VG-Wort Pixel

Ich mag sie, ich mag sie nicht!

Die Beziehungen zwischen einer Autorin und ihrer Krimiheldin sind so spannend wie die Geschichten selbst. Und gelegentlich sind sie Anne Chaplet & Co sogar von Herzen unsympathisch.

Sie ist groß, rothaarig und trägt Schuhe, deren Absätze über den Flur hallen. Anne Chaplet sieht aus wie die Zwillingsschwester der Staatsanwältin, die in ihren Krimis Verbrecher jagt. Nur die Aktenmappe fehlt.

Chaplet trägt eine dieser weichen, geräumigen Taschen, in denen man meist nichts wiederfindet, und einen Wollmantel, dem man spontan über den Ärmel streichen möchte. Eine Frau, nach der man sich umdreht. Ganz wie Staatsanwältin Karen Stark – doch Chaplet weiß, wo die Grenze zwischen ihr und ihrer Heldin verläuft. "Wenn ich irgendwo tot herumläge, würde ich ungern die Stark mit der Ermittlung betraut wissen", sagt die Schriftstellerin entschieden und zieht mit einem cremig-bräunlichen Stift ihre Lippen nach, "sie ist manchmal ideologisch verbohrt und geht deshalb freudig und oft in die falsche Richtung." Außerdem tut Karen Stark noch andere Dinge, die ihrer Erfinderin fremd sind. Ein schnittiges MG Cabrio fahren zum Beispiel. Anne Chaplet fährt Peugeot Kombi Diesel, weil da auf ihren Frankreichreisen auch das Fahrrad reinpasst. Zum Fitness-Training könnten die zwei allerdings zusammen gehen, das schätzen beide.

Krimiautorinnen und ihre Ermittlerinnen – das kann mehr sein als nur eine Geschäftsbeziehung. Für viele erfolgreiche Schriftstellerinnen ist ihre Heldin beste Freundin und liebste Feindin zugleich, und damit dieser Mix glaubwürdig wirkt, schreiben sie fleißig vom eigenen Leben ab. Die schwedische Bestsellerautorin Liza Marklund sagt über ihre Annika Bengtzon: "Sie ist wie ich in meinen wildesten Zeiten" und hat der Bengtzon auch gleich ihre biografischen Eckdaten vererbt: Journalistin, Mutter, Abenteuerin.

Die Norwegerin Anne Holt hat bereits sechs Romane über eine Kommissarin geschrieben, die wie sie selbst in einer lesbischen Beziehung lebt. Die Wahlmünchenerin Christine Grän war wie ihre Privatdetektivin Anna Marx früher Klatschreporterin bei einem Bonner Lokalblatt. In den neuesten Folgen dieser Krimis kann man nachlesen, wie es um das Verhältnis zwischen den Autorinnen und ihrem Alter Ego steht.

Die Krimiheldin als Projektionsfläche

Werden sie sich immer ähnlicher? Haben sie sich entfremdet? So simpel ist es meistens nicht. Wie in echten Freundschaften lebt die Beziehung vom Geben und Nehmen, ist ein Tanz aus Annäherung und Abstand. "Das, was ich am liebsten an der Stark mag, ist gleichzeitig das, was mich an ihr befremdet: die Tatsache, dass sie keine gute Staatsanwältin ist", sagt Anne Chaplet. Ihre Ermittlerin scheitert immer wieder an ihrem fanatischen Glauben an Gerechtigkeit. Und wenn es im Job mal ausnahmsweise gut läuft, scheitert sie an Geliebten, die nicht anrufen, oder an einer Diät – ähnlich wie Christine Gräns Privatdetektivin Anna Marx kämpft auch Frau Stark in vielen Büchern um ihr Wunschgewicht.

Seit den 80er Jahren pflegen Schöpferin Grän und ihr Geschöpf Anna ein inniges Verhältnis. "Die Anna, das ist mein zweites Ich", sagt Christine Grän. Nur beim Aussehen hat sich die blonde, zierliche Schriftstellerin einige Freiheiten gestattet. Das Äußere ihrer großen, rothaarigen Heldin hat sie bei einer früheren Arbeitskollegin ausgeliehen und mit ihrem Wunsch verknüpft, einmal im Leben in eine Person zu schlüpfen, die größer als ein Meter sechzig ist. Die Krimiheldin, sie ist eben auch die optimale Projektionsfläche. Man guckt sich hier ein Lächeln ab und dort die Art, wie jemand die Haare aus dem Gesicht streicht. Allerdings wollen Freundinnen nicht immer Projektionsflächen sein – Krimiheldinnen sind da keine Ausnahme.

Zwischen der Autorin Anne Holt und ihrer Kommissarin Hanne Wilhelmsen hat sich mit den Jahren ein Graben aufgetan. In den Anfängen hatten die beiden viel gemeinsam, etwa ihre Begeisterung für Motorräder und die Abneigung, ihr lesbisches Leben öffentlich zu machen – Anne Holt hat lange keine Interviewfragen zu ihrem Privatleben beantwortet; Hanne Wilhelmsen verweigert ihrer Lebensgefährtin das gemeinsame Namensschild an der Türklingel, da zwei Frauennamen Rückschlüsse auf die Beziehung zulassen würden. Doch mit den Jahren hat sich ihr Verhältnis gewandelt.

Während Anne Holt ihre Lebensgefährtin Tine Kjaer 1999 geheiratet hat und neuerdings sogar bereitwillig Auskunft über die gemeinsame Tochter Johanne gibt – ein Samenspenderkind, das von Tine ausgetragen wurde und im November 2002 zur Welt kam –, stolpert ihre Kommissarin in den Büchern weiterhin von einer Gefühlsbaustelle zur nächsten. "Hanne ist eine sehr fordernde Persönlichkeit, ich brauche Urlaub von ihr", sagt die 47-jährige Autorin über ihre Ermittlerin, "sie ist ihren Freunden nicht treu und behandelt ihre neue Freundin schlecht." Die beiden haben sich entfremdet. Folgerichtig wird die Kommissarin im Hanne-Wilhelmsen-Krimi "Die Wahrheit dahinter" angeschossen – und es bleibt offen, ob sie an ihrer Verletzung stirbt.

So laufen die Ermittlerinnen immer Gefahr, bei ihren Schöpferinnen in Ungnade zu fallen. Christine Grän hat ihre Anna Marx bereits einmal für 14 Jahre in die Verbannung geschickt. "Ich steckte in einer Ehe, in der sich nichts mehr bewegte. Alles war statisch, auch Anna hat sich nicht mehr entwickelt, sie wurde immer trauriger, das konnte ich nicht mit ansehen." Erst musste die Krimiheldin gehen, bald darauf der Ehemann. Anschließend schrieb Grän Anna-freie literarische Romane. Dann, im Jahr 2000, tauchte die Detektivin wieder auf, als wäre nichts passiert – so, wie eine alte Freundin nach einer Ewigkeit anrufen kann, als sei sie nie weg gewesen.

Anna und ihre Schwestern sind viel mehr als Papiergestalten. Sie sind Heldinnen, aus denen die Verwundungen und Prägungen ihrer Erfinderinnen sprechen. Mit ihnen bringen die Schriftstellerinnen schreibend eigene Ängste auf Distanz. Christine Grän ist sich sicher, dass die Erfindung von Anna Marx eine Reaktion auf ihr gefährliches Leben in Botswana in den 80er Jahren war. Zu der Zeit gab es in der Umgebung ihres Hauses mehrfach Überfälle: "Ich habe Anna damals auch kreiert, um meine Angst vor einem Angriff zu beherrschen."

Die Hamburger Autorin Petra Oelker meidet in ihren historischen Krimis ausführliche Todesszenen und sagt über ihre Heldin, die Hobbydetektivin Rosina: "Da hat sie was von mir: Gewalt weicht sie mit Vorliebe aus." Wenn die Beziehung besonders intensiv ist, dann kann eine Krimiheldin fast so gut wie eine Therapeutin sein. Dann ist sie die Seelenverwandte, die die Widersprüche ihrer Erfinderin spiegelt und ihr zeigt, welche Veränderungen ihr gut tun würden.

So hat Liza Marklund durch ihr Verhältnis zu ihrer Ermittlerin auch einen entspannteren Umgang mit Hierarchien gelernt. Ohne Annika Bengtzon säße die Schwedin vielleicht noch jetzt als Nachrichtenchefin bei einem Privatsender. Erst hatte sie Ende der 90er Jahre für den Chefsessel gekämpft, dann entschied sie sich nach nur einem Jahr gegen diese Karriere und kündigte. Würde ihre Krimiheldin ähnlich handeln? "Nein", sagte Marklund damals, "sie würde nie einen Chefposten aufgeben. Macht ist ihr wichtig." Wenn man sie sich nebeneinander vorstellt, Bengtzon und Marklund, Heldin und Heldinnenmacherin, dann wirken sie wie Kampfgefährtinnen, die aneinander gewachsen sind und ihre Spleens und Herzenswünsche genau kennen. Es kann ein Schuhtick sein, wie ihn Christine Grän und Anna Marx teilen, 80 Paar stehen zur Zeit bei Grän im Schrank, viele ungetragen.

Es kann auch das Glück sein, den richtigen Mann zu treffen: Die persönlichste Erfahrung, die die Münchener Krimiautorin Felicitas Mayall mit ihrer Hauptkommissarin Laura Gottberg verbindet, ist eine große Liebe in der zweiten Lebenshälfte. Angelo, Commissario aus Italien, mag die Art, wie Laura sagt: "Ich bin hier die Hauptkommissarin" – mit Betonung auf dem Ich. Seine Geliebte ist emanzipiert, aber kein Klischee. "Über feministische Statements bin ich hinaus", sagt Felicitas Mayall, "meine Laura ist ein Mensch, rundum! Selbstbewusst! So wünsche ich mir Frauen – selbstverständlich in ihrem Handeln." Auch Anne Chaplet meidet das Stereotyp der Frau, die unter männlicher Macht leidet. "Die Theorie, dass Frauen grundsätzlich Opfer sind, wäre mir kein Anreiz für einen Krimi, darüber schreibt man eher einen Essay oder eine feministische Kampfschrift."

In Karen Stark leben vor allem die Debatten weiter, die Chaplet als Richterstochter mit ihrem Vater geführt hat, über Rechtsprechung und Gerechtigkeit und den diffusen Willen für das Gute, der Menschen wie die Stark manchmal am Ziel vorbeischießen lässt. Sie hat viel von ihrem Juristenblut und ihrer Familiengeschichte in die Krimis eingebracht. Die Mutter der Stark, das könnte auch die Mutter von Anne Chaplet sein, die ihre nun 55-jährige Tochter bis heute ermahnt: Kind, achte auf deine Figur! Kein Wunder, dass die Jahre mit ihrer Heldin die Autorin verändert, sie dünnhäutiger gemacht haben: "Ich muss die Stark oft Gefühlen aussetzen, die weh tun. Der Leser soll den Schmerz ja spüren, aber dazu muss ich's selbst auch spüren."

Dabei war alles ganz anders geplant. Die Stark, das sollte eigentlich Urlaub vom Ich sein. Ursprünglich schrieb Anne Chaplet im Jahr, als sie Karen Stark erfand, an einem kulturhistorischen Essay über den Krieg. Ursprünglich heißt sie auch nicht Chaplet, sondern Cora Stephan und hat als Politik- und Geschichtswissenschaftlerin über die deutsche Sozialdemokratie promoviert.

Um die Welt des Krieges zwischendurch zu vergessen, schickte Stephan 1997 erstmals ihre Staatsanwältin auf Mörderjagd. Seitdem treibt sie die Suche nach der Wahrheit vorwärts. Die Suche nach dem Täter und der richtigen Lippenstiftfarbe für ihre Heldin – die Stark greift eher zu Feuerwehrrot als zu den bräunlichen Cremetönen ihrer Erfinderin.

Text: Christa Thelen

Mehr zum Thema