"Freunde sind wir nicht, eher Geschwister"

Rosenstolz ist das erfolgreichste Pop-Duo Deutschlands, eine unverbrüchliche Gemeinschaft zweier Seelenverwandter. Das funktioniert, weil Peter Plate und AnNa R. immer noch nach Leben suchen - und niemals miteinander Sex hatten.

Interview mit Rosenstolz: "Freunde sind wir nicht, eher Geschwister"

Natürlich wäre die Sache anders, wenn Sex eine Rolle spielen würde. Dass wir uns hier nicht missverstehen: Sex ist wichtig für Rosenstolz. Lust und Erotik waren immer der Treibstoff für ihre Lieder, früher mehr, heute ein bisschen weniger. Bloß zwischen den beiden Mitgliedern der Band war von Anfang an klar: Im Bett werden Peter Plate und AnNa R. nie landen. Dafür war Peter einfach schon immer zu schwul. Oder AnNa zu wenig Mann, wie man es auch immer sehen will. Der Sex also konnte seine zerstörerische Kraft zwischen ihnen nie entfalten. Und das ist womöglich der Grund dafür, warum die beiden heute das erfolgreichste Paar der deutschen Popmusik sind - und es auch auf mittlere Sicht bleiben werden.

2008 ist das 18. Jahr in der Geschichte von Rosenstolz. Fast ihr halbes Leben lang führen Peter Plate, 41, und AnNa R., 38 (ihr wirklicher Name ist ein Geheimnis, jedenfalls für die Öffentlichkeit), eine höchst erfolgreiche berufliche Beziehung. Und viel mehr als das. In ihnen spiegelt sich eine musikalische Symbiose, sie sind auf der Bühne und im Studio wie zweieiige Zwillinge. Und außerhalb der Musik? Freunde, hat AnNa mal gesagt, seien sie eigentlich nicht. Eher Geschwister.

"Ich finde dieses Geschwisterbild ganz wunderbar", sagt Peter Plate, "wenn wir Urlaub haben, telefonieren wir nie miteinander, nie. Aber die allererste SMS an meinem Geburtstag kam von AnNa, und darüber habe ich mich so unglaublich gefreut. Es hätte gar nicht anders sein dürfen." Er grinst und sieht AnNa an, die neben ihm sitzt, sehr aufrecht, das Kreuz durchgedrückt, mit Haltung. "Da ist eine Grundliebe, die ist durch nichts zu erschüttern", sagt Peter, "natürlich nerven wir uns gegenseitig auch, aber wir haben ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das in den ersten Jahren gewachsen und einfach nicht mehr wegzukriegen ist."

1991 kam Plate nach Berlin, in die zu jener Zeit aufregendste Stadt Europas. "Für mich war das irre. Ich war als Provinzei gerade aus Braunschweig gekommen. Wende, Ostberlin, ich hatte kein Geld, aber die Möbel standen auf der Straße herum - und dann kam auch noch AnNa", sagt er. Er hatte schon in Braunschweig in Anzeigenblättern nach Sängerinnen inseriert, ohne Erfolg. In Berlin ging das schnell - über einen Nachbarn lernte er ein Mädchen kennen, das nicht nur eine klassisch ausgebildete Stimme hatte, sondern auch ziemlich offensichtlich ein Star war.

Interview mit Rosenstolz: "Freunde sind wir nicht, eher Geschwister"

"Was habe ich mich über AnNa gefreut: sah super aus, konnte toll singen und wollte nur, das ich kein Schlagzeug benutze und wir Chanson machen", sagt Peter. Eineinhalb Stunden lang hockten sie in AnNas Küche in Friedrichshain, der schwule Junge aus Westdeutschland, das sperrige Mädchen aus Ostberlin, Politik war egal, Ost-West-Barrieren kein Thema. Warum auch? Hier ging es um zwei, die dasselbe wollten: Musik machen. Sie tranken Tee, quatschten und sangen, danach war klar, dass hier was gehen würde. "Ich wollte eigentlich so was wie Erasure oder Pet Shop Boys machen", sagt Plate, "und war dann doch sehr dankbar, dass AnNa genau darauf keinen Bock hatte. Sie hatte einen eigenen Stil - und mir geholfen, meinen zu finden." - "Ja", sagt AnNa, "ich war als junge Dame etwas exaltiert. Ich wollte nicht anders sein - ich war anders. Und das wollte ich unterstreichen. Anfang der 90er haben alle Pop gemacht und ein Schlagzeug gehabt, das immer gleich klang. Da war mal klar: Das wollte ich nicht. Ich wollte Chanson machen. Das war schicker und passte auch besser zu meiner Persönlichkeit."

Am Anfang gab es Küchenkonzerte, das erste Clubkonzert sahen 30 Zuschauer, davon 15 Freunde. Aber das Projekt Rosenstolz hatte einen Charme, der seine Wirkung nicht verfehlte. Die erste Platte erschien 1992 und floppte, und beim ersten Konzert strapazierte AnNa die Geduld ihres Partners bis zum Gehtnichtmehr: Sie hatte sich vorgenommen, jedes Lied in einem anderen Kleid zu singen, und zog sich alle drei Minuten um, während Peter hilflos und sprachlos vor der überschaubaren Meute stand.

Doch die Fangemeinde wuchs. Besonders in der Schwulenszene waren sie bald Stars, mit ihrem glamourösen Auftritt, dem Pathos und den schlüpfrigen Texten vom Stolz der Schlampen und anonymem Sex im Hotel... 1998 dann verfiel auch der heterosexuelle Teil der Republik den Berlinern: Beim Vorausscheid zum Grand Prix landeten die beiden mit der Ballade "Herzensschöner" auf Platz zwei - und vervielfachten mit diesem Auftritt schlagartig ihre Fangemeinde. Seitdem geht es nur noch nach oben.

Am 7. November startet die nächste Konzertreise, im Gepäck ihr neues Album. Es heißt: "Die Suche geht weiter". Plate ist 41 geworden im Sommer. Man sieht es nicht wirklich, vielleicht sind die Lachfalten um die Augen ein bisschen tiefer als vor zehn Jahren. Und auch AnNa ist alterslos, vielleicht sogar zeitlos, wie ihre Musik, ihr Gesang. Und trotzdem: Altern ist ein Thema im Hause Rosenstolz. Zumindest bei Plate. "Wir sind nun mal älter geworden", sagt er, "ich finde, dieses Mehr an Lebenserfahrung dürfen und müssen wir thematisieren."

Und was bedeutet das konkret? "Ich zelebriere nach wie vor meine Krisen, aber ich weiß heute: Alles geht vorüber", sagt er. "Ich bin ausgeglichener, und wenn ich falle, falle ich nicht mehr so tief wie mit 21. Aber ich kann noch genauso glücklich und euphorisch sein wie früher, daran hat sich nichts geändert - insgesamt also sind die Dinge besser geworden." Er nimmt einen Schluck Wasser, bevor er sich den weniger positiven Aspekten widmet: "Zu schaffen macht mir allerdings der körperliche Verfall. Das muss man wohl mit Humor nehmen." - "Ja", sagt AnNa, "das sind Probleme, über die man wirklich lachen sollte. Ich finde Älterwerden super, weil ich mich besser fühle.

Interview mit Rosenstolz: "Freunde sind wir nicht, eher Geschwister"

Probleme sind immer noch Probleme, aber ich weiß inzwischen, dass es nach jedem Drama weitergeht." Die Zahl 41 mache ihm aber schon zu schaffen, sagt Peter, "ich bin nun mal schwul - welchem schwulen Mann würde das nicht Probleme bereiten?" Die Mutter seines Freundes ist kürzlich gestorben, sein Großvater auch, "da stirbt Familie weg, und es ist einfach so normal, dass es in meinem Alter passiert. Das ist ... doof."

Das erste fertige Stück für die neue Platte war eines über den Tod, "An einem Morgen im April" - ein Lied für die tote Mutter seines Freundes. "Und dann passierte etwas Seltsames: Wir hatten lauter Stücke im Sinn, in denen das Wort 'feiern' auftauchte - weil uns wie nie zuvor bewusst wurde, wie schön das Leben eigentlich ist, wie sehr es doch wert ist, jeden Tag neu zelebriert zu werden", sagt Plate. Und trotzdem, sagt er, klingt die Platte melancholisch, "ich würde fast sagen..." - "...besinnlich", sagt AnNa. Und lacht: "Wir sind schon wie ein altes Ehepaar: Wir können uns stundenlang um einzelne Wörter streiten, aber wenn wir mit anderen reden, beendet der eine die Sätze des anderen." Dabei sind sie höchst unterschiedlich.

AnNa redet schnell, scharf und präzise, wo Peter sich in Gedanken verliert. Überhaupt ist sie pragmatisch, sagt oft: Nützt doch nix. Sie mag sich nicht gern feiern lassen. Plate schon. Er ist der quirlige Teil des Duos, die Drama-Queen, das Seelchen. AnNa R., die auf der Bühne so verrucht-glamourös-divenhaft daherkommt, wirkt bodenständiger. "Ich bin nicht besonders kompliziert", sagt sie. Deshalb hat es ihr Mann, der Regisseur Nilo Neuenhofen, auch nicht so furchtbar schwer mit ihr: "Er unterstützt mich, wo er kann, das haben andere vor ihm nicht getan. Das tut gut." Seit sieben Jahren ist sie mit ihm zusammen, kinderlos mit Hund, begleitet ihn beim Job, wenn sie frei hat, kann aber auch mit dem Abstand leben, den beider Arbeit so mit sich bringt.

Plate ist da anders. Seit 18 Jahren ist er mit seinem Freund Ulf zusammen. Und "zusammen" ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen. "Ich brauche es, mein Leben komplett mit meinem Mann zu teilen", sagt er. "Abstand brauche ich nicht." Deshalb sei sein Freund "das große Glück meines Lebens, weil er mit mir zusammen an Rosenstolz arbeitet. Wir schreiben Songs zusammen, er produziert uns und liebt Rosenstolz mindestens so sehr wie ich. Das belastet zwar manchmal, aber jeder andere Mann würde mich langweilen, weil ich niemals so ein Projekt mit ihm hätte wie dieses". Bei Plate muss immer etwas passieren, stillsitzen ist seine Sache nicht. "Ich bin nicht normal, und da bin ich nicht stolz drauf", sagt er, "ich brauche immer Action, es muss immer etwas Besonderes sein. Ich bin nicht so der Typ zum Abhängen. Das kann ich nur allein oder anonym mit Männern, die ich nicht kenne. Das liebe ich auch, aber das ist ein anderer Film."

Die Suche geht weiter. Wonach? AnNa zuckt mit den Schultern. "Man kann noch so alt werden, man hört nie auf zu suchen", sagt sie, "nach dem perfekten Tag, dem perfekten Song, dem perfekten Glück - wenn man nicht mehr guckt, ist man tot." Auch in der Liebe: "Ich brauche zwar keinen neuen Mann und Peter auch nicht, wir haben beide das Gefühl, dass wir angekommen sind. Aber man sucht doch in jeder Beziehung weiter nach dem, was man braucht. Es kann ja immer besser, schöner, großartiger sein."

Sogar zwischen den beiden. Aber nicht viel. Es gibt keine Krisen zwischen Peter Plate und AnNa R., kaum einmal Reibereien - sie verstehen sich einfach saugut. Aber selbst das war ein Prozess. "Es dauert Jahre, bis man einen Menschen kennen lernt, das ist auch etwas, was man erst mit 40 weiß", sagt Plate. Und Rücksicht, die lernt man erst mit den Jahren: "Ich weiß, dass AnNa es hasst, wenn ich laut werde. Ich bin ein Choleriker, ich schreie schnell herum, aber versuche, das so weit wie möglich einzuschränken, wenn sie in der Nähe ist. Sonst kann sie tatsächlich auch mal richtig sauer auf mich werden." Kinkerlitzchen. Sie halten Abstand, haben verschiedene Freundeskreise, reisen zu Konzerten oft nicht einmal gemeinsam an.

Das war früher anders, als sie am Anfang mit dem Tourbus durch die Gegend gezogen sind - einem ausrangierten Bulli von der deutschen Bahn für 4000 Mark. Der bekam sofort den Spitznamen "die rote Scheiße", weil er gleich am ersten Tag liegen blieb. "Das war eine wichtige Zeit, die aber viele Nerven gekostet hat", sagt Peter, "da war es schwieriger mit uns." - "Wir haben da nie so ein Familiending draus gemacht", sagt AnNa, "es gibt viele Bands, die genau das wollten und daran zerbrochen sind." Na ja: Es klingt, als sei das Projekt wenigstens für Peter ein Familienersatz, wenn er von Ulf spricht, vom Manager Roberto, vom Ex-Freund, der für das Grafische zuständig ist bei Rosenstolz. Vielleicht hat AnNa bewusst einen kleinen Zaun gezogen. Aber bei aller Entfernung: Wenn es hart auf hart kommt, sind beide füreinander da. "Ich hatte schon Krisen, bei denen AnNa sofort auf der Matte stand", sagt Peter, "glücklicherweise war es in der Beziehung in letzter Zeit eher ruhig. Obwohl: Ich bin so 'n Jammerlappen, ich finde immer was zum Leiden."

Rosenstolz waren nie modern. Sie sind Kult geworden, ohne sich irgendeinem Geschmack zu unterwerfen, höchstens ihrem eigenen. Das ist etwas Besonderes im Musikgeschäft. Aber manchmal nehmen sich beide ihre Pausen. Und machen etwas anderes: AnNa war mit der ostdeutschen Band Silly auf einer kleinen Tribute-Tour, "das war schon spannend zu sehen, wie andere Bands so funktionieren. Das bildet ungemein". Peter hat für Jimmy Sommerville geschrieben und Patricia Kaas und 2raumwohnung, das war ja auch ganz schön, "aber es ist nicht so wie mit AnNa. Es ist nie so wie mit AnNa".

AnNa R., 38, heißt eigentlich anders. Aber das soll ein Geheimnis bleiben, passt ja auch zum glamourösen Auftritt der gebürtigen Berlinerin. Privat dagegen ist sie eher unkompliziert - sehr zur Freude von Filmregisseur Nilo Neuenhofen, mit dem sie seit 2002 verheiratet ist. Neben Rosenstolz macht AnNa noch andere Projekte. Sie ist Sängerin bei der Horrorpunk-Band Missy and The Fits und tourte mit der ostdeutschen Band Silly.

Peter , 41, wurde in Neu-Delhi geboren - sein Großvater war dort Diplomat. Seine Jugend verbrachte er in Goslar und Braunschweig, wo er ein Musical schrieb - aber erst in Berlin hatte er mit Rosenstolz als Musiker Erfolg. Seinen langjährigen Freund Ulf Sommer heiratete er 2002 in Berlin. Auch beruflich sind sie ein Paar: Sommer ist Komponist, Texter und Produzent bei Rosenstolz.

Text: Stephan Bartels Fotos: Universal

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