Marilyn Minter: Unerhört wild

Ist das Fotografie oder Malerei? Kitschig oder kritisch? Die New Yorker Künstlerin Marilyn Minter feiert mit ihren Bildern einen späten, furiosen Erfolg.

Marilyn Minter in ihrem New Yorker Atelier. Foto: laif

Eine Frau steigt Stufen hinauf. Ihre nackten Füße stecken in Highheels, die mit funkelnden Steinen besetzt sind. Es könnte sich um den Schnappschuss eines Paparazzo handeln oder um eine Werbeanzeige. Aber die Ferse ist dreckverschmutzt, vielleicht durch eine Pfütze, jede einzelne Wasserperle ist zu sehen. Und so erzählt das Bild eher die Geschichte eines modernen Aschenputtels, das vom Weg abgekommen zu sein scheint. Es kommentiert eine von Geld, Glamour und Status besessene Gesellschaft, für die das Leben leider die eine oder andere Dreckpfütze bereithält. Auf ihren realistischen Malereien, die fast wie Fotos aussehen, fängt die New Yorker Künstlerin Marilyn Minter den Moment ein, in dem Makellosigkeit von der Realität unterwandert wird. "Die Kunst lässt Licht auf die Seiten des Lebens fallen, die sonst niemand festhält. Weil sie nicht perfekt sind und zeigen, dass alles jeden Moment auseinanderfallen kann", sagt sie. Marilyn Minter ist 62 Jahre alt und hat erst kürzlich ein neues Atelier bezogen, im Garment District, dem Viertel der Textilhändler. Das Loft ist aufgeräumt. Konzentriert arbeiten Assistenten an mehreren riesigen Frauenbildern.

20 Jahre lang wurde Marilyn Minter ignoriert - oder verrissen

"Pink Eye" (2005)

Der neue Vermieter ließ an diesem Vormittag Orchideen schicken. Zum Einzug. Was die sonst recht burschikose Künstlerin verzückte. Ihre rote Bob-Frisur wirkt lässig ungekämmt. Bis auf feuerroten Lippenstift ist sie ungeschminkt. Bis vor Kurzem arbeitete ihre neunköpfige Truppe in ihrem privaten Loft in SoHo, in dem sie seit Mitte der 70er Jahre lebt. Erstmalig in all den Jahren besteht jetzt eine räumliche Trennung zwischen Kunst und Privatleben. "Und es klebt keine Farbe mehr an den Duschhandtüchern", sagt Marilyn Minter. Der Erfolg ließ auf sich warten. Mehr als 20 Jahre lang wechselten sich Phasen ab, in denen die Künstlerin entweder von der Kritik komplett ignoriert oder aber verrissen wurde. Weil sie pornografische Motive einsetzte, was sich für eine Künstlerin nicht gehörte. Oder weil sie die Dreistigkeit besaß, 1989 einen wirklich kunstvollen, 30-sekündigen Werbespot im Fernsehen zu schalten, um für ihre Arbeiten zu werben.

"Rosary" (2006)

Ihren Lebensunterhalt verdiente Minter in dieser Zeit als Lehrerin, mit ihrer Kunst brachte sie es nur auf ein Taschengeld. Ihre einzigen Fans: Freunde und Kollegen. Und dann kam der Durchburch, völlig unerwartet. Aus heiterem Himmel setzte sich ein Kurator des San Francisco Museum of Modern Art mit ihr in Verbindung. Joshua Shirkey war durch eine kleine Galerieausstellung auf Minters Arbeiten aufmerksam geworden und ermöglichte ihr 2005 die erste Einzelausstellung in einem Museum. Das war die Initialzündung für Minters Karriere. Ein Jahr später prangten ihre Bilder im Rahmen einer Kunstaktion auf riesigen Werbetafeln in Manhattans Galerieviertel Chelsea. Der amerikanische Modeschöpfer und Trendsetter Tom Ford engagierte die Künstlerin als Fotografin. Madonna, die zu Minters Sammlern zählt, zeigte ihren Film "Green Pink Caviar", in dem eine Zunge glibberige Flüssigkeiten auf einer Glasscheibe bearbeitet, 2009 auf ihrer Tournee. Längst gibt es Wartelisten für ihre Arbeiten, für die Sammler bis zu 400 000 Dollar zahlen. Allein könnte Marilyn Minter kaum mehr als fünf Bilder im Jahr produzieren, für die sie digitale Fotos als Vorlage schießt. Sie heuerte Assistenten an, die Lackfarben in mehreren Lagen auftragen und mit den Fingerspitzen die letzte Schicht auftupfen. Damit ist sie weltweit eine der wenigen Künstlerinnen, die wie viele ihrer erfolgreichen männlichen Kollegen eine Factory betreiben.

Die Bilder von Marilyn Minter scheinen vor Weiblichkeit platzen zu wollen

Foto: Aubrey Meyer

Ihrem späten Durchbruch gewinnt sie Positives ab: "15 Jahre lang war ich in einer Art Koma. Die nächsten zehn Jahre erzählte man mir, dass ich nichts zu bieten hätte", berichtet Minter. "Als der sogenannte Erfolg kam, verfügte ich über das richtige Werkzeug. Ich mache wie immer einfach meine Arbeit. Dass ich heute oben bin, kann sich morgen ändern." Seit Beginn ihrer Karriere rüttelt Marilyn Minter an dem Tabu, dass Frauen in der Kunst lange Zeit davon abhielt, mit erotisch aufgeladenen Bildern zu experimentieren. Ihre Malereien scheinen vor Weiblichkeit und Farbigkeit, die sie mit Emaillelackfarben auf Aluminiumplatten erzielt, platzen zu wollen. Sie zeigen in aller Regel mehr, als die meisten sehen wollen: Haare, die um den Bauchnabel herum sprießen. Ein Abdruck, den ein Strumpf auf dem Bein hinterlassen hat. Erst wenn Lippenstift Spuren auf den Zähnen hinterlässt, wird es für die Künstlerin spannend. Etwas sei nur dann richtig sexy, wenn es etwas Unordentliches hat, meint Marilyn Minter. Eine Ästhetik, die sich vermutlich auch aus der Biografie der Künstlerin speist: Mit Anfang 40 hat sie "einige katastrophale Beziehungen" hinter sich. Jahre, die von Kokain und Alkohol bestimmt waren, sowie zwei Entziehungskuren. Es waren die wilden 70er im New Yorker East Village, als es für Künstler fast zum guten Ton gehörte, Drogen zu nehmen.

Für die künstlerische Vision bin ich zuständig, die Ausführung der Motive übernehmen meine Mitarbeiter

Marilyn Minter ist in Louisiana aufgewachsen. Schon die Mutter war drogensüchtig, der Vater war Spieler und trank. Als Marilyn Minter an der University of Florida Kunst studierte und 1969 für die heute gefeierte Serie "Coral Ridge Towers" ihre von Drogen gezeichnete Mutter fotografierte, die stets Wert auf ihr Make-up legte, aber die meiste Zeit im Bett verbrachte, waren ihre Mitstudenten schockiert. Minter merkte damals, dass ihre Realität nicht viel mit dem Rest der Welt gemein hatte. Sie träumte von New York, der Stadt der Freigeister. Weil sie sich mit ihrem Südstaaten-Akzent, der heute kaum noch hörbar ist, nicht nach Manhattan traute, studierte sie erst einmal an der Universität in Syracuse im Bundesstaat New York. Mit ihrem ersten Ehemann, einem Grafikdesigner, wagte sie sich dann nach New York City. Doch das Paar schlug bald getrennte Wege ein. Einen Ehering trägt die Künstlerin bis heute nicht. Nur die Tätowierung eines Ringes ziert ihren Finger. Vor Kurzem hat sie sich zwei M&Ms auf ihren Unterarm tätowieren lassen. Das M und das umgedrehte W auf den Schokolinsen stehen für Marilyn und William. Mit dem früheren Aktienhändler ist Minter seit 20 Jahren verheiratet.

Marilyn Minter: "Dass ich glücklich verheiratet bin, ist Arbeit genug."

"Triple Bubble" (2007)

Kinder wollte Marilyn Minter niemals haben. "Kunst ist eine selbstverliebte, zwanghafte Angelegenheit, bei der ich mich von nichts aufhalten lassen will", sagt sie. "Dass ich glücklich verheiratet bin, ist Arbeit genug und gibt mir die nötige Balance." Ihren Erfolg will die Künstlerin nicht nur auskosten, sondern ausbauen. Sie hat viel vor. "Ich lebe geradezu lächerlich gesund", sagt die Vegetarierin. Mit ihrem Mann und ihren Hunden verbringt sie viel Zeit in ihrem Haus im Hudson Valley, wenige Autostunden von New York City entfernt. Auf dem Land nimmt sie sich die Zeit, selbst zu malen und Ideen für ihre unverschämten Frauenbilder zu entwickeln. Wenn diese Frauen dann rosafarbene Kaugummiblasen aufblasen, dient Marilyn Minter die Erotik nur als Trittbrett. Es geht ihr um die wirtschaftliche Blase, die geplatzt ist. Um die Dominanz der Männer, die sie zum Zerbersten bringen will. Und um Träume, die oft zerknallen. Oder erst mit Verspätung wahr werden.

Text: Claudia Bodin Fotos: Aubrey Meyer, laif
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