Ihr Anblick lässt Männer an Gott glauben

Geben Sie es zu: Auch Sie haben sich gerade von Cate Blanchetts Schönheit blenden lassen. Dabei findet die Schauspielerin selbst Hässliches viel spannender.

Liebe Cate Blanchett,

Sie gehören wirklich einem grässlichen Berufsstand an. Ich beneide Sie nicht darum, ein Filmstar auf dem schmalen Gipfel des Ruhms zu sein. Ständig unter Beobachtung, von Fotohandys abgelichtet, von Paparazzi-Blitzen geblendet, jede Falte klatschpressenkommentiert und von der Filmindustrie gnadenlos abgestraft: Frauen in Ihrer Position lassen normalerweise schnibbeln und botoxen, was die straffen Gesichtszüge halten.

Und Sie müssen zu allem Übel in jedem Artikel die reflexhafte Lobpreisung Ihrer geradezu überirdischen Schönheit ertragen - geschrieben von Filmjournalisten wie mir oder dem Kollegen der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", den Ihr bloßer Anblick mit "allergrößter Gewissheit an Gott glauben" ließ.

Cate Blanchett scheut sich nicht vor Scheußlichkeiten

Furchtbar, diese Fixierung auf Äußerlichkeiten, nicht wahr? Umso erfreulicher ist es, wenn Sie sich breit lächelnd, also eindeutig botoxfrei, hinsetzen und mit Ihrer tiefen, melodischen, hinreißend erotischen - sehen Sie? Schon wieder oberflächliche Lobpreisungen! -, also mit Ihrer angenehmen Stimme sagen: "Ich selbst finde vieles von dem, was man gemeinhin hässlich nennt, schön. Es ist, als seien wir an einer Weggabelung angekommen, und die Menschheit sieht bloß einen Pfad: Schönheit. Ich finde das hässlich, hässlich, hässlich. Ich würde jederzeit die andere Straße wählen." Na klar, könnte man denken, was für ein leicht zu sagender, selbstherrlicher Satz für jemanden, der immer die mit Abstand attraktivste Fußgängerin sein wird, auf welcher Straße auch immer. Kennt man ja von Stars: erst bescheiden abstreiten, dass sie sich auch selbst für Gottes Geschenk an das Zelluloid halten, und dann die Assistentin anmotzen, warum sie das Beautybad aus handgepressten Pfauentränen noch nicht eingelassen hat.

Sie sind keine politurfixierte Hollywood- Zicke.

Aber wissen Sie was? Ihnen glaube ich sofort. Vielleicht, weil Sie sich in Ihren Rollen weder vor äußeren noch vor inneren Scheußlichkeiten scheuen. Ob Sie nun die maskenhafte Königin Elizabeth I. spielen ("Elizabeth"), eine garstige Wissenschaftlerin mit unvorteilhaftem Bubikopf ("Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels") oder eine völlig verknitterte 85-Jährige ("Der seltsame Fall des Benjamin Button"): Die Schönheit liegt in der Leichtigkeit Ihres Spiels. Sie durchschauen Ihre Figuren mit einer Präzision, die nur jemand haben kann, der tiefer blickt, weit unter die Oberfläche. So konnten Sie eine ebenbürtige Katharine Hepburn in "Aviator" sein (für deren Darstellung Sie einen Oscar gewannen) und ein besserer Bob Dylan als Bob Dylan selbst (den Sie in "I'm not there" verkörperten). Ja, Sie schafften es sogar, dass ich beim Anblick der Elbenkönigin Galadriel in "Herr der Ringe" an Wunder glaubte: Die Hobbits waren nur optisch verkleinerte 20-Jährige, die Orks sahen aus wie alle computergenerierten Monster, aber bei Ihnen bin ich bis heute nicht sicher, ob Sie der edlen tolkienschen Rasse nicht auch in Wirklichkeit angehören.

Ein gutmütiger Schaf-Farmer mit Knollennase als Ehemann

Oh je! Schon wieder habe ich mich von Ihrer Schönheit blenden lassen! Deshalb schnell ein weiterer Grund für Ihre Glaubwürdigkeit: Sie kommen aus Australien (wie Nicole Kidman und Hugh Jackman, zwei ebenfalls attraktive Menschen, die sich auch immer noch wundern, wenn es jemand bemerkt). Ich erkläre mir das mit angewandter Küchen- Ethnologie: Auf einem Kontinent, der zumindest seine weiße Besiedlungsgeschichte auf britischen Strafgefangenen aufgebaut hat, bedeuten Status und Aussehen nicht so viel wie harte Arbeit und ein hemdsärmeliger Humor. Den Sie oft und gern einsetzen. Nach Ihrem Oscar-Gewinn fragte Sie ein Journalist, ob Sie sich nun verändern und zur Diva werden würden, woraufhin Sie mit exaltierter Joan-Crawford-Stimme riefen: "Allerdings, Arschloch!" Danach mussten Sie sehr lachen, während der Fragensteller (der kein Australier war) nicht genau wusste, ob er sich nun beleidigt oder geadelt fühlen sollte.

Wissen Sie, wer mich aber endgültig davon überzeugt hat, dass Sie keine politurfixierte Hollywood- Zicke sind? Andrew Upton, seit fast zwölf Jahren Ihr Ehemann. Der nicht mal im Smoking nach Glamour aussieht. Sondern stets wie ein gutmütiger Schaf-Farmer mit Knollennase, Hängebacken und widerspenstigen Haarwirbeln, die er auch Ihren drei Söhnen vererbt hat. Dieser vermeintlich unscheinbare Mann an Ihrer Seite zeigt, wo Ihre Schönheit Ihren wahren Ursprung hat: an einem Ort tief in Ihrem Inneren, den keine Botox-Spritze je erreichen kann.

Ihre Andrea Benda

Text: Andrea Benda
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