Die Welt braucht Rebellen

Anke Kapels ist eine der Frauen, die Harry Belafonte mit seinem Sound zu hüftschwingenden "Matildas" verwandelte. Mit mehr als 80 Jahren widmet sich der Jamaikaner vor allem Charity-Projekten. Seine Musik bleibt.

Lieber Harry Belafonte,

hatten Sie nicht davon geträumt, den Herbst Ihres Lebens Mojito trinkend unter einer Kokospalme zu verbringen? Umringt von ein paar Freunden, die sich gegenseitig erzählen, wie großartig ihr Leben war? Keine Frage, das wäre das verdiente Rentenmodell für den König des Calypso gewesen. Sie haben den jamaikanischen Folklore-Sound zum globalen Trend befördert, gut 150 Millionen Platten bis heute verkauft und unzählige Frauen in hüftenschwingende "Matildas" verwandelt. Ich war eine von ihnen. Und wie wohl die meisten Ihrer Fans habe ich damals nicht wirklich hingehört. Denn Ihre Lieder sind mehr als bloße Ohr- Schmeichler. Der "Banana Boat Song" etwa handelt nicht von karibischen Kreuzfahrten, sondern vom Elend ausgebeuteter Bananenpflücker. Sie sagten einmal: "Ich gehe auf die Bühne, weil ich die Hoffnung habe, dass da jemand sitzt, der meine Botschaft versteht." Eine Aussage, die bis heute gültig ist.

Auch jetzt, mit 80 Jahren, findet man Sie nicht entspannt am Strand. Sie spielen in "Bobby" mit, einem wunderbaren Film, der in einer Mischung aus Fakten und Fiktion von den letzten Stunden Robert F. Kennedys erzählt. Mit ihrem Auftritt verneigen Sie sich vor Kennedy, Ihrem ganz persönlichen Freund und politischen Weggefährten.

Der Zustand der Welt ist Harry Belafonte wichtiger als Hollywood

Aber viel wichtiger als Hollywood ist Ihnen der Zustand unserer Welt: Als Unicef-Botschafter reisen Sie in Krisengebiete nach Südafrika oder Äthiopien, drehen Dokumentarfilme über Rassismus, prangern in Talkshows den Genozid in Darfur an, propagieren die Lieferung billiger Aids- Medikamente, sind Mitinitiator des Projekts "We are the World" gegen den Hunger in Afrika . . . Seitenlang könnte ich das jetzt fortsetzen. Erlauben Sie mir stattdessen die Frage: Was treibt Sie eigentlich an? Sie selbst sagen, Sie befänden sich in einem Zustand permanenten Widerstands, getrieben von Zorn.

Die Quelle Ihrer Wut liegt vermutlich in Ihrer Biografie: Geboren in Harlem als Sohn einer jamaikanischen Hilfsarbeiterin und eines Schiffskochs aus Martinique, fristeten Sie einen Teil Ihrer Kindheit auf Jamaika im Slum von Kingston und schmissen mit zwölf die Schule. Bittere Armut, ein Vater, der soff und die Mutter schlug – Sie hätten auch Gangster werden können, bekannten Sie in einem Interview. Davor gerettet habe Sie die Disziplin, die Sie bei der US-Navy lernten.

Was hat Hautfarbe mit Liebe zu tun?

Nach Kriegsende gingen Sie nach New York, schlugen sich mit Handlanger- Jobs durch. Als Sie im American Negro Theatre in Harlem einen Wasserhahn reparierten, gab es statt Lohn Theaterkarten. Nach der Aufführung war Ihnen klar: Ich werde der erste schwarze Hamlet auf der Bühne. Gemeinsam mit Marlon Brando und Tony Curtis studierten Sie Schauspiel bei dem deutschen Emigranten Erwin Piscator, bekamen dann wegen Ihrer Hautfarbe aber nur wenige Rollen. Mit dem Film-Musical "Carmen Jones" wurden Sie 1954 zwar von jetzt auf gleich berühmt, doch selbst als Sie längst vor ausverkauften Häusern in Las Vegas auftraten, durften Sie nur durch die Küche zum Saal. Ihren Stolz konnte das nie brechen. Sie blieben unbeugsam, pfiffen auf Konventionen. Nach der ersten Ehe mit einer Afroamerikanerin heirateten Sie Ende der 50er eine Weiße. Was hat Hautfarbe mit Liebe zu tun?, fragten Sie.

Logisch, Sie mussten in der Bürgerrechtsbewegung landen. Marschierten dort nicht nur neben Martin Luther King, sondern berieten ihn auch. Nelson Mandela sagt über Sie, nach King seien Sie der einflussreichste Schwarze Amerikas. Einigen Konservativen in den USA stinkt das gewaltig. Die beschimpfen Sie als Vaterlandsverräter, wenn Sie mal wieder mit George W. Bush und seiner Regierung ins Gericht gehen, seinen Ex-Außenminister Colin Powell als "Haussklaven" bezeichnen, das Department of Homeland Security mit der Gestapo vergleichen oder als Gast von Venezuelas Präsident Chavez – einem bekennenden Kommunisten – Bush den größten Terroristen des Planeten nennen. Hut ab vor Ihren klaren Worten, aber Vorsicht vor den falschen Freunden. Trotzdem: Geben Sie keine Ruhe! Geigen Sie uns weiter Ihre Meinung! Die Welt braucht Rebellen wie Sie.

Ihre Anke Kapels

Text: Anke Kapels
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