Wer steckt darunter?

Müjde Karaca hat ganz unterschiedliche Frauen verschleiert und fotografiert. Ihre Bilder zeigen, wie groß die Wirkung von ein wenig Stoff sein kann.

"Zinat" heißt das Projekt der türkischstämmigen Deutschen Müjde Karaca. Das Wort kommt aus dem Persischen und bedeutet Schönheit oder Reize. Frauen aus Deutschland, der Türkei, aus Trinidad und Jugoslawien hat sie fotografiert: Mit einem Schleier, der nur die Augen frei lässt, mit einem Kopftuch und schließlich ganz ohne Kopfbedeckung. Die Verwandlungen sind verblüffend und zeigen, wie stark wir uns bei der Einschätzung von Personen von Äußerlichkeiten beeinflussen lassen.

Kopftuch: Wer steckt darunter?

Müjde Karaca, geboren 1981 in Bamberg, arbeitet als Kommunikationsdesignerin und Projektgestalterin.

BRIGITTE-woman.de: Was passiert mit einer Frau, wenn sie sich verschleiert?

Müjde Karaca: Das ist ganz unterschiedlich. Einigen Frauen, die ich fotografiert habe, war der Schleier vertraut. Sie haben sich wohl damit gefühlt, das hat man gesehen. Andere konnten nichts damit anfangen, sie fühlten sich eingeengt. Das strahlt dann auch das Bild aus.

BRIGITTE-woman.de: Erstaunlich ist, wie anders man die verschleierten Frauen wahrnimmt.Müjde Karaca: Ja, man achtet viel mehr auf die Augen und versucht herauszufinden, was diese Person fühlt. Wenn Sie eine ganz normale, unverschleierte Frau auf der Straße treffen, denken Sie sich nicht viel. Höchstens: "Oh, die hat eine schöne Frisur." Aber wenn eine Frau verschleiert ist, haben Sie als Betrachter viel mehr Fragen: Sie wollen wissen, ob sie unterdrückt wird, wie sie darunter aussieht, ob sie schön ist.

BRIGITTE-woman.de: Ihr Bildband heißt "Reize - ein Buch über die Schönheit". Wie sind Sie auf die Idee gekommen, für dieses Thema Frauen zu verschleiern?

Müjde Karaca: Eine meiner Semesterarbeiten stand unter dem Thema "Reise". Ich dachte: Ich bin hier geboren und aufgewachsen, aber meine Eltern kommen aus der Türkei. Ich begebe mich also jeden Tag auf eine Reise zwischen den Kulturen. Das wollte ich visualisieren. Zunächst habe ich Frauen aus meiner Familie und meinem Bekanntenkreis mit und ohne Schleier fotografiert. Nach einer erfolgreichen Ausstellung an der Kunstakademie fing ich an, das Projekt zu erweitern. Wie wäre es, wenn Frauen, die ich gar nicht kenne, meine Reise nachvollziehen könnten? Dabei haben sich andere Aspekte der Verschleierung in den Vordergrund gestellt, eben "Reize". Es heißt ja, die Frau verschleiert sich, um ihre Reize zu bedecken. Das stelle ich in Frage. Bedeckt eine Frau, die sich verschleiert, denn wirklich ihre Schönheit? Oder kann sie dadurch vielleicht andere Schönheiten betonen?

BRIGITTE-woman.de: Die Verschleierung ist also gerade das Reizvolle?

Müjde Karaca: Für einige schon. Mir war es wichtig zu zeigen, wie unterschiedlich die Meinungen zu diesem Thema sind. Mein Buch soll keine Verherrlichung des Schleiers sein, aber auch keine Diskriminierung. Es ist eine Analyse. Mir ist zum Beispiel bei allen Frauen aufgefallen, wie wichtig und schön ihre Augen sind.

Ein Schleier ist nie einfach nur Kopfschmuck

BRIGITTE-woman.de: Kopftücher können aber auch ein Zeichen von Unterdrückung und Zwang sein. Hatten Sie beim Fotografieren das Gefühl, dass die Frauen sich eingeschränkt fühlten?

Müjde Karaca: Ja, einige schon. Ich habe bewusst Frauen aus verschiedenen Nationalitäten und Kulturen fotografiert. Es sind auch muslimische Frauen dabei, aber ich wollte nicht, dass es ein Buch über den Islam wird. Darum geht es mir nicht. Einige Frauen haben während des Fotografierens die Geduld verloren, ihnen wurde warm unter dem Kopftuch, sie waren genervt. Andere haben es gar nicht als Zwang empfunden, sondern meinten, dass sie manchmal gerne ein Kopftuch tragen würden.

BRIGITTE-woman.de: Weil man sich auch darunter verstecken kann?

Müjde Karaca: Genau. Weil es Tage gibt, an denen man keine Lust hat, sich zu zeigen. Trotzdem ist ein Schleier nie einfach nur ein Kopfschmuck, er ist ein brisantes Symbol. Die Assoziation mit Zwang und Unterdrückung ist immer präsent. Obwohl ich selbst viele verschleierte Frauen kenne, habe auch ich tausend Fragen, wenn ich auf der Straße eine Frau mit Schleier sehe.

BRIGITTE-woman.de: Ist Kopftuchtragen in Ihrer Familie ein Thema?

Müjde Karaca: Meine Mutter trägt seit fast zehn Jahren ein Kopftuch. Das war für mich damals sehr seltsam. Sie war immer sehr auf ihre Frisur bedacht, hat sich jeden Tag schön gemacht und gestylt und auf einmal wollte sie aus religiösen Gründen ein Kopftuch tragen. Damals habe ich angefangen, mir Gedanken darüber zu machen, was bei einer Verschleierung mit einer Frau passiert. Ich habe meine Mutter erstmal gar nicht wiedererkannt. Ich würde für mich nicht grundsätzlich ausschließen, irgendwann einmal ein Kopftuch zu tragen. Bei religiösen Anlässen ist es zum Beispiel ganz normal für mich.

BRIGITTE-woman.de: Wie waren denn die Reaktionen auf Ihre Bilder?

Müjde Karaca: Frauen waren oft voreingenommener. Sie wollten wissen, ob es meine Absicht war, die Unterdrückung der Frau zu zeigen. Männer dagegen haben mich viel öfter auf den Aspekt Schönheit angesprochen. Für sie war es spannend zu sehen, was unter dem Tuch steckt. Und sie waren oft schwer angetan von den Frauen.

Das Buch

Müjde Karaca: Zinat - Reize Ein Buch über die Schönheit konkursbuch Verlag 29,90 Euro

Fotos: Müjde Karaca

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