Max Raabe: "Natürlich spiele ich mit Klischees"

Der Sänger Max Raabe über die Faszination der 1920er Jahre, sein neues Soloalbum "Übers Meer" und eine Jugend in Cordhosen.

Mit dem Palast Orchester macht Max Raabe seit mehr als zwanzig Jahren Musik im Stil der 1920er Jahre. Er tourte erfolgreich durch Asien, spielte in der New Yorker Carnegie Hall und auf der Hochzeit des Schock-Rockers Marilyn Manson. Nun hat der Westfale mit Wohnsitz Berlin ein Soloalbum aufgenommen. Im Gespräch bietet er höflich Mineralwasser an, rückt ab und an die Krawatte zurecht und erzählt von seiner Abneigung gegen Jeans und seiner Vorliebe für schwarzen Humor.

BRIGITTE-woman.de: Herr Raabe, Sie wirken in Ihrem Auftreten und Ihrer Musik wie aus der Zeit gefallen. Was ist das Modernste an Ihnen?

Max Raabe: Mein Wecker. Das ist so ein digitales Gerät mit Batterien drin. Er funktioniert, ohne dass man ihn aufziehen muss. Ich glaube, das ist das Modernste, was ich besitze.

BRIGITTE-woman.de: Viele Musiker machen die Nacht durch und schlafen bis mittags. Wie ist das bei Ihnen, sind Sie sehr diszipliniert?

Max Raabe: Nein, ich bin überhaupt nicht diszipliniert. Wenn Premierenfeiern sind und ich eigentlich ins Bett müsste, weil am nächsten Tag ein Konzert ist, bin ich oft der Letzte, der die Party verlässt. Obwohl ich mir das immer anders vornehme.

BRIGITTE-woman.de: Wie war das in Ihrer Jugend, als Ihre Schulkameraden Abba hörten und in die Discos strömten. Da haben Sie sich für alte Schellackplatten begeistert?

Max Raabe: Ja, das war meine Musik. Aber ich habe gar nicht viel darüber gesprochen.

BRIGITTE-woman.de: War Ihnen Ihr Musikgeschmack peinlich?

Max Raabe: Mir war schon klar, dass das, was ich mochte, nicht ganz auf der Höhe der Zeit war. Aber ich fand es auch nicht besonders geheimnisvoll. Wenn wir unterwegs waren, habe ich das gehört, was die anderen hörten.

BRIGITTE-woman.de: Haben Sie sich damals schon anders gekleidet als Ihre Schulkameraden?

Max Raabe: Nicht auffällig anders. Ich mochte Cordjacken. Einmal hatte ich auch eine Jeans, aber die fand ich unbequem. Im Winter war sie zu kalt und im Sommer zu warm. Also bin ich wieder auf Cordhosen umgestiegen.

BRIGITTE-woman.de: Was tragen Sie denn, wenn Sie sonntags nachmittags auf dem Sofa hängen und einen Film schauen - Jogginghose?

Max Raabe: Nein, Jogginghose sicher nicht. Ich habe eine Auswahl ausgebeulter Cordhosen, die ich zum Schlunzen anziehe.

BRIGITTE-woman.de: Haben Sie manchmal das Gefühl, in der falschen Zeit zu leben?

Max Raabe: Schon. Aber ich bin mit der Zeit, in der wir leben, sehr zufrieden. Bis auf den kurzen Ausflug in der Weimarer Republik haben wir zum ersten Mal in der Hand, wer uns regiert. Davor lebten die Deutschen unter verrückten Monarchen oder Diktatoren. Jetzt leben wir in sehr geordneten Verhältnissen, es geht uns gut. Wir können die dollsten Sachen kaufen, Avocados und Mangos zum Beispiel. Wir haben Zentralheizungen, man wird auf der Straße nicht ständig überfallen. Und wir können Musik machen, die nicht aus der Jetztzeit stammt, das hat es früher nicht gegeben. Zu Bachs Zeiten hat man nur das gehört, was damals modern war. Und in der Klassik hörten alle Bruckner und Wagner, aber kaum jemand Beethoven.

BRIGITTE-woman.de: Die Stücke, die Sie interpretieren, stammen hauptsächlich aus der Weimarer Republik. Was fasziniert Sie so an den 1920er Jahren?

Max Raabe: Es hat zu keiner anderen Zeit einen so ironischen Umgang mit Worten und Inhalten gegeben. Die Texte waren geistreich formuliert, aber gleichzeitig humorvoll und unheimlich unterhaltend. Das hat es davor, aber auch danach nicht wieder gegeben. Jetzt erholt es sich zum Glück langsam, es gibt wieder sehr kluge, deutschsprachige Popmusik. Aber das, was man als Schlager bezeichnet, ist immer noch in einem ziemlich trüben Zustand.

BRIGITTE-woman.de: Die Texter und Komponisten auf Ihrem aktuellen Album "Übers Meer" sind alle jüdischer Herkunft. War das eine bewusste Wahl?

Max Raabe: Nein, das hat sich so ergeben. Es hat viel mit dem Humor zu tun. Texter wie Fritz Rotter und Robert Gilbert haben sich gegenseitig angestachelt, wurden immer raffinierter und skurriler. Und sie waren zufälligerweise Juden. Ich habe die Platte rein nach musikalischen Gesichtspunkten zusammengestellt und dann gemerkt, dass es alles Stücke von Menschen sind, die nach 1933 nicht in Deutschland bleiben konnten und emigrieren mussten. Darum auch der Titel "Übers Meer".

BRIGITTE-woman.de: Die Protagonisten dieser Lieder haben es teilweise faustdick hinter den Ohren, sie betrügen ihre Ehefrauen oder machen schlüpfrige Angebote, zum Beispiel in dem Lied "Weißt du was du kannst".

Max Raabe: Ja, das war eine Freiheit nach Jahrzehnten der Zensur, die die Texter ausgenutzt haben. Ich liebe diesen schwarzen Humor sehr, aber auf dem aktuellen Album ist er noch gemäßigt. Mir ging es diesmal mehr um die ruhigen, gefühlvollen Titel.

BRIGITTE-woman.de: Warum haben Sie gerade jetzt eine so nachdenkliche Platte ohne Orchester aufgenommen?

Max Raabe: Aus dem Vergnügen heraus, einmal Lieder in einer warmen, intimen Stimmung im Studio aufzunehmen. Ich singe oft für mich privat. Und dabei ist mir aufgefallen, dass ich dann ganze leise singe. In diesem Stil wollte ich eine Platte machen.

BRIGITTE-woman.de: Wie finden Sie solche Lieder?

Max Raabe: Ich gehe in Archive oder in die Keller von Notengeschäften, dort gibt es meistens irgendwelche Schubladen, in denen alte Sammelhefte lagern. "Fünf-Uhr-Tee" heißen die dann oder "Tee und Tanz", vorne ist ein ganz bunter Deckel mit einem Tanzpaar drauf und darin sind die Tanzschlager der Zeit gesammelt.

Ich will niemandem auf die Pelle rücken

BRIGITTE-woman.de: Ein Thema des Albums ist das Abschiednehmen. Das dürfte Ihnen sehr vertraut sein, Sie sind ja ständig unterwegs.

Max Raabe: Ja, aber dieses Gefühl kennt doch jeder. Deswegen sind die Einspielungen sehr zurückgenommen und leise. Ich will den Leuten nicht mit meiner Interpretation auf die Pelle rücken.

BRIGITTE-woman.de: Ist das auch der Grund, warum Sie auf der Bühne relativ zurückhaltend agieren?

Max Raabe: (lacht) Ja, da mache ich auch nicht viel. Wenn ich über die Sonne und den Mond singe, muss ich doch nicht nach oben zeigen. Und ich muss mir nicht theatralisch ans Herz fassen, wenn es um die Liebe geht.

BRIGITTE-woman.de: Wer Sie live erlebt hat, ist trotzdem hin und weg. Sie sind offensichtlich auch zurückgenommen sehr unterhaltend.

Max Raabe: Ich bemühe mich darum. Meine Konzerte sollen kein Hochschulvortrag sein, sondern ein unterhaltsamer Abend, dafür ist diese Musik geschrieben worden.

BRIGITTE-woman.de: Können Sie sich erklären, warum Ihre Musik auch im Ausland so gut funktioniert? Der Wortwitz geht ja für die meisten Zuhörer verloren.

Max Raabe: Das funktioniert rein über die Musik und die Art, wie ich meine Stimme einsetze. Außerdem erkläre ich zwischen den Liedern oft in der jeweiligen Landessprache, worum es geht.

BRIGITTE-woman.de: Für viele Ausländer sind Sie der Inbegriff des Deutschen. Stört es Sie, eine Art Repräsentant zu sein?

Max Raabe: Jeder ist Repräsentant seines Landes, sobald er die Grenzen verlässt. Ob man jetzt mit kurzen Hosen und Schlappen in ein Restaurant geht oder mit freiem Oberkörper in die Eisdiele.

BRIGITTE-woman.de: Das würden Sie doch niemals tun.

Max Raabe: Nein, das würde ich nie tun. Ich wollte damit nur deutlich machen, dass jeder Verantwortung dafür trägt, welches Bild er im Ausland vermittelt. Natürlich spiele ich mit dem Bild des Deutschen. Mit unserer akkuraten Erscheinung, unseren sehr durchorganisierten Auf- und Abtritten bedienen wir Klischees. Was die Leute verblüfft ist, dass es in Deutschland so etwas wie Humor und Selbstironie gibt.

Ich bin nicht diszipliniert

BRIGITTE-woman.de: Wird viel gelacht auf Ihren Konzerten im Ausland?

Max Raabe: Ja, ehrlich gesagt sogar mehr als in Deutschland. Wenn ich in den USA eine Moderation mache, komme ich mir manchmal vor wie bei so einer Comedy-Serie mit eingeblendeten Lachern.

BRIGITTE-woman.de: Fühlen Sie sich in solchen Momenten mehr als Musiker oder Entertainer?

Max Raabe: Wenn ich singe, bin ich ganz Musiker. Und wenn ich dann dastehe und etwas erzähle, bin ich ein anderer und unterhalte die Menschen. Beides gehört für mich zusammen.

BRIGITTE-woman.de: Was hätten Sie denn gemacht, wenn aus Ihrer Gesangskarriere nichts geworden wäre?

Max Raabe: (lacht) Penner? Ich weiß es nicht. Eigentlich habe ich fürs Opernfach studiert. Mit der Musik, die ich jetzt mache, habe ich mein Studium finanziert. Es war gar nicht geplant, dass ich dabei bleibe. Aber es lief gut und ich habe gemerkt, dass es das ist, was ich machen will. Man muss wahnsinnig diszipliniert sein als Opernsänger. Das bin ich nicht.

Max Raabe: Übers Meer

Ungewöhnlich leise Töne schlägt Max Raabe in seinem Soloalbum "Übers Meer" an: 15 Lieder, allesamt aus den 1920er Jahren, verfasst von jüdischen Musikern. Klassiker wie "Irgendwo auf der Welt" oder "Ganz da hinten wo der Leuchtturm steht" kennen wir im Original von den Comedian Harmonists und Hans Albers, andere Stücke sind echte Perlen, die Max Raabe in den Archiven ausgegraben hat. Eine warme, intime Platte - aber der schwarze Humor, den der Sänger selbst so liebt, vermissen wir ein wenig.

Im April geht Max Raabe solo auf Tour. Alle Termine finden Sie in unserem Kulturkalender.

Interview: Julia Müller Fotos: Theresa Rundel, www.theresarundel.de

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