Die Räuberbraut im Stadtkind

In BRIGITTE WOMAN-Autorin Franziska Wolffheim hat sie die Räuberbraut zum Vorschein gebracht - bis diese gemerkt hat, dass in den Büchern von Maragaret Atwood vieles Ironie ist. Sie beneidet sie darum - und um ihre frühe Kindheit.

Liebe Margaret Atwood,

ob Sie es glauben oder nicht: Ihre "Räuberbraut" hat damals nachhaltigen Schaden bei mir angerichtet! Ich habe Ihr Buch – eines Ihrer berühmtesten – in einer langen Nacht gelesen. Und war fasziniert von Zenia, dieser unanständig attraktiven Teufelin, die ihren "Freundinnen" alles klaut – Männer, Seelenfrieden und Selbstbewusstsein. Schlimmerweise habe ich mich mit ihr vollkommen identifiziert. Ich träumte davon, so zu sein wie sie, tief dekolletiert, ewig jung und ekelhaft. Ich spannte meinen Freundinnen die Männer aus und brachte die schlimmsten Macho- Exemplare einfach um die Ecke. Ich ließ die ordinäre Marktfrau oder die aufdringliche Versicherungsmaklerin – alle, die mir blöd kamen – in Lava, Pech und Schwefel zugrunde gehen. Und empfand eine herrlich fiese Freude dabei.

Ich fragte mich, wie viel Räuberbraut in mir steckt.

Erst allmählich, nachdem ich das Buch schon längst weggelegt hatte, kamen wieder meine netten Seiten zum Vorschein. Die Gewitterfront war abgezogen. Aber für wie lange? Natürlich habe ich mich auch gefragt, wie viel Räuberbraut wohl in Ihnen steckt. Aber ich denke, Sie sind eher eines dieser empathischen Wesen, die sich um das Seelenheil ihrer Mitmenschen sorgen. Fürs Schreiben ist das natürlich gut so. Und ich mag an Ihren Büchern die Einfühlung, Ihre Fähigkeit, tief in die Seele Ihrer Figuren hineinzukriechen. Aber da zu viel Wärme irgendwann zur literarischen Klimakatastrophe führen würde, greifen Sie auch zu einem anderen Mittel, das mir fast noch lieber ist: Humor. Sie beherrschen die ganze Klaviatur von ironisch, abgründig, sarkastisch bis zu rabenschwarz.

Nach dem Tod der Räuberbraut heißt es, ihre Urne sehe aus "wie eine kleine Tretmine". Treffer, Mrs. Atwood, das ist genial! Und wenn ich mir dazu Ihr Foto anschaue, dieses feine, mittlerweile 68 Jahre alte Gesicht, fallen mir vor allem Ihre ironisch blitzenden Augen auf.

Worum ich – ein absolutes Stadtkind – Sie übrigens immer beneidet habe: um Ihre frühe Kindheit in den Wäldern im Norden von Quebec, wo Ihr Vater als Insektenforscher nach seltenem Krabbelgetier suchte. Und wo Sie nomadisch in Zelten und Hütten lebten, ohne Strom und fließendes Wasser.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass in Ihrem Namen das Wort "wood" steckt? Aber schon als Sie sechs waren, zogen Sie mit der Familie nach Toronto – für Sie der absolute Kulturschock. Später studierten Sie Literatur, waren als Literaturwissenschaftlerin tätig – na ja, das Übliche. Mittlerweile haben Sie mehr als 50 Bücher veröffentlicht, einige wie "Katzenauge" oder "Der blinde Mörder" sind Meisterwerke, andere nicht ganz so gelungen, aber das wäre wohl kaum menschenmöglich.

Seit langem steht Margarete Atwood auf der Liste für den Nobelpreis

Selbst nicht für jemanden, der seit Langem auf der Kandidatenliste für den Nobelpreis steht. Dafür ist Ihr neues Buch "Moralische Unordnung" ganz wunderbar, ob Sie darin Gladys, das eigensinnige Pony, beschreiben oder die etwas abgedrehte Farmerin Nell, eine Figur, die ganz offensichtlich Züge von Ihnen trägt. In den letzten Jahren haben Sie sich immer mehr als Öko-Aktivistin betätigt, Sie und Ihr Mann Graeme Gibson sind Ehrenpräsidenten des Internationalen Clubs für seltene Vögel. Vielleicht sind Sie selbst auch so ein seltener Vogel. Sie haben immer ein Minihandtuch dabei, um Papiertücher und elektrische Handtrockner zu vermeiden. Und Sie haben einen ferngesteuerten Signierstift erfunden, um nicht ständig unöko- logisch durch die Gegend jetten zu müssen: Sie schreiben Ihren Namen auf einen elektronischen Block, und an einem anderen Ort ziehen Metallarme mit einem Kuli die Buchstaben nach. Wenn es mit dem Literaturnobelpreis doch nicht klappen sollte, hätten Sie sich mit dieser Erfindung auf jeden Fall einen großen Öko- Orden verdient!

Vor Kurzem haben Sie erzählt, Sie hätten neben Ihrem Wohnsitz in Toronto ein Blockhaus im Norden von Quebec, wo Sie viel Zeit verbringen, ohne Strom, ohne fließendes Wasser – ganz wie in Ihrer Kindheit. Dass Sie sich bei Wind und Wetter noch auf so einen spartanischen Lebensstil einlassen – Respekt! Ihre Räuberbraut würde so etwas nie tun. Oder? Und, ich gestehe: ich auch nicht. Dafür schicke ich jetzt gleich ein Care-Paket an Sie los: Taschenlampe, drei Bleistifte, deutsche Wurst und langlebige Butterkekse. Man weiß ja nie.

Ihre Franziska Wolffheim

Text: Franziska Wolffheim Foto: Getty Images

Wer hier schreibt:

Franziska Wolffheim
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