Corinna Harfouch: Wegen Falten verzweifeln? Lächerlich!

Corinna Harfouch findet es albern, über das Alter zu jammern. In ihrem Film "Giulias Verschwinden" sollen wir lieber darüber lachen.

Corinna Harfouch ist 58 Jahre alt und eine der profiliertesten Schauspielerinnen Deutschlands. In "Giulias Verschwinden" spielt sie eine Frau, die an ihrem 50. Geburtstag das Gefühl hat, für andere unsichtbar geworden zu sein.

Im Rahmen der Themenwoche "40+ - Jetzt oder nie" auf Arte und SWR ist "Giulias Verschwinden" am 26. März 2013 um 22.30 Uhr im SWR zu sehen. Mehr Infos unter www.swr.de/40plus.

BRIGITTE-woman.de: Im Film heißt es: "Keine normale Frau feiert Ihren 50. Geburtstag." Wie haben Sie Ihren verbracht?

Corinna Harfouch: Ich wollte erst nicht feiern. Nicht wegen des Alters - ich finde es generell anstrengend, Feste auszurichten. Dann habe ich aber doch viele Freunde eingeladen, nur die Traurigen und Depressiven nicht. Ich fand, auf dieser Feier musste getanzt werden, alle sollten fröhlich sein. Es war toll.

BRIGITTE-woman.de: Als Schauspielerin werden sie ständig mit Bildern konfrontiert, wie Sie früher aussahen. Ist es schwierig, öffentlich älter zu werden?

Corinna Harfouch: Man hat ja unendlich viel Zeit, sich daran zu gewöhnen. Für viele Menschen ist es vielleicht auch ein Trost, dass man mit ihnen zusammen älter wird. Und das Älterwerden hat viele Vorteile. Sie können die Dinge richtig sortieren, sind nicht mehr so durcheinander. In gewisser Weise kommen Sie zu sich.

"Bruno Ganz kann sehr gut küssen", findet Corinna Harfouch. In "Giulias Verschwinden" spielt er den geheimnisvollen Verführer.

BRIGITTE-woman.de: Bei Giulia, der Figur im Film, ist das so. Sie verschwindet an ihrem 50. Geburtstag und findet dann wieder zu sich.

Corinna Harfouch: Der Film problematisiert diesen 50. Geburtstag extrem. Das kann man in einer Komödie so machen, da wird das Thema sehr unernst umkreist. Ich finde aber, es wäre auch Zeit für einen Film, der zeigt, wie toll das alles ist - ohne billig zu werden. Dieses Gejammer über das Alter ist ein bisschen albern.

BRIGITTE-woman.de: Macht es nicht einen Unterschied, ob man 50 wird oder 70?

Corinna Harfouch: Ich weiß noch genau, dass ich mir mit 30 wahnsinnig viele Gedanken über das Älterwerden gemacht habe. Ich dachte, ich verliere dann meine Lust, meine Liebeslust. Entsetzlich, wie soll es ohne gehen? Dabei ist das alles völliger Quatsch, man verliert nichts. Ich habe mich viel mit älteren Frauen unterhalten, weil mich das sehr interessiert. Natürlich gibt es auch negative Aspekte. Eine Freundin von mir, sie ist 70 und hat ein tolles Leben, sagt, das Älterwerden sei schrecklich. Weil man nicht mehr wahrgenommen wird als Frau, auf der Straße oder sonst wo. Deshalb arbeitet sie auch noch als Dozentin, da muss man sie angucken.

BRIGITTE-woman.de: Sie wirken immer sehr präsent.

Corinna Harfouch: Ich habe zum Glück einen Beruf, in dem ich zwangsläufig wahrgenommen werde. Aber das Älterwerden geht nicht ohne Schmerzen vonstatten.

BRIGITTE-woman.de: Haben Sie Angst davor?

Corinna Harfouch: Ich kann mir das alles jetzt nicht vorstellen. Wenn es soweit ist, werde ich damit umgehen. Aber man kann ja nicht ewig Angst haben. Ich kenne das gar nicht als Gefühl, ich habe so viel zu tun.

Männer trauern viel mehr um ihre Jugend.

BRIGITTE-woman.de: Das kann man sagen. Sie waren in letzter Zeit in vielen Filmen zu sehen.Corinna Harfouch: Ist das so? Ich bekomme das gar nicht recht mit.BRIGITTE-woman.de: Können Sie schlecht Nein sagen oder gibt es so viele Angebote, die Sie toll finden?

Corinna Harfouch: Ich lehne auch sehr viele ab. Aber es gibt Filme, die ich unbedingt machen möchte. Und dann gibt es Situationen, in denen man sich sagt: Ich muss jetzt dieses Geld verdienen, weil ich gewisse Verpflichtungen habe.

BRIGITTE-woman.de: Zu welcher Kategorie zählt denn "Giulias Verschwinden"?

Corinna Harfouch: (schmunzelt) Es ist nicht so, dass ich keine Kritik an dem Buch hätte. Ich finde es schon ein bisschen leicht. Die Leute im Film haben Luxusprobleme. Sie sind so befasst mit der Außenwirkung, dass sie gar nicht dazu kommen, sich die wirklich wichtigen Fragen zu stellen. Es gibt einen einzigen Moment, in dem alle kurz innehalten, und zwar, wenn sie vom Sterben sprechen. Diese Gesellschaft tut mir fast ein bisschen leid, sie haben irgendwie nichts, woran sie sich festhalten können.

BRIGITTE-woman.de: Über die Hauptfigur Giulia erfährt man sehr wenig. Hat Sie das gereizt?

Corinna Harfouch: Das war nicht der Hauptgrund, warum ich die Rolle angenommen habe. Mich hat interessiert, noch einmal mit Bruno Ganz zu spielen, auch auf diesem leichten Terrain. Er ist ein herrlicher Schauspieler.

Giulia fehlt auf ihrer eigenen Geburtstagsfeier. Ihre Freunde warten im Restaurant und lachen ihre Angst vor dem Älterwerden weg.

BRIGITTE-woman.de: Kann er auch gut küssen?

Corinna Harfouch: Oh ja. Er kann sehr gut küssen, ich war richtig überrascht.

BRIGITTE-woman.de: Die anderen Männer im Film sind ziemliche Witzfiguren. Sie ziehen ihre Bäuche ein und tragen heimlich Faltencreme auf. Glauben Sie, dass Männer anders mit dem Älterwerden umgehen als Frauen?

Corinna Harfouch: Ich habe das Gefühl, dass Männer unglaublich um ihre Jugend trauern und um ihre Möglichkeiten, Abenteuer zu erleben. Dabei gibt es die ja bis zum Schluss. Aber da sich viele Männer sehr über ihre Außenwirkung definieren, nehmen sie es furchtbar wichtig, wenn sie bröckelt und zerfällt. In meinem Freundeskreis sehe ich, dass Frauen eher dazu bereit sind, noch etwas dazuzulernen, über sich nachzudenken. Darauf kommt es doch an: Seine inneren Freuden und seine Außenwirkung irgendwie ins Gleichgewicht zu bringen. Dann muss man auch nicht wegen ein paar Falten verzweifeln. Das ist doch lächerlich!

BRIGITTE-woman.de: Im Film kommen auch zwei Teenie-Mädchen vor, die in einer völlig anderen Welt zu leben scheinen. Haben Sie auch manchmal das Gefühl, nicht mehr alles mitzubekommen?

Corinna Harfouch: Ständig. Es gibt so viele Dinge, die ich nicht verstehe. Ich habe zum Beispiel keinen Computer, ich weiß nichts über das Internet. Das bedeutet natürlich, dass ich aus einer bestimmten Form der Kommunikation ausgeschlossen bin. Ich habe mich selber ausgeschlossen.

Ich will nicht wissen, was die Zukunft bringt.

BRIGITTE-woman.de: Sind Sie deswegen auch aufs Land gezogen, um Ihr Leben zu entschleunigen?

Corinna Harfouch: Ich habe gemerkt, dass ich mich sammeln muss und Vereinfachung brauche. Wir haben immer weniger Zeit für Freunde, für die Kinder, oder um einfach mal eine halbe Stunde mit einer Tasse Tee in der Hand aus dem Fenster zu gucken und zu beobachten, wie der Schnee fällt. Ich kann gar nicht beschreiben, wie schön das ist.

BRIGITTE-woman.de: Heiner Müller hat Sie einmal als Lady Macbeth besetzt. Später sagte er, er habe Sie ausgewählt, weil Sie so herrlich provinziell waren. Hatte er Recht damit?

Corinna Harfouch: Ja, hatte er. Zum Glück hat er es damals nicht direkt zu mir gesagt. Ich hätte es mit Ende 20 nicht verstanden. Diese Lady hat die Kraft der Provinz. Sie will einen Platz in einem größeren Gefüge. Menschen, die immer in der Stadt gewohnt haben, kennen dieses Gefühl vielleicht gar nicht, raus zu müssen. Das trägst du immer in dir.

BRIGITTE-woman.de: Sie wollten damals unbedingt raus aus dem sächsischen Großenhain?

Corinna Harfouch: Ja, ich wollte weg. Es war unvorstellbar, dort zu bleiben. Aber man kann seine Wurzeln nicht abschneiden. Man hat sie einfach, ob sie einen nun ärgern oder nicht. Es hat lange gedauert, bis ich das akzeptiert habe.

BRIGITTE-woman.de: Wie sah das Leben aus, das Sie sich als Teenager ausgemalt haben?

Corinna Harfouch: Ich wollte schon sehr früh Schauspielerin werden. Die Vorstellung, immer auf dem gleichen Stuhl im gleichen Büro zu sitzen, hat mich fertig gemacht. Das ist auch jetzt noch so. Ich organisiere mir die Arbeit so, dass ich nirgendwo länger bleiben muss, als ich es kann und möchte. Meine ganze Freude, aber auch meine ganze Wut einbringen, und dann weg - andere Leute, anderes Thema, andere Aufgabe. Das hält meine Energie am Laufen.

BRIGITTE-woman.de: Geschieht das auch aus der Angst heraus, zu bequem zu werden?

Corinna Harfouch: Ich weiß nicht, was es ist. Ich bin auch sehr gerne bequem. Aber ich habe Angst davor, dass ich mir vorstellen kann, wie die nächsten Jahre aussehen werden. Das macht mich unruhig. Ich will überhaupt nicht wissen, wie es wird.

BRIGITTE-woman.de: Wie treffen Sie Entscheidungen?

Corinna Harfouch: Spontan und ganz schnell. Ich esse schnell, ich trinke schnell, ich mache alles schnell.

BRIGITTE-woman.de: Ihnen haftet das Image der "starken Frau" an.

Corinna Harfouch: Ja, das stimmt. Ich finde solche Einengungen schade. Ich möchte alles mögliche spielen - auch wenn ich nicht alles spielen kann.

BRIGITTE-woman.de: Was liegt Ihnen denn nicht?

Corinna Harfouch: Einer meiner ersten Filme hieß "Das Haus am Fluss". Für die Rolle habe ich mir ein verträumtes Schmetterlingswesen vorgestellt und mir Löckchen machen lassen. Als ich es dann gesehen habe, wusste ich: Das kann ich nicht.

BRIGITTE-woman.de: Ihr Sohn ist auch Schauspieler. Haben Sie ihm davon abgeraten?

Corinna Harfouch: Nein, überhaupt nicht. Er macht auch Musik, mit seinem Bruder zusammen. Darauf bin ich ein bisschen stolz. Aber sie mögen es nicht, wenn ich so darüber rede... Als Mutter ist man so froh, dass die Kinder auf dem Weg sind. Es ist schön zu wissen, dass man das irgendwie hingekriegt hat.

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