Eva Mattes unterwegs in Ungarn

20 Jahre war Eva Mattes nicht mehr in Budapest, der Heimatstadt ihrer Mutter. Mit BRIGITTE WOMAN wandelte sie nun auf den Spuren vieler Kindheitssommer.

"In Budapest kann man ganz viel Himmel sehen." Eva Mattes auf dem Burgpalast, dem größten Gebäude Ungarns.

Sie ist schon da. Zwischen Dutzenden von Wartenden steht sie am Ausgang des Flughafens Budapest. Schwarzer Mantel, pinkfarbener Seidenschal, roter Koffer. Unverkennbar das große Gesicht mit den dunklen Augen. Nur dass sie viel jünger aussieht als erwartet. Wahrscheinlich weil man meint, dass jemand, der schon so lange Schauspielerin ist und so viele radikale Frauentypen verkörpert hat, älter sein müsste. Viele kennen Eva Mattes, 56, heute nur noch als "Tatort"-Kommissarin vom Bodensee. Dabei hat sie schon als 20-Jährige mit den ganz großen Regisseuren gearbeitet, Peter Zadek, Franz Xaver Kroetz, Rainer Werner Fassbinder. "Ich hab im Flugzeug die ganze Zeit geheult", sagt sie unvermittelt auf der Taxifahrt zum Hotel. Dabei habe sie sich nie für besonders sentimental gehalten. Und dann das. Sie steigt in Berlin in die Maschine nach Budapest, hört, wie die Stewardess auf Ungarisch ihre Anweisungen gibt: Sitze aufrecht stellen, anschnallen! Und schon muss sie weinen. Einfach nur, weil sie den Klang dieser Sprache hört - die Sprache ihrer Mutter. "Ungarisch ist wie Musik für mich", sagt sie. "Ich verstehe ja fast nichts. Das war gerade so, als würde mich meine Mutter an die Hand nehmen."

Eigentlich gibt Eva Mattes wenig von ihrem Privatleben preis

Budapest ist die Heimatstadt ihrer 1992 verstorbenen Mutter Margit Symo, 1913 geboren und zu ihrer Zeit eine kleine Berühmtheit. Die ungarische Varietétänzerin verließ in den 30er Jahren die Stadt und ging nach Berlin, wo sie zum ersten Oben-ohne-Star des UFA-Kinos avancierte. Später heiratete sie den Wiener Filmkomponisten Willy Mattes, mit dem sie zwei Töchter bekam, kurz darauf zerbrach die Ehe. Eva Mattes wuchs mit Mutter und Schwester in München auf. Sie war sieben Jahre alt, als sie in den Sommerferien das erste Mal im voll gepackten Fiat ins damals noch sozialistische Budapest fuhren. Berge von Nylonhemden und -strümpfen für die Verwandten im Gepäck. Normalerweise gibt Eva Mattes wenig von ihrem Privatleben preis. Es gibt keine Homestorys von ihrem Leben in Berlin-Kreuzberg mit zwei inzwischen erwachsenen Kindern. Talkshow-Besuche meidet sie. Doch diese Reise in die Vergangenheit hat sie sofort zugesagt. Sie steckt gerade in den letzten Zügen ihrer Autobiografie, die im Herbst erscheint. Sie hat, wie sie sagt, seit vier Jahren keinen Urlaub gemacht. Eine kleine Auszeit kommt ihr gerade recht. Wie eine Erstklässlerin liest sie während der Taxifahrt laut die unaussprechlichen Namen von Straßen und Geschäften. Der Taxifahrer grinst.

Zum Wiedersehen gibt's fette Krapfen und dicke Küsse. Der Künstler Ruttka Ferenc hat Eva Mattes schon als Kind gemalt.

Zum Abschied flötet sie ihm mit ihrer warmen Altstimme ein "Kössonöm" - danke - zu. Dann stehen wir an der Donau. Sofort ist klar, was sie meinte, als sie vor der Reise am Telefon sagte: "In Budapest kann man viel Himmel sehen." Der Fluss geht mitten durch die Stadt, teilt sie in zwei Hälften. Links das hügelige und dörfliche Buda, rechts das flache, urbane Pest. Zusammengehalten von mächtigen Brücken. Eva Mattes läuft summend durch die Altstadt. Vor 20 Jahren war sie das letzte Mal hier, ein Jahr vor dem Tod ihrer Mutter. Warum danach nicht mehr? Sie zuckt die Achseln, es hat sich nicht ergeben, sie hat immer viel gearbeitet. Vielleicht, überlegt sie, hatte sie auch Angst, dass es sie traurig machen würde, ohne ihre Mutter hierherzukommen. Doch jetzt will sie diese Gedanken nicht vertiefen. Sie hat ansteckend gute Laune und will die Stadt erkunden. Budapest hat sich herausgeputzt seit ihrem letzten Besuch. Die Jugendstilfassaden sind weiß gewaschen, das prächtige Parlament, von dem es heißt, es sei das größte Europas, erhebt sich mit seinen neogotischen Zinnen wie eine strahlende Kathedrale der Demokratie in den Himmel. Nur auf der schwarzen Rückseite des Gebäudes ist noch der ganze Dreck des Jahrhunderts zu sehen. Eva Mattes ist, das gibt sie sofort zu, keine geborene Stadtführerin. Namen und Daten von Brücken oder Palästen kennt sie nicht. Dafür weiß sie, wo es die besten "Lángos" gibt, so heißen die fetten Krapfen, die man hier direkt aus der Hand isst.

Früher war Eva Mattes für die Presse der "Anti-Star"

Eva Mattes mit ihrer Mutter Margit Symo 1970 bei den Filmfestspielen in Berlin. Die ehemalige Varietétänzerin starb 1992.

Die ganze kulinarische Vielfalt Ungarns findet man in der großen Markthalle von 1896. Das hohe Gebäude aus Eisen und Holz mit seinen riesigen Dachfenstern gilt als die Speisekammer . Eva Mattes bestellt an einem Imbiss Gulasch mit Paprika und Zwiebeln. Die ungarische Küche sei bodenständig, selbstbewusst und achte nicht auf Kalorien, heißt es. Eine Beschreibung, die auch auf Eva Mattes passt. Sie steht zu ihrem Körper. "Ich bin rund gedacht", sagt sie, da könne sie noch so viel abnehmen. Am Anfang ihrer Karriere hat es sie trotzdem verletzt, wenn Kritiker stets erwähnten, dass sie "stämmig" sei. Sie war für die Presse der dunkle "Anti-Star" in einer Zeit, als vor allem blonde, langbeinige Frauentypen gefragt waren. Und dann spielte sie auch noch so extreme Rollen wie das depperte Bauernmädchen Beppi, das in dem Drama "Stallerhof" halbblind und nackt über die Bühne des Hamburger Schauspielhauses wankte, oder schockierte das Fernsehpublikum zur besten Sendezeit, indem sie in Fassbinders Film "Wildwechsel", wie sie sagt, "fast durchgehend nackt zu sehen war". Hat sie diese Hemmungslosigkeit von ihrer Mutter, die es wagte, im deutschen Film der 30er, wenn auch nur sekundenkurz, ihren blanken Busen zu zeigen? Nein, sagt sie. "Bei meiner Mutter war die Nacktheit erotisch, bei mir hatte sie stets etwas mit der Rolle zu tun." Weiter geht es durch die kleinen Gassen der Altstadt. Anfangs bleibt Eva Mattes vor jedem Schaufenster mit Spitzendeckchen und Stickereien stehen. Dass sie gern stickt, ist kein Geheimnis. Manchmal, in Drehpausen, sticke sie sogar auf Papier, sagt sie. "Das beruhigt mich." Wobei einen diese Erklärung dann doch erstaunt, denn was an ihr sofort auffällt, ist die ungeheure Ruhe, die sie ausstrahlt.

Ein Traum? Eva Mattes schwimmt zum ersten Mal im Gellért-Bad. Für ihre Mutter war es der Inbegriff einer unerreichbaren Luxuswelt.

Eine heitere Gelassenheit, die sich auch darin zeigt, dass sie alles mitmacht und wacker mit ihrem seit Jahrzehnten schmerzenden Knie von einem Ort zum nächsten spaziert. Zum Beispiel jetzt ins Gellért-Bad, das ihre Mutter so geliebt hat. Das Thermalbad von 1918 gleicht einem orientalischen Palast: hohe Gewölbe, verzierte Säulen und bunte Fliesen im Jugendstil. "Für meine Mutter war das der Inbegriff einer unerreichbaren Luxuswelt", sagt sie. Als Margit Symo jung war, konnte sie sich den Eintritt nicht leisten. Und bei ihren Besuchen in den 60er Jahren hielt sie offenbar innerlich etwas davor zurück, diesen Traum zu betreten. Als Kind stand Eva Mattes oft mit ihr an der Glasscheibe im Foyer, und sie drückten sich die Nasen platt. Jetzt geht Eva Mattes das erste Mal hinein. Sie hat ihre Badelatschen vergessen - egal, dann eben barfuß. Im Frauenbereich lassen sich junge und alte Ungarinnen im 38 Grad heißen Wasser treiben. Mit ihren hochgesteckten dunklen Haaren und dem slawischen Gesicht sieht Eva Mattes aus wie eine von ihnen.

Eva Mattes ist ohne Vater aufgewachsen

Später besuchen wir das uralte Café "Gerbeaud", wo schon Kaiserin Sisi ihre heiße Schokolade getrunken haben soll. Hier herrscht dezente Pracht: riesige Fenster, schillernde Stofftapeten, marmorne Bistrotische. Eva Mattes bestellt sich extra fürs Fotoshooting die Lieblingstorte ihrer Mutter, "Dobos", obwohl sie eigentlich lieber Deftiges isst. Sechs Schichten Biskuit, gefüllt mit Schokobuttercreme, obendrauf eine Schicht aus karamellisiertem Zucker. Genüsslich fährt sie mit der Gabel durch das süße Kunstwerk. Und isst alles auf. "Jetzt ist mir schlecht", sagt sie. Ein Gefühl wie aus Kindheitstagen nach zu viel "Fodjol" (Eis) und "Rétes" (Topfenstrudel). Überhaupt sei das die stärkste Erinnerung an die Sommer in Budapest: "Wir haben die ganze Zeit gegessen." Doch erst als wir wieder draußen sind, ausgerechnet vor einem Knopfladen in einem etwas schäbigen Hinterhof, meint Eva Mattes zum ersten Mal, ihre Mutter neben sich zu spüren. Vielleicht weil der kleine Laden, der stolz seinen bescheidenen Reichtum aus bunten und glitzernden Knöpfen präsentiert, an die Herkunft der Mutter erinnert. Sie kam aus armen Verhältnissen, erzählt Eva Mattes. Die Großmutter war Blumenbinderin, einen Großvater gab es nicht. Wie sie selbst wuchs ihre Mutter ohne Vater auf. Und Eva Mattes setzte diese Tradition fort, denn auch ihre Tochter Hanna erzog sie ohne den Vater, den Filmemacher Werner Herzog. Ihr Sohn hingegen wuchs mit ihr und ihrem Lebensgefährten Wolfgang Georgsdorf auf. "Meine Mutter hat immer gesagt: Du kannst Kinder bekommen, alles machen, aber heirate nicht. Das ist schlecht für die Liebe und die Karriere." Sie hat sich daran gehalten.

Bei aller Liebe, räumt Eva Mattes ein, die Beziehung zu ihrer Mutter sei auch schwierig gewesen.

Eva Mattes hat schon mit zwölf Jahren in zum Unterhalt der Familie beigetragen. Ihre Mutter bekam nur noch selten Filmangebote in den 60er Jahren, da sprang sie ein. Während ihre Freundinnen nachmittags bei schönem Wetter ins Freibad gingen, saß Evi drinnen im Synchronstudio. In rund 250 Sendungen der Kinderserie "Lassie" lieh sie dem Jungen Timmy ihre Stimme, außerdem war sie die deutsche Stimme von "Pippi Langstrumpf". War es nicht belastend, so früh für die anderen sorgen zu müssen? "Nein, das war für mich selbstverständlich", sagt sie, "wir konnten uns jetzt Dinge leisten, die vorher nicht möglich waren: Urlaube, ein Klavier, neue Möbel." Von den ersten 25 Mark, die sie verdient hatte, lud sie die Mutter in die Münchener "Feldherrenkonditorei" zum Tortenessen ein. Und wie war ihre Mutter sonst? "Temperamentvoll, elegant. Wenn sie abends ausging, schaute ich ihr zu, wie sie sich zurechtmachte. Sich die Lippen rot schminkte, die Seidenstrümpfe anzog, Parfüm versprühte", erzählt Eva Mattes mit ihrer melodischen Stimme. "Und sie war unkonventionell", fährt sie fort. "An warmen Sommerabenden spielte sie mit mir und meiner Schwester, bis es dunkel war, auf der Straße Federball. Alle anderen Kinder waren da schon längst im Bett." Oder sie erlaubte, dass ihre Tochter Evi sich schon mit 13 schminkte, was damals eine ungeheure Provokation war. Die Mutter sah es gelassen: "Jetzt schminkt sie sich ganz doll, aber in zwei Jahren hört sie wieder auf." Aber bei aller Liebe, räumt Eva Mattes ein, die Beziehung zu ihrer Mutter sei auch schwierig gewesen.

"Sie hat die ganze Zeit von sich geredet. Da war kein Platz für mich und meine Gedanken." Manchmal, erinnert sie sich, hat sie ihre Mutter angeschnauzt, einfach nur, um von ihr gehört zu werden. Am Nachmittag bekommen wir einen Eindruck von der ungarischen Redseligkeit. Eva Mattes ist mit einem alten Freund ihrer Mutter verabredet, dem Künstler Ruttka Ferenc, der sie schon als Kind gemalt hat. Sie rechnet mit einem gebrechlichen Mann und trifft auf einen Casanova mit dunkler Sonnenbrille, der sich und die Dame an seiner Seite so vorstellt: "Das ist meine Frau, die fünfte." Zusammen geht es hinüber nach Pest zur Wohnung der ersten Gattin, wo Eva Mattes bei ihren Kindheitsbesuchen oft gewohnt hat. Zwei Zimmer, in einem haben sie zu dritt geschlafen. Wie früher sitzen nun alle dicht gedrängt am Küchentisch unter der Kuckucksuhr. Auf der roten Tischdecke stehen fette Krapfen. Geschenke werden ausgetauscht, Fotos ausgebreitet: Margit Symo im rosa Kostüm, Klein Evi, bildhübsch, mit weißen Kniestrümpfen. Alle reden auf Deutsch und Englisch auf sie ein, eine Lawine aus Vorwürfen - Warum kommst du erst jetzt?! -, aus Küssen und Komplimenten prasselt auf sie nieder. Eva Mattes will etwas sagen, doch kann keinen Satz zu Ende reden, da Ferenc schon wieder losgelegt hat. "Ah, mein Herz, mein Herz", er fasst sich melodramatisch an die linke Brust, " warum, Eva, tust du mir das an und bleibst so kurz!" Sie wird immer stiller und kleiner auf der Küchenbank, ein Kind, das vom Redeschwall der Erwachsenen überrollt wird.

"Dieser ganze ungarische Wahnsinn", sagt sie später, als wir uns schon verabschiedet haben und durch Buda laufen. Wie früher sei das gewesen. Wenn der temperamentvolle Maler und die exaltierte Mutter zusammentrafen. "Zwischen ihnen war kein Platz für andere." Eva Mattes ist erschöpft und eigentlich auch ein bisschen enttäuscht, dass sie gar nichts von sich erzählen konnte. Da klingelt ihr Handy. Ferenc ist dran: "Bist du müde? Kommst du wieder?", fragt er. Ja, haucht sie, jetzt schon wieder ein wenig versöhnt. Wir stehen inzwischen auf dem Burgberg in den Säulengängen der Fischerbastei, einem märchenhaften Sandsteingebäude von 1900. Die blaue Stunde beginnt gerade, jene Phase, bevor der Tag der Nacht weicht. Eine Stimmung, in der man Bilanz zieht. Eva Mattes blickt in die Ferne. Der Wind zerzaust ihre langen braunen Haare, ihr roter Schal flattert, und sie sieht genauso "wild und ungeschminkt" aus, wie sie die "Tatort"-Kommissarin stets spielen wollte. "Ich hatte schon als Kind immer das Gefühl, ich komme von ganz weit her aus dem Osten", sagt sie. In der Schule hatte ihre Heimatkundelehrerin von den Hunnen erzählt, mit ihren stämmigen Beinen, dem nach hinten gewölbten Reiterpo. "Das war ich", sagt sie und lacht.

Sie würde gern noch einmal eine große Kinorolle spielen, wo sie all das zeigen könne, was in ihr steckt: die vulkanische Kraft, das Destruktive, das Sanfte. Sie weiß, sie kann das, Mutter, Mädchen, Amazone sein, alles in einer Figur. Aber im deutschen Kino gibt es solche Rollen selten für Frauen in ihrem Alter. Eine Managerin ihres Erfolgs war sie jedoch nie. Meistens, sagt Eva Mattes, sei ihr alles zugefallen. Aber sie glaubt an die Kraft des Wünschens: "Immer, wenn ich etwas ganz fest wollte, hat es auch geklappt." Plötzlich taucht ein Tross Chinesen in schwarzen Anzügen auf, Bodyguards schieben alle Touristen zur Seite. Nur Eva Mattes scheinen sie zu übersehen. Ganz ruhig, statuenhaft, lehnt sie an der Mauer, ein stilles Lächeln im Gesicht, als wäre sie selbst zu Stein geworden.

Buchtipp: Die Erinnerungen von Eva Mattes "Wir können nicht alle wie Berta sein" (ca. 320 S., 19,99 Euro, Ullstein) erscheinen im September.

Text: Ariane Heimbach Fotos: Doerthe Hagenguth BRIGITTE Woman, Heft 09/11

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