Assia Djebar: Die Stimme aus dem Maghreb

Assia Djebar wurde von den Tugendwächtern einst als "schreibende Hure" denunziert. Der Kampf gegen den Terror ist ihr zweites Lebensthema geworden.

Liebe Assia Djebar,

vermutlich werden Ihnen die folgenden Zeilen nicht gefallen, Sie mögen es ja nicht, wenn Wind um Ihre Person gemacht wird. Pardon also, dass ich sie trotzdem schreibe, aber manchmal denke ich einfach, die Welt wäre ein besserer Ort, gäbe es mehr Menschen wie Sie. Das ist Ihnen zu viel Pathos, ich weiß. "Ich bin kein Symbol. Ich schreibe nur", sagten Sie, nachdem Sie in die Académie Française aufgenommen worden waren, diese geistige Ruhmeshalle der Franzosen. Als erste Autorin aus dem Maghreb.

"Der Maghreb", haben Sie einmal über Ihre Heimat gesagt, "verweigert sich der Literatur. Dort ist es undenkbar, dass Frauen schreiben. Sie sticken, sie tätowieren sich oder weben Teppiche. Schreiben bedeutet, sich bloßzustellen. Wenn es eine Frau dennoch wagt, sich als Schriftstellerin zu betätigen, stellt sie sich auf die Stufe von Tänzerinnen, gilt sie als käufliche Frau."

Sie haben es trotzdem getan. Als "schreibende Hure" beschimpften Sie prompt die Tugendwächter Algeriens, als 1957 Ihr erster Roman, "Durst", erschien, in dem Sie beschreiben, wie eine junge Frau während eines Sommers die Liebe entdeckt. Sie waren gerade 20 Jahre alt und hatten aus Furcht, die Gefühle Ihrer Familie zu verletzen, ein Pseudonym gewählt: Assia Djebar. Djebbar bedeutet im Arabischen unversöhnlich.

Mir gefällt auch Ihr richtiger Name: Fatima-Zohra Imalayène - so wurde das kleine Mädchen genannt, das 1936 in Cherchell, nahe Algier, geboren wurde. Es wuchs in einer kolonialen Welt auf, in der es immer "die unseren" gab und "die anderen". Sie haben sämtliche Hürden, Grenzen und Vorurteile überwunden, waren nach dem Gymnasium in Blida die erste Algerierin auf einer französischen Elite-Universität, sind heute preisgekrönte Schriftstellerin, deren Bücher in 21 Sprachen übersetzt werden, sind Filmemacherin und lehren nebenbei noch an der New York University französische Literatur. Wie haben Sie das nur geschafft, Madame?

Assia Djebar gibt den Frauen Algeriens eine Stimme

Von Anfang an sind die Frauen in arabischen Gesellschaften Ihr großes Thema. Sie gaben den Frauen Algeriens, seit Generationen in den Häusern ein- und aus der Gesellschaft ausgesperrt, eine Stimme. Frauen, die ein "Leben im Unsichtbaren führen", wie Sie es nennen, in einem Land, "in dem alle Töchter ungestraft von den Söhnen ihrer Väter um ihr Erbe betrogen werden". In einer Gesellschaft, in der die Beziehung zwischen Mann und Frau außerhalb der Familie von so viel Härte und Schroffheit geprägt ist, dass es einem die Sprache verschlägt, wie Sie in Ihrer Dankesrede bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels gesagt haben.

Im Jahr 2000 wurde er Ihnen verliehen, der Horror des 11. September war noch nicht abzusehen, aber Algerien litt schon seit Jahren unter dem Terror islamistischer Fanatiker. Der Kampf gegen den Terror ist Ihr zweites Lebensthema geworden. Als Sie in den neunziger Jahren Freunde bei Anschlägen verloren, haben Sie geschworen zu schreiben, um die unermüdlichen Verfolger einzukreisen.

Erinnern Sie sich noch an die Begründung der Friedenspreis- Jury? "Sie hat in ihrem Werk ein Zeichen der Hoffnung gesetzt für die demokratische Erneuerung Algeriens, für den inneren Frieden in ihrer Heimat und für die Verständigung zwischen den Kulturen." Ihre Dankesrede widmeten Sie drei in Algerien ermordeten Schriftstellern.

Jetzt ist Ihr neues Buch bei uns erschienen. "Nirgendwo im Haus meines Vaters" heißt es, und diesmal sind Sie so nah an sich selbst herangerückt wie noch nie (21,95 Euro, Fischer).

Sie erzählen aus Ihrer eigenen Geschichte, die auch die Geschichte Algeriens ist. Sie beschreiben das Heranwachsen eines Mädchens im Schatten seines Vaters. Eines Vaters, der ein moderner Mann sein will. Der seine Frau als Partnerin behandelt und Wert auf die Bildung seiner Tochter legt, aber doch in der Zwangsjacke strenger Traditionen steckt. Eines Vaters, der seiner fünfjährigen Tochter verbietet, Fahrrad zu fahren, weil er nicht will, dass die ganze Welt ihre Beine sieht...

Es sei eine raue Aufgabe, habe ich in Ihrem Nachwort gelesen, "wenn man sich traut, über sich selbst zu schreiben. Diese Beichte, die leicht zur Selbstgefälligkeit verleiten könnte, schlimmer noch dazu, vor dem Spiegel umherzustolzieren."

Liebe Assia Djebar, von Selbstgefälligkeit ist in diesem Buch nichts zu lesen, und selbst wenn: ein wenig Stolzieren stünde Ihnen bestimmt gut.

Ihre Luise Schenk

PS: Tun Sie es wenigstens, wenn Sie den Literaturnobelpreis gewinnen!

Foto: Ulla Montan
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