Sofia Coppola: Chronistin der Stille

Die Filme von Sofia Coppola vertrauen Bildern mehr als Worten. Sie erzählen leise Geschichten jenseits unserer aufgekratzten Gegenwart. Und dabei führt die Regisseurin seit 42 Jahren ein Leben, das aufregender nicht sein könnte.

Es könnte eine Beleidigung sein, Sofia Coppola als "Königin der Langeweile" zu bezeichnen. Schließlich ist Langeweile ein Zustand, den die moderne Welt gern ausrotten würde. Langeweile konsumiert nicht, macht keine Karriere und gibt keine schlauen Kommentare ab, Langeweile sitzt einfach rum und starrt Löcher in die Luft. Kurz: Sie ist wunderbar, denn in keinem anderen Zustand ist der Mensch so nah bei sich und seinen Seelenlagen.

Es ist also ein Kompliment festzustellen, dass es niemanden gibt, der diesen Zustand besser ausloten kann als die Regisseurin, Drehbuchautorin und Tochter von Francis Ford Coppola. Das Erstaunliche daran ist: Seit 42 Jahren führt Sofia Coppola ein Leben, das aufregender nicht sein könnte. Das liegt allein schon an ihrer illustren Herkunft aus reinem Kino-Adel: Vater Francis ist mit cineastischen Meilensteinen wie der "Pate"-Trilogie ein Mitbegründer des "New Hollywood". Ihre Cousins Nicolas Cage und Jason Schwartzman sind gefragte Schauspieler, ebenso wie ihre Tante Talia Shire (vor allem bekannt als Frau von "Rocky"); Sofias Bruder Roman schreibt und dreht ebenfalls Spielfilme.

Die Spielplätze von Sofias Kindheit waren die Filmsets ihres Vaters, des "Familienbären", wie sie ihn nennt. Weil er seine epischen Werke nicht in ein paar Wochen herunterkurbelte, zogen die Kinder und ihre Mutter stets mit, zum Beispiel auf die Philippinen zu den 15-monatigen Dreharbeiten von "Apocalypse Now". Die Kostümbildner nähten für Sofias Puppen Kleider, die Maskenfrauen flochten ihr Zöpfe, die Familienfreunde, die abends zum Essen kamen, waren allesamt Schauspieler, Modemacher und Künstler.

Im strahlenden Licht der großen Leinwand baute die kleine Coppola so das Filmemachen in ihre DNA ein - nachdem sie quasi schon in Entwicklerflüssigkeit getauft worden war, als Papa für "Der Pate I" ein Baby brauchte und kurzerhand seine zehn Wochen alte Tochter einsetzte. "Mein Vater hat mich immer ermutigt, kreativ zu sein", sagt Sofia Coppola. "Sein Motto war: Probier alles aus, irgendwann findest du deinen Weg."

Anstatt sich also wie andere Promikinder durch ein von Daddy finanziertes Partyleben treiben zu lassen, hat sich Sofia der Kunst verschrieben und huldigt ihr mit großer Ernsthaftigkeit. Ihren ersten Film "Virgin Suicides" hat sie zum Beispiel nur gedreht, weil sie den zugrunde liegenden Roman "beschützen" wollte, wie sie sagt, ihn nicht der Gefahr aussetzen mochte, von jemand anderem womöglich lieblos verfilmt zu werden.

In ihrem Leben gibt es immer etwas zu lesen, zu entdecken oder zu entwerfen - ein Drehbuch, einen Soundtrack mit ihrem zweiten Ehemann (dem französischen Popwunder Thomas Mars von der Band Phoenix) oder auch mal eine Handtasche für Designerfreund Marc Jacobs. Für Langeweile bleibt da eigentlich kein Platz, zumal sie auch noch zwei Töchter hat, die sie mit der richtigen Musik, den richtigen Filmen und Museumsbesuchen hingebungsvoll ebenfalls in die Welt der schönen Künste einzuführen versucht.

"Es macht mir Sorge, dass heute jedes Ereignis sofort mit dem Handy festgehalten werden muss, als würden Erfahrungen nichts gelten, wenn sie kein Publikum haben, das sie anschaut", sagt Coppola. "Es macht mir auch Angst, dass die Trash-Kultur mittlerweile als Mainstream akzeptiert wird. Vor allem, weil ich weiß, dass meine Töchter in dieser Welt bestehen müssen."

Dennoch liegt die Welt des Müßiggangs, in der Geld keine Rolle spielt und niemand arbeiten muss, um menschliche Grundbedürfnisse zu sichern, natürlich direkt vor dem Panoramafenster ihres produktiven Daseins - auch wenn sie versucht, ihre Töchter von der Aussicht fernzuhalten, hat Sofia Coppola jederzeit einen exzellenten Blick darauf. Ihre Filme sind wie endlose, weichorange glitzernde Sommertage und leise angetrunkene Nächte; alle Konturen sanft verschwommen wie auf einer 70er- Jahre-Fotografie: Die somnambulen Schwestern in "The Virgin Suicides", die in der Starre ihres strengen Elternhauses verharren müssen. Die junge Charlotte in "Lost in Translation", die ziel- und sprachlos durch den Irrsinn Tokios schlendert.

Marie Antoinette, die in Versailles tagein, tagaus darauf wartet, dass ihr zweckangetrauter Ehemann endlich Lust bekommt, den Thronfolger mit ihr zu zeugen. Der Actionstar Johnny Marco in "Somewhere", der zwischen seinen Blockbusterfilmen nichts zu tun hat, als vor Stripperinnen einzuschlafen und endlose Runden mit seinem Ferrari zu drehen. Und aktuell nun die Jugendbande aus "The Bling Ring" (ab 15. August im Kino), die in privilegiertem Müßiggang fast erstickt und deshalb anfängt, in die Häuser von Prominenten einzusteigen. Sofia Coppola ist eine Meisterin darin, Momente der Stille einfach auszuhalten. Nicht nur auf der Leinwand.

Auch in Interviews wirkt es, als müsse sie jeder Frage in sich erst lange hinterherlauschen, bis irgendwo ein Echo zurückgeworfen wird. Sie ist die Frau für Stimmungen und Ahnungen. Das filmische Erbe ihres Vaters hat sich in solcher Reinform in Sofia Coppolas Blutbahn niedergeschlagen, dass sie dem Bild mehr traut als dem Wort: "Mich interessiert eher, was Menschen nicht sagen. In vielen Filmen sagen die Leute mit großen Worten, was sie gerade fühlen, dabei haben wir im normalen Leben doch eher nonverbale Methoden, um uns auszudrücken."

Das geht so weit, dass sie in "Lost in Translation" den Schlüsselsatz, der am Ende des Films alles einordnen könnte, was der Zuschauer in den 101 Minuten vorher gesehen hat, einfach von Scarlett Johansson in Bill Murrays Ohr flüstern lässt. Unhörbar für alle anderen im Saal. Mehr Vertrauen kann man nicht in die visuelle Urkraft des Kinos haben. Für den Film erhielt sie 2004 den Oscar für das beste Drehbuch. Auf manche Zuschauer wirkt das geradezu narkotisierend.

Doch wer sich erst mal auf Coppolas Form des "Slow Watch" eingelassen hat, bekommt ein Gefühl für die Töne, die in unserem Leben so leise klingen, dass sie vom Großmotz der aufgekratzten Gegenwart meist überbrüllt werden. Das sind die Sphären, die die Regisseurin spannend findet, auch wenn sie auf den ersten Blick spannungslos erscheinen. "Meine Filme sind so entschleunigt, weil ich ganz genau hinsehen möchte", sagt sie. "Unser Alltag ist voller Ablenkungen und Geplapper, da möchte ich einfach mal innehalten können." Dann schweigt die Chronistin der Stille wieder. Besser könnte sie der Welt nicht begreiflich machen, wie viel produktive Kraft im Aushalten der Langeweile liegt.

Text: Andrea Benda BRIGITTE WOMAN 09/2013
Themen in diesem Artikel
Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.