Der Fußabdruck eines Huhns

BRIGITTE-Woman-Autorin Sabine Reichel erinnert sich noch genau an ihre erste Begegnung mit dem Peace-Zeichen - auf der Jacke eines amerikanischen Hippies. Mit Freude hat sie in den letzten Jahrezehnten den Aufstieg ihres Kumpels zum Logo mit Glamour-Faktor beobachtet.

Liebes Peace-Zeichen,

zum ersten Mal sah ich Dich 1966 – als Anstecker an der Armeejacke eines amerikanischen Hippies, den es nach verschlagen hatte. „Was ist denn das?“, fragte ich. Er machte das „Peace“-Zeichen mit der Hand und sagte, das trüge man jetzt als Vietnamkrieg-Gegner in den USA. Da wollte ich auch so eins!

Du warst damals immerhin schon acht Jahre alt und auf dem Weg, die Welt zu erobern. Nun bist Du 50. Happy Birthday, Du toller oller Hippie! Selten hat es ein Symbol geschafft, ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel zu haben und trotzdem brandaktuell zu sein. Dabei war Deine Entstehung weder zufällig noch dramatisch, sondern britisches Kalkül. 1958 sollte der Textildesigner Gerald Holtom ein einprägsames Logo für den Londoner Ostermarsch der Anti-Atomwaffen-Bewegung erfinden, die immer mehr Menschen auf die Straße trieb. In Deinem Geburtsjahr brodelte es nämlich schon unter der Oberfläche. Die Menschen waren kriegsgeschädigt und wollten Frieden. Für immer.

Das Peace-Zeichen als hipper Code für Rebellion

„Das wird sich kein Mensch merken“, unkten die Traditionalisten. Aber da kannten sie Dich schlecht. Du warst eines der ersten Symbole, die bald keinerlei Erklärung mehr bedurften, marschiertest im Laufschritt vom britischen Königreich nach – in die Arme von Martin Luther King und der Bürgerrechtsbewegung – und dann in den Rest der Welt. Auf Dich hatten wir eben alle gewartet.

Du wurdest zur Pop-Ikone.

Die 60er Jahre waren die Ära der Meinungsbuttons, die steckte man sich an, wenn man für die sexuelle Revolution war oder gegen Nixon. Wie Du weißt, waren wir 68er sehr idealistisch, mit einem riesigen Sendungsbewusstsein. Du warst ein Fanal und ein neuer hipper Code für die Rebellion gegen das Establishment. Du wurdest zur Pop-Ikone, John Lennon malte dich bei seinem „Bed-in“ in Amsterdam auf ein Laken und sang natürlich „Give Peace a Chance“. Alle griffen nach Dir und wollten einen Schnipsel von der schicken Revolution. Protestler, Aktivisten und Politiker benutzten Dich genauso wie internationale Rockbands und Feministinnen. Du wurdest auf Bäuche, Plakate, Stahlhelme, Hauswände, T-Shirts, Fahnen und Gesichter gepinselt, Millionen Mal auf Flugblätter gedruckt und überall dort erkannt und geliebt, wo Diktatur, Krieg und Unrecht die Menschen unterdrückte. Also auf der ganzen Welt.

Eine Peace-ähnliches Ruhnenzeichen bedeutet "Toter Mann"

Trotzdem wurde anfangs viel an Dir herumgerätselt. Manche sahen in Dir Zeichen eines Satanskultes, andere den Fußabdruck eines Huhns. Nun ja. Aber Herr Holtom hat Dich vom Winker-Alphabet der Marine abgekupfert – die Buchstaben N und D (für „Nuclear Disarmament“) übereinandergelegt ergeben so ungefähr das Friedenszeichen. Für das N werden zwei Flaggen nach unten gehalten, wie ein umgedrehtes V. Beim D zeigt eine Flagge senkrecht nach unten, die andere nach oben.

Heute bist du klassisch wie ein Chanel-Kostüm.

Was Dein Erfinder zu dem Zeitpunkt allerdings nicht wusste, war, dass Du einem altgermanisches Runenzeichen sehr ähnelst, das „toter Mann“ bedeutet. Aber das passt ja auch als Anti-Kriegs-Symbol . . .

Peace bleibt "unser" Zeichen für Frieden und Liebe

Heute bist Du fast ein wenig angepasst – wie wir Button-Träger von damals auch –, ein modisches Markenzeichen, ein legendäres Logo, völlig integriert, egal ob in Brillanten bei Tiffany’s oder bei Gucci oder Greenpeace, und eigentlich spüre ich ein bisschen Verrat. Aber immerhin, Du hast Dich gut gehalten, bist immer noch da und gar nicht peinlich altmodisch, sondern klassisch wie ein Chanelkostüm – Schwarz auf Weiß, frisch, klar, ein überzeugendes Design. Du bist „unser“ Zeichen geblieben und gehörst dazu wie Woodstock, Stirnbänder und Haschisch, zur wilden wunderbaren Welt, als wir jung und ungestüm waren, nach Umbruch grölten und Frieden und Liebe als eine echte Alternative erschien.

Sag mal, wusstest Du das? Ganz im typischen Geiste der globalen Freiheitsidee verzichtete der nette Herr Holtom sein Leben lang (er starb 1985) auf die Patentierung von Dir. „Ein Symbol der Freiheit muss frei sein. Es gehört eben allen“, meinte er. Ein guter Typ. Genau wie Du. Bleib, wie Du bist. Peace!

Ihre Sabine Reichel

Text: Sabine Reichel Fotos: iStockphoto

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