Santana, der endlich wieder erdige Latin-Musik macht. Sie haben sich neu erfunden und blieben sich gleichzeitig treu – das haben nur wenige aus Ihren alten San-Francisco-Tagen geschafft. Ihre Musik verstehen Sie bis heute als aktiven "Beitrag für den Frieden". Hippies hätten vieles vorangetrieben, sagen Sie. "Wir haben die Fähigkeit, Hass und Angst umzuwandeln."

Sie reden nicht nur, sondern lassen Worten Taten folgen. Engagieren sich für Greenpeace, amnesty international und unterstützen mit Ihrer eigenen "Milagro Foundation" bedürftige Kinder. Das Geld kommt aus der Damenschuh-Kollektion "Carlos", die Sie seit den 90er Jahren vertreiben und die sogar Ihre wirtschaftliche Haupteinnahmequelle ist. Da fragt man sich nur: Wie passt Ihr Geschäftssinn zu Ihren Esoterik-Exkursen? Es gibt durchaus Menschen, die Sie für durchgeknallt halten, wenn Sie erklären, ein Engel habe Ihnen die Rückkehr in die Hitlisten verkündet, bei einer Tour durch Mexiko sei Ihnen die Jungfrau von Guadalupe erschienen und der Geist Ihres Idols Miles Davis komme öfter auf Besuch.

Aber was soll verrückt sein an dieser Aussage: "Ich will gar nicht, dass alle Leute denken wie ich – ich will nur, dass sie denken. Dann kommen wir auch weiter auf dem Weg zu unserem Ziel: Einigkeit, Harmonie, Ganzheit." Dass Sie heute, mit nun 60 Jahren, weiter stur an eine bessere Welt glauben, dafür muss man Sie einfach mögen.

Ihre Anke Kapels

Text: Anke Kapels Foto: Carlos Santana
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