Jan Fedder: Klare Worte, klare Werte

Jan Fedder ist ein feiner Kerl und harter Hund. Als Kiezbulle im "Großstadtrevier" ist er der beliebteste Polizist Deutschlands. Die Dreharbeiten am Hamburger Hafen sind für ihn ein Heimspiel.

Ein echter "Hamburger Jung": Früher war Jan Fedder Chorknabe in der Hamburger Michaeliskirche.

Hier im Michel hab ich im Kirchenchor gesungen, mit sieben angefangen und dann bis zum Stimmbruch", sagt Jan Fedder und steigt die Stufen zur Hauptorgel der Hamburger Michaeliskirche hoch, die als eine der schönsten Barockkirchen Norddeutschlands gilt, "und zwar Sopran." Dabei lächelt er, denn mehr als 40 Jahre später klingt seine Stimme so rauchig wie ein übervoller Aschenbecher, von mindestens zwei Packungen Zigaretten täglich. Als seine Stimme tiefer wurde, hat Jan Fedder 14 Jahre lang die Weihnachtsgeschichte vorgelesen, vorn, am Altar, die Kirche immer knackvoll . . . "Und es begab sich zu der Zeit, als alle Welt geschätzet würde und diese Schätzung war die allererste. . . ", er kann den Text heute noch.

"Mein Vater Adolf Fedder war Kirchenvorstand und hat die Kneipe ,Zur Überseebrücke' direkt am Hamburger Hafen von seinem Vater übernommen", erzählt Fedder, "und zwar genau da", er zeigt auf das Gruner + Jahr-Verlagsgebäude, "wo nach dem Krieg alles in Schutt und Asche lag." Mutter Gisela, eigentlich Tänzerin, arbeitete in der Esso-Tankstelle gegenüber, so lernte man sich lieben. Das Hafengelände war für den kleinen Jan wie ein riesiger Kinderspielplatz, in dem er und seine Freunde sich austobten, in ausgebrannten Autowracks herumkraxelten und in einem leer stehenden Lagerhaus aus Holzkisten ganze Städte zusammenbauten.

Jan Fedder betet jeden Tag zu Gott

Sein Kinderspielplatz war das Gelände rund um den Hafen.

Sich Welten ausdenken, in denen er die Regeln bestimmte, das hat Jan Fedder damals schon gefallen. Optimistisch war das Lebensgefühl, trotz Schutt und Asche, weil alles möglich schien und auch der Hafen wieder langsam zu leben anfing. Heute ist hier nur noch reines Business. "Alles weg", bedauert Jan Fedder, "die Schauermänner, die alten Pötte, die Kneipen. Nur noch Container, wohin man guckt. Nicht meine Welt." Auch die Reeperbahn nicht mehr, wo er als junger Mann "als Rocker und Vollchaot" sein Unwesen trieb, wo Probleme noch ehrlich mit der Faust ausgetragen wurden, "heute tritt man zu, wenn der andere blutend am Boden liegt, das ist nicht mehr der Kiez, den ich kenne". Nur im Michel fühlt er sich noch so zu Hause wie früher, auch wenn er das protestantische Gotteshaus nur selten besucht.

"Ich bete jeden Tag zu Gott. Wir haben ein gutes Verhältnis, wir duzen uns." Klare Worte, klare Werte, so ist Jan Fedder aufgewachsen und ein Mann geworden, der sich nicht verbiegen lässt, in keine Richtung. Von Regisseuren nicht und von Kritikern schon gar nicht. Ein Mann, der sich im Rotlichtviertel genauso auskennt wie auf der Bühne des ehemaligen Kindertheaters "Klecks", in dem er als junger Mann fast 20 Jahre mitgearbeitet hat. Ein Vollblutschauspieler, der als Krawallo mit langen Haaren und Lederjacke in TV-Filmen anfing und jetzt sagt: "Siegfried Lenz? Den lese ich nicht, den spiele ich." Das Herz, so hat es Woody Allen einmal beschrieben, ist eben ein sehr dehnungsfähiger kleiner Muskel. "Jan ist Kiezianer vom Scheitel bis zur Sohle, ein Gesamtkunstwerk", sagt Peter Heinrich Brix, sein Kollege aus der norddeutschen Kultserie "Neues aus Büttenwarder", "wenn man ihn in seinem Saft lässt, kommt was Wunderbares bei rum."

Einfühlsam und liebevoll, das ist Jan Fedder.

Sein Saft war immer der Kiez am Hafen, da, wo Hamburg am ehrlichsten, brutalsten und spannendsten ist. Der weite Blick über die Elbe reichte aus, um sein Fernweh zu befriedigen, so konnte er in Deutschlands Norden bleiben, "wo viel mehr los ist als in Amerika. Da ist es doch im Grunde langweilig", sagt Jan Fedder, "wo ich 'ne Sprache nicht sprech, da muss ich nicht hin". Für solche Sätze wird er geliebt. in Volksschauspieler ist er geworden, genauso wie sein großes Vorbild Henry Vahl. "Er kennt die Typen, die er spielen soll, da gibt er seine Seele hinein, und es fängt an zu leuchten", sagt sein Produzent Markus Trebitsch, der ihm die Hauptrolle in der Siegfried- Lenz-Verfilmung "Der Mann im Strom" zutraute, für die Jan Fedder 2006 den Deutschen Fernsehpreis bekam. "Ich wusste schon immer, dass ich das kann", sagt er, "jetzt wissen es alle." Feiner Kerl, harter Hund, begnadeter Charakterschauspieler, findet auch der Produzent und Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt, und Schauspielerkollegin Mareike Carrière sagt über ihn: "Jan hat eine äußerst zarte, aber auch eine unergründliche Seele. Wenn man hineinblickt, sollte man schwindelfrei sein."

Als Heidi Kabel vor sieben Jahren in Hamburg den Bambi für ihr Lebenswerk bekam und verwirrt auf der Bühne stand, weil sie nicht mehr wusste, wo sie war, da ging - bevor es peinlich wurde - Jan Fedder einfach zu ihr, nahm ihren Arm und führte sie behutsam von der Bühne. Und keiner merkte etwas. "Da, wo es ans Eingemachte geht", sagt Markus Trebitsch, "ist Jan sehr einfühlsam und liebevoll."

Wer ihm zum ersten Mal begegnet, dem fällt das Wort "einfühlsam" nicht als Allererstes ein. Passt irgendwie nicht zu einem Mann, der seinen ersten großen Auftritt als Bootsmaat Pilgrim in "Das Boot" hatte und zwar mit den Worten: "Hast du Haare in die Nase? Ich hab welche im Arsch, die können wir zusammenknoten." Der trotz seiner 56 Jahre ziemlich maßlos raucht und trinkt, "ich bin ein Schlucklöwe". Die wilden Zeiten, als er regelmäßig in der Kultkneipe "Ritze" versackte, sind zwar vorbei, aber man kennt und grüßt ihn begeistert, als er in einer eiskalten Dezembernacht in einer Drehpause vom "Großstadtrevier" vor seinem alten Mercedes in der Silbersackstraße posiert.

"Ich könnte noch immer jeden unter den Tisch saufen", sagt er und lächelt. Manchmal will er noch. Er mag die Dinge schnörkellos und direkt. Sendungsbewusstsein, hehre Ziele, damit kann er nicht dienen, damit ist er nicht aufgewachsen. "Ich will Spaß haben, schöne Filme machen, mich auf den Tag freuen", sagt er in seinem verräucherten Büro in der alten Revierwache Mendelssohnstraße, Drehort aller Innenaufnahmen des "Großstadtreviers", "und wenn's vorbei ist, fetter Eichensarg, ab in die Promi-Ecke vom Ohlsdorfer Friedhof und dort eingebuddelt."

Mit seinem alten Mercedes auf dem Kiez während einer Drehpause vom "Großstadtrevier".

Aber beständig ist Jan Fedder trotzdem. Seit 19 Jahren spielt er Dirk Matthies, den Kultbullen in der Vorabendserie "Großstadtrevier". Die Rolle, in die er inzwischen schlüpft wie in einen vorgewärmten Bademantel, bereitete ihm seinerzeit erhebliche Kopfschmerzen. "Als Fernsehbulle war ich die Lachnummer vom Kiez", sagt Fedder und inhaliert tief, "aber heute, wo so viele Kollegen arbeitslos sind, bin ich heilfroh, dass ich die Rolle angenommen hab." Sein Alter Ego Dirk Matthies durchstreift lässig das Revier, würdigt Dienstvorschriften mit maximal einer hochgezogenen Augenbraue und haut nach Feierabend vermutlich genauso "auf den Karton", wie es Jan Fedder eigenen Angaben zufolge ebenfalls tat.

Doch seit er Marion, die blonde, schöne Werbekauffrau vor elf Jahren heiratete, ist Ruhe im Karton, obwohl Frauen in seiner Gegenwert "gern ein bisschen drollig werden", wie er es nennt und dabei ganz fein lächelt. Seine Junggesellenbude auf dem Kiez hat er trotzdem behalten, aber er lebt mit seiner Frau Marion in einer Wohnung im bürgerlichen Harvestehude und auf seinem Bauernhof in der Nähe von Itzehoe. Dort sammelt er Oldtimer, Trecker, Tierköpfe und exotische Preziosen aus aller Welt, darunter eine XXXXL-Unterhose von Idi Amin, die 1200 D-Mark gekostet hat, einen Tropenhelm von Albert Schweitzer, einen Kondomautomaten aus dem ehemaligen Hamburger Sexclub "Salambo"; den Schreibtisch von Inge Meysel benutzt er als Küchentisch.

Die Leidenschaft zum Horten hat er von seinem Großvater. "Wenn die Seeleute von ihren Reisen zurückkamen, haben sie ihm Souvenirs mitgebracht, die Schrumpfköpfe aus der Südsee hat er besonders geliebt", sagt Jan Fedder nach einer Szene an den Landungsbrücken und blickt über den Hafen, "er hat ungefähr 20 Keller angemietet, um alles unterzubringen.

Jan Fedder kann nichts wegschmeißen

In einem Zimmer, seinem ganz persönlichen Heimatmuseum, ist alles hinter Glas, "was mich zu dem gemacht hat, der ich heute bin", sagt Jan Fedder, "mein alter Legokasten, meine Schulhefte, ein Walkman, alte Kifferutensilien, Werkzeuge von meinem Vater, mein Afghanenmantel aus den Siebzigern". Er kann nichts wegschmeißen, er hält fest, er will nicht vergessen. "Hast du Lust zu tanzen?", fragte die Mutter ihren Zehnjährigen, weil sie als ehemalige Tänzerin das Künstlerische in ihm wecken wollte.

Jan Fedder hatte vor Tänzer zu werden, verbog sich mit 14 Mädchen an der Ballettstange, bevor er feststellte, dass Schauspieler sehr viel mehr Spaß am Leben haben als Tänzer, und sich an der Hamburger Schauspielschule einschrieb. Die besuchte er abends, tagsüber tat er seinen Eltern den Gefallen und machte eine kaufmännische Lehre. 42 Jahre und ungefähr 400 Filme später hält er sich noch immer für keinen, den die "Muse geknutscht hat", wie er es auf seine hamburgisch-schnodderige Art nennt. "Ich mach mein Handwerk. Das kann ich gut. Ich bin wie ein altes Zirkuspferd, meine Sprünge werden niedriger, aber das Publikum klatscht noch."

Seit vielen Jahren dreht er fast nonstop, egal wie kurz und intensiv die Nacht zuvor war. "Großstadtrevier", "Neues aus Büttenwarder", in der Sommerpause steht er für zwei Fernsehfilme vor der Kamera. Er schuftet, wie früher Großvater und Vater geschuftet haben, "Ehre, Anstand, Arbeitseifer, nicht maulen, sondern anpacken, das find ich gut", sagt er, "mein Vater verzichtete uns zuliebe auf das große Geschäft, weil er seinen Laden pünktlich um 18 Uhr dichtmachte.

Das waren riesengroße Einbußen, aber er wollte nicht, dass seine Kinder ständig Besoffene sehen. Auch am Sonntag war dicht, da wurde die Kneipe zum Kinderzimmer, wo die ganze Familie gesungen und gespielt hat." Unter der Woche, wenn sich nach dem Mittagessen ein Elternteil aufs Ohr legte und das andere den Laden aufräumte, durften Jan und sein Bruder Oliver am Tresen die Stellung halten. Und wenn ein Betrunkener hereintorkelte, dann riefen sie: "Mutti, da kommt wieder einer." Und dann kam Mutti mit dem Schäferhund und verscheuchte ihn.

Das Team vom Großstadtrevier wartet schon auf Jan Fedder

"Sechs Tage Schule, und am Sonntag um neun Uhr Einsingen hier im Michel. Ausschlafen gab es nicht", sagt Jan Fedder, er ist stolz darauf, dass ihm diese eiserne Disziplin immer noch in den Knochen sitzt, die hat er sich erhalten. Und den Dickkopf. Deshalb ist er auch "ein Vegetarier mit gelegentlichem Hang zum Würstchen", weil er im Kindergarten Königsberger Klopse mit kalter Soße essen musste. "Hatte immer noch die Backen voll, als meine Oma mich um fünf Uhr nachmittags abholte", sagt er. Ein letzter Blick zum Altar. Er zieht die Schultern hoch, er will los, das Team des "Großstadtreviers" wartet. Er muss noch drehen, und das Licht geht langsam weg.

Text: Evelyn Holst Fotos: Jan Riephoff BRIGITTE WOMAN, Heft 08/11
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