Senta Berger: "Meine Freundinnen sind anders als ich"

In "Almuth und Rita" (31. Januar, 20.15 Uhr, ARD) spielt Senta Berger eine schroffe Seniorin, die sich erst dank ihrer Putzfrau wieder ihren Mitmenschen öffnet. Im Interview erzählt die Schauspielerin von Freundschaft, Menschlichkeit, und davon, was sich im Alter verändert.

"Almuth und Rita" - der Film

Ruhestand - Und nun? Dieser Frage muss sich Almuth - gespielt von Senta Berger - stellen, als sie ihre Zahnarztpraxis verkauft und merkt, dass sie gar kein Leben hat. Doch erst Rita, die patente "Putze" mit der Berliner Schnauze - gespielt von Cornelia Froboess - spricht ganz klar aus, woran das liegt: Almuth ist schroff, unterkühlt, verbittert. Rita lässt sich davon jedoch nicht abschrecken. Sie backt Kuchen, witzelt mit Almuths kranker Mutter, und bringt die frisch pensionierte Zahnärztin ganz nebenbei zum Nachdenken: über Nähe und Menschlichkeit, Familie und Fehler. Bei einem gemeinsamen Ausflug auf eine einsame Berghütte entwickelt sich zwischen den grundverschiedenen Frauen sogar eine Art Freundschaft.

BRIGITTE-woman.de: Zum ersten Mal nach 52 Jahren standen Sie gemeinsam mit Cornelia Froboess vor der Kamera - wie schnell haben Sie sich wieder aneinander gewöhnt?

Senta Berger: Mit Cornelia verbindet mich eine lange und herzliche Zuneigung. Auch wenn wir uns über die Jahre wenig gesehen haben - wir haben uns schon als Mädchen kennengelernt. Diese Jugendfreundschaften halten oft auf eine selbstverständliche Art und Weise. Wir sind beide vertrauensvoll in die gemeinsame Arbeit gegangen, als hätten wir schon immer miteinander gespielt.

BRIGITTE-woman.de: In Ihrer Rolle als Almuth spielen Sie eine Zahnärztin, die das Gespür für ihr Umfeld verloren hat. Glauben Sie, dass so etwas schnell bei beruflichem Erfolg passieren kann?

Senta Berger: Ach, nein, das glaube ich nicht. Diese Almuth hat ja eine Menge Probleme. Die hat sich einen Panzer zugelegt. Sie lässt niemanden an sich ran. Nicht einmal ihre Tochter. Warum das so ist, die Gründe für ihr schroffes Verhalten, ihre Abwehr, ihren Dünkel - das erzählen wir in unserem Film. In diesen Panzer, unter dem offensichtlich ein Vulkan lodert, bohrt Rita, die "Putze", kleine spitze Löcher, Dampfventile, durch die die giftige Luft entweichen kann. Das ist spannend zu sehen, wie Rita es mit Instinkt und Mutterwitz, mit Lebensklugheit und flinkem Mundwerk schafft, dass aus Almuth auf ihre alten Tage noch ein richtiger Mensch wird. Eine Frau, die sich öffnet und Vertrauen fasst, die Mitgefühl für andere empfindet und nicht nur für sich selbst.

BRIGITTE-woman.de: Almuth und Rita haben im Film wenig gemein, werden aber Freundinnen. Haben Sie auch schon mal jemanden getroffen, mit dem Sie sich trotz aller Unterschiede anfreunden konnten?

Senta Berger: In meinem Beruf komme ich sehr oft und intensiv mit Menschen aller Biographien zusammen. Bei der Arbeit lernt man sich kennen und es entstehen ganz unterschiedliche Freundschaften, die über Jahre halten. Als ich eine ganz junge Schauspielerin war, gab es im Filmteam kaum Frauen. Außer der Buchhalterin oder der Maskenbildnerin. Das hat sich völlig geändert: In den letzten Jahren waren die Frauen bei einigen meiner Filme sogar in der Überzahl. Meine besten Freundinnen, die mich am längsten begleiten, sind vollkommen verschieden von mir. Das finde ich reizvoll. Obwohl wir in den prinzipiellen Dingen des Lebens schon übereinstimmen.

BRIGITTE-woman.de: Wie viel Ehrlichkeit veträgt eine Freundschaft?

Senta Berger: Es kommt darauf an, wie respektvoll ich meine Ehrlichkeit formuliere, wie rücksichtsvoll und wie vorsichtig. Gerade weil ich meiner Freundin gegenüber ehrlich sein möchte und weil ich sie liebe, will ich sie mit meiner Ehrlichkeit nicht verletzen, ich will sie auf etwas aufmerksam machen, das ich wichtig für sie oder für uns beide finde. Umgekehrt erwarte ich den gleichen Respekt, aber auch die gleiche Aufrichtigkeit mir gegenüber. Das lernt man mit den Jahren, denke ich.

BRIGITTE-woman.de: Der Film handelt auch davon, wie ähnlich wir unseren Eltern sind. Haben Sie Verhaltensweisen von Ihren Eltern übernommen?

Senta Berger: Ich bin ein Kind meiner Mutter UND meines Vaters, das wird mir von Tag zu Tag klarer. Bis vor wenigen Jahren dachte ich noch, ich gleiche in fast allem meiner Mutter, die sehr dem Leben zugewandt war, sie war ein optimistischer, fröhlicher Mensch. Jetzt sehe ich immer mehr, da schleicht sich die Skepsis meines Vaters ein, die leise Melancholie. Mein Vater war ein Stimmungsmensch und ich ähnle ihm immer mehr. Gottseidank bin ich mit einem Lebenskünstler verheiratet, der diese Stimmungsschwankungen aufspürt, mich darauf aufmerksam macht und sie einfach nicht erlaubt.

BRIGITTE-woman.de: Im Gegensatz zu Almuth gibt es bei Ihnen keinen Ruhestand – mit 72 drehen Sie immer noch erfolgreich Filme. Sehnen Sie sich manchmal nach einem Aufhören?

Senta Berger: Schauspieler gehen nicht in Rente, der Beruf begleitet sie ein Leben lang. Es sei denn, man trifft die Entscheidung – aus welchen Gründen auch immer -, sich aus dem Beruf zurückzuziehen. Aber es ist auch der Beruf, der sich langsam zurückzieht. Man merkt es an den Rollen, die man noch glaubwürdig spielen kann, an den Angeboten, die kommen oder auch nicht. Man gleitet als Schauspieler in ein anderes Rollenfach und in ein neues Kapitel. Wie sich das bei mir im Einzelnen gestalten wird, weiß ich noch nicht. Die Arbeit ist keine Anstrengung für mich. Sie entspricht meinen Eigenschaften, meinem Wesen, meinen Möglichkeiten. Es ist eher der Alltag, der mich anstrengt.

Interview: Luisa Köneke
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