Grundgutes, schwaches Herz

Ach Stieg Larsson, wenn Du doch noch erlebt hättest, wie die Verfilmung Deines Bestsellers " Verblendung" im Oktober in unsere Kinos kommt.

Lieber Stieg Larsson,

es gibt bekanntlich eine Zeit zu leben. Und eine Zeit zu sterben. Irgendetwas musst Du - ich duze Dich einfach, weil das bei Euch in Schweden und unter Sozialisten so üblich ist -, irgendetwas also musst Du dabei falsch verstanden haben. Als Dein Herz am 9. November 2004 beschloss, für weitere Schläge nicht mehr zur Verfügung zu stehen, warst Du gerade einmal 50 Jahre alt. Mal abgesehen davon, dass niemand mit 50 sterben müssen sollte: Deine Zeit war einfach noch nicht gekommen. Was mich da so sicher macht? All das, was Du nach Deinem plötzlichen Herztod verpasst hast. Am Tag Deines Ablebens warst Du ein aufrechter schwedischer Journalist und Sozialist, zudem ein weltweit führender Experte in Sachen Rassismus und Neonazis. Heute bist Du ein Weltstar.

Und das liegt an drei Büchern, genauer: an drei Krimis. Die hast Du ab 2002 geschrieben, immer nachts, weil Du tagsüber einerseits Infografiker und andererseits Chefredakteur eines politischen Monatsmagazins warst. Erst 2004 bist Du damit zu einem Verleger gelaufen, der Dir die drei Bände Deiner "Millennium"-Reihe aus den Händen gerissen hat. Du hattest nie viel Geld, aber der Verlagschef hat Dir in die Hand versprochen, dass Du finanziell ab sofort ausgesorgt hättest. Staunend hast Du noch verfolgt, wie sich im Oktober vor fünf Jahren Heerscharen von Verlagen auf der Frankfurter Buchmesse um die internationalen Rechte gestritten haben. Einen Monat später, bevor auch nur eines Deiner Bücher in den Regalen stand, brachst Du an Deinem Schreibtisch in der Redaktion zusammen. Und ein Mythos war geboren.

Stieg Larsson hat sich nachts die Wut von der Seele geschrieben

Natürlich hat Dein Tod den Hype befeuert, aber es wäre zu einfach, ihn allein für den unfassbaren Erfolg (16 Millionen verkaufte Bücher weltweit, Tendenz täglich steigend!) verantwortlich zu machen. Nein, "Verblendung", "Verdammnis" und "Vergebung", wie Deine Bücher unpassenderweise auf Deutsch heißen, machen süchtig. Süchtig nach Deinen wunderbaren Hauptdarstellern. Der Journalist Mickael Blomquist zum Beispiel, für den Du selbst als Vorlage dienst - er hat in den Büchern das Magazin "Millennium" gegründet. Geerbt hat er auch Deine grundgute Geisteshaltung. Im Gegensatz zu Dir sieht Dein Held allerdings ziemlich gut aus und beschläft Frauen im Akkord. Du hattest 32 Jahre lang dieselbe Freundin. Die eigentliche Sensation Deiner Bücher aber ist Lisbeth Salander - eine magere, wortkarge Privatermittlerin, punkig, hart, sozial unbegabt, ein Opfer des Systems und sadistischer Männer und ein Genie am Computer. Sie ist die vielleicht ungewöhnlichste Ermittlerin der Krimigeschichte. Mit ihr hast Du Dir nachts die Wut von der Seele geschrieben, auf unmenschliche Konzerne, auf alte Nazis, auf Männer, die Frauen hassen.

Ununterbrochen hast Du für das gestritten, was Dir heilig war. Das war gefährlich für Dich. Eva Gabrielsson, die Frau an Deiner Seite, hast Du über ein Vierteljahrhundert lang geheim gehalten. Sie nicht geheiratet, um sie nicht in den Fokus rechter Gruppen zu bringen, die Dich ständig bedrohten. Das mag ja ganz sinnvoll gewesen sein. Aber hättest Du nicht wenigstens ein vernünftiges Testament aufsetzen können? Denn jetzt, wo Deine Bücher Gewinne im hohen zweistelligen Millionenbereich abwerfen, hat Eva davon gar nichts. Deine Familie oben in Umeå hat alles geerbt, und es sieht nicht so aus, als würde sie Deiner Freundin etwas abgeben von ihrem neuen Reichtum. Immerhin, das ganze Land steht hinter Deiner Eva, die jetzt ein Buch schreiben will über das Leben mit Dir. Und in Deinem Laptop noch einen anderen Schatz hütet: das vierte, zu zwei Dritteln fertige Buch der "Millennium"-Reihe. Vielleicht schreibt sie es ja zu Ende. Aber das wirst Du nie erfahren, auch nicht, wie großartig die Verfilmung des ersten Bandes gelungen ist, die bei uns ab 1. Oktober im Kino läuft und schon jetzt der erfolgreichste schwedische Film aller Zeiten ist.

Weißt Du, es ist schon ein wenig seltsam. Als Du starbst, wusste ich nicht einmal, dass es Dich gab. Aber heute vermisse ich Dich richtig. Nicht nur, weil mir so sechs oder sieben wahrscheinlich formidable Bücher durch die Lappen gehen. Nein, auch deshalb, weil ich jetzt weiß: Du warst einer von denen, die unsere Welt dringend braucht. Du hattest Mut, ein Gewissen und das Herz an exakt der Stelle, an die es gehört. Es ist so unendlich schade, dass es nicht stark genug war, um einen wie Dich ein bisschen länger zu tragen.

Dein Stephan Bartels

Text: Stephan Bartels Credit: David Lagerlöf/Expo
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