Anja Silja: Wo ihre Karriere begann

Anja Silja ist eine der gefragtesten Sopranistinnen der Welt. Angefangen hat ihre Karriere mit einem Konzert in einem Seglerheim.

Das Seglerheim in Kladow 1959

Die Erinnerung beginnt auf der Heerstraße. "Links auf dem Grünstreifen fuhr die Straßenbahn", erzählt Anja Silja. Sie sitzt auf dem Beifahrersitz und versucht, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie mitbremst und Gas gibt, während wir uns über die Havelbrücke Richtung Westen schlängeln. "Mit dieser Bahn sind mein Großvater und ich immer in die Oper gefahren." Ein Riesenabenteuer sei das gewesen, das immer bis spät in die Nacht dauerte. Von Groß Glienicke in die Innenstadt war es weit, eine halbe Weltreise für ein kleines Mädchen aus dem Havelland.

"Aida" war die erste Oper, das weiß Anja Silja noch. Neun Jahre war sie damals alt und noch ein Jahr von ihrer Wunderkind-Karriere entfernt. Die, so spektakulär sie war, ist längst Geschichte, abgelöst von der längsten Bühnenkarriere einer Opernsängerin überhaupt.

59 Jahre sind es inzwischen, und Anja Silja denkt nicht daran, aufzuhören. "Das ist das, was ich gelernt habe. Warum soll ich es lassen, solange ich es noch kann?" Sie kann es. Ihre Stimme ist im Laufe der Jahre noch weiblicher geworden. Die Gänsehaut, die man beim Zuhören bekommt, ist die gleiche geblieben.

Wir sind auf dem Weg dorthin, wo alles anfing. Anfang August 1950 war das. Im alten Seglerheim in Berlin-Kladow. Dort, einen strammen Fußmarsch entfernt vom Haus der Großeltern, bei denen sie aufwuchs, stand Anja Silja als Zehnjährige auf einer winzigen Bühne und sang ihr erstes Konzert, im weißen Organzakleid, mit Schleife im Haar. "Die war bestimmt schief, meine Schleifen waren immer schief", sagt sie. Damals habe sie keine Ahnung gehabt, wo das alles hinführen würde. "Ich war noch nie ehrgeizig, ich wollte einfach nur singen. Es hat mich mitgerissen, wie im Rausch."

Bei ihrem ersten großen Konzert war Anja Silja elf

Ich habe nie beschlossen Sängerin zu werden, ich war einfach eine.

Elf war sie bei ihrem ersten großen Konzert in der Hamburger Musikhalle, Arien und klassische Lieder über dreieinhalb Oktaven. Es war eine Sensation. Bereits acht Jahre später stürzte sie sich in Bayreuth als Senta ins Meer. Knapp 20, gertenschlank, ein Skandal. Als Erste war sie genauso alt wie Wagners tragische Holländer-Heldin, trug Minirock - damals eine Handbreit über dem Knie - und fuhr schnelle Autos. Dann war da noch Wieland Wagner, Komponisten-Enkel, Festspielchef, Regisseur, der für die junge Sopranistin de facto seine Familie verließ. Die Gemeinde auf dem Grünen Hügel war fasziniert, entsetzt und begeistert.

In Anja Siljas Erinnerungen verwischen die Einzelheiten. "Es war alles so viel, dass es einfach nur war", versucht sie es zu beschreiben. "Aber was genau es war, dass habe ich verpasst, irgendwie. So, als wäre ich nicht dabei gewesen. Das ist natürlich sehr schade." Nachgedacht habe sie in diesen Jahren nicht viel. Nur gehandelt. Kein Wunder, bei dem Pensum. Mehr als 30 Inszenierungen in sechs Jahren: Wagners Brünnhilde, Venus, Isolde, Strauss' Elektra und Salome; Bergs Marie und Lulu. Und dazwischen das private Drama Anja und Wieland. Sängerin und Mentor. Muse und Regisseur. Isolde und Tristan. Dann war Wieland plötzlich tot. Da war Anja Silja 26 und dachte, ihr Leben sei zu Ende.

Am Berliner Wannsee hatte Anja Silja vor 60 Jahren ihren ersten großen Auftritt, heute ist sie weltberühmt.

Wir biegen ab von der Heerstraße Richtung Süden, nach Gatow. "Da an der Ecke stand die Imbissbude. Wenn der Großvater mir dort eine Bockwurst kaufte, war das für mich das Größte", erinnert sich Anja Silja. "Der Bus, mit dem wir weiterfahren mussten, ging nur alle zwei Stunden, wir haben ewig an den Haltestellen gestanden." Wir fahren an dem alten Militärfl ughafen vorbei, weiße Kasernengebäude in Reih und Glied. An der Rückseite des Rollfeldes stand nach Kriegsende oft ein kleines strohblondes Mädchen mit aufgeschrammten Knien und beobachtete die englischen Militärmaschinen. Stundenlang. "Das war die große weite Welt für mich", sagt Anja Silja. Im Tennisclub Rot-Weiß nebenan hat sie auch gesungen. Eine große Sache war das damals, traf sich doch dort die feine Gesellschaft. Für das singende Kind gab es Applaus, ein warmes Essen und ein paar Mark Gage.

Wir sind fast da. "Da, an der Ecke im 'Alten Dorfkrug', hat mir der Großvater Eis gekauft, als ich einmal stockheiser war", erzählt Anja Silja im Vorbeifahren. "Seitdem weiß ich, dass man dann Eis essen muss." Oft hat sie dieses Wissen nicht gebraucht. Sie ist selten krank. Wahrscheinlich, weil sie sich nicht verhätschelt, sagt sie. Auch jetzt steigt die Sängerin trotz der Kälte ohne Schal aus dem Auto. Eis schwimmt auf dem Wannsee, Enten balancieren über die Schollen. Opernstar- Allüren wie weiße Schals um Mund und Nase oder Halsbonbons sind Anja Silja fremd. "Ich muss mich auch nie einsingen", erzählt sie. "Ich gehe hin, ziehe mich um und singe."

Das tut sie, solange sie denken kann. "Ich habe nie beschlossen, Sängerin zu werden. Ich war einfach eine", sagt sie. Als sie sechs Jahre alt war, begann ihr Großvater, Porträtmaler, Hobbysänger und Wagnerianer, ihr Gesangsstunden zu geben. Jeden Tag eine halbe Stunde. "Das ging, bis ich 22 war - die wohl gründlichste Gesangsausbildung der Welt. Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass ich immer noch singe", sagt Anja Silja. Zur Schule ging sie nur das erste Jahr, danach nie wieder. "Mein Großvater dachte, ich passe dort nicht hin." Die Schule, meinte Aders van Rejn, würde seiner Enkelin ihre Unverfälschtheit nehmen, sie dazu bringen, sich an eine Norm anzupassen. Also brachte er ihr alles bei, was sie wissen sollte: Rechnen, Lesen, Schreiben, Geschichte, griechische Mythologie. Und natürlich Wagner.

Anja Silja konnte früh Wagner auswendig

Auf dieser Bühne sang Anja Silja als kleines Mädchen den "Frühlingsstimmenwalzer" von Johann Strauß.

Schon mit zehn konnte Anja Silja alle Wagner-Rollen auswendig, nicht nur die der Frauen. Das klingt alles nach Drill und Zwang, aber so war es nicht, beteuert Anja Silja. "Ich hatte eine wunderschöne Kindheit, sehr frei und ohne Zwänge. Ich konnte alles, durfte alles, machte alles. Auch als später die Konzerte losgingen, fand ich das toll. Es war spannend, und ich war immer irgendwie wichtig. Welches Kind mag das nicht?" Besorgte Kritiker unkten, dass sie ihre Stimme ruinieren würde, all diese schweren Partien und so früh. "Leider sind die schon alle tot, daher kann ich ihnen nicht beweisen, wie falsch sie lagen", sagt Anja Silja fröhlich und quietscht. Das fängt in der Höhe an, rutscht tief in die Kehle und endet hoch oben. Das macht sie hin und wieder, einfach so. Nur um zu gucken, ob die Stimme noch da ist. Ist sie.

Im alten Seglerheim an der Imchenallee ist nichts so wie früher.

"Früher war hier alles anders": Das ehemalige Seglerheim ist heute ein italienisches Restaurant.

Das Haus, ein Hotel, ist verrammelt für den Winter. Den Saal, wo Anja Silja ihr erstes Konzert geben durfte, gibt es nicht mehr. In der Eingangshalle hängen alte Fotos. Sepiagetönt, wirken Saal und Bühne darauf größer als in Anja Siljas Erinnerung. "Die haben da sonst Lesungen gemacht oder Akkordeonkonzerte", sagt sie.

Das Kind Anja hat dort den "Frühlingsstimmenwalzer" gesungen, von Strauß, Johann. Die Pagenarie aus Meyerbeers Hugenotten und Lieder von Schubert und Brahms. Mit einer Stimme wie eine Große. Bei geschlossenen Augen würde man nicht glauben, dass dort ein Kind sänge, schrieben Kritiker ungläubig. Solche Ehrfurcht vor sich selbst kannte Anja Silja auch damals nicht. "Beim 'Ave Maria' habe ich mich im Seglerheim so verheddert, dass ich mitten im 'O Jungfrau, eine Jungfrau ruft' abbrach und sagte: 'So eine Scheiße, ich fang noch mal von vorne an'", erzählt sie. "Die Leute im Saal haben laut gelacht, weil das doch alles so heilig war gerade."

Die Anlieger des kleinen Yachthafens sind leer, die Boote eingemottet bis zum Frühling. Eine Gruppe dick eingemummelter älterer Damen marschiert an uns vorbei in die kleine Pizzeria nebenan. "Die sehen alt genug aus, die könnten mich noch von früher kennen", witzelt Anja Silja. "La Riviera" steht auf der kleinen Holzhütte, die geduckt neben dem weißen Seglerheim steht. Drinnen knackt das Feuer im Kaminofen. Großes Getuschel am Damentisch, dann prasselt Applaus. "Solange ich denken kann, sind Sie schon mein Idol", sagte eine Mutige mit schwarzen Haaren. "Wir sind doch ein Jahrgang!" Immer wieder habe sie all die Jahre ihre Konzerte besucht, in Hamburg, Frankfurt, sogar in Cleveland, Ohio. Nur in Bayreuth sei sie nie gewesen. "Da war ich noch zu jung." Anja Silja stutzt, schaut zu ihr hoch und lacht.

"Wahrscheinlich war ich das auch." Dem Damentisch erzählt sie: "Wir sind hier, weil ich nebenan vor 59 Jahren mein erstes Konzert gegeben habe!" Die Damen, alle einst Kolleginnen an einer Spandauer Schule, schauen ungläubig. "Wer weiß, wie meine Karriere verlaufen wäre, hätte ich heute erst angefangen", überlegt Anja Silja über Cola und Pizza. "Bestimmt hätte ich bei so einer Casting-Sendung mitgemacht und wäre schon mit 14 Millionärin gewesen. Oder vielleicht auch nicht. Mein Großvater hat damals alle Hollywood-Angebote für mich abgelehnt. Sein Traum war es ja, dass ich in Bayreuth singe." Nach Wieland Wagners Tod sang sie dort nie wieder. Dafür in Frankfurt, Stuttgart, Genf, Bologna, London, Zürich, Brüssel, Tokio, San Francisco, Paris, Chicago, New York, Hamburg ...

Eine Legende sei sie, muss Anja Silja oft über sich lesen.

Das Wort mag sie nicht. Das klingt so nach Stillstand und "Best of"-Platten. "Man muss immer etwas Neues machen", sagt sie. Sie langweilt sich selten. Auch nach einem so langen Bühnenleben gibt es Häuser, an denen sie noch nie gespielt hat. Wie die Komische Oper in Berlin. Dort singt sie die Gräfin in Tschaikowskys "Pique Dame". Dann sind da die Liederabende, die sie gerade erst für sich entdeckt. Für jemanden, dem die Interpretation der Figur viel wichtiger ist als bloßer Schöngesang, muss es sich merkwürdig nackt anfühlen, so ganz allein und ohne Rolle auf der Bühne.

Bei der Premiere von Leos Janáceks Oper "Jenufa" an der Deutschen Oper Berlin (2002).

Wir brechen auf. Drüben, in Sakrow, am anderen Ufer des Wannsees, ist der Dirigent Christoph von Dohnanyi aufgewachsen, Anjas späterer Mann und Vater ihrer drei Kinder. "Ist das nicht lustig?", fragt Anja Silja. Sie hätten aneinander vorbeilaufen können damals, aber Christoph, elf Jahre älter, hätte sie kleines Ding bestimmt nie beachtet. Das kam erst später, als sich Dirigent und Sängerin in München verliebten. 1968 war das. Gefährlich sei sie, habe er ganz am Anfang ihrer Beziehung festgestellt. "Deine Männer sterben ja immer!" Stimmt. Ihre beiden großen Lieben starben früh: Erst Wieland Wagner, dann der Dirigent André Cluytens, dessen Pariser Haus Anja Silja heute gehört. Sie hat beide nie vergessen und überlegt auch jetzt noch oft, was sie wohl zu diesem oder jenem sagen würden. Christoph von Dohnanyi traute sich trotzdem. Anja Silja sich noch mehr. Schließlich kam der Mann im Dreierpack, mit zwei halbwüchsigen Kindern. Während er Karriere machte, machte Anja Silja Pause. "Nach der Geburt meiner drei Kinder wurden meine Auftritte immer sporadischer. Es passte einfach nicht zusammen. Als ich 1984 mit Christoph nach Cleveland ging, gab es mich als Sängerin überhaupt nicht mehr", erzählt sie. "Das ging erst nach der Trennung von Christoph, 1989 auf dem Festival in Glyndebourne, wieder richtig los."

Das ist nun auch schon wieder 20 Jahre her. Bis Ende 2010 ist Anja Silja ausgebucht. Leipzig, Mailand, Wien, Toulouse sind dabei und noch ein paar Städte mehr, die ihr gerade nicht einfallen. Dort singt sie "Pique Dame", Schönbergs "Pierrot Lunaire" und "Erwartung" und natürlich Janácek, nach Wagner ihre große musikalische Liebe. Die Küsterin in "Jenufa" ist eine ihrer großen Charakterrollen.

Früher wusste Anja Silja immer drei Jahre im Voraus, wann sie wo was singen würde.

Jetzt nicht mehr. "Was weiß ich, wie es in zwei Jahren mit mir und meiner Stimme aussieht?", sagt sie. "Schließlich werde ich nächstes Jahr 70." Wir steigen ins Auto und fahren weiter Richtung Süden, dorthin, wo Anja Silja die ersten zehn Jahre ihres Lebens verbracht hat. Die Nachbarschaft ist nicht spektakulär:

Einfamilienhäuser, Dauercampingplätze am Seeufer und viel, viel Wald. "Das war mein Schulweg, in dem einen Jahr, in dem ich hinging", sagt sie. "Ich fand es immer etwas unheimlich zwischen den Bäumen." Nachts träumte sie oft von Drachen und Hexen. "Und immer, wenn ich Käuzchen höre, muss ich an diesen Weg denken." Das winzige Haus, das die Großeltern an der Uferpromenade 37 gemietet hatten, steht längst nicht mehr. Doch die großen Gärten auf der anderen Straßenseite, über die Anja Silja einst an den See stromerte, die gibt es noch. "Im Winter konnte man da Schlittschuh laufen, mit Kufen, die man unter die Schuhe schraubte. Den Schlüssel zum Abschrauben habe ich oft verloren." Und der alte Laden steht noch, oben am Seekorso, wo Lebensmittelhändler Völzke die Kartoffeln stets aus der Garage holte, damit das Kind Anja sie nach Hause schleppen konnte.

Von allen Figuren, die Anja Silja gespielt hat, fühlt sie sich Emilia Marty am meisten verbunden, der Operndiva aus Janáceks "Die Sache Makropulous", die nach 300 Jahren ewigen Lebens endlich sterben möchte. 60-, 70-mal hat sie die Rolle bestimmt gesungen. "Emilia Marty muss sich immer wieder neu erschaffen", sagt Anja Silja. "So viele Stationen!

Die hatte ich auch: Da war das Wunderkind, die Zeit mit Wieland, mit André, meine Ehe und die Kinder und die Zeit jetzt." Doch während Emilia Marty am Ende der Oper keinen Sinn mehr darin sieht, weiterzuleben, sprüht Anja Silja vor Energie. "Alt ist man, wenn einem nichts mehr einfällt", sagt sie, während wir wieder ins Auto steigen. Die Birkenallee am Seekorso sieht im Winterlicht sehr russisch aus. "Das passt doch", sagt Anja Silja. Gerade hat sie eine CD mit wunderbar traurigen Liedern von Rachmaninow und Tschaikowsky aufgenommen - auf Russisch. "Das ist schon wieder mal etwas ganz Neues für mich."

Text: Meike Bruhns Fotos: Bernd Uhlig
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