Meret Becker: Alleinerziehende brauchen Unterstützung

Die Schauspielerin Meret Becker über Chaos, alleinerziehende Mütter und den Druck des Umfelds.

In ihrem neuen Film "Fliegende Fische müssen ins Meer" spielt Meret Becker eine chaotische, alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Auch Privat ist die 43-Jährige alleinerziehend.

BRIGITTE-woman.de: Im Film sagt die 15-jährige Nana über ihre Mutter: "Sie ist die peinlichste Figur im Universum und die unfähigste Mutter aller Zeiten." Wie sehen Sie die Roberta, die sie spielen?

Meret Becker: Sie ist eine ziemlich fantasievolle Frau. Sie ist sehr kindlich geblieben, hat aber trotzdem drei Kinder. Im Grunde hat sie nicht ganz begriffen, dass sie eigentlich erwachsen geworden ist. Ihr fällt nicht mehr alles so einfach zu. Auch die Männerwelt. Sie hat sich immer sehr auf ihre weiblichen Reize reduzieren lassen und das genutzt. Und genau damit fliegt sie jetzt auf die Nase. Weil sie alles andere an sich vernachlässigt und sich nie selbstständig gemacht hat. Das muss sie nun lernen, und zwar ganz schnell, weil das Jugendamt Druck macht.

BRIGITTE-woman.de: Hat ihre zwölfjährige Tochter Lulu den Film gesehen?

Meret Becker: Sie fand ihn toll. Aber ich habe auch gedacht, hoffentlich kommt mein Kind jetzt nicht durcheinander – und kann die Mutter im Film noch von ihrer Mutter im Leben auseinander halten. Gewisse Parallelen gibt es. Ich singe auch, wie die Roberta. Ich bin chaotisch. Ich bin alleinerziehend. Es gibt auch außenstehende Menschen, die ein Auge auf Familien wie uns haben und ihren Kommentar dazu abgeben. Manchmal gefragt, manchmal ungefragt. Aber natürlich ist mein Leben bei Weitem nicht so desaströs wie das von Roberta im Film. Für eine Zwölfjährige ist es aber womöglich gar nicht so einfach, Film und Leben auseinander zu halten.

BRIGITTE-woman.de: Sie sind eine Chaotin?

Meret Becker: Chaos macht ja bekanntermaßen kreativ. Und ich bin so ein Mensch, der Gefahr laufen kann, sich zu verzetteln. Das liegt daran, dass Dinge, die ich anfasse, mir glücken - bis zu einem gewissen Punkt. Es gibt Menschen, die konzentrieren sich auf eine Sache und können die dann besonders gut. Ich gehöre zu den Leuten, die alles ein bisschen können.

BRIGITTE-woman.de: Sie spielen im Film und im Varieté, singen mit einer eigenen Band und für die Sportfreunde Stiller haben Sie sogar eine Säge zum Singen gebracht.

Meret Becker: Ich habe so eine innere Unruhe. Vielleicht ist das auch eine Erziehungsfrage, ich wurde viel in Ruhe gelassen. Als Kind habe ich Klavier gespielt und hätte von der Begabung her Pianistin werden können, habe es aber nicht durchgezogen. Ich war viel in meinem Zimmer und habe vor mich hin gewurstelt und geträumt. Ich verliere mich in den Dingen. Ich habe zum Beispiel mal Hoollahoop und Steppen trainiert und gemerkt: Ich werde kein Stepptänzer und kein Hoollahoop-Künstler - aber ich werde das alles irgendwo vereinen, zu einem Multi-... blupp. Dafür benutze ich die Musik.

BRIGITTE-woman.de: Sie sind seit elf Jahren vom Vater Ihrer Tochter Lulu getrennt, er ist der Gitarrist der "Einstürzenden Neubauten". Wie empfinden Sie Ihre Rolle als Alleinerziehende?

Meret Becker: Ich finde es superwichtig, dass die Eltern kommunizieren, und zwar immer zu Gunsten des Kindes. Ich finde, alleinerziehend zu sein, ist so ungefähr das Schwierigste, was einem passieren kann.

BRIGITTE-woman.de: Man will alle Rollen einer Familie spielen?

Meret Becker: Man muss ja auch irgendwie. Und dann kommen die Außenstehenden und hacken auf den Alleinerziehenden rum. Ob es die Lehrer sind, die Kindergärtner, die Freunde, die Verwandten – irgendeiner mosert immer rum und sagt: So kann man das doch nicht machen! Am Ende weiß man gar nicht mehr, was ist und was sein soll. Man kommt total ins Japsen.

BRIGITTE-woman.de: Was wäre das Beste?

Meret Becker: Tief durchatmen. Oder auch, wenn man mal nicht weiter weiß, zum Kind sagen: Ich weiß das gerade nicht, ich muss darüber nachdenken. Wenn man das rechtzeitig macht, bevor etwas aus den Fugen gerät, ist man gut bedient. Und da wünschte ich mir von außen VIEL MEHR Unterstützung. Zumal man nicht vergessen darf: Wenn man allein ist mit einem Kind, muss man doppelt so viel Geld verdienen, denn der andere fällt ja weg. Man hat aber nur halb so viel Zeit.

BRIGITTE-woman.de: Haben Sie als Mutter ein schlechtes Gewissen?

Meret Becker: Es gibt diese moralische Bestrafung, dass man an der Familie gescheitert ist und seinem Kind keine heile Welt geben kann. Die kommt von außen, aber auch von einem selbst. Das schlechte Gewissen führt dazu, dass man seinem Kind gegenüber unsicher wird. Man gibt hier und da nach. Und bei banalen Anlässen denkt man, das Kind leidet Not, weil man alleinerziehend ist. Obwohl man weiß, dass ein Kind nicht Not leiden muss, wenn ihm alle ein Gefühl von Sicherheit vermitteln.

BRIGITTE-woman.de: Das schlechte Gewissen zermürbt einen.

Meret Becker: Und manchmal denkt das Umfeld zu wenig ans Kind. Wenn man die Mutter eines Kindes fertig macht, was sie schon wieder alles falsch macht, dann ist das doch am Ende für das Kind furchtbar. Die Mutter gerät in Selbstzweifel, das Kind spürt das und schließlich zweifelt es an seiner eigenen Mutter. Und damit sitzen die beiden dann allein da.

Der Film "Fliegende Fische müssen ins Meer"

Nana findet, sie hat die Arschkarte unter den Müttern gezogen: eine so wuschige Alleinerziehende und dann nur Männer im Kopf – peinlich! Vor allem, wenn man selbst 15 ist, lieber Latzhosen als Minikleider trägt und seine Geschwister versorgen muss, weil die Mutter das nicht auf die Reihe kriegt. Das Debüt von Güzin Kar ist eine Coming-of-Age-Geschichte im doppelten Sinn: Sowohl Nana (Elisa Schlott) als auch ihre prollige Mutter (Meret Becker) werden am Ende ein bisschen mehr so sein, wie es ihrem Alter entspricht: Roberta etwas erwachsener, Nana etwas mehr Kind. Gute Regie, überdrehte Bilder und eine urmelhaft betörende Meret Becker machen "Fliegende Fische müssen ins Meer" unterhaltsam und anrührend.

Interview: Nataly Bleuel Foto: Imago
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