Axel Prahl: Repräsentant des kleinen Mannes

Axel Prahl stammt aus Ostholstein. Dort spielte er in den Weihnachtsmärchen die "kleine, dicke Fichte". Dann landete er beim "Tatort".

Lieber Axel Prahl,

bei Ihnen hat mein Instinkt zum ersten Mal versagt. Lange konnte ich behaupten, auf Anhieb zu erkennen, ob ein Mann aus dem Osten oder Westen Deutschlands stammt. Eindeutige Indizien, die den Ossi-Mann verrieten: Händedruck statt Begrüßungs-Küsschen, mäßige Smalltalk-Technik (unerwünscht ehrliche Antworten auf "Und, geht's gut?"-Fragen), kumpelhaftes Flirt-Verhalten (getrennte Rechnungen selbst nach dem romantischsten Candle- Light-Dinner). Letzte Zweifel räumten Fragen nach frühen FKK-Erfahrungen und der Berufstätigkeit der Mutter aus. Ja-Antworten verwiesen auf eine Herkunft aus der Zone.

Nun habe ich Ihnen nie wirklich gegenübergestanden und konnte nur von Ihren Rollen darauf schließen, dass Klein Axel ein Pionierhalstuch getragen hatte - und doch war die Sache für mich klar: Ob in "Halbe Treppe", "Willenbrock" oder "Mondkalb", ob als gehörnter Würstchenbudenbetreiber Uwe, als gescheiterter Autohändler Bernd Willenbrock oder als überforderter Vater und Fahrlehrer Piet Hatzky - das war nicht nur Spiel, sondern ein Stück eigenes Leben. Bei Ihnen wirkt das Ungestüme und Ruppige nicht aufgesetzt, kommt nicht aus Überdruss oder Verdruss an (klein-) bürgerlichen Konventionen. Ihre Antihelden sind, wie sie sind, unverstellt, mal zu forsch, dann wieder liebenswert schüchtern, oft etwas mürrisch und unbeholfen. Sie wissen, was Scheitern bedeutet - und gewinnen genau dadurch mein Herz.

Irgendwann las ich dann in einem Interview, wie amüsiert Sie darüber seien, dass viele Sie für einen Ossi halten - und Ihren "Tatort"-Kollegen Jan Josef Liefers alias Karl-Friedrich Boerne, den Porsche fahrenden Pathologen, für einen Westler. Falsch. Sie sind in Ostholstein geboren, Liefers stammt aus Dresden.

Axel Prahl war der, der ständig rumblödelte

In den Weihnachtsmärchen war ich die dicke Fichte.

Die alten Klischees scheinen 20 Jahre nach der Wende nicht mehr ganz so gut zu funktionieren. "Ich bin der Repräsentant des kleinen Mannes. Die Filme zeigen schwierige Milieus. Sie könnten genauso im Westen spielen", sagten Sie einmal. Das stimmt zwar nur halb, aber es ist sympathisch von Ihnen, dass Sie da keine Unterschiede machen wollen. Passt zu Ihrem bodenständigen Charme, der bei Ihnen keine leere Phrase ist. Welcher deutsche Schauspieler reist schon mit einem Wohnmobil zum Set an? "Ein Stück Heimat", sagen Sie. In den Drehpausen trifft man Sie dort beim Gitarrespielen an. Gut möglich, dass die ganze Crew nach Drehschluss bei Ihnen versackt. Ein Bierchen unter Freunden - auch zu Hause oder bei einem Spiel Ihres Lieblingsvereins St. Pauli eine Ihrer liebsten Beschäftigungen. Mit Ihrer zweiten Frau und den Zwillingen sind Sie aus Berlin nach Brandenburg gezogen. Ehrlich, Herr Prahl: Eine gewisse Vorliebe für den Osten lässt sich einfach nicht leugnen. Dort in Marienwerder, erzählten Sie kürzlich, seien Sie für alle einfach der Axel. Klingt alles sehr sympathisch, nicht?

Axel Prahl muss mit Talent überzeugt haben

Vielleicht fühle ich mich Ihnen deshalb so nahe, weil ich mich ein bisschen in Ihnen wiedererkenne. Meine Stärken und Schwächen, mein Zaudern und Zögern, meine Höhenflüge, aber auch mein ganzes Mittelmaß. Nach einem abgebrochenen Lehrerstudium und Jobs als Bierfahrer, Gleisbauer oder Kellner riet Ihnen eine Freundin aus Ihrer Kieler WG: "Du blödelst hier so viel rum, werd doch Schauspieler." Die Schauspielschule hat Sie sofort angenommen. Sie müssen mit Talent überzeugt haben, mit Schönheit konnten Sie kaum punkten. Klein, dick, der Teint fahl von der einen oder anderen Zigarette zu viel - Sie wissen um Ihr Äußeres ("In den Weihnachtsmärchen war ich immer die kleine dicke Fichte") und sind immer wieder erstaunt, wenn Frauen Sie attraktiv finden. Attraktiv, nicht schön. Vielleicht brauchte es ein paar Jahre und Falten - vor allem diese Linie, die sich senkrecht an Ihrer Wange eingegraben hat, einfach süß! -, um Ihrem Gesicht Charakter zu verleihen. Aber da sind natürlich noch Ihre Augen. Von denen schwärmt auch Andreas Dresen, Ihr Lieblingsregisseur. Für "Willenbrock" wollte er Sie erst gar nicht buchen und ist dann doch wieder Ihrem Charme verfallen: "Dieses Leuchten in seinen blauen Augen. Dieses Leuchten - entweder man hat es, oder man hat es nicht. Das kann man nicht spielen." Passen Sie gut darauf auf - das wünscht sich

Ihre Antje Liebsch

Text: Antje Liebsch Foto: Axel Prahl
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