Eine Legende wird 80: Yoko Ono im Interview

Yoko Ono feiert ihren 80. Geburtstag - und hat keine Lust, sich vom Alter ausbremsen zu lassen. Über Ihre unbändige Kunst-Leidenschaft sprach sie bereits 2010 im BRIGITTE-Woman-Interview.

Kunst konnte ich schon immer - Mutter sein musste ich erst lernen.

Brigitte Woman: Die Welt kennt Sie als Künstlerin und Musikerin. Sie sind aber auch Mutter und Großmutter. In welcher Rolle steckt die echte Yoko Ono?

Yoko Ono: Die Kunst ist etwas, das freier aus mir herausfließt. Das heißt nicht, dass ich es nicht liebe, Mutter zu sein. Es ist ein wunderbares, warmes Gefühl. Dafür musste ich mir allerdings vieles erst aneignen. Mit der Kunst war es schon immer anders, sie ist wie ein Instinkt in mir. Deshalb dachte ich lange, dass ich nichts anderes als sie bräuchte.

Brigitte Woman: Dann wurden Sie schwanger.

Yoko Ono: Ja, mit meiner Tochter Kyoko. Aus Versehen. Ich wusste zunächst gar nicht, ob ich das durchziehen konnte. Diese Rolle schien so gar nicht für mich gemacht. Ich musste erst verstehen: Das hier habe ich nicht kreiert - und kann deshalb stolz darauf sein - das hier bekomme ich geschenkt. Einfach so.

Brigitte Woman: Sie konnten sich über dieses Geschenk offenbar nicht besonders freuen.

Yoko Ono: Ich hatte zu viele Ängste. Vom ersten Moment an, als ich Kyoko im Arm hatte, war da zwar diese unglaubliche Liebe. Aber jeder, der liebt, weiß, dass es ein zweischneidiges Schwert ist. So wunderbar es sich anfühlt, man wird dadurch auch sehr unsicher. Liebe macht schwach.

Brigitte Woman: Und Kunst macht stark?

Yoko Ono: Mich schon. Auf die Kunst kann ich mich immer verlassen. Sie ist konstant. Bin ich mit einem Werk oder einem Lied zufrieden, kann ich es loslassen. Es entfernt sich von mir, gehört ab sofort der ganzen Welt - und wird trotzdem immer für mich da sein. Und bei Bedarf kann ich es neu produzieren. Diese Gewissheit gibt dir Sicherheit und Stärke. Die Beziehung zu Kindern funktioniert ganz anders: Als Mutter bist du oft machtlos. Wenn jemand dein Kind kidnappt, kannst du nichts dagegen tun.

Brigitte Woman: Ihr Ex-Mann Anthony Cox verschwand 1971 mit Ihrer damals siebenjährigen Tochter, nachdem Ihnen das Sorgerecht zugesprochen worden war. Sie trafen Kyoko erst als erwachsene Frau wieder. Welche Spuren hinterlässt eine solche Erfahrung?

Yoko Ono: Alles gerät durcheinander. Mir wurde erst damals das Ausmaß dieser starken Verbindung von Mutter und Kind richtig bewusst. Ich vermisste sie so sehr, dass es körperlich weh tat. Als ob jemand einen Teil meines Körpers weggerissen hätte.

Brigitte Woman: Lässt sich ein solches Loch in der Beziehung jemals wieder schließen?

Yoko Ono: Schwer. Vieles fehlt bis heute. Aber unser Kontakt ist gut.

Yoko Ono stürzte sich fluchtartig in die Kunst

Brigitte Woman: Mittlerweile sind Sie auch schon Großmutter.

Yoko Ono: Von zwei sehr süßen, wunderschönen Enkelkindern. So ganz habe ich zu ihnen aber noch nicht den Bezug gefunden. Wenn ich ehrlich bin, brauche ich immer noch Zeit, um an der Beziehung zu meinen eigenen Kindern zu arbeiten. Ich möchte Kyoko erst weiter als Mutter näherkommen, bevor ich in der Rolle der Großmutter aufgehen kann.

Brigitte Woman: Wie half John Lennon Ihnen in der schwierigen Zeit nach Kyokos Entführung?

Yoko Ono: John und ich haben jahrelang nach ihr gesucht. Er war immer der Antrieb, auch wenn ich nicht mehr konnte. John war ein sehr warmer Mensch, mit einem großen Beschützerinstinkt. Als ich dann mit Sean schwanger wurde, empfand ich das wie eine zweite Chance. Ich wurde aber auch vorsichtiger. Ich hatte lange Zeit Angst davor, meinem Sohn nahe zu sein.

Brigitte Woman: Überließen Sie seine Erziehung deshalb zum größten Teil Ihrem Mann? Es heißt, dass John Lennon zum Hausmann wurde und Sie sofort nach der Geburt Ihres Sohnes wieder zu arbeiten begannen.

Yoko Ono: John liebte diese Rolle. Und ich meine.

Brigitte Woman: Es scheint, Sie stürzen immer fluchtartig in die Kunst. Aus Angst, Unsicherheit, Rastlosigkeit?

Yoko Ono: Ich habe meine Kunst und Musik immer als Sicherheitsdecke benutzt. Zeiten, in denen ich mich emotional unsicher fühlte — wie nach Kyokos Verschwinden —, führten zu extremen Schaffensperioden. Ich konnte ja nicht ständig nur weinen, also konzentrierte ich mich auf meine Arbeit. Angst, Wut und Verzweiflung mussten aus mir heraus. Diese Gefühle gingen dann direkt in die Kunst.

Brigitte Woman: Nach der Ermordung von John Lennon wurden Sie von vielen Fans als herzlos bezeichnet, weil Sie kurz danach das Album "Season of Glass" veröffentlichten und ein Bild seiner blutbespritzten Brille aufs Cover nahmen.

Yoko Ono: Jeder geht anders mit Trauer um. Mir ging es darum, seine Stimme am Leben zu halten und gleichzeitig dem schrecklichen Ereignis ein Zeichen zu setzen. Und ich musste mich ablenken. Wenn ich mich um Johns Musik kümmerte, fühlte ich mich eins mit ihm.

Brigitte Woman: Half es Ihnen durch diese Zeit, dass Sie ein fünfjähriges Kind hatten, das auf Sie angewiesen war?

Yoko Ono: Meine Mitarbeiter hatten Angst, dass ich nach Johns Tod Selbstmord begehen würde. Daran dachte ich nie. Ich musste für Sean leben, das wusste ich. Überleben.

Brigitte Woman: Trotzdem ließen Sie ihn nach dem Tod seines Vaters zunächst von einem Kindermädchen nach Miami bringen, während Sie in New York blieben.

Yoko Ono: In dem ganzen Chaos erschien mir das die beste Lösung. Ich wollte nicht, dass er mitbekam, wie die Menschen um seinen Vater trauerten. Und ich hatte große Angst, dass jemand auch ihm etwas antun könnte. Zum Schutz ließ ich ihn wegbringen. Ich konnte nicht mit, weil so viele geschäftliche und rechtliche Dinge anfielen. Als Mutter war das sehr belastend.

Brigitte Woman: Bereuen Sie solche Entscheidungen, in denen Sie Ihrer Arbeit den Vorrang gaben?

Yoko Ono: Ich glaube nicht, dass es einen anderen Weg gegeben hätte. Für Sean war es besser so. Aber natürlich wünsche ich mir heute, mehr Zeit mit ihm als Kind verbracht zu haben.

Brigitte Woman: Hat er Ihnen das jemals vorgehalten?

Yoko Ono: Nein, zum Glück nicht.

Brigitte Woman: Waren Sie eine strenge Mutter?

Yoko Ono: Ich war immer viel zu offen und habe zu schnell nachgegeben (lacht). Sean und ich sind die besten Freunde.

Ich sitze nicht auf der Couch und warte auf Seans Anruf.

Brigitte Woman: Sieht er Sie eher als Künstlerin oder als Mutter?

Yoko Ono: Wahrscheinlich kennt er mich vor allem durch meine Musik. John und ich waren ja ständig von Kunst und Musik umgeben, es war Teil seiner Kindheit. Ich habe Sean nie dazu aufgefordert, sich mit meiner Kunst zu beschäftigen. Irgendwann merkte ich aber, dass er alles kennt, was John, ich oder die Beatles geschaffen haben. Ich denke, dass er seine Eltern dadurch besser versteht. Das macht mich sehr glücklich.

Brigitte Woman: Sie haben mit ihm zusammen ein Album aufgenommen, "Between My Head And The Sky". War das Ihre Art, die Mutter-Sohn-Beziehung zu stärken?

Yoko Ono: Es war seine Idee, und ich habe, ohne zu überlegen, Ja gesagt. Weil es schön ist, etwas gemeinsam mit seinem Kind zu kreieren. Das bringt Kunst und Familie auf einer ganz intensiven Ebene zusammen. Als Mutter habe ich wohl aus einem recht egoistischen Grund zugestimmt: Es war eine gute Ausrede, mehr Zeit mit ihm zu verbringen.

Brigitte Woman: War es schwierig für Sie, als Ihr Sohn selbständig wurde und das Zuhause verließ?

Yoko Ono: Er ging, aber irgendwie auch nicht. Wir sehen uns sehr oft. In England spricht man von einer Bumerang-Beziehung: Er kommt doch immer wieder zurück.

Brigitte Woman: Oder fällt Ihnen die Abnabelung leichter, weil Sie ständig mit neuen Musik-, Buch- oder Kunst-Projekten beschäftigt sind?

Yoko Ono: Anfangs war es nicht einfach, ihn ziehen zu lassen. Aber in solchen Momenten kann ich mich immer in der Kunst vergraben. Ich sitze nicht auf der Couch und warte auf seinen Anruf. Außerdem weiß ich gut, wie wichtig es ist, sein Zuhause zu verlassen und ein eigenständiger Mensch zu werden.

Ich habe mein ganzes Leben lang gegen etwas angekämpft.

Brigitte Woman: Mit Ihren eigenen Eltern verlief der Übergang in diese Eigenständigkeit nicht so reibungslos. Sie gingen im Streit auseinander, weil Ihr Vater und Ihre Mutter Ihr Künstlerdasein nicht akzeptierten.

Yoko Ono: Das war eine ganz andere Zeit und Kultur. Ich wuchs sehr privilegiert, aber auch sehr einsam auf. Meine Eltern hatten Angst, ich würde unter einen schlechten Einfluss geraten.

Brigitte Woman: Spielte Kunst eine Rolle in Ihrer Erziehung?

Yoko Ono: Ganz extrem sogar. Sie war immer da, solange ich mich zurückerinnern kann. Meine Familie hatte unglaubliches künstlerisches Potenzial, das aber nie ausgelebt wurde. Mein Vater spielte begnadet Klavier, durfte aber damals in Japan nicht Pianist werden. Er kam aus einer traditionsreichen Familie, in der sein Weg vorgezeichnet war — er konnte einfach nicht gegen die Gesellschaft und ihre Regeln ankämpfen. Also wurde er Banker und bereute das sein Leben lang. Mir tut es heute noch leid für ihn. Meiner Mutter ging es ganz ähnlich. Sie war eine sehr intelligente Frau, die leidenschaftlich gern und gut malte, die Kunst aber fast ganz aufgab, als sie Ehefrau und Mutter wurde.

Brigitte Woman: Was haben Sie von Ihrer Mutter gelernt?

Yoko Ono: Zu sehen, wie sie immer dafür kämpfte, ein unabhängiger Mensch zu sein, hat mich geprägt. Ich respektierte sie dafür. Von klein auf riet sie mir: "Heirate auf keinen Fall. Bekomme nie Kinder. Das ist das Schlimmste, was du dir antun kannst." Ich verstehe, warum sie das dachte: Mutter zu werden bedeutete für sie das Ende ihrer Identität. Sie konnte sich nicht mehr frei bewegen. Ich habe trotzdem nicht auf sie gehört.

Brigitte Woman: ...mussten aber auch Ihr Leben lang für Verständnis, Anerkennung und Unabhängigkeit kämpfen.

Yoko Ono: Meine Freiheit war mir immer am wichtigsten. Hätte ich schon mit 18 ein Kind gehabt, ohne mich vorher verwirklicht zu haben, wäre ich heute wahrscheinlich sehr unzufrieden. Als ich schließlich Mutter wurde, wusste ich zum Glück schon, was gut für mich ist - die Kunst. Meine Arbeit hätte ich für eine Familie nie aufgegeben.

Brigitte Woman: Lange Jahre zerrissen Kritiker Sie und Ihr Werk regelrecht in der Luft. Fühlen Sie sich und Ihre Kunst heute besser akzeptiert?

Yoko Ono: Ja. Aber das hat vor allem damit zu tun, dass sich die Welt verändert hat. Man versteht meine Arbeit heute, weil sie besser in die Zeit passt.

Brigitte Woman: Dann waren Sie früher provokanter?

Yoko Ono: Das glaube ich nicht. Ich fühle mich heute fast noch rebellischer als damals.

Brigitte Woman: Warum?

Yoko Ono: Weil es immer noch genug gibt, gegen das ich mich auflehnen - die Probleme von früher sind ja nicht verschwunden. Manche haben sich verlagert, dafür kommen neue auf. Ich habe mein ganzes Leben lang gegen etwas angekämpft: Sexismus, Rassismus, Verallgemeinerungen...

Yoko Ono beschäftigt sich mit dem Älterwerden

Brigitte Woman: Was sind heute Ihre Themen?

Yoko Ono: Ach, ich finde immer etwas, was meine Kreativität beflügelt. Früher wurde ich anders behandelt, weil ich Asiatin bin oder eine Frau - jetzt hat es eher etwas mit dem Älterwerden und meiner Rolle als Witwe zu tun. Ich merke immer wieder, dass die Gesellschaft anders mit einer alten Witwe umgeht, oft netter - aber auch von ihr erwartet, dass sie sich anpasst.

Brigitte Woman: Und ruhiger wird?

Yoko Ono: Ja. Aber an solche Regeln wollte ich mich noch nie halten. Das Thema Witwe übt eine große Faszination auf mich aus. Seit ich selbst Witwe wurde, versuche ich, so viel wie möglich über das Witwendasein in verschiedenen Kulturen zu lernen. Es ist unglaublich, wie viele Frauen darunter leiden müssen. Manche werden sogar gleich mit ihrem Mann begraben.

Brigitte Woman: Ein Akt, der die Feministin in Ihnen auf die Barrikade bringen muss.

Yoko Ono: Nicht nur die Feministin. Auch die Frau, den Menschen.

Brigitte Woman: Ihr lebenslanger Kampf für die Gleichberechtigung der Geschlechter findet kein Ende. Sind Sie nicht manchmal einfach nur müde?

Yoko Ono: Nein. Das Unverständnis anderer treibt mich bloß weiter an. Für manche ist die Bezeichnung "Feministin" ein Schimpfwort. Ich war immer davon überzeugt, dass es nicht nur Frauen, sondern auch Männern nützt, wenn wir Frauen stark sind. Irgendwann kommt diese Einsicht schon noch an.

Zur Person: Yoko Ono

Yoko Ono wurde 1933 in Tokio geboren. Einen Teil ihrer Kindheit verbrachte sie in den USA, bevor die Familie wieder nach Japan zurückging. Sie studierte als eine der ersten Frauen Philosophie in Tokio. In den Fünfzigern zog sie nach New York und machte sich als Performance- und Konzeptkünstlerin einen Namen. 1966 lernte Ono bei einer Ausstellung den Beatles-Sänger John Lennon kennen, das Paar heiratete 1969 - es war Onos dritte Ehe. Gemeinsam kämpften sie für den Weltfrieden, machten Musik und Kunst. Von den Beatles-Fans als Hexe verschrien, die die Band zur Auflösung brachte, musste sie die meiste Zeit ihres Lebens gegen heftige Kritik ankämpfen. Yoko Ono hat zwei Kinder: Kyoko, 47, aus der Ehe mit Anthony Cox, und Sean, 34, von John Lennon. Kyoko wurde als Siebenjährige von ihrem Vater entführt und lebte mit ihm versteckt in religiösen Gemeinden. Yoko Ono wohnt immer noch im Dakota Building in New York, dem Gebäude, vor dem John Lennon 1980 erschossen wurde. Nach seinem Tod war sie fast 20 Jahre lang mit dem Antiquitätenhändler Sam Havadtoy zusammen - eine Beziehung, über die die 77-Jährige nicht spricht. Für ihr aktuelles Album "Between My Head And The Sky", das von ihrem Sohn Sean produziert wurde, gründete Yoko Ono die Plastic Ono Band.

Vom 15.2. bis zum 12.5. können Sie in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt am Main die Ausstellung "YOKO ONO. HALF- A- WIND SHOW. EINE RETROSPEKTIVE" besuchen.

Foto: Jürgen Frank
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