"Meine Füße sind das Wundervollste an mir"

Charlotte Rampling, Britin mit Wohnsitz in Frankreich, ist eine der rätselhaftesten Frauen des europäischen Films. Exklusiv für BRIGITTE WOMAN sprach die 65-Jährige über die ganz großen Themen: Erotik, Macht, Liebe, Tod – und den Minirock, den sie im London der Sechziger trug.

BRIGITTE WOMAN: Sie gehören zu den erotischsten Schauspielerinnen Ihrer Generation!

Charlotte Rampling: Ist das schmeichelhaft?

BRIGITTE WOMAN: Das fragen Sie mich?

Charlotte Rampling: Ich kann damit damit recht wenig anfangen, fand mich selbst nie sonderlich aufregend, auch wenn ich vor der Kamera mehr von meinem Körper zeigte, als viele vielleicht sehen wollten. Was ich gut verstehen kann. Ich fand, dass ich seinerzeit ein nicht gerade attraktives englisches Mädchen war.

BRIGITTE WOMAN: Immerhin waren Sie im Minirock auf der berühmten Carnaby Street unterwegs, tanzten in den Clubs die Nächte durch und hatten – ich zitiere – "unzählige Liebhaber"!

Charlotte Rampling: Verstehen Sie: Der Minirock, von Mary Quant kreiert, war damals cool, und mit meinem Aufzug kaschierte ich in Wahrheit nur meine Unsicherheit.

BRIGITTE WOMAN: Und was steckte hinter den "unzähligen Liebhabern"?

Charlotte Rampling: Männer zu verführen war für mich ein Experiment, zu sehen, wie weit meine Macht geht.

BRIGITTE WOMAN: Sie meinen Ihre sexuelle Macht?

Charlotte Rampling: Ja. Es ist wohl die wichtigste Macht, die wir haben! Ihr Männer seid uns Frauen so ziemlich ausgeliefert. Wir können euch in unseren Bann ziehen – einer geplanten Verführung könnt ihr euch vielleicht ein- oder zweimal entziehen. Im Endeffekt bleiben wir Frauen die Sieger! Das sollten wir uns immer und überall vor Augen halten. Besonders wenn wir älter werden. Denn dieses Wissen um unsere sexuelle Macht stärkt unser Selbstbewusstsein auch dann noch, wenn wir ein paar Falten mehr haben.

Männer zu verführen war ein Experiment.

BRIGITTE WOMAN: Sex ist also eine Waffe?

Charlotte Rampling: Eine Waffe, Sie sagen es. Eine der schärfsten Waffen, die wir haben. Eine, die uns Frauen unsere weibliche Macht gibt. Was mich betrifft: Ich fand mich zwar nicht besonders attraktiv, war mir aber dennoch meiner erotischen Ausstrahlung sehr früh bewusst.

BRIGITTE WOMAN: Moral spielte da keine Rolle?

Charlotte Rampling: Ich habe ein Gewissen, wenn Sie das meinen. Schließlich besuchte ich mal eine Klosterschule nahe des französischen Fontainebleau, da wurden wir auf die moralischen Werte immer wieder und wieder gedrillt.

BRIGITTE WOMAN: Was vielleicht der Grund für Sie war, erst recht dagegen zu opponieren?

Charlotte Rampling: Tat ich das denn?

BRIGITTE WOMAN: Sie lebten mit zwei Männern gleichzeitig zusammen – ist das etwa Ihre Vorstellung von Moral?

Charlotte Rampling: Hören Sie doch auf! In meiner wilden Zeit, sie liegt lange zurück, war ich nun mal ein junger Hüpfer, ziemlich ausgeflippt.

BRIGITTE WOMAN: Oft auch betrunken?

Charlotte Rampling: Oft.

BRIGITTE WOMAN: Erzählten Sie Ihren beiden Söhnen David und Barnaby von dieser Zeit?

Charlotte Rampling: Aber natürlich. Wenn wir als Eltern in unserer Erziehung ernst genommen werden wollen, müssen wir einfach ehrlich sein. Ich erzählte meinen Söhnen alles aus meiner Vergangenheit, und zwar ohne Weichfilter, zeigte ihnen Fotos von damals.

BRIGITTE WOMAN: Und wann begriffen sie, dass ihre Mutter sich Millionen Menschen doch sehr – nun ja – freizügig zeigte, und wie wurden sie damit fertig?

Charlotte Rampling: Also ich führte ihnen meinen „Nachtportier“ nicht vor, als sie klein waren – die eigene Mutter barbusig zu sehen wäre ja ein zu großer Schock für sie gewesen. Ich wartete aber auch nicht so lange, bis sie auf eine hässliche Art von irgendwelchen Mitschülern „aufgeklärt“ wurden. Irgendwann, als sie mich mal über meine Arbeit befragten, erklärte ich ihnen, was der Beruf der Schauspielerin für mich bedeutet und wie ich eine Rolle spiele, spielen muss, wenn man sie ernst nimmt.

BRIGITTE WOMAN: Wie reagierten sie auf Ihre berüchtigte Liebesszene mit einem Schimpansen aus dem Film "Max, My Love"?

Charlotte Rampling: Sie lachten sich halbtot.

BRIGITTE WOMAN: War es eigentlich sehr schwierig für Sie, einen Affen zu küssen?

Charlotte Rampling: Ich habe mir einfach vorgestellt, ich küsse Paul Newman.

Charlotte Rampling ist in Mädchen, das den 61. Geburtstag hinter sich hat

BRIGITTE WOMAN: Nach dutzenden internationalen Spielfilmen und zwei gescheiterten Ehen: Wie sehen Sie sich heute?

Charlotte Rampling: Als immer noch nicht sehr attraktives, nun altes Mädchen, das den 61. Geburtstag hinter sich hat. Da gab es übrigens nicht viel zu feiern. Mein Arzt sagt: Ab 30 ist jede Frau ein sinkendes Schiff.

BRIGITTE WOMAN: Nicht besonders charmant.

Charlotte Rampling: Es ist aber viel Wahres dran.

BRIGITTE WOMAN: Fühlen Sie sich denn als ein sinkendes Schiff?

Charlotte Rampling: Manchmal ja, manchmal nein, meistens ja!

BRIGITTE WOMAN: Gibt es einen Mann in Ihrem Leben?

Charlotte Rampling: Wenn es den nicht gäbe, wäre ich meinen Depressionen schon lange verfallen.

BRIGITTE WOMAN: Warum haben Sie Depressionen?

Charlotte Rampling: Weil in meinem Leben immer wieder Tragödien passierten. Wiederholt habe ich mich gefragt: "Warum ist das so? Warum tifft es gerade mich?"

BRIGITTE WOMAN: Spielten Sie so oft neurotische Frauen, um Ihre Depressionen vor der Kamera zu kompensieren?

Charlotte Rampling: Ja, das kann man so sagen. Ich empfand viele Rollen als eine Art Medizin. Als gute Möglichkeit, meine Gefühle in aller Radikalität auszuleben.

BRIGITTE WOMAN: Konnte kein Psychiater helfen?

Charlotte Rampling: Das war nicht nötig, denn ich hatte ja meine Rollen, die mir immer wieder weiterhalfen.

BRIGITTE WOMAN: Wenn man sich so wie Sie in seinen Rollen auslebt, gibt es da keine Grenze? Sie haben sich ja oft auch oben ohne gezeigt.

Charlotte Rampling: Ich habe immer getan, was die Rolle, die ich gerade spielte, verlangte. Jedenfalls dann, wenn es nicht nur darum ging, nackte Haut zu zeigen, um Männer aufzureizen. Also habe ich auch keinen Grund, mich heute dafür in der Rückschau zu schämen.

BRIGITTE WOMAN: Ihrem Vater, der als Offizier bei der Nato arbeitete, kann das nicht gefallen haben. Wollten Sie damit nicht auch Ihrem strengen Papa eins auswischen?

Charlotte Rampling: Ja, sicherlich! Gelegentlich dachte ich schon mit gewisser Schadenfreude daran, was mein Vater nächsten Sonntag auf dem Golfplatz wohl von seinen Sportfreunden über seine missratene Tochter zu hören bekam. Meinem Vater gefiel vieles, was ich tat, von Anfang an nicht.

Ich habe körperlich gelitten, als meine Schwester von mir ging.

BRIGITTE WOMAN: Auch, dass Sie zusammen mit Ihrer Schwester Sarah in Londoner Clubs auftraten – mit 16 Jahren?

Charlotte Rampling: Es ging ihm unglaublich gegen den Strich. Aber schon als junges Mädchen verstand ich, meinen Kopf durchzusetzen. Außerdem tanzten oder strippten wir ja nicht, sondern sangen nur.

BRIGITTE WOMAN: Warum verhängte er nicht einfach ein Hausverbot?

Charlotte Rampling: Das tat er schließlich auch, als er herauskriegte, dass man uns "Colonel Sisters" einen Vertrag angeboten hatte. Da war Schluss mit lustig. Ich fügte mich grollend – und schickte heimlich aufgenommene Fotos von mir an verschiedene Modellagenturen. Meine Schwester Sarah half mir dabei.

BRIGITTE WOMAN: Sie haben Sarah sehr geliebt . . .

Charlotte Rampling: . . . wir waren wie siamesische Zwillinge. Darum litt ich nicht nur seelisch, sondern auch körperlich, als sie von mir ging.

BRIGITTE WOMAN: Sie sind innerlich noch immer nicht so weit, auszusprechen, dass sich Ihre Schwester im Alter von nur 23 Jahren das Leben nahm.

Charlotte Rampling: Vielleicht bin ich noch immer nicht über diese Tragik meines Lebens hinweg.

BRIGITTE WOMAN: Wie gingen Sie mit dem Verlust Ihrer Schwester um?

Charlotte Rampling: Ich flüchtete damals in die Einsamkeit der afghanischen Hochebene. Dort wollte ich mich zugrunde richten. Ich fraß Sand, um zu ersticken, trank absichtlich lange Zeit nichts, um zu verdursten. Ich wollte nur sterben – genau wie Sarah. Aber der in uns Menschen eingepflanzte Wille zum Überleben siegte. Ich starb nicht, wurde nur krank. Als es mir wieder besser ging, suchte ich Trost bei tibetischen Mönchen in einem Kloster in Schottland.

BRIGITTE WOMAN: Und half Ihnen diese Aus- zeit? Fanden Sie Trost?

Charlotte Rampling: Ja, aber es brauchte Zeit. Immerhin lernte ich, mich zu besinnen, ruhig zu werden. Die Mönche unterwiesen mich in Meditation. Ich fing an, zu malen, Skulpturen zu formen, um mich abzulenken und nicht gegen das von Gott uns auferlegte Schicksal zu kämpfen.

BRIGITTE WOMAN: Konnten Sie denn noch glauben?

Charlotte Rampling: Ich hasste Gott. Wie konnte er zulassen, dass sich meine Schwester zum Freitod entschloss, anstatt mit ihren Problemen zu mir zu kommen, damit ich ihr helfen konnte, sie zu lösen?

BRIGITTE WOMAN: Wie ist Ihr Verhältnis zu Gott heute?

Charlotte Rampling: Ich habe meinen Frieden mit ihm geschlossen.

BRIGITTE WOMAN: Was bedeutet das?

Charlotte Rampling: Es bedeutet, dass ich akzeptiere, dass man als Mensch vieles nicht begreifen kann. Warum etwas im Leben passiert, was man nicht erwartet, erhofft und erst recht nicht verdient hat.

BRIGITTE WOMAN: Hatten Sie erwartet, vor acht Jahren zu einer der 100 erotischsten Frauen der Welt gekürt zu werden? Was ist so wundervoll an Ihnen?

Charlotte Rampling: Meine Füße.

BRIGITTE WOMAN: Wenn ich mich recht erinnere, sind ausgerechnet Ihre Füße das, was wir im Kino kaum von Ihnen sahen.

Charlotte Rampling: Richtig. Sie sahen sie genauso wenig wie die Jury, die mir diesen schmeichelhaften Titel verlieh. Ich habe keine Ahnung, wodurch ich ihn mir verdiente.

BRIGITTE WOMAN: Wer darf Ihre Füße sehen?

Charlotte Rampling: Nur der Mann, den ich liebe.

BRIGITTE WOMAN: Ist der denn ein Fußfetischist?

Charlotte Rampling: Muss man ein Fetischist sein, um zuzugeben, dass etwas besonders wundervoll ist?

BRIGITTE WOMAN: Ihre Füße sind also besonders wundervoll!

Charlotte Rampling: So ist es. Absolut wundervoll!

BRIGITTE WOMAN: Ihr neuer Partner mag Ihre Füße . . . Was gibt es noch über ihn zu sagen?

Charlotte Rampling: Ich lebe mit ihm. Hier in diesem Pariser Appartement, in dem wir jetzt sitzen. Er ist neun Jahre jünger, sieht aber älter aus als ich, hat nichts mit Film zu tun und arbeitet für einen internationalen Konzern – im Hintergrund. Im Gegensatz zu mir scheut er das Scheinwerferlicht.

BRIGITTE WOMAN: Möchten Sie noch einmal heiraten?

Charlotte Rampling: Nein. Oder sagen wir: Es muss nicht sein. Ich hab es ja schon zweimal geprobt. Ich kann es jetzt und weiß, wie es geht.

BIOGRAFIE Charlotte Rampling wurde am 5. Februar 1946 in Sturmer/Essex, England, geboren. Ihr Vater war Berufsoffizier, die Mutter Fabrikerbin. Ihre ältere Schwester Sarah nahm sich 1966 das Leben. Zuvor traten beide als Sängerinnen in Londoner Clubs auf. Später studierte Charlotte Rampling an der Londoner Schauspielschule The Royal Court. Ihre ersten Rollen spielte sie in Italien, da sie das damalige englische Kino oberflächlich fand. Nach politisch kontroversen Filmen wie "Die Verdammten" von Luchino Visconti oder "Der Nachportier" von Liliana Cavani kamen Angebote aus Hollywood. Charlotte Rampling blieb trotzdem in Europa und heiratete den französischen Musiker Jean-Michel Jarre, mit dem sie 20 Jahre lang zusammenblieb. Sohn Barnaby (35) brachte sie mit in die Ehe, Sohn David (30) stammt aus dieser Verbindung. In den Neunzigern wurde es still um Rampling. 2003 feierte sie ein großes Comback: Für "Swimming Pool" gab’s den Europäischen Filmpreis. Ab 9. August ist Charlotte Rampling in "Angel" zu sehen, einem neuen Film von François Ozon.

Interview: Jörg Bobsin Foto: Cinetext
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