"Ich war immer die Alibi-Türkin"

Kopftücher findet die Schauspielerin Nursel Köse überflüssig. Klischees auch. Darum ärgert es sie, dass sie in Deutschland vor allem als türkische Putzfrau besetzt wird.

BRIGITTE-woman.de: In der Türkei haben Sie drei Preise für Ihre Rolle in "Auf der anderen Seite" bekommen, in Deutschland keinen einzigen.

Nursel Köse: Deutschland ist wohl noch nicht so weit, seine Migranten zu feiern. Wir haben ja auch noch keinen türkischen Obama. Ich erzähle diese Opfergeschichten nicht gern, aber in der Türkei bin ich mit dem Film wirklich ganz groß rausgekommen, wurde in den Zeitungen als geniale Schauspielerin gelobt und habe verlockende Angebote bekommen, auch international bin ich inzwischen gefragt. Im Vergleich dazu passierte in Deutschland wenig. Kein großes Medieninteresse, keine interessanten neuen Rollen. Ich sollte weiter die arme, unterdrückte Türkin spielen, die Kopftuchfrau, die Putzfrau oder Prostituierte - wie die letzten 20 Jahre. Aber dazu hatte ich einfach keine Lust mehr.

BRIGITTE-woman.de: Sie müssen enttäuscht sein.

Nursel Köse: Ich war traurig, aber ich mache niemandem Vorwürfe. Wenn die Deutschen allerdings irgendwann einmal sagen: Wow, da war so eine geniale Schauspielerin, die haben wir an die Türkei verloren - dann sind sie selbst schuld. Als Schauspielerin bekomme ich hier in Istanbul die besseren Angebote.

BRIGITTE-woman.de: Liegt das an den Regisseuren in Deutschland?

Nursel Köse: Ich würde mir wünschen, dass ein deutscher Regisseur gar nicht erst fragt: Ist sie Türkin? Sondern einfach nur: Ist sie eine gute Schauspielerin? Aber ob das jemals passieren wird? Selbst der Regisseur Fatih Akin wird ja immer noch gefragt: Türke oder Deutscher? Immer diese Schubladen. Ist doch egal, was der ist.

BRIGITTE-woman.de: Und trotzdem: Fühlen Sie sich als Deutsche? Türkin? Deutschtürkin?

Nursel Köse: Es wäre so schön, wenn wir einfach mal nur über meine Kunst reden könnten! Aber gut: Hier in der Türkei bin ich die "Deutschländerin", ich habe einen deutschen Pass, nenne meine Freunde aus Spaß "Ihr Türken". Ich bin offen, direkt, pünktlich, habe alle diese deutschen Tugenden verinnerlicht. Auch die deutsche Philosophie und Literatur, von Hegel bis Kant, haben mich geprägt. Ich bin ein freier Geist. Natürlich sind meine Wurzeln hier in der Türkei, meine Kultur, meine Muttersprache. Aber ich bin fremd hier. Die Leute merken, dass ich lange im Ausland gelebt habe, an meiner Körpersprache etwa.

BRIGITTE-woman.de: Das habe ich hier in Istanbul auch beobachtet: Die Frauen bewegen sich anders, viel unauffälliger, nach einer Weile passt man sich da selbst an.

Nursel Köse: Genau, in Berlin gehe ich anders, aufrecht, ich sehe den Menschen direkt in die Augen. Bin ich eine Zeit hier, bekomme ich vor allem nachts wieder diesen typischen Gang: Kopf runter und zack, zack, zack - was Frauen hier in der Türkei eben so machen, damit sie unsicher bleiben

BRIGITTE-woman.de: Wo ist Ihr Zuhause?

Nursel Köse: In Berlin und in Istanbul und demnächst vielleicht noch in Rom, Paris, Barcelona . . . Ich liebe Großstädte, ich brauche das Leben direkt vor der Tür und will immer mittendrin sein. Ich bin so ein Koffermensch. Wenn ich all meine wichtigen Sachen bei mir habe, fühle ich mich überall zu Hause. Ich binde mich nicht gern für immer und ewig. Nicht an einen Ort, nicht an eine Kultur, nicht an eine Sprache.

BRIGITTE-woman.de: Ihre Heimat ist Malatya in Ostanatolien. Was war das für eine Welt, aus der Sie mit 17 nach Deutschland gekommen sind?

Nursel Köse: Malatya war damals eine ganz moderne Großstadt mit einer Million Einwohnern. Heute ist es konservativer geworden dort, man sieht mehr Kopftücher auf den Straßen als früher.

BRIGITTE-woman.de: Und Ihre Familie?

Nursel Köse: Ich komme aus einem demokratisch-laizistischen Elternhaus. Wir waren sieben Geschwister, alle haben studiert. Meine älteste Schwester ist Lehrerin, Mitte der 70er Jahre ging sie nach Deutschland. Mit der Welle. Alle wollten damals nach Deutschland. Als mein Vater meine Schwester das erste Mal in Düsseldorf besucht hat, war er dann allerdings ziemlich geschockt.

BRIGITTE-woman.de: Was ist passiert?

Nursel Köse: In Malatya erzählte man sich damals über die türkischen Frauen in Deutschland, dass sie auf die schiefe Bahn gerieten und im Rotlichtmilieu landeten. Mein Vater wollte deshalb nach dem Rechten sehen, setzte sich in Malatya in den Zug - und kam prompt zur Weiberfastnacht in Düsseldorf an. Schon am Bahnhof waren alle besoffen, verkleidet, sangen. Die Frauen haben wohl versucht, ihn zu küssen und seine Krawatte abzuschneiden. Er wollte meine Schwester sofort wieder mitnehmen.

BRIGITTE-woman.de: Wie konnte sie ihn denn umstimmen?

Nursel Köse: Sie hat ihn erst mal mit zum Umzug genommen, da hat er Bonbons gesammelt und war schon ein bisschen versöhnt. Und nach ein paar Tagen war der ganz Spuk dann ja vorbei und Deutschland wieder picobello. Dann haben die beiden so Spiele gespielt: Sie sind getrennt in dieselbe Kneipe gegangen, wo Papa beobachten konnte, dass die deutschen Männer meine Schwester nicht ansprechen. Das trauen die sich ja immer erst nach zehn Bier, da waren mein Vater und meine Schwester aber schon wieder weg. Danach war mein Vater fest davon überzeugt, dass Deutschland das sicherste Land für seine Töchter ist, und wir durften alle dort studieren. Das war Anfang der 80er, zu Zeiten des Militärputschs, das waren hier in der Türkei unheimlich gefährliche Zeiten. Wir vier Schwestern aber lebten in Deutschland, ohne Brüder, ohne Eltern. Die große Freiheit.

BRIGITTE-woman.de: Können Sie sich erinnern, wie es war, in Deutschland anzukommen?

Nursel Köse: An einem regnerischen Tag bin ich aus dem Flugzeug gestiegen. Es war kalt und alles so sauber. Die Straßen leuchteten im Neonlicht. Wunderschön. Auch die Menschen fand ich wahnsinnig schön, damals sahen sie für mich alle gleich aus. Das ist immer so, wenn man in ein fremdes Land kommt: Anfangs sieht man alles durch einen Filter, schaut nicht so tief hinein.

BRIGITTE-woman.de: Und als Sie später dann tiefer hineinsehen konnten?

Nursel Köse: Wurde es hart. Als Studentin musste ich alle sechs Monate meine Aufenthaltserlaubnis verlängern lassen. Auf dem Ausländeramt haben sie mich wie eine Verbrecherin behandelt. Es ist schrecklich, wenn du so unsicher bist und immer wieder betteln musst, um in einem Land bleiben zu dürfen. Diese Leute entscheiden einfach so über dein Leben. Du fühlst dich nicht willkommen, nicht zugehörig. Und dann all diese Regeln. Ich hatte am Anfang ständig Angst, etwas falsch zu machen. Nach 22 Uhr durfte man nicht baden oder duschen, keine laute Musik hören. Ich wurde mit so vielen Gesetzen und Regeln überhäuft, auf die ich achten musste.

BRIGITTE-woman.de: Das klingt jetzt aber klischeehaft deutsch.

Nursel Köse: Ja, aber so war es. Ich habe all diese Klischees gesammelt . . .

BRIGITTE-woman.de: Gesammelt?

Nursel Köse: . . . und Kabarett daraus gemacht. Ich wollte mich sozialpolitisch engagieren und hatte entdeckt, dass Kabarett in Deutschland eine lange Tradition hat und wahnsinnig lebendig ist. Also habe ich meine eigene Truppe gegründet. Das erste ausländische Frauenkabarett in Deutschland überhaupt.

BRIGITTE-woman.de: "Die Bodenkosmetikerinnen".

Nursel Köse: Ich habe das damals so empfunden: Egal was du machst, welchen akademischen Grad du hast, als türkische Frau wirst du in Deutschland als Putzfrau wahrgenommen. Dieses Putzfrauenbild haben wir auf die Schippe genommen und wollten zeigen, was dahintersteht. Auf der Straße sind diese Frauen nur Schattenmenschen. Dabei haben sie Kummer, Humor, Verstand. Wir haben in unseren Stücken aber auch die Türken kritisiert, mit Klischees gespielt.

BRIGITTE-woman.de: Zum Beispiel?

Nursel Köse: Die türkische Frau geht einen Meter hinter dem Mann, sie hat nichts zu sagen, wird unterdrückt und geschlagen.

BRIGITTE-woman.de: Das ist leider nicht nur ein Klischee.

Nursel Köse: Natürlich nicht, aber auch deutsche Männer schlagen ihre Frauen. Gewalt gegen Frauen ist ein universelles Problem. Kein landestypisches. Wir hatten dann auch noch diese schwer entflammbaren Klamotten für Türken. Damals, Anfang der 90er, wurden die Brandanschläge in Mölln und Hoyerswerda verübt.

BRIGITTE-woman.de: Ganz schön hart, Ihr Humor.

Nursel Köse: Die Polizei hat damals Zettel verteilt, wie Türken sich am besten gegen Brandanschläge schützen können. Das haben wir aufgegriffen und unseren Zuschauern geraten: Wenn Sie ganz oben wohnen, pflanzen Sie unten Büsche, damit der Aufprall nicht so hart ist. Oder schlafen Sie gleich im Taucheranzug in der Badewanne. Dieser Polizei-Zettel war schlimm für mich. Er hat mir das Gefühl gegeben, dass der Staat mich gar nicht schützen will, mir nur Tipps gibt wie "Kauf dir einen Feuerlöscher".

BRIGITTE-woman.de: Haben die "Bodenkosmetikerinnen" daran etwas ändern können?

Nursel Köse: Was erreicht man schon mit Kunst und Kultur? Ich habe das zuallererst für mich selbst getan, ich wollte meine Botschaft rüberbringen, meinen eigenen Spaß, nicht die gesamte Gesellschaft umerziehen. Ich habe einfach die Dinge gesagt, die mir auf dem Herzen lagen, und dann gemerkt, dass es die Menschen interessiert. In solchen Momenten weiß ich als Künstlerin, dass ich das Richtige tue.

BRIGITTE-woman.de: Fühlen Sie sich als Vorbild?

Nursel Köse: In Deutschland war ich immer die Alibi-Türkin: Sie hat es geschafft, es geht also. Wenn ihr im Ghetto gelandet seid, seid ihr selbst schuld. So will ich nicht instrumentalisiert werden, aber ich bin gern ein positives Beispiel für die junge Generation.

BRIGITTE-woman.de: Vor allem die Mädchen könnten Vorbilder wie Sie gebrauchen.

Nursel Köse: Eigentlich hatte ich das alles schon hinter mir, das Kämpfen für die Frauenrechte. Damals in den 80ern in Deutschland waren wir Künstler ja alle Kommunisten. Aber hier in der Türkei muss ich jetzt wieder Stellung beziehen, meinen Mund öffnen. Studentinnen demonstrieren dafür, dass sie Kopftücher tragen dürfen. Wo gibt's denn so was? Welche vernünftige Frau will das? Verschleiert und in die Positon eines Menschen zweiter Klasse gedrängt werden?

BRIGITTE-woman.de: Man könnte auch sagen: Das muss sie für sich selbst entscheiden, lass sie doch lieber mit dem Kopftuch an die Uni gehen, bevor sie gar nicht studiert.

Nursel Köse: Auf keinen Fall! Das ist doch nicht der Islam, das ist nur Ideologie. Es ist gefährlich, über dieses Thema zu sprechen, weil es schnell zu Missverständnissen führt, wenn man etwas ungeschickt formuliert. Aber ich sehe mit Sorge, dass uns schon erlangte Rechte wieder aus den Händen gleiten. Da muss ich mich wieder äußern und kämpfen.

BRIGITTE-woman.de: Traditionelle Rollenbilder werden hier immer noch großgeschrieben.

Nursel Köse: Ja, den Druck spüre ich auch: Du sollst heiraten und Kinder kriegen. Aber mein Lebensstil war immer schon anders. Ich lebe allein, hatte immer ein Nachtleben, deutsche Männer als Freunde.

BRIGITTE-woman.de: War es eine bewusste Entscheidung, keine Kinder zu haben?

Nursel Köse: Ja, absolut, ich wollte auch nie heiraten. Kinder sind nicht wie Hunde und Katzen. Du kannst sie nicht in eine Kiste packen und im Flugzeug abgeben. Mein freies Leben zwischen Berlin und Istanbul wäre mit Kindern undenkbar.

BRIGITTE-woman.de: Wo wollen Sie alt werden?

Nursel Köse: Ich will gar nicht alt werden.

BRIGITTE-woman.de: Sie verraten auch nicht, wie alt Sie heute sind.

Nursel Köse: Weil auch das ein Klischee ist. Wenn sie dein Alter erst mal wissen, bleiben die Leute dieser Vorstellung so verhaftet. Deswegen sage ich es ihnen erst gar nicht. Ich selbst weiß ja am Ende genau um all die Jahre. Mir ist wichtig, was ich in dieser Zeit alles getan habe. Wie ich mich fühle, das wechselt. Ich bin so zwischen 30 und 100. Mal eine alte, weise Frau, die viel über das Leben erzählen kann, dann wieder eine 30-Jährige, die keine Ahnung hat und nur Sex will.

BRIGITTE-woman.de: Haben Sie Angst vor dem Altwerden?

Nursel Köse: Schön ist die Vorstellung natürlich nicht, irgendwann vielleicht auf andere angewiesen zu sein. Aber Angst? Nein. Ich bin voller Geschichten, die hebe ich mir für das Alter auf. Dann werde ich an einem See in einer kleinen Hütte an meinem Laptop sitzen - und schreiben, bis ich sterbe.

Nursel Köse wurde im türkischen Malatya geboren, mit 17 kam sie zum Studium nach Deutschland. In Köln studierte sie zunächst Architektur, in Münster arbeitete sie dann als Architektin. Schon in dieser Zeit stand sie viel auf der Bühne - und landete schließlich ganz bei der Schauspielerei. Heute pendelt sie zwischen Berlin und Istanbul, hat seit 1995 die deutsche Staatsbürgerschaft, verbringt aber seit ihrem Erfolg als Prostituierte Yeter in Fatih Akins Film "Auf der anderen Seite" die meiste Zeit am Bosporus. Nursel Köse schreibt Hörspiele in deutscher und Gedichte in türkischer Sprache, sie betreut Jugend- und Frauentheaterproduktionen, spielt Kabarett und Theater, ist im Fernsehen und im Kino zu sehen, etwa in der Serie "Türkisch für Anfänger", in "Kebab Connection" und im Kinofilm "Die Fremde".

Interview: Katja Michel Fotos: Gece Irmaklar

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