Gianna Nannini im Interview: "Die Falten machen meine Stimme schön"

Ein Kind mit 54? Keine große Sache! Gianna Nannini erzählt im BRIGITTE-Woman-Interview, dass sie sich attraktiver denn je fühlt - trotz Schlafmangel.

Das Anwesen von Gianna Nannini in Mailands Innenstadt ist aufgeteilt wie ein Gewerbehof. Hier wird gearbeitet und gewohnt, auf mehreren Etagen. Es gibt ein Sportstudio, das eine renommierte New Yorker Pilatesschule angemietet hat. Nebenan liegen Büro und Studio, und ein Stockwerk höher wohnt die Musikerin. Für das Interview lädt sie ins Allerheiligste, in ihr Studio, das mit vielen großformatigen Porträts Nanninis dekoriert ist. Hier hat sie die Skizzen für einen Großteil der Songs ihres neuen Albums "Inno" aufgenommen, die erst danach im Londoner Abbey Road Studio mit dem London Studio Orchestra eingespielt wurden. Die 56-Jährige empfängt mit festem Händedruck. Sie trägt ein helles T-Shirt, einen schwarzen Pulli, cognacfarbene Hosen und Stiefel. Ihr Gesicht ist ungeschminkt, die braunen Haare stehen verstrubbelt vom Kopf ab. Sie wirkt müde auf den ersten Blick - und redet dann erstaunlich temperamentvoll, mit ausladenden Gesten. Gianna Nannini lacht viel - gern auch über sich selbst. Ihre Stimme klingt dabei ein wenig wie ein verrosteter Auspuff. Am Ende des Gesprächs hat sie Vertrauen gefasst und ruft nach ihrer Tochter Penelope. Eine zierliche schwarzhaarige Prinzessin, mit hellen Augen, hübsch, charmant und sehr selbstbewusst.

BRIGITTE-woman.de: Ihre Tochter ist jetzt zweieinhalb. Hat sie viel Ähnlichkeit mit Ihnen?

Gianna Nannini: Oh ja, sie ist sehr aufgeweckt. Sie macht mich oft nach und lacht sich dann kaputt. Ich bewege mich nämlich oft wie ein Elefantenbaby (steht auf und trampelt durch das Studio). Im Gegensatz zu mir ist Penelope eine sehr gute Beobachterin. Sie sieht alles. Sie wäre auch eine gute persönliche Assistentin.

BRIGITTE-woman.de: Das wäre vielleicht ein bisschen früh.

Gianna Nannini: Für mich sucht sie die Klamotten aus, die ich anziehen soll. Meiner Mutter massiert sie immer sehr fachgerecht die Beine. Ein Sonderservice, weil sie ihre Großmutter so lieb hat.

BRIGITTE-woman.de: Und was Sie heute tragen, hat Ihre Tochter ausgesucht?

Gianna Nannini: Klar. Penelope ist sehr stilsicher. Sie hat einen guten Sinn für Ästhetik. Einigen meiner Freunde ist aufgefallen, dass wir häufig im Partner-Look gehen. Jedenfalls wenn sie nicht gerade im rosa Kleidchen rumläuft. Ich trage ja gern Sportliches, am liebsten Unisex-Sachen.

BRIGITTE-woman.de: Sie haben einmal gesagt, dass Ihre Tochter den Moment abgewartet hat, bis Sie für ein Kind bereit waren. Die Anthroposophen sagen, dass sich ein Kind seine Eltern aussucht.

Gianna Nannini: Ich glaube, dass sich ein Kind auswählt, wann und zu wem es kommt. Ich war längst davon überzeugt, dass ich keine Chance mehr auf ein Kind hätte, und dann war sie plötzlich in mir.

BRIGITTE-woman.de: Und jetzt sind Sie ein anderer Mensch.

Gianna Nannini: Ich habe durch sie die wahre Zärtlichkeit entdeckt. Eine Zärtlichkeit und Liebe, die viel tiefer gehen als in einer Liebesbeziehung. Im Vergleich dazu ist die so genannte wahre Liebe etwas Flüchtiges. Die Liebe zum Kind bleibt für immer. Und ich bin schöner geworden. Die Geburt meiner Tochter hat mich schöner gemacht.

BRIGITTE-woman.de: Warum lachen Sie?

Gianna Nannini: Weil ich mir selbst Komplimente mache. Früher war ich fixiert darauf, dünn zu sein. Ich war ein Diätjunkie. Jetzt kümmere ich mich gar nicht mehr darum. Ich halte keine Diät mehr...

BRIGITTE-woman.de: ...weil Sie sehr schlank sind.

Gianna Nannini: Ich habe seit der Geburt abgenommen, obwohl ich normal esse und auch Wein trinke. Keine Ahnung, warum das so ist. Wenn ich gewusst hätte, dass mich Kinderkriegen schlank macht, hätte ich schon früher Babys bekommen (sie lacht laut und klopft sich auf die Schenkel).

BRIGITTE-woman.de: Aber irgendeinen Sport machen Sie doch sicher!

Gianna Nannini: Nur Pilates. Aber das mindestens zweimal die Woche. Es ist vor allem gut für die Bauchmuskeln. Man sollte allerdings damit anfangen, bevor man schwanger wird.

BRIGITTE-woman.de: Haben Sie jemals an eine Schönheitsoperation gedacht?

Gianna Nannini: Nein. Ich will nichts verändern, weil ich glaube, dass ich dann anders klingen würde. Meine machen meine Stimme schön. Ich habe einfach aufgehört, in den Spiegel zu gucken. Mein Körper ist wie eine Stradivari. Neue Geigen klingen nicht schön. Ich habe mir ja nicht mal die Nase richten lassen, obwohl ich sie zweimal gebrochen hatte. Aber sie macht eben auch einen Teil des Klangs meiner Stimme aus.

Mit Penelope habe ich die wahre Zärtlichkeit entdeckt. Im Vergleich dazu ist die so genannte wahre Liebe etwas Flüchtiges

BRIGITTE-woman.de: Kinder zu haben ist für berufstätige Mütter nicht nur das pure Glück. Was ist für Sie das Schwierigste?

Gianna Nannini: Der neue Rhythmus. Ich habe keine Zeit zum Schlafen. Ich muss meine Träume unterbrechen. Aber ich liebe meine Träume, weil sie mir bei meinen Songs helfen. Wahrscheinlich werde ich mein nächstes Album "Unterbrochene Träume" nennen.

BRIGITTE-woman.de: Unterbrochene Träume in der Nacht. Und am Tag?

Gianna Nannini: Ehrlich gesagt: Es war echt stressig. Für ein neues Album habe ich mich nie lange den einzelnen Songs widmen können, weil ich keine Zeit hatte, nachzudenken. Ich musste mich ganz auf meine Inspiration verlassen. Aber vielleicht ist das Album deshalb so gut geworden. Manchmal habe ich das Mikro ausgestellt und die Geister der Inspiration gebeten, mich zu küssen. Das haben sie dann auch getan.

BRIGITTE-woman.de: Geister?

Gianna Nannini: Sie waren durchsichtig. Es sind wohl dieselben Geister, die auch heilen können. Denn zeitgleich war ich noch verletzt. Ich hatte mir den Knöchel gebrochen.

BRIGITTE-woman.de: Das stand in den Zeitungen: ein Radunfall, bei dem Sie mit einem Wildschwein zusammenstießen.

Gianna Nannini: Genau. Wenn man ein gutes Album macht, interessiert das keine Sau, aber ein Fahrradunfall mit einem Wildschwein macht einen zum Star.

BRIGITTE-woman.de: Stimmt. Man hörte auch bei uns davon.

Gianna Nannini: Sehen Sie! Ach, ich vermisse Deutschland und die Deutschen. Ich habe jetzt wieder einen deutschen Musiker in meiner Band. Ich mag euren Hang zum Logischen: Heidegger und Kant. Und ihr habt auch einen anderen Erziehungsstil als die Italiener.

BRIGITTE-woman.de: Nämlich?

Gianna Nannini: Meine Berliner Freunde lassen ihre Kinder ruhig mal länger schreien, wenn sie das Gefühl haben, dass es nichts Ernstes ist. Dass das Kind nur Aufmerksamkeit will. Die italienischen Mütter zerfließen bei jeder Kinderträne vor Mitleid.

BRIGITTE-woman.de: Sie sind eine Mamma!

Gianna Nannini: Ich halte es aber wie die Deutschen. Wenn Penelope Trost braucht, tröste ich sie. Wenn sie nur launisch ist, reagiere ich nicht.

Italienische Frauen sind viel zu sehr mit Blowjobs beschäftigt. Aber vom Blowjob wird man nicht schwanger

BRIGITTE-woman.de: Wird sie auch mal so ein Feger wie Sie?

Gianna Nannini: Oh, sie soll ruhig etwas wagen. Aber ich bringe ihr bei, mit Gefahren richtig umzugehen, ohne dass sie zu ängstlich wird.

BRIGITTE-woman.de: Wie regeln Sie den Alltag?

Gianna Nannini: Mithilfe von Babysittern. Außerdem: Hier in meinem Haus sind immer viele Leute. Wir sind wie eine Familie. Und es wohnt noch eine gute Freundin bei mir. Wir kennen uns schon sehr lange, und ich weiß, dass ich mich auf sie verlassen kann.

BRIGITTE-woman.de: Vor einiger Zeit haben Sie sogar den Wunsch nach einem zweiten Kind geäußert. Hat sich daran etwas geändert?

Gianna Nannini: Ja, für ein zweites Kind habe ich einfach keine Zeit. Es wäre unmöglich, mit zwei Kindern weiterhin Musik zu machen. Außerdem haben mir die Ärzte gesagt, dass ich mein Leben riskieren würde. Ich ziehe es vor, zu leben.

BRIGITTE-woman.de: Sie wurden wegen Ihrer späten Schwangerschaft massiv angegriffen und gingen dann offensiv damit um, indem Sie sich mit nacktem Babybauch ablichten ließen. Haben die Reaktionen Sie sehr verletzt?

Gianna Nannini: Die meisten Schmähartikel sind erschienen, als ich im sechsten Monat war. Von da an habe ich keine Zeitungen mehr gelesen. Die Linken, die Rechten, sie alle hatten etwas zu meiner Schwangerschaft zu sagen, ohne irgendwelche genaueren Informationen zu haben.

BRIGITTE-woman.de: Was vielleicht damit zusammenhängt, dass Sie Ihrerseits die Öffentlichkeit immer wieder provoziert haben. Einerseits haben Sie sich als Frau für italienisches Empfinden etwas Ungehöriges erlaubt. Andererseits haben Sie immer wieder auf die Benachteiligung der Frauen hingewiesen. Warum gehen in Italien nicht mehr Frauen auf die Barrikaden, indem sie sich ernsthaft in die Politik einmischen?

Gianna Nannini: So langsam ändert sich daran etwas. Bisher waren wir Italienerinnen die Letzten, die sich in der Politik engagierten. Das kam für die italienischen Frauen traditionell nie infrage. Sie sollten die Kinder bekommen und zu Hause bleiben. So mag der italienische Mann seine Frau.

BRIGITTE-woman.de: Dabei kommen doch heutzutage nur noch knapp anderthalb Babys auf eine Italienerin.

Gianna Nannini: Stimmt, inzwischen sind wir mit unserer Geburtenrate ganz unten in der europäischen Liste. Italiener haben Sex, aber sie schlafen nicht mehr richtig miteinander. Die italienischen Frauen sind viel zu sehr mit Blowjobs beschäftigt. Aber vom Blowjob wird man nicht schwanger.

Meine Religion ist die Musik. Konzerte haben eine rituelle Funktion

BRIGITTE-woman.de: Man wüsste ja schon gern, wie die heilige Maria schwanger geworden ist, oder?

Gianna Nannini: Zuerst bekam Maria den Engel geschickt. Nach Maria war ich als Nächste dran.

BRIGITTE-woman.de: Zumindest verschweigen Sie, wer der Vater Ihres Kindes ist.


<antwort name = "Gianna Nannini">Wo wir schon mal bei der Bibel sind: Wenn die heilige Elisabeth im hohen Alter noch Johannes den Täufer zur Welt bringen konnte, warum sollte ich keine späte Mutter werden? Und da Elisabeth so einen tollen Kerl geboren hat, können wir ja nur Großartiges von meiner Tochter Penelope erwarten. Sie wird sicher mal eine Revolutionärin. (lacht) Die Kirche hatte übrigens auch große Probleme mit meiner späten Schwangerschaft.

BRIGITTE-woman.de: Kinder kriegen müsste doch im Sinne der Kirche sein.

Gianna Nannini: Aber irgendwie mache ich den Leuten dort Angst. Dabei habe ich eigentlich nichts gegen die Bibel. Mit einem Priester und Friedenskämpfer, mit dem ich einmal durch den Irak gereist bin, habe ich viel darüber gesprochen. Diese religiöse Poesie ist ja eigentlich sehr menschlich und schön. Aber die Kirche jagt den Menschen lieber Angst ein.

BRIGITTE-woman.de: Woran glauben Sie?

Gianna Nannini: Meine Religion ist die Musik. Konzerte haben eine rituelle Funktion.

BRIGITTE-woman.de: Kurz vor seinem Rücktritt haben Sie im Interview den deutschen Papst Benedikt gelobt.

Gianna Nannini: Mir gefiel seine Nüchternheit. Aber ich würde nie ehrfürchtig gebeugt vor einen Papst treten und sagen: "Papa, ich liebe dich." Außerdem habe ich meine ganz eigenen Erfahrungen mit dem Vatikan: Als ich mir für meine Doktorarbeit aus dem Archiv des Vatikans Bücher über den ersten Weltkrieg besorgt habe, rief der Präfekt, als er mich sah: "Ah, da ist ja die Frau, die nicht alle Tassen im Schrank hat!"

BRIGITTE-woman.de: Sie sind schon immer sehr streitbar gewesen. Doch in Ihrer eigenen Version von "Tornerai", einem Klassiker aus den 30er Jahren, klingen Sie ungewöhnlich sentimental. Sie haben das Lied am Schreibtisch Ihres verstorbenen Vaters geschrieben. War das ein Rückblick in die Kindheit?

Gianna Nannini: Wegen meiner Tochter bin ich ja jetzt häufiger im Haus meiner Eltern. Ich setzte mich an den Schreibtisch meines Vaters, dorthin, wo er mir oft die traditionelle Version des Liedes "Tornerai" vorgesungen hat.

BRIGITTE-woman.de: Sie hatten ein ambivalentes Verhältnis zu ihm. Er wollte, dass Sie sein italienweit bekanntes Konditoreiunternehmen in Siena übernahmen. Aber Sie weigerten sich.

Gianna Nannini: Ich habe ihn geliebt. Aber ich musste als Teenager von zu Hause weggehen, weil ich frei sein wollte. Er war ein guter Vater. Das Einzige, was er immer bemäkelte, war, dass ich so undeutlich spreche. Das ist heute noch so. Er schenkte mir sogar einen Italienischkurs für Engländer, weil er meinte, so könnte ich lernen, nicht dauernd ganze Wörter zu verschlucken. Ansonsten traute er mir zu, eines Tages sein Unternehmen weiterzuführen. Er fand, dass Frauen bessere Chefs sind als Männer, und hatte auch die entsprechenden Positionen in seiner Firma mit Frauen besetzt. Er war ein Feminist.

BRIGITTE-woman.de: Haben Sie konkrete Pläne für die Zukunft?

Gianna Nannini: Im Alter möchte ich Senatorin sein, also zu Hause bleiben und nichts tun. Nein, ernsthaft, vor vielen Jahren hat man mich mal als Ehrensenatorin vorgeschlagen. Aber ich habe abgelehnt. Ich fand es zynisch, dass man für die Verdienste um die Kultur seines Landes geehrt werden soll.

BRIGITTE-woman.de: Dass Sie sich faul zurücklehnen und gar nichts tun, kann man sich nur schwer vorstellen.

Gianna Nannini: Es gibt ein neues Projekt. Ich habe in der letzten Zeit viele Bücher der Schriftstellerin Elsa Morante gelesen. Eine echte Revolutionärin. Sie gehörte zu einem Kreis von Künstlern, der sich regelmäßig in Rom traf. Ich möchte so etwas Ähnliches hier in auf die Beine stellen. Deshalb habe ich eine Stiftung gegründet, die Künstler aus allen Bereichen zusammenbringen soll. Wir sollten uns gegenseitig helfen und inspirieren. Darin liegt unsere Zukunft.

Interview: Christiane Rebmann BRIGITTE WOMAN 04/13

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Kommentare (2)

Kommentare (2)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ich finde den Artikel auch interessant und ich finde es schön, dass er die Neutralität bewahrt – insbesondere beim Thema „Mutter über 50“. Ich persönlich glaube generell nicht, dass wir etwas schwarz-weiß in gut oder schlecht einordnen können. Es gibt grundsätzlich Vor- und Nachteile. Davon abgesehen – wenn ich anfange darüber nachzudenken, ob es für ein Kind gut ist, wenn die Mutter bereits über 50 Jahre alt ist bei der Geburt, kann ich auch darüber nachdenken, ob es gut für das Kind ist, wenn die Mutter körperlich oder psychisch krank ist oder wenn sie einfach nur unzufrieden ist oder aggressiv. Davon abgesehen, dass es aus meiner Sicht eine Anmaßung wäre – es würden auch nicht mehr viele „gute Mütter“ übrig bleiben.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Interessanter Artikel, aber die Oma-Mutter-Geschichte finde ich mehr als fragwürdig; zum Glück melden sich inzwischen ja auch immer mehr Kinder dieser sehr späten Eltern zu Wort und mahnen einen anderen Umgang mit Kinderwunsch an. Nicht alles, was medizinisch geht, ist ethisch und menschlich verantwortbar.

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