Schön spröde: Die Schauspielerin Corinna Harfouch

Corinna Harfouch ist ebenso berühmt wie unberechenbar. Interviews gibt die Schauspielerin eher selten. Jetzt spricht sie gleich drei Rollen in der Hörspielfassung von James Joyce' "Ulysses" und hat eine Ausnahme gemacht. BRIGITTE WOMAN-Autorin Franziska Wolffheim war mit ihr in Berlin-Pankow verabredet. Aber dann kam alles anders.

Eine Stunde vor unserem Termin in Berlin ruft mich Corinna Harfouch auf dem Handy an und sagt das Interview ab. Sie wolle nicht über ihr Leben reden, über ihr Privatleben schon gar nicht. Sie würde mit ihrem Auto gleich wieder umdrehen, sagt sie energisch. Ich höre ihr zu, stehe auf dem Bahnhof Friedrichstraße, um mich herum Menschengewusel. Die S-Bahn nach Pankow, wo wir uns zum Mittagessen treffen wollten, fährt laut ratternd ein. Und ohne mich laut ratternd ab. Was jetzt?

Ich muss an Odysseus denken, den Helden des Dichters Homer. Der ist immer wieder gestrandet, hat zahlreiche Hindernisse überwunden. Und ist schließlich an seinem Ziel ankommen. "Ulysses" heißt in Anlehnung an Homer der berühmte Roman des irischen Autors James Joyce, der jetzt in einer fulminanten Hörspielversion erscheint. Corinna Harfouch spricht darin mehrere Rollen: einen Erzähler, eine Bardame und eine Puffmutter.

Ein wunderbarer Gesprächsstoff, sage ich zu ihr, während die nächste S-Bahn einfährt. Vielleicht ist das der Schlüssel. Ich spüre, wie die Schauspielerin schwankt. Dann setzt sie nach: Ob ich denn überhaupt vorbereitet sei? Ich überlege, ob ich jetzt auf dem lauten Bahnhof Friedrichstraße den "Ulysses" aus meiner Tasche holen und den ersten Satz in mein Handy brüllen soll. Quasi als Eintritts-Billet. "Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen..." Ich lasse es bleiben. Dann sagt Harfouch, völlig unerwartet: Sie würde es machen, aber nur zusammen mit dem Regisseur des Hörspiels, Klaus Buhlert. Wir fahren zu ihm, meint sie.

Eine Stunde später sind wir im Produktionsstudio von Buhlert in Prenzlauer Berg. Nachdem mich Harfouch in Pankow in ihr Auto eingeladen und anschließend in einem Café Berge von Kuchen und Croissants für uns gekauft hat. Könnte sein, dass wir jetzt am Ziel angekommen sind. Eine kleine Brücke baut sie mir: Sie sei normalerweise misstrauisch, sagt sie, das habe ich bestimmt schon bemerkt.

Corinna Harfouch ist eine der gefragtesten Schauspielerinnen Deutschlands, ihre Wandelbarkeit wird immer wieder gerühmt. Dass sie ihre eher herbe Schönheit nicht inszeniert, sondern sehr lässig herüberbringt, ohne auffällige Schminke, macht sie besonders anziehend. Alles, was nach Medienhype aussieht, ist ihr fremd, Talkshows meidet sie. Das Spielen, hat sie mal gesagt, sei für sie eine "Überlebensangelegenheit". Und an anderer Stelle: "Die mir gemäße Art des Spielens wäre im Grunde wohl das heimliche Spielen." Wahrscheinlich ist es das, woran sich die Unberechenbare immer wieder aufreibt: Die Arbeit, die sie so sehr liebt, ist zwangsläufig mit Öffentlichkeit verbunden.

Die Schauspielerin lacht. Betörend, frivol, albern, aufreizend, ausgelassen. Ein unglaubliches Lachen, es kommt aus irgendwelchen Tiefen, vielleicht auch direkt aus der Hölle. Das Lachen ist ein Ausschnitt aus dem 11. Kapitel des "Ulysses", Buhlert lässt uns in die Produktion hineinhören - ein Mammutprojekt von insgesamt 22 Stunden Dauer. Nur einen einzigen Tag beschreibt Joyce in seinem Roman, den 16. Juni 1904. An dem uns der Autor durch Dublin führt und dabei, unter anderem, die Odyssee des Anzeigenakquisiteurs Leopold Bloom erzählt. Ein Buch, das wegen seiner ständig wechselnden Sprachebenen als fast unlesbar gilt, ein stilistisches Labyrinth und ein moderner Klassiker. Im 11. Kapitel mit dem Titel "Sirenen" mimt Harfouch eine Bardame. Eine Frau, die die Männer mit Alkohol, ihrem Ausschnitt und ihrem Lachen verführt. Um möglichst viel Geld aus ihnen herauszupressen. Eine moderne Sirene. Wie schafft man es, auf Kommando so unfassbar aufreizend zu lachen? Harfouch sieht mich etwas spöttisch an. Jedes Mal, wenn ich sie etwas frage, habe ich Angst, es mir mit ihr zu verderben. Dass sie aufspringt und sagt: Das war's. Wenn sie doch antwortet, ist es, als empfange man eine besondere Gunst von ihr. Corinna Harfouch springt nicht auf. Sie sagt: "Die Hauptaufgabe eines Schauspielers liegt darin, gute Laune zu haben bei seiner Arbeit. Die muss ich ins Studio genauso mitbringen wie mein Textbuch. Außerdem brauche ich einen freien Kopf. Dann gelingt auch das Lachen." Ich sage, dass mir die Sinnlichkeit der neuen "Ulysses"-Produktion gefällt. Zusammen mit der musikalischen Untermalung. Harfouch antwortet, dass sie das Wort Untermalung nicht mag.

Über Corinna Harfouchs spröde oder auch geheimnisvolle Aura ist viel geschrieben worden. Ohne dass ihr dadurch das Geheimnis genommen wurde. In ihrem Repertoire gibt es eine Reihe von Rollen, in denen sie eher streng rüberkommt. In Caroline Links "Im Winter ein Jahr" (2008) spielt Harfouch eine Mutter, die den Selbstmord ihres Sohnes verkraften muss und auf die abwegige Idee kommt, ein Gemälde ihrer beiden Kinder anfertigen zu lassen - die noch lebende Tochter soll Modell stehen, für den Sohn müssen Bilder und Videos hervorgeholt werden. In Oliver Hirschbiegels "Der Untergang" (2004) spielt Harfouch Magda Goebbels, eine Frau von gespenstischer Brutalität, die am Ende der NS-Zeit ihre sechs Kinder tötet. "Ich habe festgestellt, dass ich passive Rollen nicht spielen kann. Ich bin Täterin", hat Corinna Harfouch einmal in einem Interview gesagt.

"Ich habe auch keine moralischen Bedenken gegenüber irgendeiner Rolle." Was den "Ulysses" angeht, habe sie viel Spaß gehabt, sagt die Schauspielerin. "Ich wusste, das würde ein großes Abenteuer werden, durchaus anstrengend. Eine sehr artistische Angelegenheit, die eine hohe Konzentration erfordert, als würde man meditieren. Die glücklichsten Momente sind für mich immer die, in denen ich in ein Projekt eintauche. Nicht die, in denen ich fertig bin und schaue: Wie kommt das an, wie verkauft sich das? Ich finde es befriedigender, tiefer zu bohren, als sich ständig zu verbreitern."

Sie erzählt, dass sie in den vergangenen Monaten eine längere Phase der Ruhe genossen habe. Die Schauspielerin lebt in Brandenburg, in einem Haus auf dem Land, liebt ihren Garten und möchte noch viel über biologisch-dynamisches Gärtnern lernen. Auf dem Grundstück steht ein alter DDR-Bauwagen, den sie sich zu einem Arbeitsraum umbaut, ohne Telefon. "Durch den Umbau hat es etwas Krach gegeben. Ich habe ein Eichhörnchen beobachtet, das sich daraufhin seine drei Jungen geschnappt hat. Es hat eines nach dem anderen in sein Maul genommen und in ein neues Nest getragen. Eichhörnchen bauen immer zwei Nester: damit sie umziehen können, wenn Gefahr droht. Wenn ich so etwas sehe, offenbart sich mir das Wunder." Es mache sie glücklich, meint Corinna Harfouch, die Natur zu beobachten, zu begreifen. Früher, als sie in der Stadt lebte, sich um ihre Engagements und ihre Kinder kümmerte, sei immer wahnsinnig viel los gewesen. "Ich frage mich heute nicht mehr: Wie soll ich leben, wie finde ich zu mir? Ich weiß das sehr genau. Wenn man älter wird, lebt man weniger an sich vorbei. Das ist ein sehr gutes Gefühl."

Plötzlich springt sie auf, schreit: "Arrrggghhh." Sie wolle diesen Blödsinn eigentlich gar nicht erzählen, so ein Frauengequatsche. Ich versuche es noch mal: Sind das nicht trotzdem die Fragen, die uns umtreiben, auch wenn sie ein bisschen nach Lebenshilfe und Ratgeber klingen? Corinna Harfouch wehrt ab. Sie sei heute nicht in Form, habe kein Bedürfnis nach diesen Fragen. Lieber wolle sie jetzt noch etwas aus dem "Ulysses" hören.

Ich frage sie, wie es sich anfühlt, wenn sie in ihrem Haus in Brandenburg sitzt und den "Ulysses" liest, in die Straßen und Nachtclubs Dublins eintaucht. Harfouch meint, sie könne auf die Frage nicht antworten. "Als lesender Mensch taucht man in die Welten der Bücher ein, egal, wo man gerade ist. Ich kann überall lesen, auch wenn es laut um mich herum ist. Ich habe immer sehr viel gelesen, auch schon als Kind. Das ist ein wunderbarer Anlass, in einer ganz eigenen Welt zu sein. Die oft viel interessanter ist als das, was man um sich herum erlebt. Ich bin bestimmt lesewahnsinnig." Sie erzählt von den Büchern, die sie gerade liest - zum Beispiel einen Band mit Essays von Christa Wolf. Auch jetzt, im Erzählen, taucht sie komplett in die Welten der Bücher ein und ist froh, nicht weiter über sich reden zu müssen.

Noch fünf Minuten, sagt sie unvermittelt. Dann habe sie eine Verabredung. Ich grübele über eine sinnvolle und gleichzeitig harmlose Schlussfrage nach. Und frage sie unvorsichtigerweise nach ihren beiden Enkeln. Treffer, versenkt. Das war's. Harfouch verabschiedet sich, es geht sehr schnell. Der Vorhang fällt.

Corinna Harfouch wurde 1954 in Thüringen geboren und wuchs in Sachsen auf. Sie studierte an der Hochschule für Schauspielkunst in Berlin, nach der Wende wurde sie auch im Westen eine gefragte Schau-spielerin in Film, Fernsehen und auf der Bühne. Sie brillierte zum Beispiel in Hark Bohms "Vera Brühne" (2001) und in verschiedenen TV-Krimis ("Tatort", "Eva Blond") und bekam zahlreiche Preise. Die Schauspielerin war zweimal verheiratet, in zweiter Ehe mit dem Regisseur Michael Gwisdek, und hat drei Kinder.

Das Hörbuch James Joyce: "Ulysses". Sprecher: Corinna Harfouch, Dietmar Bär, Rufus Beck u. a. Hörspielbearbeitung, Musik und Regie: Klaus Buhlert. 24 CDs oder 4 MP3-CDs, Laufzeit ca. 1800 Minuten, 99,99/79,99 Euro, SWR/der Hörverlag. Das gesamte Hörspiel wird am so genannten "Bloomsday", dem 16. Juni, ab 8 Uhr im Südwestrundfunk gesendet.

Fotos: Andreas Rentz/Getty Images

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