Simon Rattle: "Ich bin ein ewiger Kindskopf"

Sir Simon Rattle glüht für die Musik, aber er brennt auch leidenschaftlich für seine Familie. Mit uns spricht der Stardirigent Simon Rattle über die beiden Pole seines Lebens.

Seit 2002 dirigiert Sir Simon Rattle die Berliner Philharmoniker, eines der besten Orchester der Welt. Er erweckt mit ihnen immer wieder die Musik zum Leben, von der er sagt, sie sei "so wichtig wie die Luft zum Atmen".

In dritter Ehe ist der Stardirigent mit der tschechischen Mezzosopranistin Magdalena Kozená verheiratet, mit der er zwei kleine Söhne hat und in Berlin lebt. Zwei erwachsene Söhne stammen aus erster Ehe mit der amerikanischen Sopranistin Elise Ross.

Simon Rattle sitzt auf dem Sofa seines philharmonischen Dirigentenzimmers, dessen dunkelgrüne Wolle noch von der Nonchalance seiner Vorgänger zeugt - und erzählt mit unverwechselbar sonorer Stimme, tanzenden Augenbrauen und britischem Vorwitz.

BRIGITTE WOMAN: Viele älter werdende Väter sagen, sie würden mit den Jahren zunehmend konservativ und intolerant. Gehören Sie auch zu dieser Sorte?

Simon Rattle: Nicht wirklich. Ich denke, ich bin heute noch genau derselbe Softie, der ich schon bei der Erziehung meiner ersten Söhne war, schrecklich ...Wie viele Musiker bin ich eben ein ewiger Kindskopf.

BRIGITTE WOMAN: Heißt das, Sie fühlen sich jünger, als Sie sind?

Simon Rattle: Manchmal fühle ich mich wie ein reifer 14-Jähriger mit kaputten Knien. Und damit bin ich im Orchester nicht der Einzige. Viele durchaus inzwischen betagte Musiker sagen, sie fühlten sich immer noch „in Verbindung mit ihrem inneren Teenager“. Wir halten diese Kraft wohl intuitiv lebendig, nicht zuletzt, weil wir sie auch als schöpferische Quelle für unsere Musik nutzen. Das kann man sogar hören. Viele der älteren Mitglieder im Orchester sind viel radikaler in ihrem Spiel und ihren Interpretationen als manche jungen.

BRIGITTE WOMAN: Radikalität ist nicht gerade das, was Menschen mit klassischen Musikern verbinden...

Simon Rattle: Sie würden sich wundern, wie es damals, Ende der Sechziger, auch unter jungen Musikern hoch herging! Meine Freunde aus der Zeit, die heute an Musikhochschulen lehren, wundern sich manchmal, wo die Partys und die Drogen geblieben sind. Junge Musiker vermitteln heute manchmal den Eindruck, als gingen sie ganz bewusst den Verführungen der Jugend aus dem Weg. Das liegt vielleicht daran, dass sie sich viel stärker als wir auf diesem international umkämpften Markt behaupten müssen.

BRIGITTE WOMAN: Glücklicherweise strahlt aber zum Beispiel jemand wie der venezolanische Shootingstar Gustavo Dudamel keine Ellbogenmentalität aus, sondern kompromisslose Leidenschaft für die Musik, wofür ihn Publikum und Medien gleichermaßen feiern.

Simon Rattle: Es gibt im Moment ungefähr zehn solcher jungen Dirigenten weltweit. Alles Persönlichkeiten, die nicht nur gut, sondern atemberaubend dirigieren. Wie der Lette Andris Nelsons zum Beispiel oder Yannick Nézet-Séguin, der gerade nach Philadelphia berufen wurde. Was den Nachwuchs angeht, bin ich absolut optimistisch.

BRIGITTE WOMAN: Erinnern Sie diese jungen Dirigenten daran, wie Sie selbst vor 30 Jahren waren?

Simon Rattle: Vor allem erinnern Sie mich an mein Gefühl unentwegter Suche mit Anfang 20: Wer bin ich? Was kann ich? Bin ich, was ich tue? Wann bin ich ich selbst?

BRIGITTE WOMAN: Und wissen Sie inzwischen, wer Sie sind?

Simon Rattle: Zumindest habe ich das Gefühl, dass Jekyll und Hyde jetzt näher beieinanderliegen.

BRIGITTE WOMAN: Wenn man sich den Reifeprozess eines Dirigenten anschaut, müssten Sie eigentlich mitten in der Pubertät stecken. Viele Ihrer Kollegen steuern ja erst ab Mitte 60 auf den Höhepunkt ihrer Karriere zu. Wo stehen Sie heute, mit 55?

Simon Rattle: Hoffentlich noch vor meinem persönlichen Indian Summer (lacht). Ich denke, man kann sich auch nach der ersten Lebenshälfte noch auf vieles einlassen. Vielleicht tiefer als jemals zuvor. Dabei kann ich aus einem reicheren Fundus an Werken und künstlerischen Erfahrungen schöpfen – und muss mir nicht mehr alles beweisen.

BRIGITTE WOMAN: Das klingt, als hätten Sie eine gewisse Gelassenheit erreicht...

Simon Rattle: Ich denke, eine gewisse Leichtigkeit, die ich heute spüre und die mit den Jahren gewachsen ist, hat damit zu tun, dass ich meine eigenen Grenzen erkenne. Je mehr man lernt, desto mehr weiß man, was man nicht weiß. So wie Frust entsteht, weil man etwas nicht kann, so kann Freude dadurch wachsen, dass man akzeptiert, dass man auch nicht alles können muss.

BRIGITTE WOMAN: Es gibt Künstler und Schriftsteller, die das anders empfinden. Philip Roth sagt, er zweifele heute mehr, das Schreiben sei schwieriger geworden mit dem Alter.

Simon Rattle: Ich denke, Selbstzweifel sind ein wesentlicher Teil des Selbstverständnisses jedes Künstlers. Ohne sie kann keiner wachsen, ohne sie trocknet man aus. Wer sich einrichtet in dem, was er erreicht hat, kann einpacken und nach Hause gehen.

BRIGITTE WOMAN: Im Moment der Wahrheit, oben auf der Bühne, kann man seine Zweifel aber schlecht brauchen...

Simon Rattle: In der Sekunde, in der sich die Bühnentür öffnet, setzt eine völlig eigene Energie ein. Sie ermöglicht es überhaupt erst, eins mit der Musik zu werden, in gewisser Weise die Musik selbst, was auch immer das ist... Diese Energie lässt live gar keinen Zweifel zu. Er würde diese begnadeten Momente auch unmittelbar zerstören. Momente, in denen es sich anfühlt, als ob die Musik von ganz allein passiert, obwohl man mit dem Orchester wochenlang hart daran gearbeitet hat.

BRIGITTE WOMAN: Aber letztlich wissen Sie vorher nie, ob sich am Abend die Magie einstellen und das große Ganze aufgehen wird oder nicht.

Simon Rattle: Es gibt auch nach all den Jahren immer wieder Momente, in denen ich mir selbst manchmal schleierhaft bin und keine Erklärung dafür habe, warum etwas nun plötzlich aufgeht oder eben gerade nicht. Dirigieren ist so ein verdammt mysteriöser Beruf, der sich schwer vermitteln lässt.

BRIGITTE WOMAN: So wie sich vielen auch die Klassik selbst nicht mehr vermittelt. Neue Studien sagen, dass das Klassik-Publikum in den nächsten 30 Jahren allein schon demografisch bedingt um ein Drittel schrumpfen wird. Bereits jetzt ist der durchschnittliche Konzertgänger fast 60 Jahre alt. Was hat die Klassik zu geben, was Elektropop oder Rap nicht haben?

Simon Rattle: Keine Frage, MTV ist wunderbar, aber klassische Musik ist letztlich genau das Gegenteil davon: ein Gegenmittel gegen Hektik, innere Leere und Reizüberflutung. Einerseits verlangt sie ungeteilte Aufmerksamkeit von uns. Andererseits lehrt sie uns aber auch, immer wieder innezuhalten.

BRIGITTE WOMAN: „Eile langsam“ lautet eines Ihrer Credos.

Simon Rattle: Eines meiner großen Vorbilder, der Italiener Carlo Maria Giulini, der leider 2005 mit 91 Jahren gestorben ist, sagte mir einmal vor langer Zeit: „Simon, die großen Werke werden kommen und an deine Tür klopfen, wenn die Zeit dafür reif ist. Fang nicht an, sie zu suchen.“

BRIGITTE WOMAN: Das heißt, Sie fühlten sich erst jetzt reif für den „Nussknacker“ von Tschaikowsky, den Sie gerade auf CD eingespielt haben?

Simon Rattle: Vor zehn Jahren war er für mich noch ein unbeschriebenes Blatt, so wie für die meisten Musiker von uns. Ein großartiges Werk, unglaublich schwer zu spielen. Beeindruckend, wie Tschaikowsky es geschafft hat, dass sich etwas so leicht anfühlen kann und zugleich so russisch. Wir sind alle in Liebe zu dem Stück entbrannt.

BRIGITTE WOMAN: Die meisten Werke sind bereits mehrfach eingespielt, teils von großartigen Musikern. Wie schafft man es da, noch einen eigenen Zugang zu finden?

Simon Rattle: Man fühlt sich in der Musik immer wieder wie ein Goldgräber inmitten einer Goldmine von grenzenloser Weite. Man glaubt, dass man mehr Nuggets schürft, je tiefer man gräbt. Das ist auch nicht grundlegend falsch, aber man muss auf der Hut sein. Selbst wenn man noch so gern wiederholen möchte, wie Karajan dies oder jenes dirigiert hat, darf man es gar nicht erst versuchen. Das kann nur scheitern. Die Lektion lautet: Man muss seinen eigenen Weg finden.

BRIGITTE WOMAN: Inwiefern verändert sich der eigene Weg als Künstler durch die Geburt von Kindern?

Simon Rattle: Das Verrückte ist, dass man schon bei dem ersten Kind denkt, man könne kein zweites so sehr lieben wie dieses. Und wenn das nächste zur Welt kommt, spürt man auf einmal das Wunder, wie sich eine neue Tür deines Herzens öffnet und sich noch mehr Liebe, Wärme und Optimismus in einem ausdehnen. Auf faszinierende Weise spannt sich dieses Glücksgefühl auch über die Musik.

BRIGITTE WOMAN: Sie sind zum dritten Mal verheiratet und haben neben Ihren kleinen noch zwei erwachsene Söhne aus erster Ehe. Fühlt sich das an wie zwei Leben in einem?

Simon Rattle: In gewisser Weise ja. Ich gebe zu, es ist ein unglaubliches Privileg, 20 Jahre später nochmals erleben zu dürfen, wie Kinder auf die Welt kommen und sich entfalten – jedes auf seine Weise.

BRIGITTE WOMAN: Haben Ihre vier Söhne überhaupt eine Beziehung zueinander? Sie sind 20 Jahre auseinander und leben 6000 Kilometer voneinander entfernt.

Simon Rattle: Zum Glück lieben sich alle vier sehr. Manchmal kommen die Kleinen mit den Großen besser zurecht als untereinander. Der Zweite kümmert sich rührend um den Kleinsten, wenn er aus den USA kommt. Das zu sehen ist wunderschön. Umso mehr, als wir alle wissen, dass man Liebe nicht erzwingen kann.

BRIGITTE WOMAN: Lässt sich ein Musikerleben wie Ihres mit der Familie überhaupt vereinbaren, insbesondere, wenn beide Eltern Künstler sind?

Simon Rattle: Natürlich ist ein Leben als Musiker mit Kindern ohne Kampf zwischen beiden Welten undenkbar. Das wird Ihnen jeder Mann oder jede Frau im Orchester, die Kinder hat, bestätigen. Aber es ist ein Kampf, bei dem man immer weiß, warum und wofür man ihn kämpft.

BRIGITTE WOMAN: Im nächsten Jahr kommt Ihr Zweitjüngster in Berlin in die Schule. Wer kümmert sich um die Kinder, wenn Sie beide länger parallel auf Tournee sind?

Simon Rattle: Magdalena und ich sind uns gottlob einig darüber, dass immer einer von uns beiden zu Hause sein wird. Dafür werden wir gemeinsam sorgen.

BRIGITTE WOMAN: Also kein Privatlehrer, der gemeinsam mit der Nanny und den Kindern zu den Engagements mitreist?

Simon Rattle: Oh nein, niemals! Wir wollen unsere Kinder nicht von fremden Händen aufziehen lassen und haben uns geschworen, sie nicht ununterbrochen um den Erdball zu schicken. Ich arbeite relativ wenig im Ausland, und Magdalena hält die Zahl ihrer Engagements, verglichen mit anderen erfolgreichen Solistinnen, ganz bewusst überschaubar.

BRIGITTE WOMAN: Ihre Muttersprache ist Englisch, die Ihrer Frau Tschechisch. Welche Sprachen sprechen Ihre Kinder?

Simon Rattle: Zur Zeit drei: Deutsch, Englisch und Tschechisch. Für den Moment reicht das aus unserer Sicht erst einmal. Wir sind froh, dass wir unsere Kinder vorerst nicht mit weiteren Sprachen verwirren müssen.

BRIGITTE WOMAN: Wann immer ich Sie bei Proben mit den Berliner Philharmonikern erleben durfte, haben Sie dabei ein sehr charmantes „Denglisch“, eine Mischung aus Deutsch und Englisch, gesprochen. Aber das Orchester hat in den vergangenen Jahren wahrscheinlich nicht nur Ihr Deutsch geschliffen?

Simon Rattle: Jeder im Orchester wird sich heute anders fühlen als noch vor acht Jahren, zu Beginn unserer Zusammenarbeit. Wir haben uns definitiv gegenseitig beeinflusst. Dabei ist schwer zu sagen, wer dabei das Huhn ist und wer das Ei.

BRIGITTE WOMAN: Angenommen, das Orchester wäre das Huhn und Sie wären das Ei?

Simon Rattle: Dann würde ich sagen, ich wurde sehr behutsam gelegt, in einem tiefen kollektiven Atemzug, der die Berliner Philharmoniker auszeichnet wie kein anderes Orchester.

BRIGITTE WOMAN: Für diesen „kollektiven Atem“ sind die Berliner Philharmoniker berühmt wie kaum ein anderes Orchester dieser Welt...

Simon Rattle: ...und sie haben mir beigebracht, mit ihnen gemeinsam tiefer zu atmen. Aus diesem einen Atem entsteht die Musik zwischen 128 sehr unterschiedlichen Menschen.

BRIGITTE WOMAN: Mit Macht lässt sich solch ein Einklang im Saal wohl kaum herstellen?

Simon Rattle: Ach, wissen Sie, die Menschen denken immer, Barack Obama hätte Macht. Aus meiner Sicht hat er wenig Macht, aber extrem viel Verantwortung. Jeder, der denkt, der da vorn am Pult besäße Macht, hat das Verhältnis zwischen Dirigent und Musikern nicht verstanden: Der, der am Ende den Ton spielt und die Musik macht, bin ja nie ich!

BRIGITTE WOMAN: Gut, dann nennen wir das, was Sie am Pult auszeichnet, „Macht durch Verführung“.

Simon Rattle: Nennen wir es die Macht des Geschichtenerzählers. Je besser ein Orchester ist, desto mehr muss ich als Dirigent den Rahmen schaffen, in dem jeder einzelne Musiker seine Geschichte erzählen kann.

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Interview: Andrea Thilo Fotos: dpa, Cinetext
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